Eucken, Walter Kurt Heinrich

geb. am 17. Januar 1891, gest. am 20. März 1950

Parlamentarischer RatWestbindungSoziale MarktwirtschaftBilaterale BeziehungenEuropapolitikWiedervereinigung

„Wie kann der modernen industrialisierten Wirtschaft eine funktionsfähige und menschenwürdige Ordnung gegeben werden?“ Diese Frage, die Walter Eucken sich selbst gestellt hat und sein gesamtes Werk durchzieht, beantwortete er mit der Entwicklung derjenigen Konzeption, die Ludwig Erhard umsetzte und die so zum deutschen Wirtschaftswunder nach dem Zweiten Weltkrieg geführt hat. Eucken betrachtete die Existenz von Macht – privater wie staatlicher – als wesentliches Problem moderner Wirtschaftsordnungen und forderte, um diese Macht zu bändigen, dass der Staat einerseits eine Ordnungspolitik betreibt, die strikt dem Wettbewerbsprinzip verpflichtet ist, und andererseits auf Eingriffe in den Wirtschaftsablauf verzichtet.

Die Einsichten Euckens sind stark geprägt

durch seine eigenen Beobachtungen

in der Zeit vor und nach dem

Ersten Weltkrieg. Vor 1914 verfuhr

die Politik nach dem klassischen liberalen

Prinzip des Laisser-faire: Der

Staat schafft lediglich eine Rechtsstruktur

und überlässt im Übrigen die

Wirtschaft sich selbst. Diese Politik

wurde mit dem Recht der Menschen

auf Freiheit begründet. Sie hatte allerdings

zur Folge, dass sich in weiten

Teilen der Wirtschaft Monopole und

Kartelle durchsetzten. Denn die Wirtschaftsakteure

empfinden Konkurrenz

als lästig und streben daher

nach monopolistischen Stellungen.

So entstanden private Machtblöcke.

Diese aber sah Eucken als ein fundamentales

Hindernis bei der Ausübung

des Freiheitsrechts anderer an. In der Zeit des Laisser-faire wurde

die Gewährung von Freiheit zu einer

Gefahr für die Freiheit, indem sie die

Bildung privater Macht ermöglichte.

Nach dem Ersten Weltkrieg änderte

sich die Wirtschaftspolitik grundlegend,

verkehrte sich in das Gegenteil.

Der Staat griff immer stärker in

den Wirtschaftsprozess ein und versuchte,

diesen – durch Konjunkturpolitik,

Geldpolitik, Subventionen

usw. – einzelfallorientiert zu

steuern. Dies führte dazu, dass es

nunmehr der Staat war, der über eine

erhebliche Machtposition verfügte.

Eucken erkannte hierin eine Tendenz

zur Zentralverwaltungswirtschaft

(Sozialismus, Konstruktivismus,

Dritte Wege). Das Problem der freiheitsbedrohenden

Macht war folglich

nicht gelöst, sondern allenfalls verlagert.

Hinzu kommt noch eine zweite

Konsequenz der interventionistischen

Wirtschaftspolitik. Einzelfallorientierte

Wirtschaftspolitik hat stets verschiedenartige

Auswirkungen auf die einzelnen

Wirtschaftsteilnehmer. Sie begünstigt

bestimmte Gruppen und benachteiligt

andere. Dieser Effekt

schafft Anreize zur Bildung privater

Interessenvertretungen, die danach

streben, eine für ihre Mitglieder möglichst

vorteilhafte Wirtschaftspolitik

durchzusetzen. Sie nutzen die staatlich gewährten Privilegien, um weitere

zu erkämpfen. Der Staat gerät so

unter den Druck solcher Gruppierungen

und wird schließlich von ihnen

abhängig (Interventionismus).

Die interventionistische Wirtschaftspolitik

führt somit zu einem doppelten

Machtproblem: Der Staat dehnt

seine Macht durch vielfältige Eingriffe

in den alltäglichen Wirtschaftsprozess

aus und gerät zugleich zunehmend

in die Hand wirtschaftlicher

Machtgruppen. Die Freiheit der Menschen

wird folglich in der modernen

Wirtschaft von zwei Seiten her bedroht:

sowohl durch staatliche Macht

als auch durch private Macht.

Allgemein ist die Auffassung verbreitet,

dass das Problem der privaten

wirtschaftlichen Macht nur dadurch

gelöst werden könne, dass der Staat

die wirtschaftliche Macht bei sich

konzentrieren solle. Das aber kann

nicht im Sinne der individuellen Freiheit

sein. Denn das Problem der wirtschaftlichen

Macht kann, so Eucken,

niemals durch weitere Konzentration

von Macht gelöst werden. Im Gegenteil

muss die Freiheit des Individuums

nach beiden Seiten, sowohl gegenüber

anderen Bürgern als auch gegenüber

dem Staat, gewahrt werden.

Wie lässt sich angesichts dieses Dilemmas

Wirtschaftspolitik betreiben?

Wie kann mit anderen Worten „der

modernen industrialisierten Wirtschaft

eine funktionsfähige und menschenwürdige

Ordnung gegeben

werden?“ Als Antwort auf diese Frage

entwickelte Eucken seine berühmte

Konzeption der Ordnungspolitik.

Ordnungspolitik ist solche Wirtschaftspolitik,

die die Wirtschaftsordnung

ausgestaltet. Im Gegensatz zur

Ordnungspolitik steht die Prozesspolitik.

Bei ihr handelt es sich um diejenigen

wirtschaftspolitischen Maßnahmen,

mit denen die Politik in den

Wirtschaftsablauf eingreift, diesen also

mittelbar oder unmittelbar gestaltet.

In der grundsätzlichen Unterschiedlichkeit

dieser beiden Kategorien

von Wirtschaftspolitik erkannte

Eucken die fundamentale Trennlinie

zwischen zulässiger und gebotener

Wirtschaftspolitik auf der einen Seite

und unzulässiger Wirtschaftspolitik

auf der anderen Seite: Die Wirtschaftspolitik

hat die Wirtschaftsordnung

zu gestalten, den Wirtschaftsprozess

dagegen nicht zu beeinflussen.

Nun lassen sich aber sehr viele verschiedene

Wirtschaftsordnungen denken.

Eucken unterschied zwischen

drei fundamentalen Typen: Zentralverwaltungswirtschaft,

monopolistische

Wirtschaftsordnung und Wettbewerbsordnung.

Er widmete sich umfassend

der Zentralverwaltungswirtschaft

und unterzog sie einer

Generalkritik. Hierauf muss an dieser

Stelle nicht weiter eingegangen werden,

denn die zentralverwaltungswirtschaftliche

Ordnung hat sich bekanntlich

ab 1989 von selbst erledigt.

Die monopolistische Wirtschaftsordnung

zeichnet sich dadurch aus, dass

die einzelnen Güter- und Arbeitsmärkte

von Monopolen oder monopolähnlichen

Strukturen, etwa Kartellen,

beherrscht werden. Auch sie

wurde von Eucken aus den bereits

genannten Gründen abgelehnt.

Es verbleibt die Wettbewerbsordnung.

In ihr erblickte Eucken diejenige Wirtschaftsordnung, welche den

Menschen ein Höchstmaß an Freiheit

einräumt, indem sie sowohl (im Gegensatz

zur Zentralverwaltungswirtschaft)

die staatliche Macht als auch

(im Gegensatz zur Monopolwirtschaft)

die private Macht in die Schranken

weist. Der Wettbewerb, also die

Konkurrenz der Anbieter um die

Gunst der Nachfrager und, umgekehrt,

die Konkurrenz der Nachfrager um die

Gunst der Anbieter, ist dasjenige

Verfahren, welches missbrauchbare

Machtpotenziale nicht zur Entfaltung

kommen lässt. Denn im Wettbewerb

haben die an den Märkten agierenden

Menschen stets die Wahl zwischen

verschiedenen Tauschpartnern.

Die Wettbewerbsordnung kommt

nicht von selbst zustande, wie die

Wirtschaftspolitik des Laisser-faire vor

dem Ersten Weltkrieg gezeigt hat. Was also muss der Staat tun, um sie

zu errichten beziehungsweise zu erhalten?

Mit anderen Worten: Welche

Ordnungspolitik hat er zu betreiben?

Eucken nannte sieben Voraussetzungen,

die erfüllt sein müssen, damit

die Wettbewerbsordnung zustande

kommt und existenzfähig ist.

Die erste und wichtigste Voraussetzung

verlangt eine Marktstruktur,

welche sich durch ein funktionsfähiges,

die wahren Knappheitsverhältnisse

widerspiegelndes Preissystem

sowie durch eine hohe Wettbewerbsintensität

auszeichnet. Eine hohe

Wettbewerbsintensität setzt voraus,

dass möglichst viele Anbieter und

Nachfrager auf den Märkten agieren.

Hieraus ergibt sich ein grundsätzliches

Verbot von Kartellen und Monopolen.

Die weiteren sechs Voraussetzungen

können hier nur aufgezählt werden:

(2) Geldwertstabilität,

(3) freier

Marktzutritt (Offene Märkte), was

die Beseitigung sowohl staatlicher als

auch privatwirtschaftlicher Marktzutrittsschranken

umfasst,

(4) Privateigentum,

(5) Vertragsfreiheit,

(6)

Eigenverantwortung und Haftung

des einzelnen Wirtschaftsteilnehmers

für seine individuellen wirtschaftlichen

Aktivitäten sowie

(7) eine regelmäßige,

stetige Wirtschaftspolitik, um

Verunsicherungen bei den Menschen

zu vermeiden.

Eucken widmete auch sozialen Fragestellungen

breiten Raum. Mehr

noch: Diese sind für ihn sogar mit erkenntnisleitend

gewesen. Er legte unmissverständlich

dar, dass sich ohne

die Beachtung auch der sozialen Aspekte

längerfristig keine Wirtschaftsordnung

aufrecht erhalten lässt. Und

zum Problem der Massenarbeitslosigkeit

führte er aus, dass es das soziale

Gewissen verbietet, Massenarbeitslosigkeit

zu dulden, und die Staatsraison

das Gleiche verlangt.

Sehr kritisch beurteilte er allerdings

die herkömmliche Sozialpolitik,

weil diese den Bürger seiner Freiheitsrechte

beraubt, indem sie ihn in staatliche

Versicherungen zwingt. Sie führt,

wie Eucken feststellte, in eine zunehmende

Abhängigkeit des Individuums

vom Staat und zu einer weitgehenden

Entmündigung. Eucken sprach von einer

Tendenz zur Staatssklaverei und,

als Folge des Entzugs wesentlicher

Freiheitsrechte, einer Zersetzung der

menschlichen Substanz.

Darum hat auch die Sozialpolitik

nach Eucken Ordnungspolitik zu sein, wenn sie Erfolg haben soll. So

kann das Problem der Massenarbeitslosigkeit

nur gelöst werden, indem

die Prinzipien der Wettbewerbsordnung

auch auf den Arbeitsmärkten

gelten. Das bedeutet insbesondere

auch, dass nicht Gewerkschaften und

Arbeitgeberverbände als Monopole

Löhne aushandeln, die dann verbindlich

sind, sondern dass sich die Löhne

frei am Markt bilden. Hinsichtlich

der sozialen Vorsorge baute Eucken

vorrangig auf die private Initiative

des Einzelnen: Die Politik hat den

Menschen alle Möglichkeiten zu geben,

sich individuell zu sichern. Nur

wenn Selbsthilfe und Versicherung

nicht ausreichen, haben staatliche

Wohlfahrtseinrichtungen eine Existenzberechtigung.

Die Stärkung der

freien Initiative des Einzelnen aber

geht, so weit irgend möglich, vor.

Wissenschaftlicher und beruflicher Werdegang

1909-1913 Studium in Kiel, Bonn und Jena, 1913 Promotion in Bonn; 1913-1918 Militärdienst; 1919-1925 Universität Berlin, 1921 Habilitation, danach Privatdozent; 1925-1927 Professor in Tübingen; 1927-1950 Professor in Freiburg i. Br.

Literaturhinweise:

  • Eucken, W. (1961), Nationalökonomie – wozu?, 4. Aufl., Düsseldorf;
  • Ders. (1989), Die Grundlagen der Nationalökonomie, 9. Aufl., Berlin;
  • Ders. (1990), Grundsätze der Wirtschaftspolitik, 6. Aufl., Tübingen.
Lüder Gerken

Walter Eucken