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Konrad-Adenauer-Stiftung (Logo)Die Politische Meinung

Herfried Münkler: Der Dreißigjährige Krieg. Europäische Katastrophe, deutsches Trauma 1618–1648, Rowohlt, Berlin 2017, 976 Seiten, 39,95 Euro.

Christian Pantle: Der Dreißigjährige Krieg. Als Deutschland in Flammen stand, Propyläen, Berlin 2017, 368 Seiten, 18,00 Euro.

Georg Schmidt: Die Reiter der Apokalypse. Geschichte des Dreißigjährigen Krieges, C. H. Beck, München 2018, 810 Seiten, 32,00 Euro.


Auf die Historikerzunft ist Verlass: Pünktlich zum 400. Jahrestag des Beginns des Dreißigjährigen Krieges haben zahlreiche Autoren teils voluminöse Veröffentlichungen zur Geschichte des Krieges vorgelegt. Weitere sind für das laufende Jahr angekündigt. Ein Grund für diese Publikationswelle ist zweifellos, dass seit nunmehr sieben Jahren ein nicht enden wollender Krieg in Syrien tobt, der wegen seiner Brutalität, der Überlagerung religiöser und machtpolitischer Konflikte und des Eingreifens auswärtiger Mächte bereits des Öfteren mit dem Dreißigjährigen Krieg in Deutschland verglichen wurde.

Bahnbrechend neue und kontroverse Thesen über die Ursachen des Dreißigjährigen Krieges, seine Hauptkonfliktlinien, seine Verlaufs­ und Kulturgeschichte oder die Bedeutung seiner Hauptprotagonisten scheinen die Neuveröffentlichungen nicht vorzubringen. Blickt man ausschließlich auf die Buchtitel, herrscht im Hinblick auf die Bewertung Einigkeit: „Deutschland in Flammen“, „Europa in Flammen“, „Apokalypse“, „Tragödie“, „Katastrophe“ und „Trauma“ lauten die Schlagworte. Unter­ schiede finden sich vielmehr mit Blick auf die Frage, was uns dieser ferne Krieg heute (noch) zu sagen hat und welche historischen Einordnungen sinnvoll erscheinen. Aus der Fülle der Publikationen sollen hier drei näher vorgestellt werden, die im Hinblick auf das Zielpublikum und ihren Ansatz eine Orientierung bieten können.

Hintergründe der Konfliktlinien

Christian Pantle, Chefredakteur des Magazins G/Geschichte, schreibt erkennbar für ein historisch interessiertes Publikum. Man benötigt keine speziellen Vorkenntnisse, um seiner Darstellung folgen zu können. Pantle geht es darum, das Ereignis für die heutige Leserschaft verständlich zu machen. Vertiefende Ausführungen über die Hintergründe der Konfliktlinien, wie etwa Erläuterungen über die Verfasstheit des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, den Gegensatz zwischen Kaiser und Reichsständen, den konfessionellen Streit oder die Interessen der europäischen Mächte, liefert Pantle nicht. Für den Einstieg ins Thema, den das Buch bieten soll, ist das aber auch nicht notwendig. Insgesamt gelingt es Pantle überzeugend, Interesse zu wecken. In flüssigem Stil und ohne allzu stark zu vereinfachen, schildert er in fünf Hauptkapiteln die wesentlichen Entwicklungsphasen des Krieges, die Motive der Handelnden, das Hin­ und Herwogen des Kriegsglücks, die letzte Kriegsphase, die durch die marodierende Soldateska gekennzeichnet war, sowie den Weg zum Friedensschluss von Münster und Osnabrück.

Geschichte „von unten“

Besonders eindrücklich wird Pantles Buch dadurch, dass er durchgehend die Perspektive „von unten“, das heißt den Alltag der Menschen, die den Krieg „hautnah in all seinen Facetten miterlebten“, mit ein­ bezieht (S. 13). Dafür stellt Pantle die Erinnerungen des Söldners Peter Hagendorf den Aufzeichnungen des Mönchs Maurus Friesenegger aus dem Kloster Andechs gegenüber.

Peter Hagendorf schrieb gegen Ende des Krieges ein Tagebuch seiner Erlebnisse, das der Historiker Jan Peters 1988 in der Staatsbibliothek Berlin aufgefunden, ediert und kommentiert hat. Es ist ein Manuskript von unschätzbarem Wert, denn es dokumentiert die Sicht eines Soldaten, der mehr als 22.000 Kilometer quer durch das damalige Deutschland, Italien und Frankreich zurücklegte. Hagendorf schilderte darin unter anderem die Entbehrungen, familiären Tragödien – acht seiner Kinder erlebten das Erwachsenenalter nicht – sowie die Gefahren und die alltägliche Brutalität des Krieges.

Maurus Friesenegger, Benediktinermönch und zuletzt Abt im bayerischen Kloster Andechs, hingegen repräsentiert die Perspektive der Zivilbevölkerung, die in der zweiten Kriegshälfte besonders zu leiden hatte. Aus seinen Schilderungen wird deutlich, dass die Unterschiede zwischen „Freund“ und „Feind“ verwischten, je länger der Krieg andauerte. Der Krieg an sich und die Soldateska selbst waren zum Gegner geworden. Insgesamt ist das Buch als Einstieg für interessierte Laien ausdrücklich zu empfehlen.

Blaupause für heutige Kriege

Herfried Münkler, Professor an der Humboldt­Universität zu Berlin, nähert sich dem Krieg in seinem rund 980­seitigen Werk mit dem Untertitel „Europäische Katastrophe, deutsches Trauma“ mit einem politikwissenschaftlichen Erkenntnisinteresse. Münkler will den Krieg, der heute nur noch von „antiquarischem“ Interesse sei, für die Analyse der Gegenwart nutzbar machen und fragt, ob er nicht „womöglich so etwas wie eine ‚Blaupause‘ für die Kriege des 21. Jahrhunderts“ sei. Damit greift er einen Ansatz auf, den er in seinem 2002 erschienenen Buch Die neuen Kriege im Unterkapitel „Der Dreißigjährige Krieg als Analyserahmen und Vergleichsfolie der neuen Kriege“ vorgestellt hat. Während er dort vor allem die „Kriegsunternehmer“ à la Wallenstein mit den „Warlords“ der Neuen Kriege verglich sowie die Einbindung beider Kriege in eine weltweite Kriegsökonomie in den Mittelpunkt stellte, geht er hier deutlich darüber hinaus. Der Dreißigjährige Krieg müsse auf Motive, Strukturen, Verlauf, Kriegseintritte und die „Faktoren seiner Beendigung“ hin untersucht werden. Diese Informationen könnten als Grundlage für heutige Anwendungsmöglichkeiten dieser Erkenntnisse dienen: „Wie lassen sich diese Kriege analytisch fassen, um der Politik Handreichungen für deren Vermeidung oder Beendigung zu geben?“ (S. 37). Das ist ein interessanter Ansatz, doch fragt man sich als Leser, warum er dann keinen breiteren Raum in der Darstellung einnimmt. Lediglich auf 27 Seiten des Schlussteils stellt Münkler Strukturanalogien heraus. So sei etwa die damalige Schwäche der Habsburger mit dem heutigen Niedergang Ägyptens als Hegemonialmacht vergleichbar. Eine weitere Parallele sieht Münkler darin, dass sich der Westen heute in einer ähnlichen Rolle wie Kardinal Richelieu befinde, damals wie heute mit dem Risiko, dass die indirekt mit Geld oder Waffen unterstützten Schweden beziehungsweise Kurden im Nordirak diese Ressourcen anders als gewünscht einsetzen würden. Doch braucht es für diese Erkenntnisse 750 Seiten, in denen der Verlauf des Dreißigjährigen Krieges minutiös geschildert wird? Spannender wäre es gewesen, nicht nur Analogien zwischen damals und heute zu identifizieren, sondern – wie eingangs angekündigt – Überlegungen darüber anzustellen, wie Szenarien für die Beendigung des Syrienkriegs im Licht der historischen Erfahrungen womöglich aussehen könnten. Das hätte einen systematischen Vergleich anhand von Kriterien wie Konfliktlinien, Kriegsursachen und ­ziele, Interessen der Konfliktbeteiligten und Friedensvorstellungen und ­initiativen notwendig gemacht.

Vielleicht wäre dadurch aber deutlich geworden, dass die Unterschiede zwischen damals und heute überwiegen. Schon die religiöse Konfliktdimension zeigt, dass der gegenwärtige Konflikt noch komplexer ist: Während im Dreißigjährigen Krieg der Konflikt zwischen zwei beziehungsweise drei Bekenntnissen derselben Religion ausgetragen wurde, ist es im heutigen Nahostkonflikt nicht nur ein innerislamischer Kampf zwischen den „Konfessionen“ Sunniten und Schiiten, sondern auch eine Auseinandersetzung zwischen der islamischen und der jüdischen Religion sowie – wenn man die westlichen Staaten als Akteure hinzurechnet – auch des Christentums in Gestalt der „christlichen“ Staaten des Westens, also mindestens dreier Religionen, die bereits eine weit über 1000­jährige (Konflikt­)Geschichte haben.

Nachzeichnung militärstrategischer Überlegungen

Die Schilderung des Dreißigjährigen Krieges selbst ist flüssig geschrieben und souverän analysiert. Insofern löst Münkler den zweiten von ihm formulierten Anspruch ein: Das Buch solle „auch eine Übung in strategischem Denken und eine Betrachtung von Erfolg und Scheitern“ (S. 39) sein und diene „der Schulung der politischen Urteilskraft“ (S. 120). Das gelingt ihm insbesondere dann, wenn er die militärstrategischen Überlegungen der großen Kriegsherren wie des schwedischen Königs Gustav Adolf und seines Gegners Albrecht von Wallenstein nach­ zeichnet, ihre Charakterzüge, Urteilskraft und Fehleinschätzungen analysiert. Dabei spart Münkler nicht aus, dass die Qualität ihrer Entscheidungen allzu oft von ihrer erbarmungswürdigen körperlichen Verfassung sowie bruchstückhaften und teils falschen Informationen abhing. Allein das macht das Buch lesenswert, auch wenn es im Kern eher eine konventionelle, politikgeschichtliche Darstellung ist.

„Vom Teufel verführte Menschen“

Demgegenüber wählt Georg Schmidt, bis zu seiner Emeritierung Professor für Neuere und Neueste Geschichte an der Universität Jena, einen historisch-erklärenden Ansatz. Ihm geht es darum, den Krieg aus der nach wie vor bestehenden Rahmenerzählung zu lösen, dass der Krieg einen „Opfermythos“ begründet und ein kollektives deutsches „Trauma“ verursacht habe. Beide Narrative seien im 19. Jahrhundert zur Legitimation für die Gründung eines starken deutschen Nationalstaates konstruiert worden. Schmidt korrigiert in seiner ausgewogenen und detailreichen Darstellung manche Verzerrungen und Pauschalisierungen, beispielsweise die These, dass sich Soldaten und Bauern stets feindlich gegenübergestanden hätten. Vielmehr hätten beide Gruppen „meist zu einem erträglichen Miteinander“ (S. 402) gefunden, da sie aufeinander angewiesen waren. Ähnliches gilt für die These einer Art „Stunde Null“ im Jahr 1648, dass das Reich ein vom Krieg völlig zerstörtes und demoralisiertes Land gewesen sei. Dies treffe in dieser Ausschließlichkeit nicht zu, in einigen Regionen habe eher Kontinuität geherrscht.

Stattdessen ordnet Schmidt den Krieg in zwei andere Rahmenerzählungen ein. Zum einen beschreibt er ihn in seinem zeitgenössischen, biblisch­endzeitlichen Deutungsrahmen, der in den ersten Kriegsjahren dominierte. So sei beispielsweise der Komet aus dem Jahr 1618 als Menetekel für ein bevorstehendes großes Unheil und als Ankündigung einer göttlichen Strafe für die Sünden der Menschen gedeutet worden. Außerdem hätten alle Parteien den Krieg zunächst als Teil eines göttlichen Plans verstanden: „Aus dem böhmischen Aufstand wurde so ein gottgewollter Krieg, den alle Menschen wegen ihrer Sünden zu verantworten hatten. Irdische Schuldige mussten nicht gesucht und nach dem Krieg auch nicht bestraft werden“ (S. 172). Geißeln wie die Hyperinflation der 1620er­Jahre waren demnach von Geiz, Habsucht und Gier verursacht, durch „vom Teufel verführte Menschen“ (S. 207). Überzeugend weist Schmidt darauf hin, dass sich diese Deutung umso mehr abschwächte, je länger der Krieg andauerte. Es mehrten sich die Stimmen, die den Krieg nicht mehr als „biblischen Endkampf“ verstanden, sondern die Verantwortung der im Diesseits Handelnden hervorhoben, besonders in der zweiten Hälfte des Krieges, als das fortdauernde Töten mehr und mehr „zur irdischen Apokalypse“ wurde (S. 506).

Zum anderen stellt Schmidt den Krieg in einen freiheitlich-konstitutionellen Deutungsrahmen. Der Westfälische Frieden habe das irdisch „Machbare“ ungeachtet aller jenseitigen Wahrheitsfragen angestrebt. Mit dem konfessionellen Frieden habe schließlich „die Emanzipation der politischen Macht aus den Fängen kirchlicher Bevormundung“ (S. 615) begonnen, was den allmählichen Abschied von einer fundamental-religiös begründeten Politik ohne Kompromisse einläutete. Außerdem habe der Friedensschluss den beiden Prinzipien der Staatsräson und der Souveränität den Weg geebnet, wodurch ein „Säkularisierungsschub“ (S. 645) den Beginn des Zeitalters der Aufklärung einläutete.

Dünne Analogien

Anders als Münkler sieht Schmidt wenige bis keine Analogien zur Gegenwart und im Westfälischen Frieden kein Lösungsmodell für den Krieg im Nahen Osten: „Während jedoch in den 1640er­Jahren die Menschen nur noch Gottes Beistand für ihren irdischen Frieden erbaten, scheint im Nahen Osten der Krieg als solcher Gottes Wille. Darüber hinaus sind die Analogien dünn“ (S. 694). Will man dennoch ein Fazit aus seinem Buch für die Gegenwart ziehen, dann könnte es lauten, dass der Krieg im Nahen Osten erst dann ein Ende finden wird, wenn die maßgeblichen Akteure zu der Einsicht gelangen, dass Kompromisse unabdingbar sind und es allein in ihrer Hand liegt, einen Frieden zu schließen. Das ist freilich eine ebenso einfache wie schwierige Erkenntnis.


Jan Philipp Wölbern, geboren 1980 in Marburg, Wissenschaftlicher Referent, Hauptabteilung Wissenschaftliche Dienste / Archiv für Christlich-Demokratische Politik, Konrad-Adenauer-Stiftung.

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