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Konrad-Adenauer-Stiftung (Logo)Die Politische Meinung

Den Prager Frühling haben Sie als Zwölfjährige miterlebt. Welche Erinnerung haben Sie?

Sylvie Wittmann: Bei uns in der Familie war es eine Zeit der Hoffnung, aber auch der Skepsis. Meine Eltern waren typische Zionisten, was einige Jahre zuvor dazu geführt hatte, dass meine Mutter wegen ihrer politischen Ansichten zeitweilig verhaftet worden war und mein Bruder in ein Waisenhaus gesteckt wurde, weil die Kommunistische Partei der Ansicht war, Leute wie meine Mutter könnten keine Kinder erziehen.

Das kommunistische Regime war für jeden schrecklich, der Verbindungen zum Westen, zu Israel oder zur Religion hatte. Im Hinblick auf die Juden war nicht die Religion das Hauptproblem, sondern die Angst des Regimes vor zionistischen Spionen. Jeder Jude wurde gewissermaßen verdächtigt, für Israel zu arbeiten.

Diese Anspannung ließ im Frühling 1968 zwar merklich nach, aber unsere Familie war angesichts vieler schwieriger Erfahrungen wenig optimistisch. Ich erinnere mich, dass ich damals in der Schule erzählte, was ich zu Hause gehört hatte: Wenn es so weitergeht, werden die sowjetischen Panzer ins Land kommen – wie 1956 in Ungarn. Meine Lehrerin explodierte daraufhin vor Zorn und schrie mich an. Aber nach den Sommerferien marschierten die Warschauer-Pakt-Armeen wirklich ein und beendeten den Prager Frühling.

Später entschuldigte sich meine alte Lehrerin bei mir, ihre schlechten Manieren täten ihr sehr leid. Dann stellte sie mir eine Frage, die mir nie eingefallen wäre: Wieso wisst ihr Juden immer alles im Voraus? Ich war schockiert und hatte keine Ahnung, was das miteinander zu tun haben sollte.

Wie haben Sie die Niederschlagung des Prager Frühlings erlebt?

Sylvie Wittmann: Am 21. August kamen wir mit dem Zug nach Prag zurück, aber der Hauptbahnhof war verbarrikadiert, also mussten wir das letzte Stück laufen. Ich hörte, wie ein sowjetischer Soldat auf einem Panzer seinem Offizier zurief: „Das ist ein Fehler! Das sind unsere Leute!“ Der Offizier schrie zurück und erschoss den Soldaten – nicht einmal hundert Meter von uns entfernt. Später schraubte ich zusammen mit meinen Brüdern die Straßenschilder ab, damit sich die Russen nicht orientieren konnten, und an jeder Ecke waren Leute, die Slogans schrieben. Alles war voller Tränen und gegenseitiger Hilfe. Doch nach einiger Zeit gaben viele auf und wurden vollständig passiv. Selbstverständlich versuchte die tschechoslowakische Staatssicherheit, die gesamte Nation dazu zu bringen, sich gegenseitig zu bespitzeln.

Gab es da noch Raum, sich für die eigenen Wurzeln und für Israel zu interessieren?

Sylvie Wittmann: Als ich von der Schule abging, wurde ich nicht für ein weiterführendes Studium empfohlen, weil ich nie der sozialistischen Bewegung angehört hatte und noch dazu ein Teil meiner Familie im Westen lebte. Wir galten als zionistische Familie. Ich wusste damals nicht recht, was das bedeutete. Natürlich habe ich geweint, weil ich deshalb nicht studieren durfte. Letztlich hat das aber dazu geführt, dass ich anfing, mich über den Zionismus zu informieren und die jüdische Gemeinde zu besuchen.

1983 besuchten Sie zum ersten Mal den Westen und Israel. Was waren Ihre Eindrücke?

Sylvie Wittmann: Mein erster Besuch in Israel war eigentlich nicht legal – das kommunistische Regime hatte ihn ja verboten. Offiziell habe ich also meinen Bruder in Belgien besucht. Eine Woche war ich dort, die andere in Israel.

Von dem ganzen Glamour des Westens war ich einerseits tief beeindruckt; Kaufhäuser mit Waschpulver in fünfzehn Varianten war ich nicht gewohnt. Andererseits habe ich bei meiner Rückkehr aus Israel auch unerfreuliche Erfahrungen gemacht: Die Israelis hatten mir ein Visum auf einem losen Blatt gegeben, damit mein Reisepass in der Tschechoslowakei keinen Verdacht erregen würde. Bei der Ausreise haben die israelischen Beamten das Visum behalten. In Belgien bestand der Zollbeamte aber darauf, das Visum zu sehen. Als er mir drohte, mich nach Hause zurückzuschicken, dachte ich: Wunderbar, normalerweise würde ich übermorgen mit dem Zug fahren, aber gut, dann fliege ich eben heute. Doch er meinte nicht die Tschechoslowakei, sondern Israel. Er sagte, eine Jüdin gehöre nach Israel, und bedrohte mich mit einer Waffe. So wurde ich 1983 in Belgien mit erhobenen Händen in ein Büro geführt, wo man mich von allen Seiten fotografierte.

Später entschuldigte sich der Vorgesetzte bei meinem Bruder. Er sagte: „Wir haben zwei Möglichkeiten. Entweder wir melden, was Ihrer Schwester passiert ist, der Betreffende wird gefeuert, und Ihre Schwester bekommt nie wieder ein Visum für Belgien. Oder ich entschuldige mich bei Ihnen und gebe Ihnen einen Shopping-Gutschein für den Flughafen.“ Wir sahen einander an und gingen – ohne Shopping-Gutschein, den wir eher als Beleidigung empfanden. Das waren meine Erfahrungen mit dem ruhmreichen demokratischen System.

Wie ging es mit dem jüdischen Leben in Prag nach 1989 weiter?

Sylvie Wittmann: Einerseits entwickelte sich die jüdische Gemeinschaft. Erst waren nur wenige Juden Mitglieder der Prager jüdischen Gemeinde, doch es wurden immer mehr, die sich öffentlich zu ihrem Judentum bekannten und keine Angst mehr hatten. Wir haben nun einen ständigen Rabbiner. Das ist natürlich eine sehr positive Seite.

Andererseits wurde die jüdische Gemeinde bürokratischer und technischer. Außerdem wird nun zwischen Juden unterschieden, die eine jüdische Mutter haben; Juden, die nur jüdische Väter haben; Juden, die irgendeinen jüdischen Vorfahren haben; Juden, die zur Orthodoxie konvertierten; und schließlich Juden, die zum reformierten oder konservativen Judentum konvertierten. Das halte ich nicht für sehr positiv. Daher rief ich 1991 „Beit Simcha“, das Haus der Freude, ins Leben – die erste Reformgemeinde im Land nach dem kommunistischen Regime. Denn wir sollten uns darüber freuen, Juden zu sein, unabhängig von der religiösen Ausrichtung. In jüngster Zeit wird Europa von einer Welle des Populismus und Nationalismus heimgesucht, und auch der Antisemitismus scheint wieder zu erstarken. Wie beurteilen Sie die Lage in der Tschechischen Republik?

Sylvie Wittmann: In meiner Generation gibt es kaum Antisemitismus. Aber ich bin schon 61 Jahre alt. Unter den jungen Leuten stellt sich das Problem sehr merkwürdig dar. Menschen, die sich nicht orientieren können, die über keine richtige politische Bildung verfügen, die kaum etwas von der Geschichte wissen, laufen jedem Populisten hinterher. Und Populisten verwenden immer Begriffe, die gegen Minderheiten gerichtet sind.

Das Gespräch führte Marcel Serr, Redaktionsmitarbeiter, „Die Politische Meinung“, am 13. Dezember 2017.

Übersetzung aus dem Englischen: Wilfried Becker, Germersheim.


Sylvie Wittmann, geboren 1956 in Liberec (heute: Tschechische Republik), Konservatorin und Restauratorin, Gründerin und Leiterin der jüdischen Reiseagentur Wittmann Tours in Prag.

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