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Konrad-Adenauer-Stiftung (Logo)Die Politische Meinung

Neill Lochery: The Resistible Rise of Benjamin Netanyahu, Bloomsbury, London 2016, 400 Seiten.

Ben Caspit: The Netanyahu Years, Thomas Dunne Books, New York 2017, 512 Seiten.

Anshel Pfeffer: Bibi. The Turbulent Life and Times of Benjamin Netanyahu, Basic Books, New York 2018, 432 Seiten.


Der 17. Juli 2019 könnte ein historischer Tag werden: Bliebe Benjamin Netanjahu bis zu diesem Zeitpunkt Premierminister, wäre er einen Tag länger im Amt als David Ben-Gurion, der Gründungsvater des Staates Israel. Trotz dieses bemerkenswerten Faktums hält sich das Interesse an einer eingehenden Beschäftigung mit „Bibi“, wie Netanjahu überwiegend genannt wird, in Grenzen. In Deutschland wird er meist als lautstark polternder außenpolitischer Falke oder als korrupter Machtmensch wahrgenommen, doch ausführlichere Porträts oder gar eine deutschsprachige Biographie sucht man vergebens. Im englischsprachigen Raum wurden dagegen in jüngster Zeit drei Biographien veröffentlicht: von den Journalisten Ben Caspit und Anshel Pfeffer sowie von Neill Lochery, einem in London lehrenden Professor für die Geschichte des Nahen und Mittleren Ostens.

Die drei Autoren nähern sich dem „political animal“ Netanjahu in einer chronologischen Herangehensweise, um seinen Werdegang und seine Überzeugungen besser begreiflich zu machen. Sie beginnen mit seinem Großvater, Rabbi Nathan Mileikowsky, auf den Netanjahu selbst häufig verweist, wohl auch, um seinem säkularen Lebensstil eine Aura der Religiosität zu verleihen. Nach dem Zusammenbruch des russischen Zarenreichs emigrierte Mileikowsky 1920 in das britische Mandatsgebiet Palästina und änderte dort den Familiennamen in „Netanjahu“. Auch sein Vater Benzion, Anhänger der „Revisionistischen Zionisten“, die sich gegen die mehrheitlich sozialistisch geprägten Zionisten stellten, spielte eine bedeutende Rolle für Netanjahu. Als Gelehrter wurde er nie Teil der israelischen Wissenschaftselite und fristete, zwischen den USA und Israel pendelnd, ein Außenseiterdasein. Alle Biographen kommen zu dem Schluss, dass Benzion seine Überzeugungen des ultrakonservativen Zionismus an seinen zweitgeborenen Sohn weitergab und dieser in Ehrfurcht vor seinem Vater bis zu dessen Tod im Jahre 2012 geradezu erstarrte.

Dennoch war Netanjahu lange Zeit nicht als „Thronfolger“ der Familie vorgesehen, sondern sein von ihm innig geliebter Bruder Yonatan. „Yoni“ starb bei der Befreiung israelischer Geiseln in Entebbe (Uganda) 1974, nachdem Benjamin ihn überredet hatte, seinem Beispiel zu folgen und auch Teil der Sayeret Matkal, einer Spezialeinheit der israelischen Streitkräfte, zu werden. Der Tod seines Bruders hievte ihn nicht nur in die Rolle des „Erstgeborenen“, auf dem die Hoffnung des Vaters ruhte, sondern hinterließ tiefe Spuren, wie vor allem Ben Caspit detailliert nachzeichnet. Netanjahu veröffentlichte den Briefwechsel mit seinem Bruder und gründete einen nach ihm benannten sicherheitspolitischen Thinktank. Netanjahu bewahrte damit das Andenken seines Bruders und präsentierte sich zugleich als Intellektueller.

Beschützer des belagerten Israel

Nachdem er den Großteil seiner Kindheit in den USA verbracht hatte, diente Netanjahu fünf Jahre in der Eliteeinheit Sayeret Matkal und zeichnete sich mehrfach in Gefechten aus. Ab 1972 studierte er an der US-amerikanischen Eliteuniversität MIT (Massachusetts Institute of Technology) und verfolgte anschließend eine erfolgreiche Karriere als Unternehmensberater. Doch der Tod des geliebten Bruders beendete diesen Lebensweg abrupt, und es folgte eine Schlüsselentscheidung für seine spätere politische Karriere, wie Lochery resümiert: 1982 akzeptierte Netanjahu das Angebot, Leiter der Abteilung Politik in der israelischen Botschaft in Washington zu werden – die wichtigste Position nach dem Botschafter. Zwischen 1985 und 1988 stieg er zum israelischen Vertreter bei den Vereinten Nationen auf. Alle Biographen stimmen darin überein, dass sich während dieser Zeit, im Amerika des Neokonservatismus und des Medienpräsidenten Ronald Reagan, Netanjahus Politikstil und -verständnis herausbildete.

Seit seinem Einstieg in die israelische Politik 1988 wurde er mit amerikanischen Wahlkampfmethoden und einem medienwirksamen Auftreten assoziiert. Trotzdem blieb er in der konservativen Likud-Partei zunächst ein Außenseiter. Er erschien, wie alle Biographen betonen, wie ein Amerikaner oder wie ein amerikanisierter Politiker in einem fremden Land. Dennoch gelang Netanjahu ein rasanter Aufstieg: Von 1988 bis 1990 war er stellvertretender Außenminister während der blutigen Intifada und avancierte später zum vehementen Gegner des Osloer Friedensprozesses. Seine stillschweigende Unterstützung für scharfe Protestaktionen gegen den auf Kompromisse zielenden sozialistischen Premier Jitzchak Rabin führte dazu, dass Netanjahu eine Mitschuld an dessen Ermordung im November 1995 zugeschrieben wurde. Netanjahu gewann dennoch die nachfolgende Wahl (durch einen pragmatischen Schwenk in die politische Mitte) und wurde 1996 zum jüngsten Premierminister in der Geschichte Israels gewählt.

Es folgten vier chaotische und glücklose Regierungsjahre: Die Liberalisierung der Marktwirtschaft (nach dem Vorbild Reagans) scheiterte, insgesamt war die Amtszeit von Skandalen gekennzeichnet – so das unisono vorgetragene Urteil der Autoren. Doch am Ende, auch hierin stimmen die Biographen überein, stand Netanjahus unbestrittene Fähigkeit zur politischen Wiederauferstehung: Er gestand öffentlich seine Fehler ein und wurde 2003, trotz der Widrigkeiten der zweiten Intifada, erfolgreicher Finanzminister unter Premierminister Ariel Scharon. Als er sich gegen dessen Pläne zum Rückzug aus Gaza und dem Westjordanland stellte, gründete der sehr populäre Scharon eine neue Partei, erlitt jedoch wenig später einen Schlaganfall – der, wie Ben Caspit zynisch bemerkt, zweite „Rabin-Moment“ für Netanjahu, da ihm diesmal eine Mitschuld am Gesundheitszustand Scharons angelastet wurde. Auch diesen kritischen Moment überstand Netanjahu, und es gelang ihm, den desaströsen Libanonkrieg 2006 für sein Comeback als „Mr. Security“ und Beschützer des „belagerten Israels“ zu nutzen, was 2009 in seine bis heute andauernde Regierungszeit mündete.

Beliebiger Pragmatismus?

Wie lässt sich eine solche politische Achterbahnfahrt erklären? Besonders Pfeffer und Lochery betonen, dass Netanjahu Ängste der Bevölkerung bedient und ein Mann der Krise ist. Netanjahu zeigt hier seine Stärken – obwohl er nicht selten, wie Caspit betont, in Fragen der Anwendung militärischer Mittel ein Zauderer ist – ein Befund, der das in Deutschland gängige Netanjahu-Bild zurechtrücken sollte. Nicht dogmatische Verblendung, so Caspit, sondern beliebiger Pragmatismus charakterisiert demnach Netanjahu.

Als Paradebeispiel nennt er die Freilassung von über tausend palästinensischen Häftlingen, unter ihnen viele verurteilte Terroristen, im Austausch für den entführten israelischen Soldaten Gilad Schalit. Netanjahu habe aus rein machtpolitischen Interessen und Narzissmus gehandelt, stets mit einem Auge auf die Wählergunst schielend. Diese oft unvorhersehbare Machtbeziehungsweise persönliche Interessenpolitik führe nicht selten zu fast paranoiden Verhaltensmustern in seinem unmittelbaren Umfeld, das weiterhin von Skandalen und Korruptionsvorwürfen überschattet wird. Die drei Autoren sind sich einig, dass Netanjahu sich zu einer „Marke“ entwickelt habe. Auch wenn die Mehrheit der Israelis ihn nicht liebt, halten sie ihn – auch mangels Alternative – für die beste Wahl, um die Sicherheit Israels zu gewährleisten.

Frieden in Nahost kein Gesellenstück

Caspit zieht dennoch ein negatives Resümee aus Netanjahus Politik seit 2009, vor allem in Bezug auf die Beziehungen zu den USA, dem Iran und den Palästinensern. Man sollte diese Themen jedoch vergleichend betrachten: Frieden in Nahost und der richtige Umgang mit dem Iran sind keine Gesellenstücke. Die Autoren lassen häufig einen Seitenblick auf die internationale Großwetterlage und die einschneidenden Umwälzungen der letzten Jahre vermissen: Der Arabische Frühling stellte Israel vor gewaltige Herausforderungen und gefährdete viele, in langjährigen Prozessen gewonnene Sicherheitsgarantien. Zudem saß mit Präsident Barack Obama ein Intimfeind Netanjahus im Weißen Haus. Obama reagierte chaotisch auf den Arabischen Frühling und ordnete seinem Wunsch nach einem Atomabkommen mit dem Iran vieles, wenn nicht gar alles, unter. Pragmatismus und Flexibilität waren daher wahrlich keine negativen Eigenschaften für einen israelischen Premierminister.

Spannungsgeladene Beziehung zu den Medien

Es bleibt festzuhalten, dass Benjamin Netanjahu – trotz seiner Rhetorik und wahltaktischer Bedienung von Ängsten – sein Land nie in längere militärische Auseinandersetzungen verwickelte und stets vor großen Kriegen zurückschreckte, nicht zuletzt aus wirtschaftspolitischen Motiven. Die wirtschaftliche Liberalisierung Israels, die das Land aus der sozialpolitischen Lethargie führte und dabei auch viele Likud-Stammwähler verprellte, ist eine weitere Errungenschaft Netanjahus.

Der durchweg negative Unterton der Biographien überrascht nicht, wenn man die Hintergründe der Autoren genauer betrachtet und Netanjahus oft spannungsgeladene Beziehung zu den Medien im Kopf behält: Caspit schreibt vor allem in der Likud-kritischen Maariv und Pfeffer in der linksliberalen Haaretz. Es bleibt zu hoffen, dass diesen journalistischen Arbeiten auch quellenbasierte, nüchternere Studien folgen. Dass diese in Deutschland ihren Ursprung haben werden, erscheint unwahrscheinlich, doch selbst die hier besprochenen Werke können hierzulande zu einem differenzierteren Bild Netanjahus beitragen.


Bastian Matteo Scianna, geboren 1987 in Worms, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Militärgeschichte / Kulturgeschichte der Gewalt an der Universität Potsdam.

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