Veranstaltungsberichte

Erfolgreiche Unternehmensführung und Barmherzigkeit: Ein Widerspruch?

von Maja Eib, Jessica Nies
Erfurter Debatten zu Wirtschaft und Glaube

Am Mittwoch den 20.04.2016 im Coelicum der Katholisch Theologischen Fakultät der Universität Erfurt die Veranstaltung „Erfolgreiche Unternehmensführung und Barmherzigkeit: Ein Widerspruch?“ statt. Als zweiter Themenabend der gemeinsamen Veranstaltungsreihe „Erfurter Debatten zu Wirtschaft und Glaube“ des Lehrstuhls für Kirchenrecht der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Erfurt, des Bundes Katholischer Unternehmer e.V. und des Politischen Bildungsforums Thüringen der Konrad-Adenauer-Stiftung wurden Meinungen zwischen den geladenen Referenten, Prof. Dr. Clemens Dölken OPraem, Colette Boss-John und Dr. Dr. Thomas Rusche ausgetauscht.

Zu Beginn stellte die Leiterin des Bildungspolitischen Forums, Maja Eib, in einem Grußwort die Problematik des Themas heraus: Profit-und Leistungsdenken auf der einen Seite, Barmherzigkeit und Gnade auf der anderen. Da das Jahr 2016 vom Papst als „Jahr der Barmherzigkeit“ benannt wurde, müsse man sich und die geltenden Wirtschaftsnormen hinterfragen. Es wurde herausgestellt, dass der Gedanke der Barmherzigkeit durchaus in den Köpfen existiere, die Umsetzbarkeit in der Praxis sich aber durchaus schwierig gestalten könnte.

Die Moderation des Abends und der anschließenden Podiumsdiskussion übernahm Prof. Dr. Myriam Wijlens, Professorin für Kirchenrecht an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Erfurt. Sie machte deutlich, dass Barmherzigkeit nicht nur für Gläubige von Interesse sei und stellte den Referenten Prof. Dr. Clemens Dölken OPraem, Professor für christliche Sozialwissenschaft an der philosophisch-theologischen Hochschule SVD Sankt Augustin vor. Im ersten Vortrag des Abends veranschaulichte Dölken anhand von 10 Thesen die Thematik. Er begann mit der Prämisse, dass Wirtschaft immer unter dem Aspekt der Versorgung der Konsumenten mit Gütern betrachtet werden müsse. Nachfolgend erläuterte er den Begriff der Barmherzigkeit und brachte ihn mit Gerechtigkeit in Verbindung. Diese beiden und die Anwendung von Ethik im Allgemeinen seien nicht nur für gläubige Menschen von Relevanz, sodass alle Verantwortung im wirtschaftlichen Handeln übernehmen müssten. Dölken sah es als notwendig an, dass Ethik zur „Chefsache“ erklärt werde, diese aber auch strategisch genutzt werden würde, um sich auf dem Markt von Konkurrenten abzuheben. Da Barmherzigkeit und damit verbunden Gerechtigkeit auf der Welt aber unterschiedlich aufgefasst werden, ist nach Ansicht des Referenten eine Diskussion über die Umsetzung von Menschenrechten durch ethische Normen notwendig, vor allem in der Wirtschaft. Trotzdem würden sich Unternehmer oft in Dilemma-Situationen wiederfinden und vor dem Hintergrund des Wettbewerbs und dessen Bedingungen die Kontingenz von ethischen Normen in der modernen Gesellschaft erfahren. Die Aufgabe sei eine institutionelle Implementation von Ethik, damit diese in der Wirklichkeit Raum greifen kann, ohne darauf reduziert zu werden.

Gleichzeitig sieht Dölken weitere Akteure wie „die öffentliche Hand, Branchenverbände und andere gesellschaftliche Organisationen“ in der Pflicht, legitime Strukturen zu schaffen, damit Unternehmen und Unternehmer moralische Anforderungen autonom umsetzen können, ohne „unterzugehen“. Als letzte These benannte Dölken Barmherzigkeit im Zusammenhang mit wirtschaftlichem Handeln als spezifische Kompetenz und Verantwortung des Unternehmens für das Gemeinwohl und damit verbunden für die Gesellschaft, die wiederum nicht „an der Zahl von gesponserten Parkbänken zu messen“ sei.

In dem sich anschließenden Vortrag lehnte DDr. Rusche, Inhaber der SØR Rusche GmbH aus Oelde, als katholischer Unternehmer die Begriffe „Gewinnmaximierung“ und „Kostenminimierung“ sowie die Betrachtung des Menschen als Kostenfaktor, mit dem es zu wirtschaften gelte, ab. Stattdessen gelte es, sich in der weit verbreiteten „Ellenbogenmentalität“ der Wirtschaft für solidarisches Handeln des Unternehmens als auch des Individuums einzusetzen. Der erste Schritt sei es, nicht aus einer Institutions- sondern einer Individualethik heraus jeden einzelnen wahrzunehmen, ihm zuzuhören und in der Arbeit in einem Unternehmen Entfaltungsräume und möglichkeiten zu bieten. Aus dieser Perspektive stellen Barmherzigkeit und Wirtschaft für Rusche auch keinen Widerspruch dar. Auch in Dilemma-Situationen und in Zeiten hoher Konkur-renz sei solidarisches Handeln möglich und notwendig.

Nach dem Vortrag von DDr. Rusche schloss sich eine Podiumsdiskussion an, die im weiteren Verlauf durch Fragen aus dem Zuschauerraum ergänzt wurde. Die Unternehmerin Colette Boos-John der Bauer Bauun-ternehmen GmbH aus Walschleben vertrat die Ansicht, dass man jeden Angestellten so behandeln müsse, wie man auch selbst behandelt werden möchte. Dieses Leitbild, dem sie folge, impliziere die Anwendung von Barmherzigkeit und der Gerechtigkeit. Trotzdem existiere ein spannungsreiches Verhältnis zwischen beiden Polen, da Entscheidungen getroffen werden müssten, die die Existenz des Unternehmens betreffen. Daher könne grad im Verhältnis zwischen Vorgesetztem und Angestelltem nicht immer nur barmherzig ge-handelt werden. Der schlechte Ruf vom Unternehmertum, der nach Boos-John daraus resultiere, müsse allerdings im Licht der Verantwortung der Unternehmer relativiert werden. Auch deshalb sei die Wertever-mittlung für viele Unternehmen daher essentiell. Dölken merkte an, dass Entscheidungen zwar im wirtschaft-lichen Alltag getroffen werden müssten, trotzdem könne man durch Vorausschau und Kommunikation die richtigen Signale setzen.

In der sich anschließenden Fragerunde wurde der Umgang mit dem Mindestlohn thematisiert und auch der öffentliche Dienst in den Fokus der Aufmerksamkeit gerückt. Hier wurde angemerkt, dass Unternehmen durch Steuern schon eine Teilleistung an dem Gemeinwohl realisieren würden.

Das Schlusswort der Veranstaltung übernahm Klaus Georg Schmidbauer vom Bund Katholischer Unter-nehmer e.V. und erster Vorsitzender der Diözesangruppe Erfurt und ermutigte dazu, den Spagat zwischen Barmherzigkeit und Wirtschaftlichkeit zu wagen.

Im Rahmen eines kleinen Empfangs hatten die Gäste die Möglichkeit mit den Referenten und untereinander ins Gespräch zu kommen und das Thema zu vertiefen.

Ansprechpartner

Maja Eib

Maja Eib bild

Landesbeauftragte für Thüringen und Leiterin des Politischen Bildungsforums Thüringen

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