Wirtschaftsordnung: Begriff und praktische Ausformung

Der Begriff, die Formen und die Funktionen der Wirtschaftsordnung erschließen sich am einfachsten in Analogie zu einem Spiel. Alle Spiele wie z. B. die verbreiteten Ball- oder Kartenspiele basieren auf Regeln, deren konkrete Ausformung den Spielverlauf und damit indirekt die Spielergebnisse maßgeblich bestimmen. Das Regelwerk eines Spiels findet in der Wirtschaft sein Pendant in der Ordnung. Die Wirtschaftsordnung umfasst demgemäß die Gesamtheit der bewusst gesetzten und der spontan durch die Marktteilnehmer vereinbarten Regeln des Wirtschaftens einer Gesellschaft.

Die bewusst gesetzten Regeln bestehen vor allem aus den für die Wirtschaft relevanten Gesetzen des öffentlichen Rechts und des Privatrechts. Beispielhaft zu nennen sind die grundlegenden Verfassungsrechte, das Verwaltungs-, Finanz- und Steuerrecht sowie das Sozialrecht mit seinen verschiedenen Teilbereichen. Beim Privatrecht, also beim Eigentums-, Vertrags-, Unternehmens-, Arbeits-, Schuld-, Patent- oder Urheberrecht ist der wirtschaftliche Bezug noch stärker ausgeprägt. Schließlich gehören zu den bewusst gesetzten Regeln auch die von Verbänden oder von privaten Organisationen vereinbarten verbindlichen Abmachungen und Satzungen.

Die Gesamtheit dieser verbindlichen Regeln konstituiert die Wirtschaftsverfassung als wichtigste Grundlage der Wirtschaftsordnung. Am Beispiel der Wirtschaftsverfassung wird die Interdependenz der Wirtschaftsordnung mit der Staats- und Rechtsordnung unmittelbar ersichtlich. Daneben werden das wirtschaftliche Verhalten und damit auch die Wirtschaftsprozesse von gewachsenen und meist ungeschriebenen Regeln der Moral und der Sitten bestimmt. An diesen Regeln, die in moderner Terminologie auch als informelle Institutionen bezeichnet werden, zeigt sich die Interdependenz zwischen der Wirtschaftsordnung und der Kultur. Jede Wirtschaftsordnung weist deshalb auch eine kulturspezifische Prägung auf, deren Einfluss meist verkannt wird. Darüber hinaus bestehen innerhalb der Wirtschaftsordnungen systemspezifische Interdependenzen zwischen den einzelnen Teilordnungen, also zwischen der Koordinations-, Eigentums-, Unternehmens-, Geld- und Sozialordnung. Diese wechselseitigen Abhängigkeiten erschließen sich nur aus den Kenntnissen der Funktionsweise von Wirtschaftsordnungen.

Das Wirtschaften war und ist stets und überall ordnungsbedürftig und ordnungsabhängig. Freilich gibt es verschiedene Möglichkeiten zur Gestaltung der Wirtschaftsordnung, womit die Frage nach deren möglicher Ausformung angesprochen ist. Dazu gilt es, das Grundproblem des Wirtschaftens zu berücksichtigen, das durch die ewig aktuelle Knappheit der Güter vorgegeben wird. Es gehört zu den Grundeinsichten der Wirtschaftswissenschaft, dass Arbeitsteilung und Spezialisierung elementare Voraussetzungen für die wirtschaftliche Entwicklung sind. Mit zunehmender Teilung und Spezialisierung der Arbeit und damit der Güterproduktion nehmen die Unüberschaubarkeit und die wechselseitigen Abhängigkeiten der Wirtschaftsprozesse zu. Dadurch werden zugleich die knappheitsbezogene und bedarfsgerechte Rechnung, Lenkung und Verteilung der Güter schwieriger.

Der Wirtschaftswissenschaft sind bisher nur zwei Möglichkeiten zur Lösung des gesamtwirtschaftlichen Lenkungs- oder Allokationsproblems bekannt: die Marktwirtschaft und die Zentralplanwirtschaft (Sozialismus/ Planwirtschaft). In der Marktwirtschaft werden die Wirtschaftsprozesse von einzelnen Individuen oder Wirtschaftseinheiten selbstständig geplant und über Märkte und Preise koordiniert. Die Marktwirtschaft verkörpert daher ein System dezentraler Planung und Koordination der Wirtschaftsprozesse, wobei die Knappheitsgrade einzelner Güter in Marktpreisen zum Ausdruck kommen.

In der Zentralplanwirtschaft werden die Wirtschaftsprozesse dagegen von einer staatlich organisierten Zentralinstanz geplant und über einen Volkswirtschaftsplan koordiniert, wobei die Knappheitsgrade der Güter über ein zentral aufgestelltes Bilanzierungssystem ermittelt werden. Die Zentralplanwirtschaft ist immer mit einer Staatswirtschaft verbunden, wofür die sozialistischen Planwirtschaften der jüngeren Vergangenheit beredte Belege geliefert haben. Individuelle wirtschaftliche Freiheit ist in diesem System insofern fremd. Der Sozialismus ist aufgrund ökonomischer Defizite und seiner freiheitsbeschränkenden Ordnung gescheitert. Die Marktwirtschaft hat sich in der Konkurrenz der Wirtschaftsordnungen als überlegen erwiesen.

Zu Beginn des 21. Jahrhunderts steht der weltweite Wettbewerb verschiedener marktwirtschaftlicher Ordnungen im Vordergrund. Alle Marktwirtschaften sind zwar im Kern unternehmerisch organisierte Tauschwirtschaften. Es gibt jedoch verschiedene marktwirtschaftliche Leitbilder, denen unterschiedliche reale marktwirtschaftliche Ordnungsmodelle entsprechen (Ausprägungen von Marktwirtschaft, Systemwettbewerb). Verantwortlich dafür ist die unterschiedliche Gewichtung der gesellschaftspolitischen Grundziele der individuellen Freiheit und der sozialen Gerechtigkeit, die auf die ordnungspolitische Frage nach dem angemessenen Verhältnis zwischen privaten Zuständigkeiten und staatlichen Korrekturen hinausläuft.

Das liberale Leitbild, das die Werte der individuellen Freiheit und Selbstverantwortung, des Privateigentums, des freien Unternehmertums und des Wettbewerbs in Verbindung mit einem Rechtsschutz-, Leistungs- und minimalen Sozialstaat postuliert, markiert eine Seite der Vorstellungen. Auf der anderen Seite steht das wohlfahrtsstaatliche Leitbild, das Privateigentum und Marktwirtschaft zwar akzeptiert, jedoch zugleich auch umfassende Zuständigkeiten des Staates bezüglich der Regulierung und Korrektur der Marktprozesse zugunsten der sozialen Gerechtigkeit und Sicherheit einfordert.

Das Leitbild der Sozialen Marktwirtschaft steht zwischen diesen Positionen, weshalb es von einigen geistigen Vätern schon früh als „Dritter Weg“ bezeichnet wurde. Die Soziale Marktwirtschaft strebt eine angemessene Synthese zwischen der Freiheit auf dem Markt und dem staatlich bewirkten sozialen Ausgleich an. Es geht also um eine Balance zwischen einer freiheitlichen und produktiven sowie einer sozial gerechten Wirtschaftsordnung. Der Markt und die Privatinitiative werden als unverzichtbare Garanten für wirtschaftlichen Wohlstand und individuelle Freiheitsrechte gesehen. Die dezentrale, selbstverantwortliche Planung und marktmäßige Abstimmung der angebotenen und nachgefragten Güter sichern die Entfaltung der Konsumenten-, Berufs-, Gewerbe-, Eigentums-, Vertrags-, Koalitions- und Wettbewerbsfreiheit. Dabei wird der Marktwettbewerb als das wirksamste Mittel zur Kontrolle wirtschaftlicher Macht eingeschätzt. Deshalb erhält die staatliche Wettbewerbspolitik eine ordnungspolitische Priorität.

Der eingeforderte soziale Ausgleich findet in der Arbeitsmarkt- und Sozialordnung sowie einer Reihe sozialpolitischer Maßnahmen seine praktische Ausformung. Wenngleich die Bilanz der Sozialen Marktwirtschaft in Deutschland positiv ausfällt, bleibt deren Anpassung an aktuelle Herausforderungen eine stete Aufgabe.

Literaturhinweise:

  • Leipold, H./ Pies, I. (Hrsg.) (2000), Ordnungstheorie und Ordnungspolitik. Konzeptionen und Entwicklungsperspektiven, Stuttgart.
Helmut Leipold