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Veranstaltungsberichte

Deutschland und seine Nachbarn – Heute im Fokus: Österreich

Veranstaltungsbericht

„Wir Österreicher unterscheiden uns doch von den Deutschen durch so mancherlei, besonders durch die gleiche Sprache.“ Schon Karl Farkas, ein österreichischer Kabarettist des 20. Jahrhunderts, versuchte, nach einer schwierigen gemeinsamen Geschichte in der ersten Hälfte des Jahrhunderts, die Beziehung zwischen Österreichern und Deutschen zu erklären. Im Erfurter-Europa-Gespräch des Politischen Bildungsforums Thüringen der Konrad-Adenauer-Stiftung am 18. November 2019 im Collegium Maius ergründete ein Panel von Medienvertretern und staatlichen Repräsentanten, von deutscher und österreichischer Herkunft mit jeweils Erfahrungen im anderen Land, die enge aber nicht immer einfache Beziehung zwischen den zwei Nachbarländern.

Der Kommissarische Landesbeauftragte der Konrad-Adenauer-Stiftung für Thüringen, Daniel Braun, eröffnete den Abend mit einer kurzen Begrüßungsrede und übergab anschließend das Wort an die Europaabgeordnete für Thüringen, Marion Walsmann. Frau Walsmann sprach über die Gemeinsamkeiten Österreichs mit dem Freistaat Thüringen – beide seien momentan in der Regierungsbildungsphase, beide bestehen ähnlich lange (Österreich seit 1918 und Thüringen seit 1920) und beide seien hochkarätige Kulturstaaten, die Künstler wie Strauß und Mozart hervorbrachten bzw. Geburtsort der deutschen Klassik und des Bauhauses seien. Darüber hinaus verbinde Österreich und Deutschland der gegenseitige Tourismus, Handel und die gemeinsame europäische Identität. Die Europaabgeordnete betonte, wie wichtig es sei gute Beziehungen zu unseren europäischen Nachbarländern aufrechtzuerhalten und in den essentiellen Fragen unserer Zeit zusammenzuarbeiten.  Am besten würde dies ein Zitat von Konrad Adenauer aus dem Jahr 1954 beschreiben:  „Die Einheit Europas war ein Traum von wenigen. Sie wurde eine Hoffnung für viele. Und heute ist sie eine Notwendigkeit für uns alle.“ Anschließend an diese beiden Begrüßungsreden, sprach der Gesandte der österreichischen Botschaft in Deutschland, Mag. Andreas Somogyi, ein Grußwort. Er sprach über die enge Beziehung zwischen Österreich und Deutschland, die nicht nur aus der ineinander verwobenen gemeinsamen Geschichte entstanden sei, sondern auch aus den engen Handelsbeziehungen, dem regen Kultur- und Wissenschaftsaustausch und der zahlreichen Niederlassung von Deutschen in  Österreich und umgekehrt.

 

Nach dem Einführungsvortrag durch den österreichischen Gesandten, wurde die Podiumsdiskussion zwischen dem Honorarkonsul der Bundesrepublik Deutschland in Innsbruck, Hon.-Prof. Dr. Dietmar Czernich, der österreichischen Korrespondentin für den „Standard“ in Berlin, Birgit Baumann, und dem deutschen Journalisten, Ingo Hasewend, der in Graz für die „Kleine Zeitung“ tätig ist, eröffnet. Das Gespräch wurde von dem Direktor des Schlosses Ettersburg, Dr. Peter Krause, moderiert. Eröffnet wurde die Diskussion mit einem historischen Blick auf Österreich als Dr. Czernich anmerkte, dass die österreichische Nationalbildung erst nach 1945 genuin begonnen habe. Davor, also zur Zeit des ersten Weltkrieges und in der Zwischenkriegszeit, hätten noch weite Teile der österreichischen Bevölkerung an dem kleinen Staat Österreich gezweifelt und sich weiterhin eine deutsche Identität zugeschrieben. Gerade deshalb fand nach Ende des Zweiten Weltkrieges eine starke Abgrenzung von Deutschland durch die österreichische Politik und Gesellschaft statt. Laut Czernich, konnte diese starke Abgrenzung aufgrund des regen Austausches zwischen Österreichern und Deutschen auf persönlicher Ebene schlussendlich nicht aufrechterhalten werden und die Beziehungen der beiden Länder haben sich vor allem seit dem EU-Beitritt Österreichs in 1995 stark verbessert. Ein Grund und auch Resultat dieser vehementen Abgrenzung zu Deutschland sei auch der, in Österreich lange sehr verbreitete, Opfermythos gewesen, den die österreichische Politik und Gesellschaft lange Zeit nutzte, um sich vor der eigenen Verantwortung für die Gräueltaten des Zweiten Weltkrieges und des Holocausts zu drücken und Deutschland alle Schuld zuzuschieben. Hierbei erinnerte Czernich das Publikum auch daran, dass in Österreich erst Anfang der 90er Jahre die Schuld der Österreicher während des Zweiten Weltkrieges erstmals durch einen offiziellen Vertreter Österreichs, den damaligen Bundeskanzler Franz Vranitzky, eingestanden wurde. Aber auch das sei erst nach zahlreichen Skandalen bezüglich der österreichischen NS-Vergangenheit, wie zum Beispiel der Waldheim-Affäre, geschehen.

 

Nach dem historischen Blick auf die deutsch-österreichischen Beziehungen, wurden auch die aktuellen, gesellschaftlichen Beziehungen zwischen den Nachbarländern von den Podiumsgästen beleuchtet. Frau Baumann erinnerte an die, in Österreich bis heute anhaltende, gesellschaftliche Bedeutung von dem „Wunder von Córdoba“ aus dem Jahre 1978 (in Deutschland die „Schmach von Córdoba“ genannt), als die deutsche Fußballnationalmannschaft der österreichischen in einem Fußballländerspiel 2:3 unterlag. Herr Hasewend interpretiert dieses Festhalten an lange zurückliegenden Ruhm als einen österreichischen Mangel an Selbstbewusstsein, der durch künstlich aufgebauschte Siege gegen Deutschland zu überspielen versucht werde. Diese österreichische Hassliebe gegenüber ihrem großen Nachbarn scheint jedoch nicht auf Gegenseitigkeit zu beruhen. Während Deutsche in Österreich, laut Hasewend, oftmals mit anti-deutschen Vorurteilen zu kämpfen haben, berichtete die in Berlin lebende Birgit Baumann in Deutschland sehr gut aufgenommen worden zu sein und als Österreicherin keine Ablehnung erfahren zu haben. Hierbei zitierte sie eine österreichische Volksweisheit, die diese ungleiche gegenseitige Wahrnehmung gut auf den Punkt bringe: „Die Deutschen lieben Österreich, respektieren es aber nicht. Und umgekehrt respektieren Österreicher die Deutschen, lieben sie aber nicht.“  Laut Baumann, ist dieses Ungleichgewicht auch in der Medienberichterstattung übereinander zu erkennen. Während Nachrichten aus Deutschland in den österreichischen Medien omnipräsent seien, schaffe Österreich es nur durch große Skandale in die deutschen Nachrichten.

 

Der Moderator Dr. Krause stellte fest, dass sich Österreicher und Deutsche rein von demographischen Statistiken her sehr wenig unterscheiden, aber die Unterschiede mehr in der jeweiligen Lebensphilosophie zu finden seien. Typisch hierfür fand Herr Hasewend die fehlende Präzision des gemeinen Österreicher, der mit einem saloppen „Das geht sich schon aus“ jede Eile und Detailorientiertheit auszubremsen weiß. Mit deutscher Korrektheit renne man in Österreich dadurch leicht gegen die Wand, meinte Hasewend. Eine weitere Eigenheit der Österreicher könne mitunter ihr sympathischer, melancholischer Selbsthass sein, wofür Thomas Bernhards Werke als Beispiel genommen werden können. In dem bekanntesten Werk des österreichischen Schriftstellers, „Heldenplatz“, schrieb er beispielsweise von der „Lächerlichkeit dieses Staates [Österreich]“ und beschrieb sein Heimatland als den „gemeingefährlichsten aller europäischer Staaten“. Obwohl das Podium die Bezeichnung Selbsthass als zu weit gegriffen ansah, war man sich einig, dass der gewisse Hang zur Selbstironie der Österreicher, sie maßgeblich von den Deutschen unterscheide.

 

Anschließend konnte das Publikum noch einige Fragen an die Podiumsgäste richten und danach bei einem kleinen Empfang mit Wein und Bretzeln mit ihnen ins Gespräch kommen. Das Erfurter-Europa-Gespräch zu der Beziehung zwischen Deutschland und Österreich war das fünfte in einer Reihe mit Fokus auf Deutschlands Nachbarländer. Zuvor hatten schon Veranstaltungen zu den Niederlanden, Dänemark, der Schweiz und der Tschechischen Republik stattgefunden. Falls Sie an dieser Veranstaltung nicht teilnehmen konnten, aber dennoch an dem Gespräch interessiert sind, dann haben Sie die Möglichkeit den aufgezeichneten Livestream der Veranstaltung auf YouTube nachträglich anzusehen. Wie Sie wissen hat Deutschland neun Nachbarländer und somit werden in Zukunft noch Erfurter-Europa-Gespräche zu Polen, Frankreich, Luxemburg und Belgien stattfinden. Wenn Sie über diese und ähnliche Veranstaltungen informiert werden wollen, dann melden Sie sich bitte telefonisch unter +49 361 65491-0 oder per E-Mail (kas-thueringen@kas.de) bei uns, um in unseren Veranstaltungsverteiler aufgenommen zu werden.

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Daniel Braun

Daniel Braun

Landesbeauftragter für den Freistaat Thüringen (kommissarisch) / Leiter Politisches Bildungsforum Thüringen (kommissarisch)

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