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Konrad-Adenauer-Stiftung (Logo)Die Politische Meinung

Über dreißig Jahre ist es her, dass der Vorsitzende des Staatsrats der DDR Erich Honecker zu Gast in Bonn war und den Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland traf. Der Kanzler machte damals zur Bedingung für diese Begegnung, dass die Tischreden des Abends live im Fernsehen der Bundesrepublik und der DDR ausgestrahlt werden sollten. Bis heute erinnere ich mich an die Worte, die Helmut Kohl dabei sprach: „Die Menschen in Deutschland leiden unter der Trennung. Sie leiden an einer Mauer, die ihnen buchstäblich im Wege steht und die sie abstößt. Wenn wir abbauen, was Menschen trennt, tragen wir dem unüberhörbaren Verlangen der Deutschen Rechnung. Sie wollen zueinander kommen können, weil sie zusammengehören.“ Wie sehr sprach er damit Millionen DDR-Bürgern aus der Seele. Ja, die Mauer war für uns etwas Abstoßendes, sie trennte uns, sie stand uns und unserer Freiheit im Wege.

Gut zwei Jahre später brachten mutige Bürgerinnen und Bürger der DDR die Mauer zu Fall. Auch für mich eröffneten sich in diesem Moment ganz neue Möglichkeiten, die mein Leben verändern sollten. Ich erinnere mich dann auch noch sehr gut an den Vereinigungsparteitag der CDU im Herbst 1990. Als Delegierte des Demokratischen Aufbruchs sollte ich eine kleine Rede halten – meine erste Parteitagsrede. Helmut Kohl sagte zu mir: „Sprich lieber über Dich und Deine Biographie als über Politik.“ Für mich war das damals ein überraschender Hinweis. Über die folgenden Jahre verstand ich jedoch immer besser, was hinter seinem Satz stand: Für Helmut Kohl war sein Verständnis politischen Handelns stets von Herkunft, Biographie und persönlicher Beziehung geprägt.

Das Kriegskind

Helmut Kohl gehörte der Generation der Kriegskinder an – einer Generation, die die Schrecken und das Leid des Zweiten Weltkrieges miterleben musste und die damit einer unbeschwerten Kindheit beraubt wurde. In Helmut Kohls Erinnerung hat sich diese Zeit eingebrannt, die Katastrophe, die Deutschland im Nationalsozialismus über Europa und die Welt gebracht hatte. Er verlor seinen Bruder im Krieg und kannte die Ängste in Bombennächten. Auch die Entbehrungen der Nachkriegszeit zählen zu seinem Erfahrungsschatz. Als Helmut Kohl 1946 erste Kontakte zu christdemokratischen Kreisen knüpfte, war er noch Schüler. Wer im persönlichen Gespräch mit Helmut Kohl seinen Erinnerungen zuhörte, konnte spüren, was ihn in seinem unermüdlichen Einsatz für ein friedliches Europa antrieb.

Wir heute sollten uns immer wieder bewusst machen, dass Frieden keine Selbstverständlichkeit ist, dass Frieden jeden Tag unseres Einsatzes und unseres Engagements bedarf. Krieg und Leid gibt es auch heute – und zwar nicht weit von uns entfernt. Die Spuren des Krieges auf dem Balkan sind noch immer sichtbar; in der Ostukraine bestimmen immer noch Waffen zu sehr das politische Ringen um Lösungen; in Syrien tobt ein menschenverachtender Krieg. Wir dürfen niemals Frieden als Selbstverständlichkeit betrachten. Frieden erfordert Einsatz, Frieden erfordert Dialog, Frieden erfordert unermüdliches Handeln. Helmut Kohl wusste das.

Der Pfälzer

In den Anfangsjahren der Bundesrepublik begann auch das politische Wirken des jungen Helmut Kohl in Rheinland-Pfalz. Bereits 1955 war er Mitglied im CDU-Landesvorstand, 1959 wurde er Kreisvorsitzender in Ludwigshafen und jüngster Abgeordneter im Landtag, 1969 – mit nur 39 Jahren – Ministerpräsident. Er trug maßgeblich dazu bei, Rheinland-Pfalz zu modernisieren. Auch später als Bundeskanzler blieb er seiner Heimat aufs Engste verbunden. Vermutlich hatte er deshalb auch einen besonderen Sinn für die Sicht und die Gefühle anderer Länder. Identität, Heimat, Verwurzelung – all das ist in unserer Zeit der Globalisierung ein wichtiger Anker. Und so, wie für Helmut Kohl Heimat und Weltoffenheit nicht im Gegensatz zueinander standen, sondern sich das eine aus dem anderen ergab, so ist diese Haltung für unsere heutige Zeit aktueller denn je.

Der Erneuerer

Parallel zu seinem Wirken in Rheinland-Pfalz machte sich Helmut Kohl an die Modernisierung der CDU. Über ein Vierteljahrhundert lang war Helmut Kohl Vorsitzender der CDU Deutschlands. Gemeinsam mit den Generalsekretären Kurt Biedenkopf und Heiner Geißler trieb er die Entwicklung von der Honoratiorenpartei zur Volkspartei maßgeblich voran. Ob die Beschlüsse zur Mitbestimmung, die Mannheimer Erklärung von 1975 zur „Neuen Sozialen Frage“ oder die Themen Gleichberechtigung und Erziehungsgeld – Helmut Kohl war es immer wichtig, dass die CDU nach vorn denkt und auf der Grundlage der eigenen Werte Antworten auf neue Herausforderungen entwickelt. In der Präambel des unter dem CDU-Vorsitzenden Kohl entstandenen ersten Grundsatzprogramms heißt es: „Die Politik der CDU beruht auf dem christlichen Verständnis vom Menschen und seiner Verantwortung vor Gott.“ Sich dieser Grundüberzeugungen immer wieder neu zu vergewissern und auf dieser Basis die richtigen Antworten auf der Höhe der Zeit zu geben – das ist Auftrag der CDU bis heute. In diesem Geiste machen wir uns heute auf den Weg zu einem neuen Grundsatzprogramm.

Der Kanzler der Einheit

Als in den 1980er-Jahren ein neuer Geist in Osteuropa zu wehen begann, als von Polen aus die Freiheit errungen wurde, als in Leipzig und anderen Städten der DDR mutige Menschen auf die Straße gingen und die Mauer zum Einsturz brachten – da war Helmut Kohl der richtige Mann zur richtigen Zeit. Helmut Kohl war es, der die Einheit wollte; er war es, der handelte, während andere zögerten und schwankten. Ja, es brauchte einen langen Atem, es brauchte über vierzig Jahre. Es brauchte eine klare Haltung, es brauchte Geduld und Hartnäckigkeit.

Auch heute sind wir mit vielen Situationen konfrontiert, mit denen wir uns nicht abfinden dürfen und nicht abfinden wollen. Ich denke an die Lage in der Ukraine, an den Kampf gegen Fluchtursachen, die mangelnden Perspektiven für zu viele Menschen in Afrika und die Daueraufgabe Integration. Immer wieder ist hier Beharrlichkeit gefragt.

Mit dem 3. Oktober 1990 haben wir die Deutsche Einheit erlangt. Aber sie war mit diesem Tag noch lange nicht vollendet. Das wusste auch Helmut Kohl, und er hat sich in den darauffolgenden Jahren mit aller Kraft für das Zusammenwachsen von Ost und West eingesetzt. Großer Anstrengungen bedurfte es bei der Angleichung der Lebensverhältnisse – wirtschaftlich, sozial und gesellschaftlich. Heute können wir sagen, dass wir viel erreicht haben, dass viele Hoffnungen erfüllt wurden. Aber es bleibt noch einiges zu tun. Dies gilt nicht nur im Verhältnis zwischen Ost und West, sondern auch zwischen Stadt und Land, zwischen Boom-Regionen und strukturschwachen Landstrichen.

Der Ehrenbürger Europas

Wenige Wochen nach dem Ende von Helmut Kohls Kanzlerschaft kamen die europäischen Staatsund Regierungschefs zu einer ganz besonderen Feierstunde in der Wiener Hofburg zusammen. Sie ernannten im Namen der gesamten Europäischen Union Helmut Kohl zum Ehrenbürger Europas – eine große Ehre und eine verdiente Würdigung eines politischen Lebenswerkes. Seine europapolitischen Erfolge und Verdienste wären ohne das Vertrauen, das Helmut Kohl bei den europäischen Partnern genoss, nicht möglich gewesen. Dieses Vertrauen war seiner Kanzlerschaft jedoch nicht in die Wiege gelegt: Sein erster Auslandsbesuch als Bundeskanzler führte ihn 1982 nach Paris. Ein Berater von Präsident François Mitterrand berichtete später, dass sich die französische Seite zunächst in großer Zurückhaltung geübt habe, aber dann seien sie „sofort Feuer und Flamme“ gewesen. Stets suchte er auf der menschlichen Ebene Gemeinsamkeiten, auf denen Vertrauen wachsen konnte. Helmut Kohls tiefe europäische Überzeugung half ihm, Sorgen und Bedenken gegenüber einem vereinten Deutschland zu zerstreuen. Gemeinsam mit seinen Partnern bettete er die deutsche Einheit in die europäische Einigung ein – ein Werk des Friedens, ein Werk der Freiheit und ein Werk der Einheit.

Jede Generation von Europäerinnen und Europäern steht vor der Aufgabe, sich für dieses Werk einzusetzen. Europa zu stärken heißt für uns, Antworten auf die Herausforderungen unserer Zeit zu geben: Europa braucht wirtschaftliche Dynamik, finanzielle Stabilität, Gemeinsamkeiten in der Außen- und Sicherheitspolitik, Reformbereitschaft und Solidarität. Das ist der Auftrag an die heutige Generation. Diesen Auftrag nehmen wir im Geiste Helmut Kohls entschlossen an.

Der Historiker, der Geschichte schrieb und Zukunft gestaltete

Helmut Kohl war nicht nur promovierter, sondern auch leidenschaftlicher Historiker. Vor dem Deutschen Bundestag sagte er einmal: „Wer die Vergangenheit nicht kennt, kann die Gegenwart nicht verstehen und die Zukunft nicht gestalten.“ Als Vorsitzende der CDU Deutschlands sehe ich den bleibenden Auftrag meiner Partei, Verantwortung für eine gute Zukunft unseres Landes in einem geeinten Europa und einer hoffentlich friedlicher werdenden Welt zu übernehmen. Das sind das Vermächtnis und der Auftrag, den Helmut Kohl uns hinterlässt. Sein Leben mahnt uns, diesen Weg entschlossen, zuversichtlich und mit einer gehörigen Portion Gottvertrauen weiter zu gehen. Als Christdemokraten ehren wir das Andenken an Helmut Kohl dadurch, dass wir auch weiterhin Verantwortung für unser Land übernehmen und entschlossen jeden Tag aufs Neue das Realität werden lassen, was auch ihn antrieb: ein stabiles und verantwortungsvolles Deutschland in einem geeinten und friedlichen Europa.


Angela Merkel, geboren 1954 in Hamburg, Mitglied des Bundestages seit 1990, ehemalige Bundesministerin und Vorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, seit 2000 Vorsitzende der CDU Deutschlands, seit 2005 Bundeskanzlerin der Bundesrepublik Deutschland.

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Bernd.Loehmann(akas.de

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Redakteur "Die Politische Meinung"
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Redaktionsassistenz
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