Event Reports

Good Public Leadership

by Marius Glitz

Die Rolle der südafrikanischen Universitäten in der Herausbildung von Führungskräften

Am 19. Juni 2014 veranstaltete die Konrad-Adenauer-Stiftung gemeinsam mit der School of Public Leadership (SPL) der Universität Stellenbosch, dem Centre for Constitutional Rights (CFCR) und dem Frederik Van Zyl Slabbert Institute (FVZS) eine weitere Veranstaltung der Reihe “The Constitution and Good Public Leadership”. Das Arbeitsfrühstück fand in den Räumlichkeiten der SPL auf dem Universitätscampus Bellville in Kapstadt statt und beschäftigte sich mit der Rolle der südafrikanischen Universitäten in der Herausbildung gesellschaftlicher Führungskräfte.

Neben den Diskussionsteilnehmern Prof. Russel Botman, Vizekanzler und Rektor der Universität Stellenbosch, Prof. Erwin Schwella von der SPL, dem Vorsitzenden des Studierendenparlaments Wayde Groep und dem Leiter des CFCR Johan Kruger befanden sich unter den rund 60 geladenen Gästen zahlreiche Vertreter von Universitäten, Nichtregierungsorganisationen und der Zivilgesellschaft.

Die Teilnehmenden waren sich schnell einig, dass sie das Thema nicht nur im engen Kreise der Akademiker besprechen, sondern eine breite gesellschaftliche Debatte anstoßen wollen.

Ein Hochschulinstitut für die Ausbildung gesellschaftlicher Führungskräfte

Prof. Russel Botman führte das Publikum in seinem einleitenden Gastvortrag zum Ursprung der Idee zur Schaffung eines Universitätszentrums für die Herausbildung gesellschaftlich engagierter Führungskräfte. 1976 wurde sich Botman, im Zuge der gewaltsamen Niederschlagung der Schülerproteste von Soweto durch das Apartheidregime, über die gesellschaftliche Verantwortung der südafrikanischen Bildungseinrichtungen bewusst. Botman, der in jener Zeit zu den ersten farbigen und schwarzen Südafrikanern zählte, die zum Studium an der Universität des Western Cape zugelassen wurden, stellte sich gemeinsam mit seinen Kommilitonen in der Studentenvertretung die Frage, welche Konsequenz sie aus den Schülerprotesten ziehen sollten. Gemeinsam riskierten sie die Exmatrikulation, als sie sich für eine gerechte Gesellschaft gegen das Apartheidregime engagierten. Dabei erinnerte Botman daran, wie die Universitäten als liberale Denkfabriken mit ihrer ethnischkulturellen Vielfalt eine federführende Rolle im demokratischen Wandel Südafrikas einnahmen.

Die Universität Stellenbosch habe sich heute in ihren internen Leitlinien verpflichtet, innovativ und zukunftsorientiert zu lehren und zu forschen und dabei insbesondere die Integration der vielschichtigen Studierendenschaft voranzutreiben. Das übergeordnete Ziel dabei sei es, so Botman, den Studierenden nicht nur technische Fähigkeiten beizubringen, sondern die wichtigen Fragen des Lebens kritisch zu reflektieren.

Die Universitäten als Motor gesellschaftlicher Integration

Ein weiter Punkt, den Botman herausstellte und auf den sich die darauffolgende Diskussion konzentrierte, betraf die Verbesserung des Bildungszugangs für Mädchen und damit die Gleichstellungspolitik der Geschlechter. Seiner Meinung nach werden die jungen Frauen von heute unser Gesellschaftsbild sowie unser gesamtes Wirtschaftssystem verändern. Indem sie ein überkommenes patriarchales Gesellschaftsmodell verwerfen, ermöglichen sie eine inklusive Entwicklung in allen Gesellschaftsschichten und werden dadurch vielen Menschen ihre Würde zurückgeben. Botman forderte die Traditionalisten auf sich vor derartigen Entwicklungen nicht zu verschließen, sondern sie als Chance zu betrachten, um miteinander in einen Dialog um traditionelle Familienwerte zu treten. Besonders für Frauen in Afrika, die vielerorts noch immer sozioökonomische Ausgrenzung erfahren, werde der Zugang zu Bildung zum Motor für ihre Herausbildung zu gesellschaftlichen Führungskräften. Botman sieht die Universitäten somit in der Verantwortung auch in den armen Teilen der Gesellschaft, Freiräume zur Entfaltung einer inklusiven Entwicklung zu eröffnen.

In Anlehnung an Botmans Vortrag gedachte der Studierendenvertreter Wayde Groep der progressiven Kräfte an den Universitäten der 1980er Jahre. Häufig werde die Universität Stellenbosch als Geburtsstätte der intellektuellen Apartheid betrachtet, dabei werde jedoch völlig außer Acht gelassen, dass auch sie eine Reihe von Dissidenten der Rassentrennung hervorbrachte. Ein Beispiel sei der im Mai 2010 verstorbene Soziologe und Politiker Prof. Frederik van Zyl Slabbert, der über mehrere Jahre neben der Liberalen Helen Suzman der einzige abgeordnete Apartheidgegner im südafrikanischen Parlament war. Groep unterstrich die Notwendigkeit der Universitäten mit der Gesellschaft zu interagieren, und somit jedem Südafrikaner zu ermöglichen in seinem sozialen Umfeld zu einer beispielhaften Führungspersönlichkeit heranzuwachsen. Die Universitäten tragen eine soziale Verantwortung. Die Herausforderung sei dabei, junge Führungskräfte zu ermutigen, sich für ihre Gesellschaft zu engagieren.

Es kommt auf die Vermittlung von Werten an

Prof. Erwin Schwella von der SPL ermahnte die anwesenden Akademiker zur moralischen Disziplin. Jede Wissenschaft könne für falsche Interessen missbraucht werden. Wissenschaft dürfe folglich niemals wertfrei sein. Auch er unterstrich, dass höhere Bildungseinrichtungen einen aktiven Austausch mit der Gesellschaft betreiben sollten und nicht abgeschottet von der Außenwelt agieren dürften. Ferner erinnerte Schwella die Teilnehmenden, dass die Vorstellung von einer Lehre von Führungsqualitäten in sich selbst problematisch sei. So bejahte er die Frage eines Studenten, ob junge Führungskräfte nicht selbst herausfinden sollten, was gute Führungsqualitäten ausmacht. “Leadership is about to engage!” lautete Schwellas Devise. Er sei der Meinung, dass Universitäten in der Ausbildung gesellschaftlicher Kader vielmehr als “Moderatoren” oder “Vermittler” handeln müssten.

Abschließend sprach der Direktor des CFCR Johan Kruger über die Bedeutung des Verantwortungsbewusstseins politischer Führungskräfte. Der erste Absatz der südafrikanischen Verfassung definiere seiner Meinung nach eine Bandbreite an gesellschaftlichen Werten, die auf der Versöhnung und Nationsbildung Südafrikas beruhen. Die Universitäten müssten jungen Menschen insbesondere diese gemeinsamen Werte beibringen. Auch Kruger unterstrich in seinen Ausführungen, dass die Gesellschaft von den Universitäten nicht per se erwarten könne, dass diese gute Führungskräfte schaffen. Vielmehr haben die Bildungseinrichtungen die Aufgabe, ihren Studierenden geeignete Rahmenbedingungen zur Verfügung zu stellen, welche es ihnen ermöglichen, in gegenseitigem Respekt miteinander zu lernen und zu debattieren.