Country Reports

China in Tansania

by Daniel El-Noshokaty
Auf dem gesamten afrikanischen Kontinent wächst der Einfluss der Volksrepublik China kontinuierlich. Diese Entwicklung ist nicht neu, aber das zunehmend selbstbewusste Auftreten des Landes als aufstrebende Weltmacht offenbart die vielschichtigen Beziehungen Chinas zu den Ländern in Afrika deutlicher als das früher der Fall war. Das gilt auch für Tansania, eines der Länder, in denen das Engagement Chinas in Afrika sehr früh begonnen hat.

Bereits kurz nach der Unabhängigkeit Tanganikas (Festlandteil) im Jahr 1962 und der anschließend geformten Union mit Sansibar 1964 begann die Kooperation zwischen den beiden Ländern. Der erste Präsident Tansanias, Julius Nyerere, verfolgte eine Politik des afrikanischen Sozialismus und benötigte dafür nach dem endgültigen Abzug der britischen Kolonialherren dringend Unterstützung aus dem Ausland. Auf der anderen Seite suchte China nach internationaler Anerkennung und war zudem bestrebt, ein ideologisches Gegengewicht zur damaligen UDSSR zu schaffen. Dafür wurden unter den jungen afrikanischen Staaten Verbündete gesucht, die ähnliche ideologische Vorstellungen verfolgten. Tansania war hierbei eines der ersten Länder, mit denen diplomatische Beziehungen und erste Kooperationen vereinbart wurden.

Von der politischen zur wirtschaftlichen Zusammenarbeit

Der Schwerpunkt der Partnerschaft in den ersten Jahren lag eindeutig auf einer politischen Entwicklungszusammenarbeit. Ausdruck dieser Strategie war die 1965 begonnene Planung und der anschließende Bau der 1.860 Kilometer langen Eisenbahnlinie „Tasara“, die vom tansanischen Hafen Daressalam quer durch das Land bis nach Sambia führt. Das von „westlichen Gebern“ als unwirtschaftlich abgelehnte und nach Bewältigung vieler Schwierigkeiten auch erst 1975 fertig gestellte Projekt bildet den Grundstein der Zusammenarbeit beider Länder. In der Hochphase des Vorhabens waren mehr als 50.000 Chinesen in Tansania, um die Strecke zu planen, zu konstruieren und auch zu bauen. Die Investitionssumme betrug damals bereits mehr als 400 Millionen US-Dollar. In der Folge gab es eine Reihe von weiteren Projekten, die der politisch-ideologischen Strategie der chinesischen Regierung für Tansania dienten. Ein weiteres Beispiel ist der Bau der tansanisch-chinesischen Textilfabrik (URAFIKI), die bis heute in Betrieb ist. Daneben hat es aber auch Projekte gegeben, die als klassische Entwicklungshilfe einzuordnen sind, wie die Entsendung von hunderten chinesischen Ärzten nach Tansania. Diese wurden landesweit in neu aufgebauten Krankenstationen eingesetzt und waren für die meisten Menschen im Land der erste Kontakt zu einem Arzt überhaupt.

Mit der wirtschaftlichen Öffnung der Volksrepublik zum Ende der 1970er Jahre und dem kontinuierlich wachsenden Einfluss Chinas in der globalisierten Welt, hat sich auch der Fokus der Kooperation mit Tansania hin zu einer vermehrt wirtschaftlichen Orientierung gewandelt. Die Strategie der Chinesen richtet sich nach den stetig wachsenden Bedürfnissen des heimischen Marktes. Das gilt sowohl für die Waren und Investitionen in Tansania, als auch für die Güter, die nach China eingeführt werden und prägt immer stärker die Interessen Chinas in Tansania.

Bereits seit vielen Jahren ist die Volksrepublik einer der größten Investoren in Tansania. Einzig Indien konnte in der Vergangenheit ähnlich hohe oder noch höhere Investitionssummen aufweisen. Im Jahr 2017 betrug das Handelsvolumen zwischen China und Tansania 4,6 Mrd. US-Dollar. An kein anderes Land gehen in Tansania mehr Aufträge, insbesondere im Bausektor, wo rund 70 Prozent der Ausschreibungen an chinesische Unternehmen vergeben werden. Insgesamt importierte Tansania im Jahr 2017 mit etwas mehr als 20 Prozent aller eingeführten Güter aus keinem Land mehr Waren als aus China. Auf der anderen Seite spielt China beim Export von Waren aus Tansania allerdings noch keine bedeutende Rolle. Nur sieben Prozent der ausgeführten Güter gehen in die Volksrepublik. Größter Absatzmarkt tansanischer Waren ist die Schweiz, wobei in Tansania gefördertes Gold etwa 98 Prozent dieses Handels ausmacht.

Allerdings ist China bei der Zusammenarbeit im Bereich der sogenannten „Soft Skills“ führend in Tansania. Es gibt zwei Konfuzius Institute zur Stärkung der kulturellen Zusammenarbeit. Die Anzahl von Stipendien für Tansanier für ein Studium in China wächst kontinuierlich und auch das von der Botschaft bereitgestellte Angebot an Expertenwissen übersteigt mehr als 100 verschiedene Themenfelder zum Wissenstransfer. Hierbei werden entweder Gruppen aus Tansania nach China eingeladen, oder diese bekommen vor Ort von chinesischen Experten Schulungen. Die Inhalte dieser Schulungen sind sehr vielfältig und reichen von Trainings über moderne Fischfangmethoden, von Journalistenschulungen bis hin zur regelmäßigen Einladung politischer Führungskader nach China. Sie alle spiegeln den Ansatz der Volksrepublik wider, umfassend und in möglichst allen Bereichen einen Austausch durchzuführen.

China als Vorbild für Tansania

Das Ansehen Chinas hat sich entsprechend zur wachsenden Bedeutung des Landes in der Welt gewandelt. Die Entwicklung von einem Agrarland zur zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt hat dazu geführt, dass China in vielen afrikanischen Ländern als Vorbild für die eigenen Entwicklungsvorstellungen angesehen wird. Dass dabei – im Gegensatz zum „Westen“ – auch auf für viele afrikanische Präsidenten eher lästige Fragen nach Rechtsstaatlichkeit, Demokratie und Bürgerrechten verzichtet wird, macht China als Vorbild nur noch attraktiver. Zusätzlich ist China auch in der Lage, diese Rolle sehr geschickt auszufüllen und sich als Unterstützer der Entwicklung Tansanias zu generieren. Dabei agiert das asiatische Land ohne den „kolonialen Ballast“ vieler westlicher Länder und bietet seine Unterstützung ohne politische Bedingungen an. Dass dahinter sehr klare wirtschaftliche und auch politische Interessen stehen, wird von tansanischer Seite gerne ausgeklammert.

Wichtig ist aber festzuhalten, dass es von chinesischer Seite keine große Unterscheidung zwischen politischer und wirtschaftlicher Zusammenarbeit und der Entwicklungshilfe gibt. Sämtliche Aktivitäten sind Bestandteil der gleichen Strategie. Dazu zählen auch weiterhin großzügige Finanzierungen von Prestigeobjekten in Tansania. Beispiele dafür sind der Bau eines neuen Nationalstadions in Daressalam und der wenig wirtschaftliche Bau einer Brücke über den Hafen der Stadt. Aktuell wird von „China Aid“ ein neues tansanisches Außenministerium in der Stadt gebaut. Die Verbindungen verschmelzen aber auch immer wieder mit der gegenseitigen Parteiebene, denn erst vor einigen Jahren wurde in der Hauptstadt Dodoma ein Veranstaltungszentrum von der kommunistischen Partei Chinas an die Regierungspartei CCM übergeben. Ein weiteres Beispiel ist, dass der damalige chinesische Botschafter im Wahlkampf 2015 auf einer Veranstaltung von CCM in deren Parteiuniform auftrat. Ohnehin ist der Austausch zwischen den Parteien als sehr eng zu bezeichnen. Regelmäßig werden hochrangige Delegationen der Regierungspartei nach China eingeladen und wann immer ein Regierungsvertreter aus der Volksrepublik nach Tansania kommt, stehen neben Gesprächen mit der tansanischen Regierung auch ganz selbstverständlich Gespräche mit Repräsentanten von CCM an.

Die Strategie der chinesischen Seite, sich durch diesen umfassenden Ansatz Zugang zu allen Bereichen in Tansania schaffen zu können, geht allerdings nicht immer auf. Auch nach Jahrzehnten der engen Kooperation ist nicht abzusehen, dass sich die tansanische Regierungspartei CCM immer weiter zu einem Abbild der kommunistischen Partei Chinas entwickelt. Dafür sind und bleiben die Unterschiede zu groß. Zudem ist CCM nach dem Scheitern des afrikanischen Sozialismus ideologisch so sehr ausgehöhlt, dass ihre Verbindungen überwiegend mit opportunistischen Motiven zu erklären sind. Auch gibt es eindeutige Beispiele dafür, dass China nicht immer das bekommt, was es sich von seinen tansanischen Partnern erhofft. Der bereits vor einigen Jahren vertraglich festgelegte Ausbau des Hafens von Bagamoyo durch chinesische Firmen ist bis heute nicht realisiert worden und auch der mehrere Mrd. US-Dollar umfassenden Auftrag, eine neue Eisenbahnlinie quer durch das Land zu bauen, wurde im Jahr 2017 zur Überraschung Chinas an die Türkei vergeben.

China verfolgt seine eigenen Interessen in Tansania

Die Volksrepublik verfolgt einen umfassenden Ansatz in Tansania. Das Land beschränkt sich nicht notwendigerweise auf bestimmte Bereiche, sondern versucht, den wachsenden Bedarf an Investitionsmöglichkeiten im Ausland, aber auch die wachsende heimische Nachfrage nach Produkten aus aller Welt zu decken. Zudem weiß China auch sehr geschickt den eigenen Entwicklungserfolg der letzten 40 Jahre in Tansania als Erfolgsmodell anzupreisen, um sich mit der damit erzeugten Glaubwürdigkeit Räume und Märkte zu öffnen, die anderen Ländern so nicht gewährt werden. Zuletzt bleibt auch die politische Kooperation ein wichtiger Faktor der Zusammenarbeit und ein nicht zu unterschätzender Baustein bei der Erreichung von Chinas Zielen in Tansania.

Es wäre jedoch zu vereinfacht zu behaupten, dass es China in Tansania darum geht, das eigene Modell dem Land „überzustülpen“. Die Volksrepublik verfolgt vielmehr das Ziel, ganz genau zu analysieren, wie Elemente des eigenen Entwicklungsprozesses auf die spezifische Situation in Tansania angewandt werden können und wie daraus politischer und ökonomischer Profit erzielt werden kann. Ein Schwerpunkt liegt derzeit im Bausektor und in der Weiterentwicklung des Agrarsektors, der in Tansania noch immer zu einem sehr großen Teil ohne fortschrittliches landwirtschaftliches Gerät betrieben wird. Das chinesische Engagement zielt dabei schlussendlich darauf ab, diese Sektoren insofern zu stärken, dass Investitionen ohne Probleme getätigt werden können. Zudem sollen in China nachgefragte Produkte in ausreichender Menge und Qualität aus Tansania exportiert werden können. Aktuell gehören dazu z.B. Baumwolle, Reis, pflanzliche Öle und weitere Nahrungsmittel. Zudem wird die bereits vor Jahrzehnten aufgebaute Textilwirtschaft in Tansania kontinuierlich modernisiert und weiter ausgebaut.

Zusammen mit der politischen Kooperation verfolgt China in Tansania somit das Ziel, den Markt soweit zu unterstützen, dass er in der Lage ist, die Bedürfnisse der Konsumenten in der Volksrepublik zu stillen. Gleichzeitig wird versucht, die Investitionsmöglichkeiten für chinesische Unternehmen in Tansania zu verstärken. Ergänzt wird das durch die politische Zusammenarbeit und den kontinuierlichen Ausbau des Wissenstransfers. All das stärkt die enge Partnerschaft und damit auch den Zugriff auf das zweitgrößte Land Ostafrikas. Mit dieser Strategie ist China soweit erfolgreich, dass es einer der engsten Partner Tansanias ist. In Zukunft wird der Handel von und nach China weiter ausgebaut werden. Dennoch ist die Volksrepublik nicht uneingeschränkt erfolgreich mit ihrer derzeitigen Strategie und wird diese deshalb immer wieder an die aktuelle Situation anpassen, um sicherzustellen, dass ihr Einfluss in Tansania weiter zunimmt.

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Daniel El-Noshokaty

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