Veranstaltungsberichte

Urbi et Gorbi

von Stephan Georg Raabe

Zu den Hintergründen der Revolution 1989 und was sie uns heute zu sagen haben. Zum 25. Jahrestag der Maueröffnung

Bericht von den Neuruppiner Gesprächen der Konrad-Adenauer-Stiftung am 15. Oktober 2014 mit dem ZDF-Journalisten Joachim Jauer u.a.

Wie „Grenzkosmetik“ die Welt veränderte

Am 2. Mai 1989 wurden in Hegyeshalom im Nordwesten Ungarns an der Grenze zu Österreich an der Hauptverbindungsstrecke über Györ/Raab nach Budapest gelegen ganz unverhofft erste Grenzanlagen abgebaut. Die Sperranlagen, Teil des „Eisernen Vorhangs“, der jahrzehntelang den Ostblock einzäunte und abschloss, seien altersschwach geworden. Sie zu reparieren oder zu erneuern koste zu viel Geld, deshalb habe man sich dazu entschlossen, sie abzureißen, hieß die ganz nüchterne Begründung.

Die Brisanz dieser Grenzöffnung wurde zunächst anscheinend gar nicht recht wahrgenommen. Ein Aufmacher war das Ereignis in den Medien jedenfalls keineswegs. Aber am Abend des 2. Mai kommentierte der ZDF-Korrespondent Joachim Jauer am Schauplatz des Geschehens hellsichtig: „Heute endet hier an dieser Stelle die vierzigjährige Teilung Europas in Ost und West. Dies wird unabsehbare Folgen haben – für Europa, für die Deutschen in der Bundesrepublik und insbesondere in der DDR.“ Er sollte Recht behalten.

Im Rahmen der Neuruppiner Gespräche der Konrad-Adenauer-Stiftung am 15. Oktober 2014 erzählte Jauer sehr anschaulich von diesem Geschehen und den Hintergründen der friedlichen Revolutionen in Mittelosteuropa 1989 überhaupt. 2009 hatte er darüber unter dem Titel „Urbi et Gorbi“ im Herder-Verlag ein lesenswertes Buch geschrieben, das mit Unterstützung der Konrad-Adenauer-Stiftung auch in Polen erschienen ist.

An diesem Abend in der Siechenhauskapelle in Neuruppin ging es darum, die friedliche Revolution in der DDR zum einen im Kontext des großen Aufbruchs in Mittelosteuropa zu beleuchten und zum anderen in ihrer Ausprägung vor Ort zu vergegenwärtigen. Letzteres unternahm der stellvertretende Bürgermeister von Neuruppin, Arne Krohn, der damals in einem Jugendclub in der Stadt tätig war.

Joachim Jauer ging zunächst auf die Ereignisse in Ungarn ein, die zur Grenzöffnung führten, verband diese dann aber mit früheren Vorgängen der Freiheitsbewegung Solidarność in Polen sowie mit den Reformen Gorbatschows in der Sowjetunion.

„Erinnern wir uns!“

Verschweigen bedeutet die Fortsetzung des Verbrechens. So wurde der Ausruf „Emlékezünk! – Erinnern wir uns!“ zur Parole des Budapester Frühlings 1989. Es ging um die Erinnerung an eine nationale Tragödie, den ungarischen Volksaufstand, der am 23. Oktober 1956 mit einer friedlichen Großdemonstration von Studenten in Budapest begann und im November von sowjetrussischen Truppen brutal niedergeschlagen wurde.

Die Suche nach der historischen Wahrheit sei eine der wichtigsten Antriebsquellen der ungarischen Opposition 1989 gewesen, so Jauer. Der Geist des Erinnerns forderte von den kommunistischen Herrschern den „Offenbarungseid“ in Sachen Vergangenheit. In einer beeindruckenden Trauerfeier vor mehr als 300.000 Menschen auf dem Budapester Heldenplatz, durften die damals Ermordeten und zu Unpersonen erklärten Toten am 16. Juni 1989 im öffentlichen Gedenken wieder auferstehen. Der polnische Bürgerrechtler Adam Michnik schrieb aus diesem Anlass in der Zeitung der Solidarność „Heute nehmen wir Abschied von dem totalitären System der Zerstörung und der nationalen Entfremdung, der Vergewaltigung und des Denunziantentums“ (Jauer, Urbi et Gorbi, 112).

Während in Polen und Ungarn und später im Herbst auch in der „DDR“ die friedliche Revolution Konturen annahm, scheiterte dieser Versuch jedoch fast gleichzeitig in China. Dort schlug das chinesische Militär am 3. und 4. Juni 1989 im Zentrum Pekings die Proteste der Bevölkerung gewaltsam nieder. Ein Antagonismus der Geschichte, der leider bis heute andauert.

In der DDR gingen die Herrschenden zuerst noch von einer bloß „grenzkosmetischen Maßnahme“ der Ungarn aus, so DDR-Verteidigungsminister Heinz Keßler gegenüber Staats- und Parteichef Erich Honecker. Doch schon bald schnellte die Zahl der Reiseanträge der DDR-Bürger in die Höhe. Das Schlupfloch im „Eisernen Vorhang“ - ein Begriff, der auf Winston Churchill zurückgeht - zog immer mehr Menschen aus der DDR nach Ungarn. Der Strom der Ausreisewilligen riss nicht ab. Zuerst wurde er nicht, später konnte er dann kaum mehr gestoppt werden.

Die Überwindung des Kommunismus aus dem Geist der Freiheit und Solidarität

Das, was bereits mit der Wahl des Krakauer Erzbischofs, des Ethikprofessors Karol Wojtyła, zum Papst Johannes Paul II. 1978 begonnen hatte, die Überwindung des kommunistischen Regimes aus einem Geist der Freiheit und Solidarität, was mit der Solidarność-Bewegung in Polen und den Papstreisen in sein Heimatland 1979, 1983 und 1987 fortgesetzt wurde, als Millionen von Landsleuten diesem Kirchenmann und seiner Botschaft folgten, was durch die letztlich misslungene Reform des Sowjet-Regimes durch Glasnost/Offenheit und Perestrojka/Umstrukturierung unter Generalsekretär Michail Gorbatschow ab 1985 peu a peu Raum gewann, was in den Verhandlungen des Runden Tisches in Warschau in zumindest halbfreie Wahlen in Polen am 4. Juni 1989 mündete und dem Ostblock in der Person des katholischen Intellektuellen Tadeusz Mazowiecki einen demokratischen Ministerpräsidenten bescherte, das alles brach sich jetzt auch in der DDR durch das Schlupfloch im „Eisernen Vorhang“ bahn, wie das Wasser im Loch eines gewaltigen Staudammes, und befeuerte zugleich die Demonstranten mit ihren Kerzen in der DDR selbst.

Politisch und moralisch war das sozialistische Regime schon lange am Ende, ökonomisch immer mehr. Erhalten wurde es durch die sowjetrussische Führungsmacht und die "Mauer", die die Menschen daran hinderte, diesem Regime zu entfliehen. Mit dem 2. Mai 1989 war auf einmal alles anders "im eingezäunten, zugemauerten und mit Schusswaffen bewachten Ostblock". "Der Satellit Ungarn probte seinen eigenen Weg fern von der programmierten Umlaufbahn um das sowjetische Zentralgestirn"(Jauer, 101/117).

War das zusammen mit dem Geschehen in Polen eine Initialzündung? Jedenfalls gab die Sowjetunion wenig später, am 7. Juli 1989, auf dem Gipfeltreffen des Warschauer Paktes in Bukarest die Breschnew-Doktrin der begrenzten Souveränität der Mitgliedsstaaten auf und verkündete die "Freiheit der Wahl" der Staaten, ihre eigene „politische Linie, Strategie und Taktik ohne Einmischung von außen auszuarbeiten".

Aber auch die jetzt „grüne Grenze“ hatte ja weiter Bestand und wurde, wenn auch in unterschiedlicher Intensität, kontrolliert, so dass die Flucht nicht ohne weiteres möglich und erfolgreich war. In Ungarn, das wahrscheinlich mit Rücksicht auf die eigenen ungarischen Flüchtlinge aus Rumänien bereits im März 1989 die Flüchtlingskonvention der Vereinten Nationen unterschrieben hatte, die die Mitgliedsländer verpflichtet, Flüchtlinge nicht mehr abzuschieben oder gar auszuliefern, hielten sich dementsprechend im Sommer 1989 laut Schätzungen rund 200.000 ausreisewillige „Urlauber“ aus der DDR auf. Bereits Anfang August 1989 musste das von DDR-Fluchtwilligen besetzte Gebäude der Deutschen Botschaft wegen Überfüllung geschlossen worden.

Vorraum zur Freiheit

Da schlug die Stunde der aus Ungarn stammenden deutschen Katholikin Csilla von Boeselager (geb. 1941 in Budapest, gestorben 1994), die mit Einwilligung der ungarischen Regierung bereits Ende 1988 einen Malteser-Hilfsverein in Ungarn gegründet hatte und nun gemeinsam mit dem katholischen Pfarrer Imre Kozma auf dem Gelände der Pfarrkirche „Zur Heiligen Familie“ in Budapes-Zugliget spontan ein Lager für die deutschen Flüchtlinge errichtete, das bis Mitte September 1989 rund 3600 Menschen betreute oder in ungarischen Familien unterbrachte. Während das noch heute bestehende SED-Zentralorgan „Neues Deutschland“ diesbezüglich von einem „stabsmäßig geplanten Menschenhandel“ schrieb - welch ein Hohn, bei einer Diktatur, die ihre politischen Häftlinge nur gegen Devisenzahlung in den Westen entließ-, war die selbstlose Hilfsinitiative für die Betroffenen ein Schutz- und Vorraum zur Freiheit.

Heute, 25. Jahre danach, wird kaum irgendwo an diese großartige Frau, Csilla von Boeselager, und ihre Hilfsinitiative erinnert, mit der sie justament vom 13. August 1989 an, dem 28. Jahrestag des Mauerbaus, mithalf, diese Mauer von Budapest aus ad absurdum zu führen. Stattdessen geistern die Bilder vom 27. Juni 1989 durch die Medien, dem Tag, an dem der Akt der Grenzöffnung vor der internationalen Presse durch den ungarischen Außenminister Gyula Horn und seinen österreichischen Kollegen Alois Mock in Sopron symbolisch nachgestellt wurde.

Eine Woche nach Eröffnung des Flüchtlingslagers in Budapest-Zugliget veranstaltete die ungarische Reformpartei „Demokratisches Forum“ unter der Schirmherrschaft des CSU-Europaabgeordneten und Präsidenten der der internationalen Paneuropa-Union Otto von Habsburg und des ungarischen Staatsministers Imre Pozsgay ein „Paneuropäisches Picknick“ an der Grenze bei Sopron. Im Zuge dieses Treffens durchbrachen hunderte DDR-Bürger, die von dem Picknick erfahren hatten, die Grenze nach Österreich. Insgesamt sollen nach Zahlen des Auswärtigen Amtes der Bundesrepublik in den ersten drei Augustwochen 1989 über 3000 DDR-Bürger über die ungarisch-österreichische Grenze in den Westen gelangt sein.

Unterdessen waren bis zum Herbst tausende DDR Bürger auch nach Prag und Warschau gefahren, wo sie in die Deutschen Botschaften flüchteten oder in Polen auch in Sommerlagern der Solidarność untergebracht wurden, denn Ost-Berlin hatte den „Urlauberstrom“ nach Ungarn – wo immer möglich – unter Kontrolle genommen. Da der Strom der deutschen Flüchtlinge aber dennoch auch in Budapest nicht nachließ, errichtete dort auch das Ungarische Rote Kreuz eine weitere Unterkunft in einem Ferienlager für Ungarns „Junge Pioniere“, die bald wiederum über 2000 Menschen beherbergte.

Der Exodus vom 10. und 30. September 1989

Die Zustände verlangten je länger desto mehr nach einer Lösung, und die kam am 10. September 1989 mit der Zusicherung der ungarischen Regierung, die in Ungarn befindlichen DDR-Bürger könnten mit ihren DDR-Pässen das Land verlassen. Die ungarische Grenze war - zumindest bis auf weiteres - nun auch formell für Bürger der DDR - gegen den Willen ihres eigenen Staates - geöffnet worden. Eine Woche später hatten bereits rund 20.000 Menschen aus der DDR den Weg über Ungarn nach Westen gewählt.

Am 30. September folgte dann der Weg in die Freiheit auch für die Flüchtlinge in Prag und Warschau. Zuletzt hielten sich allein in der Prager Botschaft etwa 3500 Menschen auf, eine Situation, die kaum noch zu bewältigen war. In Polen waren es rund 800 Menschen. Sie alle durften jetzt mit Zügen durch die DDR in den Westen ausreisen. Die Pässe der DDR mussten sie allerdings abgeben. Erich Honecker hatte sich mit Blick auf den bevorstehenden 40. (und letzten) Jahrestag der DDR am 7. Oktober zu einer "humanitären Regelung" bereitgefunden. Bundesaußenminister Hans-Dietrich Gentscher verkündete vom Balkon der Prager Botschaft diese Lösung mit den mittlerweile berühmt gewordenen Worten: "Ich bin zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, das heute Ihre Ausreise ...". Der Rest des Satzes ging in grenzenlosem Jubel unter.

Am 1. Oktober 1989 trafen 6299 Botschaftsflüchtlinge in der Bundesrepublik ein, 5490 in sechs Sonderzügen aus Prag und 809 mit einem Zug aus Warschau (Jauer, 217). Doch bereits zwei Tage später waren erneut an die 5000 DDR-Bürger auf dem Gelände der Deutschen Botschaft in Prag, weitere ca. 2000 harrten vor der Botschaft aus und immer mehr kamen hinzu. Es drohte eine Katastrophe, und das unmittelbar vor den großen Feierlichkeiten der DDR. So konnten vom 4. auf den 5. Oktober erneut acht Sonderzüge mit DDR-Bürgern in die Bundesrepublik ausreisen. Insgesamt hatten seit dem Sommer mehr als 40.000 zumeist junge Menschen die DDR verlassen. Als Konsequenz stellte Ost-Berlin jetzt auch den pass- und visafreien Reiseverkehr in die Tschechoslowakei ein. Reisen in die benachbarten "Bruderstaaten" waren somit für DDR-Bürger nur noch mit Ausnahmegenehmigung möglich. "Diese hilflose Maßnahme erhöhte den Druck im Kessel der nunmehr völlig in ihrem Arbeiter- und Bauernstaat eingesperrten Menschen", resümiert Joachim Jauer (221).

"Gewaltloser Protest in der DDR"

Parallel zum Exodus aus der DDR nahm der Protest nun auch in der DDR zu. Reformen wurden immer nachdrücklicher gefordert. "Die Welle des Protests im Inneren der DDR war ebenso wenig aufzuhalten wie der Strom der Flüchtlinge, die das Land verlassen wollten" (Jauer, 230).

Ein konkreter Ausgangspunkt für die Proteste in der DDR war die Kommunalwahl am 7. Mai 1989, deren Fälschung nachgewiesen werden konnte. Eine Demonstration von Bürgerrechtlern auf dem Ost-Berliner Alexanderplatz gegen diese Wahlfälschung wurde zwei Monate später am 7. Juli von einem massiven Polizeiaufgebot aufgelöst. Auch zum Abschluss des alternativen "Statt-Kirchentages" in Leipzig am 9. Juli wurde gegen den Wahlbetrug demonstriert. Aus den Friedensgebeten in der Leipziger Nikolaikirche erwuchs dann am 4. September 1989 die erste große Montagsdemonstration mit mehreren tausend Menschen. "Reisefreiheit statt Massenflucht", "Stasi weg, Mauer weg", "Für ein offenes Land mit freien Menschen" hießen die Parolen.

In Grünheide bei Berlin wurde am 10. September das „Neue Forum“ gegründet. In dem Aufruf „Die Zeit ist reif – Aufbruch 89“ forderte dieses Forum einen demokratischen Dialog. Und obwohl es alsbald von offizieller Seite als staatsfeindlich abgekanzelt wurde und keine Zulassung erhielt, unterschrieben bis Ende des Jahres 1989 etwa 200.000 DDR-Bürger den Aufruf. Ebenfalls vom 10. September datierte der "Brief aus Weimar", den vier kirchennahe Mitglieder der Ost-CDU, darunter die damalige Pastorin und spätere Ministerpräsidentin von Thüringen Christine Lieberknecht, an die Mitglieder und Vorstände der Blockpartei schrieben. Sie kritisierten das Demokratiedefizit in Partei und Staat, die Reisegesetzgebung und forderten eine neue Wahlgesetzgebung und Neuorientierung der Ost-CDU. Nach Überwindung der Widerstände der regimetreuen Parteiführung wurde der Protestbrief schließlich am 26. Oktober im Parteiorgan der Ost-CDU, der "Neuen Zeit", veröffentlicht.

Am 12. September 1989 gründete sich die Bürgerbewegung „Demokratie jetzt“, die aus einem Arbeitskreis der Berliner Evangelischen Bartholomäusgemeinde erwuchs und mit einem „Aufruf zur Einmischung in eigener Sache“ an die Öffentlichkeit trat, dem Thesen für eine demokratische Umgestaltung in der DDR beigefügt waren. Im Erfurter Augustinerkloster fand am 28. September die erste Mitgliederversammlung des „Demokratischen Aufbruchs“ statt, einer Initiativgruppe von überwiegend kirchlichen Vertretern, in der ab Dezember 1989 auch Angela Merkel aktiv war. Am 7. Oktober wurde zudem im Pfarrhaus von Schw ante nordöstlich von Berlin von 43 Personen die Sozialdemokratische Partei (SDP) in der DDR gegründet.

Dass angesichts dieser Entwicklungen bei den Feierlichkeiten zum 40. Jahrestag der DDR am 7. Oktober selbst aus der kommunistischen Jugendorganisation FDJ "Gorbi, Gorbi" Rufe erschallten, war noch das Geringste. Dass dann aber am 9. Oktober rund 100.000 Demonstranten in Leipzig zur Montagsdemonstration auf die Straße gingen, war ein wahres Fanal. Dass die bereitstehenden Soldaten, Volkspolizisten und Arbeitermilizen nicht wie Honecker es ursprünglich gewollt hatte zum Schlag gegen die Demonstranten ausholten, war letztendlich ein großes Glück, manche sagen auch ein Wunder. Es wäre sonst zu einem Blutbad gekommen wie wenige Monate zuvor auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking. Mit allen hatten die Machthaber wohl gerechnet, nicht aber mit Kerzen und Gebeten. Und nun ertönte von Leipzig aus der selbstbewusste Ruf: "Wir sind das Volk!". Bilder von der Demonstration gelangten in die West-Medien und von dort zurück in die DDR. Der gewaltlose Protest war nicht mehr geheim zu halten.

Dann ging alles recht schnell. Am 17. Oktober wurde der 77jährige Erich Honecker von seinen Politbürogenossen nach 18 Jahren an der Spitze von Partei und Staat der DDR gestürzt. Sein Nachfolger, der 52jährige Egon Krenz, rief eine „politische Wende“ aus – und prägte damit den Begriff der „Wende“. Doch die friedliche Revolution fegte auch ihn hinweg. Am 4. November platzten mit der Großdemonstration auf dem Berliner Alexanderplatz die Hoffnungen der neuen Staatsführung, mit „Dialogangeboten“ die DDR zu retten. Am Donnerstag, dem 9. November, mündeten schließlich Protest und Exodus, Glasnost und Perestrojka, der Drang nach Freiheit und Wahrheit in die wiederum völlig unverhoffte, in einer Pressekonferenz über die Liberalisierung von Reisebestimmungen fast beiläufig erwähnte Öffnung der Mauer. Was für ein Ereignis! Die staatliche Wiedervereinigung begann mit der glücklichen Wiedervereinigung der Menschen, die sich endlich frei begegnen konnten.

Der Geist der Freiheit, mit dem einst 1978 der polnische Bischof Wojtyła als Papst angetreten war, indem er ausrief: „Habt keine Angst! Öffnet die Grenzen der Staaten und Gesellschaftsordnungen für Christus und seine rettende Macht!“, hatte sich gegen die aus Deutschland stammende und in Russland adaptierte kommunistische Ideologie, die den Menschen im Kollektiv unterjochte und ihn der Diktatur einer Partei aussetzte, die sich wie eine Verbrecherbande gerierte, durchgesetzt.

All diese Vorgänge erreichten in unterschiedlicher Weise auch Menschen in Neuruppin, die nach Freiheit strebten, sei es durch die Flucht aus dem System oder die Änderung des System. Unter dem Dach der Klosterkirche fanden sich auch hier Demonstranten zusammen und gingen auf die Straße. Sie schlugen ihren eigenen Weg in die Freiheit ein, wie Arne Krohn ihn schilderte. Auf einer Reise nach Moskau kam er mit dem Gedankengut von Glasnost und Perestrojka in Berührung und konnte lesen, was sich keine DDD-Zeitung zu schreiben traute. Durch die Partnerschaft mit einem estnischen Jugenclub lernte er eine andere Sicht auf die Geschichte kennen, einen historisch bedingten regelrechten Hass auf "die Russen". Und in der Klosterkirche wiederrum erfuhr er eine Gemeinschaft mit Andersdenkenden, die das Ihre zum friedlichen Umbruch beitrugen.

Am Ende des ob dieser Schilderungen beeindruckenden Abends stellte eine Teilnehmerin die Frage, was wir denn jetzt aus alledem lernen könnten, angesichts der verbreiteten Teilnahmslosigkeit gegenüber Not und Krieg und Flüchtlingen heutzutage? Vielleicht können wir lernen, dass schon einmal ein anderer Geist, ein Geist der Menschenwürde, der Freiheit, der Solidarität vermeintlich festgefügte Strukturen im Kalten Krieg durchbrochen und schließlich überwunden hat mit Hilfe vieler Menschen, die sich erhoben und engagiert haben. Das tut auch heute Not, denn gerade Demokratie lebt von Menschen, die sich beteiligen. Und Menschlichkeit und Solidarität zeigen sich nicht zuletzt darin, wie wir mit Flüchtlingen und Asylsuchenden umgehen, ein übrigens urchristlicher Gedanke.

Ansprechpartner

Stephan Georg Raabe

Stephan Georg Raabe bild

Landesbeauftragter und Leiter Politisches Bildungsforum Brandenburg

Stephan.Raabe@kas.de +49 331 748876-0 +49 331 748876-15
Urbi et Gorbi - Saal Stephan Raabe
Urbi et Gorbi - Podium Stephan Raabe
Urbi et Grobi - Eröffnung Stephan Raabe