Veranstaltungsberichte

„Flüchtige Bekannte“

von Andreas Samuel Bösche

Lesung und Autorengespräch mit Thomas Weiss

Der Schriftsteller Thomas Weiss war auf Einladung der KAS Bremen und mit Unterstützung der Norbert-Lammert-Stiftung zu einer Lesung mit Literaturgespräch in Bremerhaven zu Gast.

Thomas Weiss‘ literarisches Schaffen wurde bereits mit verschiedenen Ehrungen und Förderungen ausgezeichnet. Er erhielt u.a. Stipendien des Literarischen Colloquiums Berlin, des Berliner Senats und der Konrad-Adenauer-Stiftung. 2004 debütierte er mit dem vielfach gelobten Roman „Schmitz“. 2006 erschien der Roman „Folgendes“ und 2007 „Tod eines Trüffelschweins“. Der gebürtige Stuttgarter lebt als freier Schriftsteller in Berlin.

Herr Weiss las zunächst zwei Passagen aus seinem neuesten Roman „Flüchtige Bekannte“ (2014) und beantwortete anschließend Fragen zu seinem Werk und zu seiner Arbeit als Schriftsteller. „Flüchtige Bekannte“ nimmt das Motiv des „Ausbruchs“ und der Befreiung aus der Mühle des Alltags auf. Ein Mensch verschwindet, ein anderer sucht ihn...

Im Folgenden geben wir Auszüge aus dem Gespräch mit Thomas Weiss wieder.

KAS: Herr Weiss, die beiden Ausschnitte aus Ihrem neuesten Roman „Flüchtige Bekannte“, die Sie uns gerade vorgelesen haben, kreisen um die Hauptpersonen des Buches, den Filmkritiker Joachim und die ehemalige Architektin und spätere Tennislehrerin Maren. Die Handlungen dieser beiden Akteure determinieren, so könnte man sagen, den gesamten Roman. Was treibt Maren und Joachim an?

Thomas Weiss: Die zwei sind sich sehr ähnlich, und völlig richtig, um die beiden geht es in dem gesamten Buch. Gerade beim Vorlesen fiel mir wieder auf, dass diese Ähnlichkeit in dem Buch auch immer wieder so vorkommt. Die zwei Charaktere zeichnet aber auch ein großer Unterschied aus: Wo Joachim sich immer wieder denkt, er würde gern mal ausbrechen und dieses und jenes anders machen, denn er ist ja eigentlich unzufrieden, wird er in hundert Jahren immer noch sein Leben leben wie bisher. Gleichzeitig hat Maren die gleiche Grunderfahrung, aber sie zieht es dann durch und sagt: Ich ändere jetzt mein Leben, ich mache was anderes. Und das ist auch der Grund, warum Joachim so fasziniert von Maren ist, weil sie quasi umgesetzt hat, was er sich immer nur erträumt.

KAS: Dazu haben Sie eine Stelle vorgelesen, die, wie ich finde, die zögerliche Lebenshaltung Joachims sehr schön umschreibt. Joachim erfährt von einem Mann, der Pilates betreibt. Er hat dafür eigentlich nichts als Verachtung übrig, regt sich auf, findet am Ende aber trotzdem zu einer distanziert-reflektierten Haltung zurück:

„Keine Ahnung, was ein Mann beim Pilates wollte, aber bitte. Im Kreis mit anderen auf einer Turnmatte zu liegen und deutlich hörbar aus- und einzuatmen war nicht mein Fall, sowieso empfand ich Dinge wie Beckenbodenmuskulatur als etwas typisch Weibliches, ich wusste nicht, ob Männer überhaupt einen Beckenboden haben, aber natürlich war es jedem selbst überlassen, ob er das machte oder nicht.“ („Flüchtige Bekannte“, S. 16)

Lässt sich dieses Beispiel auf die Lebenseinstellung Joachims übertragen?

Thomas Weiss: Absolut! Dies ist ein klassisches Beispiel, womit man die Haltung Joachims zum Leben unterstreichen könnte.

KAS: Ist Joachim damit ein Freigeist ohne Biss oder schlägt ihm das soziale Gewissen? Was hält ihn davon ab, seine Ausbruchpläne nicht oder doch nur temporär umzusetzen?

Weiss: Ich glaube, ihn hält die Angst ab, dass es auch alles schief gehen kann. Er lebt in einer Phase der Existenzsicherung und baut gerade ein Haus. Auch im Job ist diese Sicherheit zu bemerken. Wie später in dem Roman beschrieben wird, übt er die Arbeit als Filmkritiker im Rahmen eines Pauschalistenvertrags aus, was doch eher ungewöhnlich und ein Privileg ist, sprich: Er ist ein Träumer, der den Ausbruch nicht wagt, weil er Angst hat, dass am Ende womöglich alles verloren ist. Das Wort, das dagegen Maren ungefähr beschreibt, ist jenes der Abenteuerlust, in diese Richtung geht das bei ihr. Sie ist konsequenter als Joachim und setzt um, was sie unbedingt machen will.

KAS: Maren und Jo kratzen gewissermaßen an der zweiten Lebenshälfte. Sie sind verheiratet, beruflich mehr oder weniger etabliert und leben in einem funktionierenden sozialen Umfeld. Beide wollen dieser Welt entkommen, sei es temporär oder auf Dauer. Warum wollen sie, bzw. warum will insbesondere Maren überhaupt weg?

Weiss: Am Schluss des Buches gibt es hierfür Indizien… Natürlich spielen verschiedene Faktoren eine Rolle, aber Maren geht es letztlich um das Gefühl der Erfüllung, das sie in ihrem Beruf als Architektin und in ihrer Beziehung zu ihrer Familie nicht mehr findet. Gleichzeitig - und das ist der andere wichtige Faktor - möchte sie dem täglichen Erfolgsdruck entkommen. Ihr Mann und sie haben sich einen gewissen Lebensstandard erarbeitet, den es zu halten, zu verteidigen gilt. Denn natürlich leben sie nicht im Schlaraffenland, jeden Monat muss eine bestimmte Summe zu Verfügung stehen.

Ihr Dasein in dem Ferienclub auf Djerba, in dem sie nach ihrem Verschwinden als Tennislehrerin arbeitet, ist dagegen ein völlig sorgenfreies. Man muss sich um nichts kümmern, der Tagesablauf ist vorprogrammiert. Das Essen steht auf dem Tisch und sogar die Wäsche wird einem gewaschen. Auch diese Aussicht hat sie zu ihrer Flucht gereizt.

KAS: Dieser Druck, den Sie gerade erwähnten, ist ja für beide Charaktere typisch. Auch Joachim ist in seiner Redaktion einem tagtäglichen Erfolgsdruck ausgesetzt, zumal seine journalistischen Ambitionen ja über das Verfassen von Filmkritiken hinausgehen. Beide sind zudem etwa im gleichen Alter, also Anfang bis Mitte 40, obwohl Maren zumeist als deutlich jünger durchgeht. Könnte man also sagen, dass Sie eine Art Generationenroman verfasst haben?

Weiss: Ganz sicher geht es in dem Roman um diese Altersstufe, in der man schon viel erreicht hat und sich fragt: War es das jetzt? Geht es nun immer so weiter, noch 20, 30 Jahre? Das ist ein Thema, dem ich bei vielen Gesprächen mit Freunden in diesem Alter begegnet bin. Der Gedanke: „Soll es das schon gewesen sein?“

KAS: Maren geht den Weg der individuellen Befreiung bis zum Ende, ohne dass wir dies an dieser Stelle auflösen wollen. Dafür lässt sie sogar ihr Kind zurück. Als eine Art Metapher hierfür lassen Sie Maren ihre Lebenseinstellung mit einem Tennismatch vergleichen.

„Im Tennis gibt es nur Sieg oder Niederlage, Unentschieden ist nicht vorgesehen ... Ich konnte mich mit diesem Entweder-Oder schon immer gut arrangieren. Doppel spiele ich selten, mich reizte schon immer das Einzel. Man kann niemand anderen für eine Niederlage verantwortlich machen, genauso wenig ist jemand beim Sieg mitbeteiligt. Man hat alles selbst in der Hand.“ („Flüchtige Bekannte“, S. 82)

Was hat Sie zu diesem Bild inspiriert? Und: ist Maren eine Egomanin?

Weiss: Ob sie Egomanin ist, weiß ich nicht, aber zumindest ist sie sehr konsequent und auch rücksichtslos, in der Art, wie sie ihr Verschwinden durchzieht. Ich stellte mir vor, dass sie sich im Tennis nicht anders verhält. Während Joachim etwa sagen würde, „mir geht es um ein schönes Spiel, ich will nicht unbedingt gewinnen“, ist sie ziemlich tough und will das Spiel gewinnen.

KAS: Kommen wir jetzt auf den Topos vom Neubeginn oder von der Suche danach, der in Ihrem Roman ja eine wichtige Rolle spielt. Sie haben Ihrem Werk ein Zitat aus der Odyssee vorangestellt: Odysseus und seine Gefährten erleben die süße Gastfreundschaft der Lotophagen und lassen sich von Odysseus nur widerwillig zum Aufbruch ins heimatliche Ithaka bewegen. Kann sich zumindest Maren von ihren heimatlichen Banden befreien? Was macht die Fremde, also Djerba, die ehemalige Lotophagen-Insel, mit Ihr? Gibt es Momente der Wandlung?

Weiss: Dieses Odysee-Zitat nimmt auf einer Seite vorweg, was auf den nächsten 180 Seiten kommt. Denn die Gefährten des Odysseus wollen letztlich auf der Insel bleiben und den ganzen Tag Lotos essen - ein Sinnbild für das Schlaraffenland, bis sie mit Gewalt von dort weggebracht werden. Seiner Vergangenheit kann keiner entkommen, das gilt auch für Maren, die weiß, was vorher war. Ihre heimatlichen Bande rühren an ihr, gerade als sie plant, nach drei Jahren wieder ihren alten Wohnort Berlin zu besuchen. Deshalb möchte sie sich am liebsten auch gar nicht mit ihrem Mann und ihrer Tochter treffen, aus Angst, alles könnte wieder aufbrechen.

KAS: Um es euphemistisch auszudrücken: Maren und Jo machen es ihren Familienangehörigen nicht eben leicht. Maren verschwindet von einem Tag auf den anderen und Joachim fliegt ebenfalls fort, ohne zu sagen wohin. Welche Wirkung haben die „Eskapaden“ der beiden Hauptpersonen auf ihre Ehepartner bzw. auf Marens Tochter Sandra?

Weiss: Marens Familie hat sich von ihr getrennt, da wird es sicherlich auch kein Happy End mehr geben. Bei der Recherche zu dem Thema ist mir allerdings ein realer Fall begegnet, bei dem tatsächlich jemand über mehrere Monate verschwunden und wieder zurückgekommen ist. Und das Paar hat danach wieder zusammen weitergelebt. Was ich mir nicht einfach vorstelle, mit jemandem zusammen zu leben, der ohne ein Wort zu sagen flüchtete. Scheinbar hat es geklappt, aber bei Maren war ihre Familie zu tief verletzt. Was Joachim betrifft, ist das anders, er ist nicht von ungefähr Filmkritiker und entflieht in seinen Filmen bzw. im Kinosaal der Realität, aber eben nur vorübergehend. Ich möchte jetzt aber nicht zu viel vorwegnehmen, was Joachim und seine Familie angeht, es gibt ja noch eine entscheidende Begegnung, eine Art Showdown…

KAS: Wie sind Sie auf diesen Themenkomplex „Bilanz ziehen“, „Neubeginn“ und „Ausbruch“ gekommen? Gab es bestimmte Beobachtungen oder gar persönliche Erlebnisse, die sie inspirierten?

Weiss: Nein, da gab es kein bestimmtes Erlebnis oder konkreten Anlass.

KAS: Dann frage ich anders: wie entsteht ein Thomas Weiss-Roman?

Weiss: Die Idee für diesen Roman hatte ich irgendwann einmal und habe sie aufgeschrieben. Zu diesem Zeitpunkt war die Handlung noch eine andere, aber die Idee, dass jemand einfach so verschwindet, war der Gedanke, der mich fasziniert hat. Ansonsten sind die Dinge, über die man schreibt, in einem. Es sind Zusammenhänge, die mich beschäftigen, aus welchen Gründen auch immer. Ein Thema muss mich innerlich reizen, sonst würde ich nicht darüber schreiben - obwohl ich, momentan zumindest, sicher nicht verschwinden will!

KAS: Arbeiten Sie schon an einem neuen Stoff?

Weiss: Mir fällt immer mehr auf, wie sehr Menschen von ihren Smartphones abhängig sind. Man sieht eigentlich ständig, egal wo man sich aufhält, jemanden damit telefonieren, sms schreiben, im Internet surfen, den Weg auf google-maps suchen usw. Ohne Smartphone ist man scheinbar schon nicht mehr lebensfähig. Eine Katastrophe, wenn es irgendwo kein WLAN gibt. Unsere immer stärkere Abhängigkeit von digitaler Technik, die uns als Mensch womöglich irgendwann einmal überflüssig macht, weil sie alles besser kann, ist sicherlich ein Thema, das mich sehr interessiert...

KAS: Herr Weiss, wir danken Ihnen sehr herzlich für dieses Gespräch!

Ansprechpartner

Dr. Ralf Altenhof

Dr

Landesbeauftragter für Bremen und Leiter des Politischen Bildungsforums Bremen

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