Wiedervereinigung: Währungsunion durch Währungsumstellung

Nach der Öffnung der Mauer im November 1989 wurde von der Bevölkerung in der DDR sehr bald die Einführung der D-Mark und damit die Abschaffung der Mark der DDR gefordert. Besonders deutlich kam dies im Slogan „Entweder die D-Mark kommt zu uns oder wir kommen zur D-Mark“ zum Ausdruck. Bundeskanzler Helmut Kohl beschloss daher – im Alleingang – am 7. Februar 1990 eine Währungsunion zwischen der Bundesrepublik und der DDR, die am 1. Juli 1990, d. h. also noch vor der politischen Einheit (3. Oktober 1990), in Kraft treten sollte.

Diese Währungsunion unterscheidet sich in ganz wesentlichen Punkten von der Europäischen Währungsunion, die am 1. Januar 1999 verwirklicht wurde:

1. Mit der DDR und der damaligen Bundesrepublik wurden zwei Staaten währungspolitisch zusammengeführt, die über völlig unterschiedliche Wirtschaftsordnungen mit sehr divergierender Leistungskraft verfügten. Insbesondere fehlte es in der DDR an einem Banken- und Finanzsystem marktwirtschaftlicher Prägung. Dieses musste unmittelbar nach der Währungsunion völlig neu geschaffen werden.

2. In Anbetracht dieser enormen Unterschiede wurde daher für die deutsche Währungsunion keine neue Währung wie der Euro geschaffen. Vielmehr wurde einfach der Währungsraum der leistungsfähigeren Bundesrepublik mit der D-Mark auf das Gebiet der DDR ausgeweitet. Man kann die Währungsunion daher auch als eine Währungsumstellung in der DDR bezeichnen.

3. Da die Einführung der D-Mark mit einem abrupten Übergang zur Marktwirtschaft zusammenfiel, stellte sich das große Problem, die richtigen Umtauschrelationen zu finden. Dies war wiederum anders bei der Einführung des Euro in der EU. Zwischen der D-Mark und der Mark der DDR bestand zwar ein politischer Verrechnungskurs (1:1), aber kein Devisenmarkt, auf dem sich ein Wechselkurs bilden konnte. In der EU gab es seit langem einen intensiven Güteraustausch und einen Devisenmarkt, so dass die bereits existierenden Wechselkursrelationen für die Umrechnung der nationalen Währungseinheiten in den Euro herangezogen werden konnten (Europäische Wirtschafts- und Währungsunion).

Im Ganzen lässt sich heute feststellen, dass die deutsche Währungsunion in technischer Hinsicht als ein sehr großer Erfolg betrachtet werden kann. Die Einführung der D-Mark als Bargeld und die Umstellung des Zahlungsverkehrs verliefen nahezu reibungslos.

Unter volkswirtschaftlichen Aspekten ist das Urteil weniger positiv. Als unproblematisch erwies sich die Umstellung der volkswirtschaftlichen Bestandsgrößen (der Bargeldbestände und der finanziellen Forderungen und Verbindlichkeiten). Hierfür wurde grundsätzlich eine Umstellung im Verhältnis zwei Mark der DDR für eine D-Mark vorgenommen; ein persönlicher Festbetrag für Bargeld in Höhe von 4.000 Mark konnte im Verhältnis 1:1 umgetauscht werden. Obwohl die Geldmenge in der DDR nach der Umstellung um rund 50 Prozent höher lag, als von der Bundesbank in einer Studie vorgeschlagen worden war, ergaben sich davon in der Folgezeit keine inflatorischen Impulse für den Währungsraum der D-Mark, weil der größte Teil gespart, also nicht ausgegeben worden ist.

Der schwierigste Teil der D-Mark Einführung betraf die Umstellung der volkswirtschaftlichen Stromgrößen, insbesondere der Löhne. Dazu hätte man genaue Schätzungen über die Arbeitsproduktivität in der DDR benötigt, die aber in Anbetracht der generellen Überschätzung der Leistungsfähigkeit der DDR Wirtschaft und des enormen wirtschaftlichen Umbruchs kaum möglich waren. In der Debatte des Frühjahrs 1990 ging es vor allem darum, ob eine Umstellung der Löhne im Verhältnis 2:1 oder 1:1 vorgenommen werden sollte. Im ersten Fall hätten die Ostlöhne nach der Währungsunion bei einem Niveau von rund einem Sechstel der Westlöhne gelegen, im zweiten Fall bei rund einem Drittel. Nicht zuletzt unter politischem Druck wurde die 1:1 Umstellung gewählt.

Im Rückblick zeigt sich, dass die damalige Diskussion sich viel zu sehr auf den Umstellungssatz für die Löhne konzentriert hatte, wobei völlig unbeachtet blieb, wie sich die Ostlöhne nach der Umstellung entwickeln würden. Besonders gefährlich war dabei, dass die ostdeutschen Unternehmen auch nach dem Juli 1990 noch überwiegend ohne private Eigentümer waren, womit es wenig Widerstand gegen überzogene Lohnforderungen gab. Sie wurden rechtlich in die Treuhandanstalt eingegliedert, die zwar für den Verlustausgleich zuständig war, aber als Quasi-Eigentümerin nie auf der Arbeitgeberseite an Tarifverhandlungen beteiligt worden ist. Es kam so sehr rasch zu Lohnabschlüssen, die eine deutliche Angleichung der Ostlöhne an das Westniveau zum Ziel hatten und deutlich über dem Produktivitätszuwachs lagen. Dadurch stiegen die Lohnstückkosten (Betriebliches Rechnungswesen) deutlich über das Niveau in den alten Bundesländern. Damit verloren die Unternehmen jede Chance, im internationalen Wettbewerb zu bestehen. Während sich die Industrie in den benachbarten Transformationsländern (Polen, Tschechische Republik, Ungarn) gut auf die marktwirtschaftlichen Verhältnisse umstellen konnte, war dies so nur wenigen ostdeutschen Unternehmen möglich, so dass es zu einem massiven und dauerhaften Beschäftigungseinbruch im verarbeitenden Gewerbe kam.

Schaubild: Konversionsraten auf der Basis einer nicht-inflationären D-Mark-Ausstattung der DDR

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Literaturhinweise:

  • Bofinger, P. (1997), The German Monetary Union of 1990 – A Critical Assessment: The Impact on Monetary Policy, in: Frowen, S./ Hölscher, J. (Hrsg.), The German Monetary Union of 1990 – A Critical Assessment, London;
  • Deutsche Bundesbank (1990a), Modalitäten der Währungsumstellung in der Deutschen Demokratischen Republik zum 1. Juli 1990, Monatsbericht, Juni 1990;
  • Deutsche Bundesbank (1990b), Technische und organisatorische Aspekte der Währungsunion mit der Deutschen Demokratischen Republik, Monatsbericht, Oktober 1990.
Peter Bofinger