Veranstaltungsberichte

Digitale Revolution: Wie Südafrika sein Potential entfalten kann

von Michaela Braun
Round Table Discussion with renowned South African and German experts on Digitalisation
Disruption, künstliche Intelligenz, Motor des Wandels - die digitale Revolution zählt zu den seit einigen Jahren am leidenschaftlichsten und kontroversesten diskutierten Themen. Die Diskussionsrunde am 29. August 2018 konzentrierte sich auf dieses zukunftsweisende Phänomen und wurde gemeinsam von der Konrad-Adenauer-Stiftung, der National Planning Commission und der Business School of Johannesburg organisiert. Die Veranstaltung war Teil einer weltweiten Veranstaltungsreihe.

In Johannesburg kamen hierzu renommierte digitale Experten und Vertreter aus dem öffentlichen Sektor, der Industrie sowie der Wissenschaft aus Südafrika und Deutschland zusammen. Gemeinsam analysierten sie Methoden, wie die digitale Revolution in Südafrika am besten gesteuert werden kann, damit sie der sozio-ökonomischen Entwicklung sowie der gesamten Bevölkerung Südafrikas zugutekommt. Denn einerseits könnte das Land stark von der Digitalisierung profitieren, wenn dieser Prozess bestmöglich geleitet wird, andererseits könnten sich soziale Missstände wie Arbeitslosigkeit und ungelernte Arbeitskräfte als große Herausforderungen erweisen.

Das globale Phänomen "Digitalisierung" hat die Entwicklungen in vielen Gesellschaften auf der ganzen Welt beeinflusst und wird die sozialen, wirtschaftlichen und politischen Bedingungen auf allen Kontinenten weiter prägen. Gerade für Südafrika als Schwellenland sowie zugleich wichtiger und stabiler Macht in der Region wird es von größter Bedeutung sein, die Digitalisierung zum Erfolg zu führen. Im Laufe intensiver Diskussionen im Country Club in Johannesburg entwickelten die Teilnehmer wegweisende Ideen und Strategieentwürfe. Grundsätzlich erfordern die Veränderungen, die die Digitalisierung in den Produktionsprozessen mit sich bringt, eine Neuorientierung des gesamten Managements: Auf diese Weise kann ein Gleichgewicht zwischen Maschinen und Menschen hergestellt werden, um die Effizienz zu maximieren, aber negative Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt und die Gesellschaft zu minimieren. Der Arbeitsmarkt und das Bildungssystem müssen daher entsprechend reformiert werden, um die Arbeitskräfte mit den anspruchsvollen Fähigkeiten und Kenntnissen auszustatten. Die Vierte industrielle Revolution wird so zu einem Instrument für die sozioökonomische Stärkung und Integration. Damit dieses Ziel erreicht wird, muss ein Sozialpakt zwischen Regierung, Privatsektor und Wissenschaft geschaffen werden.

Aufgrund der Zusammenarbeit zwischen der Konrad-Adenauer-Stiftung Südafrika, der National Planning Commission (NPC) und der Johannesburg Business School wurde sichergestellt, dass die Ergebnisse der Diskussionsrunde unmittelbar in konkrete Planungen seitens der Regierung einfließen: Die Nationale Planungskommission ist eine staatliche Institution, der unter anderem das Mandat obliegt, Entwicklungsprozesse zu erforschen und den Staatspräsidenten Südafrikas in verschiedenen Fragen, einschließlich der digitalen Revolution, zu beraten. Die Interaktion und der Austausch von Wissen mit Interessengruppen und Experten spielen dabei eine entscheidende Rolle für die Arbeit der NPC. Dieser Wissensaustausch unterstütze die Institution erheblich darin, fundierte Empfehlungen für die Regierungspolitik zu erarbeiten, bekräftigte NPC-Sekretär Tshediso Matona.

Die Zukunft der Arbeit: Wie kann die digitale Komponente der Gesellschaft zu Gute kommen?

Der Rundtisch begann mit dem ersten Panel zur Digitalisierung von Produktionsprozessen und der Zukunft der Arbeit und umfasste vier Sprecher: Professor Brian Armstrong (Wits Business School), Herman Singh (MTN Group), Dr. Philipp Meyer (TRUMPF Deutschland) und Dr. Roze Phillips (Accenture Consulting). Die Diskussionsteilnehmer betonten die entscheidende Rolle der Vierten industriellen Revolution als Motor für eine prosperierende Wirtschaft. Weiterhin ermögliche die digitale Komponente den Zugang zu einer großen Menge an Informations- und Datenmaterial und schaffe Möglichkeiten, die die Stärkung der Armen beschleunige.

In der Debatte über die Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt kamen sowohl pessimistische als auch optimistische Perspektiven zur Sprache. So beschleunigt die Digitalisierung einerseits die Produktionsprozesse erheblich und schafft - in Folge der Nachfrage nach neuen Technologien - viele neue Arbeitsplätze, die es bisher noch nie gegeben hat. Andererseits könnten bisherige Arbeitsstellen, die meist physische Routineaufgaben umfassen, durch Maschinen ersetzt werden - was zu einem massiven Verlust von Arbeitsplätzen führen könnte. Darüber hinaus könnten Arbeitnehmer, die nicht über ausreichend Fähigkeiten und Wissen im Hinblick auf technische Aspekte verfügen, außen vor bleiben und würden aus dem digitalen Bereich ausgeschlossen. Dies könne letztlich zu einer weiter wachsenden Kluft und Ungleichheit in der Gesellschaft führen.

Die Redner kamen darin überein, dass als Reaktion auf die neue Entwicklung eine rechtzeitige Anpassung der Geschäftsmodelle und des Bildungssystems dringend erforderlich sei. Dr. Roze Phillips betonte, dass diese Veränderungen vom Arbeitsmarkt ausgehen müssen. Die Regierung müsse diesem Prozess jedoch durch eine angemessene Regulierung begleiten und unterstützen, sodass kleine Unternehmen, Unternehmertum und wirtschaftliche Integration gefördert würden.

Gute Regulierungsmaßnahmen für verbesserte digitale Infrastruktur

Moderatorin Dr. Altman (NPC) leitete die Diskussion zum zweiten Thema über: Infrastruktur, rechtliche Rahmenbedingungen und die „digitale Lücke“. Wichtige Anmerkungen wurden von Philipp Zindler (Detecon International), Alphonzo Samuels (Openserve) und Envir Fraser (Convergence Partners) in das Panel eingebracht. Maßgeblich um Südafrika erfolgreich in das digitale Zeitalter zu überführen, seien vor allem eine gute Infrastruktur sowie die Minimierung von Hindernissen für die verschiedenen Akteure auf dem Markt. Der Aufbau einer gemeinsamen Infrastruktur, die mit dem Abbau von Bürokratie und Zugangskosten einhergeht, ist von entscheidender Bedeutung. Auf diese Weise wird ein geeignetes Umfeld geschaffen, in dem Investitionen nicht nur begrüßt, sondern auch genutzt werden und die Unternehmen davon profitieren, Wachstum und Innovationskraft zu beschleunigen.

Einige Teilnehmer äußerten während der Diskussion jedoch auch Bedenken angesichts der hohen Konzentration von Unternehmen in der südafrikanischen Wirtschaft und der Forderung nach einer wirksameren Regulierung durch die Regierung. Im Hinblick auf eine moralische und effektive Erfassung und Nutzung von Daten wurden jüngste Skandale um Google und Facebook erörtert, die Südafrika als Lehren dienen sollten. Als Lösung für die Konsolidierung der Infrastruktur und deren Integration wurde eine regionale Zusammenarbeit im südlichen Afrika vorgeschlagen.

Bildung als Schlüssel zum digitalen Wachstum

Im Fokus des dritten Panels (unter der Leitung von Prof. Lyal White) stand die Zukunft der Bildung. Die Kernaussagen von Lebo Nke (Harambee), Professor Saurabh Sinha (University of Johannesburg), Juliane Petrich (Bitkom Deutschland) und Shafika Isaacs (UNESCO) stimmten vor allem in einem Punkt überein: Der Arbeitsmarkt verändert sich angesichts der Digitalisierung signifikant, was einen grundlegenden Wandel im Bildungssystem erfordert. Dringend gebraucht werden fortan vorwiegend Fähigkeiten und das Wissen über Arbeit und Beschäftigungsmöglichkeiten im digitalen Zeitalter. Bedenkt man, dass Südafrika sich bereits in einer Lernkrise befindet, kommt nun mit der Digitalisierung eine weitere Herausforderung für den Bildungssektor hinzu.

Eine Reform des Bildungssystems ist daher unumgänglich und muss mehr Investitionen in die digitale Ausbildung von Studierenden und jungen Absolventen umfassen. Nur so können die jungen Nachwuchskräfte bestmöglich auf das wettbewerbsorientierte Arbeitsumfeld vorbereitet werden. Die Digitalisierung und IT-Kenntnisse sollten zudem in den Lehrplan integriert und digitales Lernen ausgebaut werden. Dies lege den Grundstein für eine integrative Gesellschaft und Wirtschaftswachstum und helfe benachteiligten Lernern. Weiterhin spielt das lebenslange Lernen und die lebenslange Weiterbildung eine sehr große Rolle für die digitale Zukunft Südafrikas: So müssen Unternehmen den Arbeitnehmern kontinuierlich Fortbildungen bieten, um deren Know-How und technische Versiertheit auszubauen. Das Panel endete mit einer Stellungnahme Shafika Isaacs über das beeindruckende Potenzial und die Lernfähigkeit junger Südafrikaner - was die Hoffnung weckt, dass dem Land eine prosperierende Zukunft durch die Digitalisierung bevorsteht.

Das kreative Potential entfalten

Das letzte Panel beschäftigte sich mit den Auswirkungen der Digitalisierung auf die Gesellschaft sowie mögliche Reaktionen und Folgen und wurde von Toby Shapshak moderiert. Das Panel bestand aus Lee Naik (TransUnion), Stafford Masie (Thumbzup) und Alexander Gaus (Global Public Policy Institute Germany). Im Vordergrund der Diskussion stand vor allem der Aspekt der sozialen Inklusion: Denn wenn es tatsächlich gelingt, dass jeder uneingeschränkten Zugang zu Ressourcen hat und zum Wohl aller beitragen kann, würde sich schließlich das gesamte soziale Potential entfalten – was letztlich zu großem Wohlstand für die gesamte Bevölkerung führen kann. Diesem positiven Aspekt der Digitalisierung –der potentiellen Ermächtigung jedes Einzelnen – steht jedoch auf der anderen Seite auch das Risiko einer Arbeitsplatzverlagerung für ungelernte Arbeitnehmer gegenüber.

Ein weiteres Argument war, dass wenn die Gesellschaft neu gestaltet werde, auch die Arbeitsteilung im Hinblick auf das Gleichgewicht zwischen Mensch und Maschine neu definiert werden müsse. Im Idealfall könnte dies dazu führen, dass der Mensch von ungeliebten Tätigkeiten völlig befreit wäre, da dies von Maschinen erledigt würde, und nur noch das tun könne, was er tatsächlich gerne mit seinem vollen Potenzial machen möchte. Einige Hürden der heutigen Gesellschaft könnten so überwunden werden, und die Digitalisierung würde dadurch optimal genutzt. Um diese Optimierung der Digitalisierung zu erreichen, bedarf es jedoch einer entsprechenden Politik sowie sozialer Resilienz. Die politischen Entscheidungsträger müssen Neuerungen in der sich rasch verändernden Wirtschaft schnell erkennen und angemessen darauf reagieren, um Zugang und Finanzierung rechtzeitig sicherzustellen.

Themba Dlamini (National Planning Commission) schloss den Runden Tisch mit einer entschiedenen Zusage: "Wir können nicht immer nur über Veränderungen reden. Den Worten müssen nun auch Taten folgen und wir müssen handeln". Daher werden die Ergebnisse dieses Seminars unter anderem von der Nationalen Planungskommission dazu genutzt, Empfehlungen für konkrete Policies an den Staatspräsidenten abzugeben, mit Hilfe derer gewährleistet werden soll, dass Südafrika bestmöglich auf das digitale Zeitalter vorbereitet ist, alle damit verbundenen Chancen nutzt und davon nachhaltig profitiert.

Digitalisierung als Priorität auf die politische Agenda setzen

David Gregosz (Konrad-Adenauer-Stiftung Berlin) wies darauf hin, dass dieser Diskussionsveranstaltung nur der Beginn einer anhaltenden Debatte sei und es eines der Ziele der Konrad-Adenauer-Stiftung sei, die optimale Steuerung des Digitalisierungsprozesses global zu verbessern und eine Agenda zu entwickeln. Mit der Durchführung dieser Diskussionsrunde leistete die Konrad-Adenauer-Stiftung zusammen mit ihren südafrikanischen Partnern einen wertvollen Beitrag, um das Bewusstsein für die Bedeutung eines gut gesteuerten Prozesses der digitalen Revolution in Südafrika zu schärfen. Wie die Teilnehmer der Seminare argumentierten: Eine wichtige Voraussetzung für ein erfolgreiches Management der Vierten industriellen Revolution ist es, die Digitalisierung zu einer Priorität auf der politischen Agenda zu machen. Erklärtes Ziel sollte sein, dass die Digitalisierung der gesamten südafrikanischen Gesellschaft und Wirtschaft zugutekommt und zahlreiche positive Auswirkungen auf die sozioökonomische Entwicklung mit sich bringt, die das Land stärken und eine prosperierende Zukunft für alle Bürger garantieren wird.

Aufgrund der ertragreichen Debatten, der wertvollen Beiträge der Teilnehmer und der Zusagen der politischen Entscheidungsträger ist es in dieser Diskussion gelungen, einige Eckpfeiler als erste Ansatzpunkte für einen auch künftig fortdauernden landesweiten Prozess zu setzen.

Ansprechpartner

Michaela Braun

Michaela Braun bild

Trainee im Auslandsbüro Südafrika und Praktikumsbeauftragte

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