Veranstaltungsberichte

Konzepte für die politische Bildung nordkoreanischer Flüchtlinge

Deutsche Erfahrungen für Korea

Die koreanische Halbinsel ist seit nunmehr 60 Jahren geteilt. Katastrophale Lebensbedingungen im repressiven System des nördlichen Teils veranlassen Nordkoreaner, die gefährliche und langwierige Flucht nach Südkorea auf sich zu nehmen. Diese Entwicklung stellt die Republik Korea vor die Herausforderung, die Flüchtlinge, die im Kontext von Diktatur und Armut aufgewachsen sind, in das demokratische System der südkoreanischen Gesellschaft einzugliedern. Deutsche Erfahrungen mit Flüchtlingen aus der ehemaligen DDR können hier hilfreich sein.

Daher veranstaltete die Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS) in Kooperation mit der Yeomyung School vom 30.-31. August einen Workshop in Gyeongju, um auf der Basis der deutschen Erkenntnisse politische Bildungskonzepte für Korea zu erarbeiten.

Hung Hoon Lee, der Leiter Yeomyung Schule, die eröffnete die Veranstaltung mit dem Hinweis auf das Veränderungspotenzial, das ein Regimewechsel in Nordkorea seiner Ansicht nach berge. In Deutschland habe niemand den Fall der Mauer erwartet. Daher sei auch eine Wiedervereinigung auf der koreanischen Halbinsel vielleicht näher als gedacht. Für ihn persönlich sei die Arbeit der Yeomyung School, die sich für die Ausbildung nordkoreanischer Flüchtlinge engagiert, eine Herzensangelegenheit. Die Flüchtlinge seien traumatisiert und mangelhaft ausgebildet, weshalb spezialisierte Hilfe notwendig sei, um ihnen ein glückliches und erfülltes Leben in Südkorea zu ermöglichen. In dieser Aufgabe sehe man darüber hinaus auch die Basis für eine Wiedervereinigung mit Nordkorea. Der Workshop biete in diesem Zusammenhang eine gute Gelegenheit, um aus den deutschen Erfahrungen zu lernen, begangenen Fehlern vorzubeugen und ein Konzept für eine optimale Ausbildung der Flüchtlinge zu erstellen.

Dr. Norbert Eschborn, Leiter des KAS-Auslandsbüros Korea, lobte in seiner Ansprache die Arbeit der Yeomyung School. Jedermann merke, dass das Engagement der Lehrer von Herzen komme und die Ergebnisse der gemeinsamen Veranstaltungen in der Praxis Anwendung fänden.

Die Wiedervereinigung Deutschlands: Eine andauernde Herausforderung

Der erste Teil der Veranstaltung behandelte die Transformation und den sozialen Wandel nach der deutschen Wiedervereinigung. Durch eine persönliche Analyse des deutschen Referenten Christoph Korneli, Referent der Berliner KAS-Akademie, erhielten die koreanischen Teilnehmer einen Einblick in die Probleme, mit denen sich Deutschland in Folge der Wiedervereinigung konfrontiert sah.

Der Fall der Mauer sei völlig unvorbereitet gekommen und habe Deutschland vor enorme Herausforderungen gestellt, so Korneli. Während die Wiedervereinigung auf der einen Seite ein wunderbares Ereignis dargestellt habe, sei sie auf der anderen Seite auch mit zahlreichen Problemen verbunden gewesen. Sie habe einen Gewinn an ungekannten Freiheiten bedeutet, allerdings auch den Verlust an Vertrautem mit sich gebracht. Die Erwartungen und Ansprüche der ostdeutschen Bevölkerung seien groß gewesen, ebenso die anfängliche Euphorie, allerdings sei dies mit den aufkommenden Problemen zunehmend in Ernüchterung umgeschlagen.

Eine besondere Schwierigkeit habe die Transformation der zentralen Planwirtschaft der DDR in eine Marktwirtschaft nach westdeutschem Vorbild dargestellt. Die ostdeutschen Betriebe seien den neuen Bedingungen in keiner Weise gewachsen gewesen, was einen massenhaften Wegfall an Arbeitsplätzen nach sich gezogen habe. Insbesondere innerhalb der Generation der 40- bis 60-Jährigen sei es daher zu "gebrochenen Lebensläufen" gekommen. Im Osten habe sich in Folge dessen ein "sozialer Minderwertigkeitskomplex" entwickelt, der in Resignation mündete und schließlich u.a. in ausgeprägter Fremdenfeindlichkeit ein Ventil fand.

Aus heutiger Sicht könne man die Wiedervereinigung metaphorisch durch zwei Züge darstellen, die sich mit unterschiedlicher Geschwindigkeit fortbewegen: Die Anpassung der äußerlichen Lebensverhältnisse, die relativ schnell erreicht worden sei und die Wiederherstellung der inneren Einheit, die auch heute noch nicht gänzlich abgeschlossen sei. Die Wiedervereinigung Deutschlands sei zwar nicht reibungslos verlaufen, stelle aber nichtsdestotrotz einer der größten Erfolge der deutschen Geschichte dar.

In der anschließenden Diskussionsrunde kam unter anderem eine Frage auf, die die Problematik des ideologisch verzerrten Geschichtsunterrichts in der ehemaligen DDR aufgriff. Wie sei mit den ostdeutschen Geschichtslehrern verfahren worden? Habe es einen staatlichen Plan zu deren Umschulung gegeben? Korneli antwortete, dass man die Übernahme des ostdeutschen Lehrpersonals durchaus sehr kritisch gesehen habe. Die geisteswissenschaftlichen Fächer stellten in diesem Kontext aufgrund der ideologischen Indoktrination in der DDR ein besonderes Problem dar. Die Übernahme der Lehrer sei zunächst von deren Mitarbeit für den Staatssicherheitsdienst und deren Tätigkeit in der SED abhängig gemacht worden. Auf diese Weise sollte verhindert werden, dass ehemalige Stasimitarbeiter oder hochrangige Parteifunktionäre jungen Menschen ihr verzerrtes Weltbild vermittelten konnten. Um die sachliche Qualifikation der Pädagogen sicherzustellen, seien zahlreiche Fortbildungsseminare, Begegnungsveranstaltungen zwischen Lehrern aus Ost- und Westdeutschland und ähnliche Weiterbildungsprogramme angeboten worden. Eine zentrale staatliche Maßnahme zur Umschulung der Lehrer habe allerdings nicht stattgefunden.

Eine weitere Frage betraf staatliche Maßnahmen zur Unterstützung der sozialen Integration und die Schwerpunktsetzung bei der Verwendung der finanziellen Mittel. Christoph Korneli erläuterte, dass in diesem Zusammenhang ein Großteil des Geldes in den Aufbau der Infrastruktur der neuen Bundesländer geflossen sei. Dies sei aufgrund der dortigen großen Mängel dringend notwendig gewesen. Die soziale Integration habe der Bund ebenfalls stark finanziell unterstützt, zentrale staatliche Programme oder Projekte habe es allerdings nicht gegeben. Vielmehr seien die Mittel gezielt dort eingesetzt worden, wo man sie benötigt habe.

Die KAS als Träger der politischen Bildung in Deutschland

Der zweite Teil der Veranstaltung drehte sich um die konkrete Arbeit der KAS im Bereich der politischen Bildung in den neuen Bundesländern. Vor dem Fall der Mauer habe in Form von Bildungsreisen bereits die Möglichkeit bestanden, Ostdeutschland zu besuchen. Allerdings seien die Bewegungsfreiheit und die Handlungsmöglichkeiten der Teilnehmer durch strikte Kontrollen enorm eingeschränkt worden. Die eigentliche Arbeit der KAS habe somit erst nach dem Mauerfall begonnen. In den frühen Jahren der Wiedervereinigung, während die KAS ihre Zweigstellen in den neuen Bundesländern aufgebaut habe, habe der Fokus der Arbeit auf der Beratung der Politiker und der Vermittlung von Grundlagenwissen an Verwaltung und Polizei gelegen. Besondere Zielgruppen seien in diesem Zusammenhang Kommunalpolitiker, Polizisten und Lehrer gewesen. Zudem habe sich die KAS aktiv engagiert um das ideologisch besetze Bild der politischer Bildung zu korrigieren und diese neu aufzubauen.

Ziel der Arbeit direkt nach der Wiedervereinigung sei es gewesen die Grundlagen der sozialen Marktwirtschaft sowie die Gedanken der Freiheit, Gerechtigkeit und Eigenverantwortung zu vermitteln und im Bewusstsein der Menschen zu verankern. Dies sei insbesondere aufgrund der zunehmenden Ernüchterung der Bevölkerung angesichts der wirtschaftlichen und sozialen Probleme, die mit der Wiedervereinigung einhergingen, oftmals eine sehr schwierige Aufgabe gewesen. Die aufkommende Frustration habe ein gewisses Gefahrenpotenzial geborgen: Sowohl Fremdenfeindlichkeit als auch die Flucht in bekannte Ideologien seien Folgeerscheinungen der Desillusionierung gewesen. Die KAS sei diesen Entwicklungen mit einer Fülle verschiedener Maßnahmen begegnet. Priorität habe dabei die Arbeit mit ostdeutschen Jugendlichen gehabt, denen man in speziellen Seminaren politische Bildung vermittelte und in Begegnungsseminaren ihre westdeutschen Altergenossen näher brachte. Um Defiziten in der Schulbildung vorzubeugen habe man zudem Fortbildungsprogramme für ostdeutsche Lehrer angeboten, die oftmals mit den neuen Lehrinhalten überfordert waren. Weitere Schwerpunkte seien zudem Rhetorik- und Kommunikationstraining sowie die Auseinandersetzung mit der DDR- Vergangenheit gewesen.

Bei allen Maßnahmen sei es von besonderer Bedeutung gewesen, von reiner Wissensvermittlung abzusehen und vielmehr interaktive, praktische Programme anzubieten.

Methodik und Formate der politischen Bildung

Um den Teilnehmern der Yeomyung School einen Einblick in die aktuelle Arbeit der KAS zu geben, referierte Christoph Korneli schließlich abschließend über die Formate und Methodik der politischen Bildungsarbeit. Das am stärksten prägende Charakteristikum des deutschen Systems der politischen Bildung sei der Pluralismus. Neben der staatlichen "Bundeszentrale für politische Bildung" und der politischen Bildung im Schulunterricht existierten daher zahlreiche individuelle Vereine und Projekte sowie die politischen Stiftungen. Diese würden zwar das Weltbild der einzelnen Parteien Deutschlands vertreten, seien allerdings sowohl finanziell als auch personell unabhängig von den Parteien. Die Bürger sollten zu kritischen und politisch denkenden Menschen gebildet werden, um auf diese Weise dazu befähigt zu werden, sich eine eigene Meinung zu bilden, um aktiv am demokratischen Prozess teilnehmen zu können.

Um dies zu vermitteln, spiele frontale Wissensvermittlung keine Rolle; vielmehr müssten Programme interaktiv und kreativ gestaltet sein. Die wichtigsten Formate der KAS seien in diesem Kontext öffentliche und zielgruppenorientierte Seminare oder Workshops, den Schulunterricht begleitende Veranstaltungen wie Projekttage, Wettbewerbe, Begegnungsveranstaltungen, Gesprächsrunden mit Politikern und andere. Zentrales Ziel sei dabei immer die Förderung einer lebendigen und pluralistischen Zivilgesellschaft gewesen.

Geschichte Nordkoreas und Integration nordkoreanischer Flüchtlinge in Südkorea

Am 31. August wurde der Workshop mit dem Fokus auf Nordkorea fortgesetzt. Eingeleitet wurde dies durch den Vortrag von Aritomo Shun, der in Japan geboren und aufgewachsen ist, in den 1960ern nach Nordkorea auswanderte und schließlich nach Südkorea floh.

Er leitete seinen Vortrag mit einer knappen Schilderung der nordkoreanischen Geschichte ein. Die erste dieser Phasen habe den Zeitraum von der Staatgründung 1953 bis 1966 umfasst. In dieser Zeit habe das nordkoreanische Regime versucht, den Kommunismus in der Bevölkerung zu verankern, habe allerdings schnell erkannt, dass dies aufgrund der starken konfuzianischen Prägung der Menschen nicht zu realisieren sei. Da das Ziel der ersten Phase gescheitert sei, sei man 1967 in die zweite Stufe übergegangen, die bis 1997 angedauert habe. In dieser sei das Regime dazu übergegangen, im Sinne der „Juche“ (gesprochen: Tschutsché)-Ideologie die Loyalität gegenüber dem Führer Kim Il Sung zu propagieren. Diese Entwicklung sei einem Rückschritt in die stark konfuzianisch geprägte koreanische Vormoderne gleichgekommen, in der die Unterordnung gegenüber einem Herrscher von zentraler Bedeutung gewesen sei.

Mit der dritten Phase habe schließlich die Zeit der "Militär zuerst" Politik begonnen, im Zuge derer dem Militär und seinen Belangen absolute Priorität eingeräumt worden sei. In dieser Phase sei es zu starken Veränderungen in Nordkorea gekommen. Ausgeprägte Armut habe weite Teile der Bevölkerung erfasst, Werte seien verfallen, man habe nur noch ums Überleben gekämpft. Dementsprechend habe sich in dieser Zeit auch die Anzahl der Flüchtlinge erhöht, die in Erwartung eines besseren Lebens nach Südkorea gekommen seien.

Mit den ersten Flüchtlingen habe die südkoreanische Regierung das Gesetz zur Integration nordkoreanischer Flüchtlinge beschlossen, wonach jeder Flüchtling vom Staat eine finanzielle Starthilfe erhalte. Diese finanzielle Unterstützung sei zwar grundsätzlich positiv zu bewerten, ihre Höhe müsse allerdings genau kalkuliert werden. Zu hohe Beträge würden verhindern, dass die Flüchtlinge sich zu selbstständigen Bürgern entwickelten. Da Selbstständigkeit jedoch höchste Priorität habe, müssten spezielle Programmen aufgelegt werden, um den Nordkoreanern ein selbstbestimmtes Leben in Südkorea zu ermöglichen. Von der Methodik sprach sich Shun, wie auch Christoph Korneli, gegen Frontalunterricht und reine Wissensvermittlung aus. Interaktive Projekte, an denen die Flüchtlinge aktiv beteiligt würden, seien weitaus erfolgversprechender. Insbesondere auf die Vermittlung humanwissenschaftlicher Fächer sollte Wert gelegt werden, da sie in Nordkorea vernachlässigt würden.

In der abschließenden Diskussion lautete die letzte Frage schließlich, wie Korneli persönlich die deutsche Wiedervereinigung einschätze, ob er die Meinung vertrete, dass Ost- und Westdeutschland nach dem Fall der Mauer ein neues Deutschland gebildet hätten. Formal spreche man von einem Beitritt Ostdeutschlands, so der deutsche Referent daraufhin. Er sei allerdings von ganzem Herzen überzeugt, dass die Wiedervereinigung die ganze Bundesrepublik verändert habe und ein somit ein neues Deutschland entstanden sei.

Kontakt

Stefan Samse

Stefan Samse bild

Leiter des Rechtsstaatsprogramms Asien

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