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Konrad-Adenauer-Stiftung (Logo)Die Politische Meinung

Kristina Spohr: Helmut Schmidt. Der Weltkanzler, Theiss Verlag, Darmstadt 2016, 384 Seiten, 29,95 Euro.

''Thomas Karlauf: Helmut Schmidt. Die späten Jahre, Siedler Verlag, München 2016, 555 Seiten, 26,99 Euro.''



Helmut Schmidt galt vielen als Übergangskanzler, der zwar als pragmatischer Krisenmanager überzeugt, jedoch weder Visionen gehabt noch an einem historischen Großereignis mitgewirkt habe. Er blieb somit stets im Schatten seiner Vorgänger Konrad Adenauer und Willy Brandt sowie seines Nachfolgers Helmut Kohl.

Die Teilbiographien von Kristina Spohr und Thomas Karlauf hinterfragen diese Interpretation auf unterschiedliche Weise. Die an der London School of Economics lehrende Deutsch-Finnin Spohr betrachtet Schmidts Kanzlerjahre aus globaler Perspektive. Sie kommt zu dem Schluss, dass der „Weltkanzler“ – so der Titel des Buches – die Transformation der Bundesrepublik zum Mitspieler unter den Großmächten vollbracht und damit zum Wandel des internationalen Systems der 1970er-/1980er-Jahre beigetragen habe.

Karlauf, der als Cheflektor des Siedler Verlags fast alle Bücher Schmidts betreut hat, widmet sich dessen „späten Jahren“, also seiner Karriere als Altkanzler, die mit 33 Jahren ähnlich lange dauerte wie seine aktive politische Laufbahn.

Rund um den Todestag des 96-Jährigen am 10. November 2015 kamen mehrere Biographien auf den Markt, die überwiegend chronologisch die Lebensstationen Schmidts nachzeichnen. Die Bücher von Michael Schwelien (Helmut Schmidt. Ein Leben für Deutschland. Die Biographie, Hamburg 2015) und Martin Rupps (Der Lotse. Helmut Schmidt und die Deutschen, Zürich 2015) bauen auf älteren Biographien der Autoren auf, wobei Rupps in seinem neuen Werk Schmidt teils überspitzt als „Soldatenpolitiker“ und Vertreter einer überkommenen Generation der Deutschen darstellt. Die wohlmeinende Biographie von Gunter Hofmann (Helmut Schmidt. Soldat, Kanzler, Ikone, München 2015) hinterlässt den Eindruck, etwas übereilt zusammengestellt worden zu sein.

Die Arbeiten von Spohr und Karlauf heben sich von diesen Biographien nicht nur durch ihre spezifische Fragestellung ab, sondern fußen auf umfassender Archivarbeit, die auch Schmidts Privatarchiv einschloss. Beide Autoren führten zudem kurz vor dessen Tod mehrere Gespräche mit Schmidt. Dabei gehen auch Spohr und Karlauf grundsätzlich chronologisch vor, wobei stets zurückliegende Prägungen in die Erzählung eingebunden werden. Zudem geben die beiden Biographien interessante Einblicke in das Beziehungsgeflecht mit Wegbegleitern und politischen Gegnern.

Global denkender Stratege

Spohr blendet dabei die innenpolitische Perspektive aus und beschränkt ihre Studie auf Schmidts Wirken als Bundeskanzler auf globaler Ebene – insbesondere auf seine Weltwirtschafts- und Sicherheitspolitik. Sie beginnt mit Schmidts Reaktion auf die internationale Wirtschaftskrise in der ersten Hälfte der 1970er-Jahre und seinem Anteil an der Entwicklung der G7 zu einem Instrument der Weltwirtschaftspolitik. Anschließend setzt sie sich mit den Grundlagen von Schmidts Gleichgewichtsdenken auseinander und beschreibt Schmidt als „Verteidigungs-Intellektuellen“ (S. 77) in den 1950er-/1960er-Jahren, als Krisenmanager während der Sturmflut in Hamburg 1962 sowie seine Rolle bei der Formulierung der Ostpolitik der sozialliberalen Regierung.

Der nächste Abschnitt widmet sich der „Neutronenbomben-Affäre“, die das Verhältnis zwischen Schmidt und dem amerikanischen Präsidenten Jimmy Carter nachhaltig beschädigte. Im Folgenden wird Schmidts maßgebliche Rolle bei der Formulierung des NATO-Doppelbeschlusses dargelegt, der die Stationierung modernisierter amerikanischer Mittelstreckenraketen in Westeuropa vorsah, sollte sich die Sowjetunion in Verhandlungen nicht bereit erklären, ihrerseits ihre auf Westeuropa gerichteten Atomraketen abzurüsten. Dabei habe Schmidt der Bundesrepublik in Guadeloupe einen Platz am Verhandlungstisch der westlichen Atommächte verschafft. Abschließend beschreibt Spohr die Diskussion um den Doppelbeschluss und die stockenden Abrüstungsverhandlungen zwischen den Supermächten. Hier habe sich Schmidt als „Doppeldolmetscher“ (S. 243) bemüht, einen Verhandlungserfolg herbeizuführen.

Doppeldolmetscher

Spohr gelingt es nicht immer, ihre Bewunderung für Helmut Schmidt zu verbergen. Dies zeigt sich ebenso in einigen Begrifflichkeiten wie „Weltkanzler“ oder „Weltökonom“ (S. 29) wie in ihrer Schlussfolgerung: „Keiner seiner vier Vorgänger, auch nicht Adenauer und Brandt, hatte in der Weltpolitik eine derart prominente Stellung erlangt“ (S. 18). Auch wenn Spohrs Ausführungen zu Schmidts ökonomischem und intellektuell-strategischem Denken sowie seiner Rolle bei dem Ausbau der Gipfeldiplomatie sehr verdienstvoll sind, bleiben manche ihrer Analyseergebnisse diskussionswürdig.

So hatte Schmidt zwar entscheidenden Anteil an der Formulierung des NATO-Doppelbeschlusses und wertete die Rolle der Bundesrepublik durch die in Guadeloupe beginnenden 1+3-Beziehungen auf. Dass Schmidt durch seine „Doppeldolmetscherrolle“ Einfluss auf die Abrüstungsverhandlungen der Supermächte nehmen konnte, ist jedoch fraglich. Während seiner Amtszeit bewegte sich in dieser Hinsicht wenig. Schließlich wurde zunächst lediglich der Nachrüstungsteil des Doppelbeschlusses umgesetzt, der schon zuvor zu Schmidts Machtverlust und der Spaltung der SPD geführt hatte. Die Verhandlungen in Reykjavik 1987, welche die Abrüstung aller nuklearen Mittelstreckensysteme festlegten, können kaum noch auf Schmidts Leistungsbilanz verbucht werden. Vor diesem Hintergrund erscheint Spohrs Fazit darüber, welche Voraussetzungen dazu geführt haben, dass bei der Deutschen Einheit nicht über, sondern mit den Deutschen verhandelt wurde, zu teleologisch: „2+4 wurde erst durch die Fortschritte ermöglicht, die zuvor über 1+3 und das doppelte Dolmetschen erreicht worden waren“ (S. 321).

Politische Leitfigur ohne politischen Einfluss

Interessanterweise gelingt es Thomas Karlauf trotz langjähriger Zusammenarbeit mit Helmut Schmidt besser als der Wissenschaftlerin, in aller Fairness die kritische Distanz zu wahren. Ihm selbst sei im Laufe des Schreibprozesses klar geworden, dass die Veröffentlichung des Buches sein Verhältnis zu Schmidt „zweifellos beschädigen“ (S. 10) würde. Schmidts Tod habe insofern für den Schreibprozess befreiend gewirkt.

Karlauf beginnt seine Biographie mit der Beschreibung des Kanzlersturzes von 1982 und den Bemühungen Schmidts, diesen als Folge des Verrats durch die FDP darzustellen. Anschließend wird das gespannte Verhältnis zur SPD beschrieben, die entgegen dieser Interpretation durch ihre Haltung zum NATO-Doppelbeschluss ebenfalls entscheidend zur Ablösung der sozialliberalen Koalition beigetragen habe. Im Folgenden legt Karlauf dar, wie der Altkanzler einerseits über seine Herausgebertätigkeit bei der Zeit, sein Engagement im Inter-Action Council (einem Gremium ehemaliger internationaler Spitzenpolitiker), seine Auslandsreisen sowie seine Publikationen Einfluss zu nehmen versuchte – und damit weitgehend gescheitert sei. Bei seinen Nachfolgern Helmut Kohl und Gerhard Schröder hätten seine Ratschläge wenig Resonanz gefunden, das Verhältnis zur SPD sei auch in den Jahrzehnten nach dem Ende seiner Kanzlerschaft angespannt geblieben.

Umso interessanter ist es, wie es Schmidt gelang, trotz durchaus kritikwürdiger Positionen, zum Beispiel zum Asylrecht, zur Menschenrechtspolitik Chinas oder zu den Verbrechen der Wehrmacht, in seinen letzten Lebensjahren zum „politischen Vorbild“ (S. 428) der Deutschen zu werden und die Deutungshoheit über sein politisches Leben zu behalten. Karlauf legt zwar dar, welches Bild der Altkanzler von sich selbst – durchaus erfolgreich – zu schaffen versuchte. Er deckt jedoch Klitterungen in diesem Bild auf, wie etwa Schmidts Narrativ über seinen jüdischen Großvater, der ihn immun gemacht habe gegenüber dem Nationalsozialismus. Den Großvater habe es wohl gegeben, von ihm erfahren haben dürfte Schmidt jedoch erst 1978.

Beide Autoren haben nicht den Anspruch, eine umfassende Biographie über Helmut Schmidt vorzulegen. Die Werke eignen sich daher nur bedingt als Einstiegslektüre, beleuchten aber interessante, bislang wenig beachtete Aspekte von Schmidts Leben und Wirken. Bei Spohr bietet vor allem die globale Perspektive neue Einblicke in Schmidts Denken und Handeln als Bundeskanzler. Karlauf befasst sich überhaupt als Erster ausführlich mit der Altkanzlerzeit, die in anderen Biographien lediglich als Epilog abgehandelt wird. Die Biographien stellen somit eine lohnenswerte Lektüre für zeitgeschichtlich vorgebildete Leser dar.


Judith Michel, geboren 1979 in Tübingen, Wissenschaftliche Referentin, Abteilung Zeitgeschichte, Wissenschaftliche Dienste / Archiv für Christlich-Demokratische Politik der Konrad-Adenauer-Stiftung.

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