Veranstaltungsberichte

"Die blonde Provinz"

von Stephan Georg Raabe

Deportationen der polnischen Bevölkerung 1939 im von Deutschland annektierten Polen

Ein in Deutschland kaum bekanntes Kapitel der dunklen deutschen Geschichte sind die Deportationen von ca. 1,5 Millionen polnischer Bürger christlichen und jüdischen Glaubens aus den westlichen und nördlichen Regionen der II. Polnischen Republik, die 1939 völkerrechtswidrig ins „Dritte Reich“ eingegliedert wurden. Das ist das Thema des Buches „Die Vertriebenen von 1939…" und des Filmes „Eine blonde Provinz“.

Im Rahmen des Cottbuser Bücherfrühlings stellte der Buchautor und Filmregisseur Jacek Kubiak aus Posen das Buch "Die Vertriebenen von 1939 ..." und den Film "Die blonde Provinz" am 3. Mai 2016 in der Stadt- und Regionalbibliothek Cottus vor.

Das Buch zeigt über 200 historische Fotos und Dokumente, die den Verlauf und den historischen Kontext der Deportationen polnischer Bürger und ihr kollektives Traumata darstellen. Es wurde vom Bund der polnischen Städte und dem Institut des Nationalen Gedenkens (IPN) in Polen 2015 herausgegeben unter Redaktion von Jacek Kubiak und Agnieszka Łuczak.

Der Film "Die blonde Provinz - Polen und der deutsche Rassenwahn", ebenfalls von Jacek Kubiak und Klaus Salge (RBB/ ARTE 2008, 52 Minuten) dokumentiert anhand von konkreten Schicksalen in berührender Weise dieses immer noch belastende Kapitel unserer Geschichte.

Nach dem deutschen Überfall auf Polen im September 1939 wurden Hunderttausende Polen vertrieben, deportiert und umgebracht. In den folgenden Monaten nahmen die Nazis im neugeschaffenen „Reichsgau Wartheland” eine ethnische Neuordnung vor; Hunderttausende Polen mussten den „Volksdeutschen” weichen, die nach den Vereinbarungen des Hitler-Stalin-Paktes vor allem aus der sowjetischen Einflusszone „heimgeholt” wurden. Für die jüdischen Polen begann ein Leidensweg, der für die meisten in den Vernichtungslagern endete.

Der Film stellt drei Männer vor, die beim deutschen Überfall auf Polen noch Kinder waren und deren Schicksal mit der Stadt Posen/Poznań verbunden ist: Zwi Steinitz aus Tel Aviv, der nach 70 Jahren zum ersten Mal wieder in sein Geburtsland reiste, um den Ort zu besuchen, an dem seine Eltern ermordet wurden. Henryk Jaszcz, der nach dem Überfall vergeblich seine Eltern in Posen suchte und dessen Weg in den Widerstand führte. Und Dieter Bielenstein, der als 12jähriger mit seinen Eltern aus Lettland nach Posen kam.

Dieter Bielenstein, 1931 in Mitau (lettisch Jelgava) in Lettland geboren, lebte von 1940-1945 in Posen. Er studierte Jura, Geschichte und Soziologie in Göttingen und Bonn, war als Journalist und viele Jahre im Auftrag der Friedrich-Ebert-Stiftung tätig, u.a. als Leiter des Büros in Tokyo.

Henryk Jaszcz, 1922 geboren, wurde mit seiner Familie aus Posen in das Generalgouvernement ausgesiedelt. Er schloss sich dort der Armia Krajowa, der polnischen Heimatarmee an, die im Untergrund kämpfte. Noch heute ist er im Verband der Veteranen der Armia Krajowa tätig.

Zwi Steinitz, 1927 geboren, wurde 1939 mit seiner Familie aus Posen vertrieben. 1941 kam die Familie ins Krakauer Ghetto, die Eltern und sein Bruder wurden 1942 im Vernichtungslager Belzec ermordet. Über die Lager Plaszow, Auschwitz und Buchenwald kam er 1945 in das KZ Sachsenhausen bei Berlin und wurde im April 1945 bei Schwerin befreit. 1946 erreichte er mit einem Schiff Palästina.

Jacek Kubiak, geboren 1957, Mitbegründer der Solidarność in Poznań, seit 1989 Journalist, inzwischen mit einer eigenen TV-Produktion, Koautor des Buches "Die Vertriebenen von 1939…", Autor von mehr als einem Dutzend Filmen zu Themen aus dem Bereich der deutsch-polnischen Verhältnisse. Für seinen Film "Eine blonde Provinz" erhielt er 2010 gemeinsam mit Klaus Salge den Deutsch-Polnischen Journalistenpreis.

Die Veranstaltung wird am Mittwoch, 13. Juli, um 18.00 Uhr in der Brandenburgischen Landeszentrale für politische Bildung in Potsdam wiederholt. Herzliche Einladung.

Ansprechpartner

Stephan Georg Raabe

Stephan Georg Raabe bild

Landesbeauftragter für Brandenburg und Leiter des Politischen Bildungsforums Brandenburg

Stephan.Raabe@kas.de +49 331 748876-0 +49 331 748876-15
Jacek Kubiak, Cottbus Mai 2016 Stephan Raabe
Katarzyna Kempa, Cottbus Mai 2016-2 Stephan Raabe