Veranstaltungsberichte

"Papanoia" - Lesung und Podiumsdiskussion

von Janine Dufner
Als Ralph Martin der Liebe wegen von New York nach Berlin, Prenzlauer Berg, zog und den Job als WEF (Weitgehend Erwerbsloser Vater) annahm, ahnte er nicht, wie sein Leben sich verändern sollte. Statt durch hippe euopäische Bars zu ziehen, entdeckte er eine neue Spezies: die Yogamütter.

Die Yogamütter lebten nach vielen scheinbar sinnvollen Regeln, angefangen bei der Pflicht im Bio-Laden einzukaufen, nur mit dem Fahrrad zu fahren bis hin zu der Einschätzung, dass es absolut unangebracht sei, wenn seine Tochter Lulu im Kindergarten mit einer Barbie-Puppe spiele. Martin war bereit, sich an sein neues Umfeld anzupassen, auch wenn er über viele Bräuche staunte. Doch dabei hatte er nicht mit Lulu gerechnet…

Seine Erfahrungen in der Prenzlauer Berg Szene haben Ralph Martin zu einem humorvollen Buch mit dem Titel „Papanoia“ inspiriert, aus welchem er bei der Kooperationsveranstaltung der Konrad-Adenauer-Stiftung und des United States Centers Bremen vorlas.

Anschließend eröffnete Dr. Ralf Altenhof, Leiter des Bildungswerks Bremen der Konrad-Adenauer-Stiftung, die Diskussion mit Sandra Ahrens, CDU-Abgeordnete der Bremischen Bürgerschaft und Landesvorsitzende der Frauen Union, und Birgitta vom Lehn, Journalistin, die regelmäßig für die FAZ und die Welt schreibt und das Buch „Generation G8 – Wie die Turbo-Schule Schüler und Familien ruiniert“. Auch Susanne Wendland, Bürgerschaftsabgeordnete für Bündnis 90 / Die Grünen war eingeladen, konnte aber auf Grund einer akuten Erkältung nicht erscheinen und sagte im letzten Moment ab. Trotzdem führten die Podiumsgäste eine angeregte Diskussion über Political Correctness und das Fehlen an Toleranz und Gelassenheit in Sachen Kindererziehung. Das Fehlen der grünen Abgeordneten war auch deshalb schade, weil die Grünen inzwischen nicht nur in Ralph Martins Buch, sondern auch bei vielen überregionalen Medien als die „neuen Spießer“ firmieren: übertrieben umweltbewusst, nur den eigenen Lebensentwurf akzeptierend und schrecklich selbstgerecht. Wenn der Besitz einer Barbie-Puppe zu einem Streit über Meinungsfreiheit wird, ist eine Grenze überschritten.

Sandra Ahrens sagte: „An Ralph Martins Erfahrungen erkennt man, wie eine neue Ideologie sich in Deutschland immer mehr verbreitet.“ Ahrens kritisierte die wachsende Anspannung der Eltern. Diese würden heutzutage bereits früh anfangen, das Kind wie eine Hochleistungsmaschine zu züchten. Aber auch der Staat mache in diesem Zusammenhang Fehler. Das heutige Eherecht gleicht ihrer Ansicht nach schon einer staatlichen Umerziehungsmaßnahme. Ahrens lobte „Papanoia“ als ein Plädoyer für mehr Toleranz und Gelassenheit.

Birgitta vom Lehn hingegen hinterfragte den Wahrheitsgehalt mancher Schilderung. Martin neige zu Übertreibungen. So kann ihrer Meinung nach ein Kind mit zwei Jahren noch keine „Freundschaften pflegen“. Zudem war sie erstaunt darüber, dass Martin trotz allem im Prenzlauer Berg wohnen blieb.

Martin gab daraufhin kleinere Übertreibungen zu und erklärte, dass er kurz vor der Veröffentlichung des Buches nach Kreuzberg zog und dies als große Erleichterung empfand.

Berlin sei eine Weltstadt, aber am Prenzlauer Berg wäre er sich vorgekommen wie in einem Dorf. „Es war unglaublich monokulturell und man wurde ständig beobachtet“, erzählte Martin. Alles Andersartige würde nicht nur mit Misstrauen beäugt, sonder auch ins moralische Abseits gestellt. „In Kreuzberg gab es endlich wieder Luft zum Atmen“, schloss Martin.

Ansprechpartner

Dr. Ralf Altenhof

Dr

Landesbeauftragter für Bremen und Leiter des Politischen Bildungsforums Bremen

ralf.altenhof@kas.de +49 421 163009-0 +49 421 163009-9