Seminar

2. Deutsch-Türkische Mediendialog 2019: “Die Zukunft der Medien im Deutsch-Türkischen Vergleich”

Was haben türkische und deutsche Journalisten gemeinsam? Wie unterscheidet sich ihr Alltag voneinander? Zum zweiten Mal lud das KAS Büro-Türkei zum deutsch-türkischen Mediendialog ein. In Konrad Adenauers einstiger Sommerresidenz Villa La Collina am Comer See in Cadenabbia, Italien tauschten sich vom 27. bis 29. September 2019 deutsche Medienvertreter mit ihren Kollegen aus der Türkei über Gemeinsamkeiten, Unterschiede und Herausforderungen des Journalismus aus – und wagten vor allem auch einen Blick in die digitale Zukunft.

Details

In über sechs Panels mit Fachvorträgen entstanden spannende und intensive Diskussionen, in denen die 24 Medienschaffenden zusammenkamen um gerade in Zeiten problembeladener bilateraler Pressebeziehungen Klischees und Vorurteile abzubauen. Von neuen Finanzierungsmöglichkeiten über schwierige Bereiche wie Presse- und Meinungsfreiheit bis hin zu digitalen Zukunftsvisionen der künstlichen Intelligenz – die Bandbreite der medialen Themen war groß und vielfältig. Aber auch Vertreter türkischsprachiger Medien in Deutschland konnten ihre persönliche Sicht auf kulturelle Vielfalt teilen.

Massive Umbrüche begleiten den Journalismus. Wie kein anderer Bereich unterliegt die Berichterstattung dem digitalen Wandel. Mit rasanter Geschwindigkeit haben technische Innovationen und Soziale Medien die medialen Spielregeln grundlegend verändert – und werden es weiterhin in Zukunft tun. Für das DAI-Labor der TU-Berlin ist Digitalisierung ein unanhaltbarer Prozess und  es wurde daher im Detail beschrieben, warum Begriffe wie Smart Space, Natural Language Processing und Real Time Collaboration mehr als nur Modewörter sind und was sie für die Praxis bedeuten. 

Angesichts der zunehmenden Rolle, die digitale Medien in der Gesellschaft spielen, kam unter den Teilnehmern der Veranstaltung schnell die Frage auf, ob es denn noch Bedarf für die klassischen Medien geben wird. Manche zeigten sich optimistisch. Auch, wenn zukünftige Systeme sogar Texte generieren werden, könne der „Journalismus nicht ausradiert werden.“ Im Gegenteil, durch die Entlastung gebe es die Möglichkeit für die Journalisten, kreativer zu sein. Trotzdem: Für einige im Plenum schien die Digitalisierung nicht nur Hilfsmittel, sondern auch gleichzeitig eine mögliche Konkurrenz oder sogar eine potentielle Gefahr darzustellen wie z.B. die Sorge um politische Überwachung und Manipulation in den Medien. 

Die Nutzung von Social Media und der daraus resultierende Effekt auf die gesellschaftliche Meinungsbildung war Thema des ersten Panels. Die KAS in Berlin ging dabei der Frage nach, ob die sogenannten “sozialen” Medien auch ihrem Namen gerecht werden. Dafür stellte sie ihre Studie vor, bei der sie den Einfluss von der Social Media-Plattform Facebook unter die Lupe nahm. Von türkischer Seite wurde ein extremeres Bild der Nutzung von sozialen Medien dargestellt. Von den insgesamt 82 Millionen Einwohnern der Türkei seien 76 Millionen Mobiltelefon-Besitzer davon 52 Millionen sogar aktive Social Media-Nutzer (ca. 38 Mio. auf Facebook, ca. 38 Mio. auf Instagram, ca. 9 Mio. auf Twitter und 7,3 Mio. auf linkedin). Außer Frage stünde der Einfluss von Social Media bei der politischen Information und Entscheidungsfindung von Wählern, bei dessen Umgang sowohl in Deutschland  als auch in der Türkei noch die richtigen Strategien fehlen und deshalb erst erarbeitet werden müssen.

Dass neben Social Media auch andere Kanäle als Anlaufstelle für qualitative Informationsgewinnung dienen können, bewies eine weitere Paneldiskussion. Darin ging es um ausländische (Youtube-)Kanäle, die als Alternative zu Mainstream-Medien dienen sollen wie z.B. die Deutsche Welle (DW) und ihrer Partnersender, der britischen BBC, des französischen Sender France24, sowie der US-amerikanischen Voice of America. Auf türkischer Seite wurde das Beispiel medyascope.tv genannt, die als kleine Internetplattform in Istanbul Journalisten beschäftigt, die ein Höchstmaß an Objektivität verfolgen.
 
Die Finanzierung von Medien war ebenfalls Bestandteil des Mediendialogs. Die größte Arbeitslosigkeit in der Türkei befinde sich im Mediensektor, stellte sich in der Diskussion heraus. Die Verteilung der öffentlichen Gelder verlaufe dabei nicht immer gerecht. Dabei werfe man den Gremien oftmals politisch-wirtschaftlich motivierte Entscheidungen vor. Auch das deutsche Konzept, wonach Millionen von Menschen in Deutschland 17,50 Euro pro Haushalt für den Öffentlich-Rechtlichen Journalismus zahlen. Die Sender bräuchten mehr Geld, da insbesondere neue Ansprüche des digitalen Journalismus Investitionen nötig machten. Auch die Printzahlen der türkischen Zeitungen  seien überwiegend rückläufig. Es müssten Strategien entwickelt werden, um durch die neuen digitalen Kanäle Geld zu generieren. Ganze 92 Prozent der türkischen Internetnutzer verwendeten beispielsweise die Plattform Youtube.

Dass bei dem deutsch-türkischen Mediendialog nicht nur die Zukunft von deutschen und türkischen Medienvertretern im jeweils anderen Land gemeint ist, verdeutlichten weitere Panels wie zum Thema “Medien und Vielfalt”. Dabei wurde der erste deutsch-türkischsprachige Radiosender „Metropol FM“ in Deutschland vorgestellt. Sendungen zur politischen Partizipation und kulturellen Teilhabe seien besondere Anliegen dieses Senders. Von weiteren Erfolgserlebnissen der Vielfalt berichtete die Deutschlandstiftung Integration, die sich nicht nur für medienwirksame Kampagnen einsetzt, sondern auch Stipendiatenprogramme für Menschen mit Migrationshintergrund unterstütze, indem erfahrene Mentoren sie auf ihren Lebenswegen begleiten. Alle waren sich einig: die Vielfalt in den Medien müsse vorangetrieben werden. Frauen könnten dabei als Vorreiter für viele andere Minderheiten fungieren.

Zum Abschluss warf man einen kritischen Blick auf die Probleme der deutschen Medienvertreter in der Türkei und vice versa. Auch türkische Medien in Deutschland hätten mit Schwierigkeiten zu kämpfen, weil seit 2017 ausländische Journalisten überwacht werden dürften, wenn es im politischen Interesse Deutschlands ist. Ausländische Journalisten in der Türkei hätten hingegen eher Probleme mit der Akkreditierung. Oft müssten die Korrespondenten lange darauf warten. Beide Seiten einigten sich darauf, dass eine engere Zusammenarbeit gefördert werden soll.

Eine weitere Einigkeit unter den Teilnehmern herrschte zum Schluss über die Zukunft des deutsch-türkischen Netzwerks: Sie wollen den Kontakt untereinander weiter intensivieren und nachhaltig ausbauen und somit begaben sie sich auf ihre Heimreise. Im Gepäck: viele neue Ideen, Vorsätze, neue Impulse für die Zukunft und eine Menge neuer Kontakte.
 

Teilen

Zum Kalender hinzufügen

Veranstaltungsort

Villa La Collina - Cadenabbia
Via Roma 11,
I - 22011 Griante-Cadenabbia (CO)
Italien

Anfahrt

Kontakt

Walter Glos

Walter Glos

Leiter des Auslandsbüros Türkei

Walter.Glos@kas.de +90 312 440 40 80 +90 312 440 32 48
Kontakt

Arzu Yüzgeç

Arzu Yüzgeç

Projektkoordinatorin

arzu.yuzgec@kas.de +90 312 440 40 80 +90 312 440 32 48