Veranstaltungsberichte

Gesellschaftlicher Zusammenhalt und politische Bildung

Deutschland und Korea nach der Vereinigung

Ein vereintes Korea stünde vor der Aufgabe, den Bürgern im Norden die Prinzipien der demokratischen Grundordnung zu vermitteln. Diese anspruchsvolle Herausforderung für alle Träger der politischen Bildung in Südkorea war Anlass für das Auslandsbüro Korea der Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS) und die Korean Association of Democratic Civic Education (KADE), am 14. November 2012 ein Symposium in Seoul zu veranstalten. Experten diskutierten über Möglichkeiten einer modernen Demokratieerziehung unter Bezug auf deutsche Erfahrungen nach 1990.

Die Maßnahme fand in den Räumen der Nationalen Wahlkommission statt und wurde vom Büro des Ministers für Sonderangelegenheiten unterstützt. Prof. Dr. Chanrai Cho, Präsident der KADE, Dainyeon Kim von der Nationalen Wahlkommission und Dr. Norbert Eschborn, Leiter des Auslandsbüros Korea der KAS, begrüßten die Gäste der Veranstaltung.

Erfahrungen nach der deutschen Wiedervereinigung: ostdeutsche und südkoreanische Perspektiven

Um den koreanischen Teilnehmern eine besonders glaubwürdige Perspektive der Erfahrungen mit der der deutschen Wiedervereinigung zu vermitteln, hatten die Veranstalter Eckhard Ruminski, wissenschaftlicher Mitarbeiter des Bildungswerks Potsdam der KAS, als Referenten gewonnen. Ruminski war Bürger beider deutscher Staaten und hatte den Wiedervereinigungsprozess aus einer beruflichen Position innerhalb des politischen Systems der ehemaligen DDR miterlebt. Er schilderte im Detail und mit persönlichen Anmerkungen versehen die Erfahrungen des Vereinigungsprozesses aus der Sicht eines Ostdeutschen.

Die deutsche Wiedervereinigung war ein großes Ereignis für die ostdeutschen Bürger. Die deutschen politischen Stiftungen analysierten die zu erwartenden Veränderungen und Herausforderungen durch die Wiedervereinigung und führten verschiedene Aktivitäten der politischen Bildung durch. Diese Austausche und Kooperationen führten nach der Wiedervereinigung in den neuen Bundesländern allmählich zum Aufbau dauerhafter Bildungsprojekte. Die politischen Stiftungen förderten durch zahlreiche unterschiedliche Maßnahmen die Schulung der ostdeutschen Bürger über das demokratische politische System, soziale Marktwirtschaft, kommunale Selbstverwaltungspolitik sowie die Stellung Deutschlands in und zu Europa. Auch wurden Rhetorik und Kommunikation gelehrt.

Für ihre Integration war es besonders wichtig, die demokratische Gesellschaft den ostdeutschen Bürgern verständlich zu machen und sie darin bewusst aufzunehmen. Da es nach der Wiedervereinigung für die Mehrheit der ostdeutschen politischen Eliten nicht möglich war, weiterhin politisch tätig zu sein, war es auch die Aufgabe der Parteien und der politischen Stiftungen, das kommunale Selbstverwaltungssystem aufzubauen und Politiker auszubilden. Bei allen Problemen, die aus heutiger Sicht vielleicht noch nicht zufriedenstellend gelöst sein, resümierte Ruminski: Hätte es die politischen Stiftungen damals nicht gegeben, wäre es sehr schwierig gewesen, die Wiedervereinigung politisch durch die ostdeutschen Bürgerinnen und Bürger mittragen zu lassen.

Dr. Huh Jun Young vom Korea Institute of Public Administration (KIPA) referierte anschließend über Maßnahmen für ostdeutsche Flüchtlinge bzw. Übersiedler und ihre Integration in der Bundesrepublik Deutschland. Er erläuterte, dass nach der Wiedervereinigung unerwartete gesellschaftliche Konflikte entstanden seien. Beide Seiten, Ostdeutsche und Westdeutsche, hätten Probleme damit gehabt, sich gegenseitig anzunehmen. Aus diesem Grund sei es naheliegend anzunehmen dass eine staatliche Vereinigung über die Territorialfrage hinausgehen und vielmehr den vereinigten Volksteilen das Gefühl geben müsse, Teil der gesamten, neuen Nation zu sein. Gesellschaftlich-kulturelle Bildungsprogramme im großen Rahmen seien dazu erforderlich.

Auf der Basis der deutschen Erfahrungen könne man feststellen, dass die Priorität der Vereinigung nicht darin bestehe, sich zu assimilieren, sondern sich gegenseitig sich zu verstehen und anzunehmen. In Korea hingegen werde erwartet, dass die nordkoreanischen Flüchtlinge Demokratie und kapitalistische Gesellschaft von selbst verstehen und allein selbstständig werden.

Probleme der gegenwärtigen Integrationspolitik sowie bröckelnder nationaler Gedanke

Prof. Dr. Duchel Shin (Korean Civic Education Institute for Democracy/KOCEI) wies darauf hin, dass derzeit die Förderung der nordkoreanischen Flüchtlinge in Südkorea nur auf die Unterstützung beim gesellschaftlichen Einleben und die wirtschaftliche Integration fokussiert. Fast alle nordkoreanischen Flüchtlinge litten finanziell und hätten psychologische Probleme, auch hinsichtlich ihrer Unterschiede bei Werten, Denkweisen und vor allem bezüglich des gesellschaftlichen Systems Südkoreas. Finanzielle Selbstständigkeit, aber auch die Befähigung, politische Rollen und Pflichten richtig auszuüben, seien notwendig für mündige Staatsbürger und nur mit politischer Bildung erreichbar. Politische Bildung helfe, proaktiv Probleme zu lösen und gesellschaftlich zu lernen. Sie sei wichtig als Hilfsmittel zur Vermeidung von Vernachlässigung und Diskriminierung nordkoreanischer Flüchtlinge. Insbesondere nach der Wiedervereinigung komme ihr eine noch höhere Bedeutung zu bei der Vorbereitung von Wahlen, dem Aufbau von zivilgesellschaftlichen Organisationen für die nordkoreanischen Flüchtlinge usw.

Dr. Chung Ha Yoon (Korea University) stellte die Ergebnisse eigener Forschungen vor. Demnach sinkt das Interesse an der Wiedervereinigung und Nordkorea in der Gesamtbevölkerung. Besonders bei den jüngeren Generationen ist das Image von Nordkorea negativ, und die Rate derer, die Nordkorea als ein anderes Land empfinden, steigt. Der Grund dafür bestehe in den Herangehensweisen an die Fragen der Wiedervereinigung und der gesellschaftlichen Integration. Es bestehe ein Dilemma in der Frage, ob man beide Koreas als ein oder zwei Länder sehen muss. Dies ist auf fehlende sachliche Information über Nordkoreas Realität zurückzuführen. Deswegen müsse man den Charakter der modernen Gesellschaft im Globalisierungs- und Informationszeitalter sowie die multikulturelle Gesellschaft beachten und gleichzeitig die Allgemeinheiten und Besonderheiten des getrennten Landes im Zusammenhang mit der wechselseitigen Kultur und dem Alltagsleben berücksichtigen.

Ansätze für eine zweckmäßige Integrationspolitik

In der anschließenden Diskussion wurde moniert, dass man sich in der gesellschaftlichen Debatte in Südkorea immer noch nur auf die Tatsache der Wiedervereinigung und nicht auf die Situation nach der Wiedervereinigung konzentriere. 25 Millionen Nordkoreaner seien unerfahren mit der Demokratie, gleichwohl werde man in einem Land zusammenleben müssen. Korea sei in einer „geteilteren“ Situation als Deutschland es war, und es lägen noch viele potentielle Konflikte vor.

Nach der deutschen Wiedervereinigung gab es verschiedene Bildungsprogramme für ostdeutsche Bürger zur Politik und Gesellschaft Westdeutschlands. Dafür bestand vergleichsweise hohes Interesse, da dies fremde Themen waren. Im vergleichbaren Kontext werde es nach der koreanischen Wiedervereinigung für die Nordkoreaner eine Art von revolutionärer Erfahrung geben, wobei es gelte, deren Lebensunterhalt zu sichern und sie in das politische System Gesamtkoreas zu integrieren. Deswegen sei es nötig, ein gesundes politisches Bewusstsein auf beiden Seiten aufzubauen. Es sei zwar wichtig, die multikulturelle Gesellschaft aufzubauen, doch müsse zugleich die Identität Koreas deutlicher werden.

Wenn man die deutsche Situation betrachte, könne man feststellen, dass es nicht richtig sei, dass die Mehrheit über die Minderheit bestimme und deswegen Vereinigungsfragen in einem gegenseitigen interkulturellen Kontext gelöst werden müssten. In Südkorea würden die nordkoreanischen Flüchtlinge derzeit noch als Fürsorgefälle betrachtet und als wirtschaftlich inkompetent. Es sei deswegen sehr bemerkenswert, dass in Deutschland nach 15 Jahren Vereinigung der Regierungschef aus Ostdeutschland stamme, und nach 22 Jahren auch der Staatschef, was erstaunlich sei. Es sei wünschenswert, dass Grundfürsorgeunterstützung für nordkoreanische Flüchtlinge aufgebaut und dadurch es möglich werde, Bürgerbewusstsein zu schaffen


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Stefan Samse

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Leiter des Rechtsstaatsprogramms Asien

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