Der politische Streit dreht sich regelmäßig um die Frage, was Gerechtigkeit sein soll und wie sie umgesetzt werden kann. Scheinbar unversöhnlich konkurrieren dabei unterschiedliche Vorstellungen miteinander, die entweder die individuelle Leistung als alleinigen Maßstab für Gerechtigkeit heranziehen, oder aber in einer idealtypischen Gleichheit die wahre Gerechtigkeit zu sehen meinen.
Das Wirtschafts- und Gesellschaftsmodell, das diesen scheinbaren Widerspruch auflöst und für das die Konrad-Adenauer-Stiftung steht, ist die Soziale Marktwirtschaft. Sie ist eine faire und auf Ausgleich bedachte Ordnung, die wirtschaftliches Wachstum mit gesellschaftlichem Zusammenhalt verbindet. Sie ist eine Ordnung, die auf einen regelgeleiteten Wettbewerb setzt, der Wohlstand schafft, aber die Menschen nicht alleine lässt. Ein sozialer Ausgleich über starke Steuer- und Sozialsysteme sorgt dafür, dass der geschaffene Wohlstand nicht nur Einzelnen, sondern der Gesellschaft als ganzer zukommt und damit zum „Wohlstand für alle“ (Ludwig Erhard) wird.
Die theoretischen Grundlagen der Sozialen Marktwirtschaft liegen im Ordoliberalismus und in der Katholischen Soziallehre. Im Mittelpunkt steht dabei der Mensch als Person. Dieses zutiefst christliche Menschenbild unterscheidet sich grundsätzlich vom Menschenbild des Liberalismus wie auch des Sozialismus. Gegen den Liberalismus betont es die im Menschen immer schon angelegte Orientierung auf den Mitmenschen hin, die die Grundlage der Solidarität ist. Und gegen den Sozialismus betont es den Vorrang des Einzelnen vor dem Staat als Bedingung menschlicher Freiheit und Autonomie. Dieses ganzheitliche Bild macht den Erfolg der Sozialen Marktwirtschaft aus.
Als Regionalprogramm „Soziale Ordnungspolitik in Lateinamerika“ (SOPLA) begrüßen wir es sehr, dass sich die Päpstliche Katholische Universität Chile (PUC) in einem interdisziplinären Kolloquium mit den Fragen im Grenzbereich zwischen Theologie, Ethik und Ökonomie beschäftigt, und unterstützen diese Initiative gern. Das vorliegende Buch erlaubt einen Einblick in die spannenden Debatten dieses interdisziplinären Kolloquiums. Es startet ausgehend von John Rawls mit theoretischen Überlegungen zu Gerechtigkeit und Soziallehre, bleibt aber nicht dort stehen. Vielmehr stellt es sich erfolgreich der Frage, wie sich diese theoretischen Überlegungen in konkrete praktische Politik übersetzen lassen und bietet eben jene Soziale Marktwirtschaft als gerechtes und menschliches Ordnungsmodell an.
Liebe Leserinnen und Leser, dieses gemeinsam von PUC und SOPLA herausgegebene Buch zeigt, dass die kirchliche Soziallehre mit ihren Prinzipien der Personalität, Solidarität und Subsidiarität eine gute und gerechte Grundlage moderner Gesellschaftsordnungen sein kann. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen eine anregende Lektüre und gute Gedanken!