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KAS-Bremen im Gespräch: Der Skandal um die Hitler-Tagebücher

von Tabea Herrera, Ralf Altenhof
Als der "Stern" im April 1983 die vermeintlichen "Hitler-Tagebücher" veröffentlichte, die sich kurz danach als Fälschung erwiesen, kam dies für das Magazin einer Katastrophe gleich.Michael Seufert, seinerzeit beim "Stern", ließ die schier unglaublichen Ereignisse von damals im Gespräch mit Lars Haider, Chefredakteur des Weser Kurier, im Rahmen unserer Reihe "KAS-Bremen im Gespräch" noch einmal Revue passieren.

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Lars Haider (Chefredakteur des Weser-Kurier)

Abenteuerlich und bizarr ist die Geschichte, die Seufert zu rekapitulieren weiß. Ein Redakteur (Gerd Heidemann) stößt auf einen Betrüger (Konrad Kujau), der vorgibt, ihm die bislang unveröffentlichten Hitler-Tagebücher zukommen zu lassen. Heidemann, bis dahin unter seinen Kollegen als besonders gewissenhafter Rechercheur bekannt, reagiert sofort. Er lässt die Dokumente jedoch nicht etwa vorab auf ihre Echtheit prüfen, sondern erwirbt sie in Absprache mit der Verlagsleitung des "Stern" für viel Geld. Dass zuvor noch nie jemand davon gehört hat, dass Hitler Tagebuch geschrieben habe, wundert niemanden. „Jeder, der sich ein bisschen mit Hitler beschäftigt hat, wusste, dass der alles andere liebt als schreiben“, so Seufert kopfschüttelnd.

Ebenso wenig wundert man sich, dass statt der 1981 angekündigten 27 Tagebuch-Bände 1983 bereits 60 Kladden vorliegen. Es wird pro Band bezahlt, in bar. Knapp 9,3 Millionen DM investiert der "Stern" im Verlauf der folgenden Monate in die Beschaffung der vermeintlichen „Hitler-Tagebücher“. „Das war völlig verrückt“, so Seufert auf die Frage Lars Haiders, was bei Gruner & Jahr schief gelaufen sei. „Ich kann mich nicht erinnern – und ich war 27 Jahre beim Stern –, dass jemals eine solche Summe bar ohne Quittung ausgezahlt worden wäre!“

Die Redaktion, darunter auch Michael Seufert, hätte für gewöhnlich als erste von einem solchen Fund erfahren müssen, doch sie wird vorerst nicht informiert. Zu groß ist die Gier einiger weniger, die den Erfolg, den der vermeintliche „Fund des Jahrhunderts“ verspricht, nicht teilen wollen. Auch der erfahrene Journalist Lars Haider ist hierüber verblüfft: "Wenn man das mit mir gemacht hätte, ich hätte gesagt: 'Leute, na gut, viel Spaß noch mit Ihrem Unternehmen!'" Denn die Verlagsspitze verstieß gegen einfachste Kontrollmechanismen und übersah dabei vieles: Auf den Tagebüchern befanden sich die altdeutschen Initialen „FH“ statt „AH“ (für: Adolf Hitler). Heidemann entschied, dies müsse für „Führer Hauptquartier“ stehen – in Wahrheit hatte der Fälscher Kujau die Buchstaben schlicht verwechselt. Trotz vieler weiterer Anhaltspunkte, die Zweifel an der Echtheit der Dokumente gerechtfertigt hätten, veröffentlichte der Stern die Tagebücher schließlich am 28. April 1983.

Der Eklat kam wenige Tage später: Das Papier der Tagebücher stamme nachweislich aus der Nachkriegszeit, so lautete das für den "Stern" vernichtende Gutachter-Urteil. Es seien darin Aufheller nachgewiesen worden, die es bis 1945 noch gar nicht gegeben habe. „Der Führer hatte auf Nachkriegs-Papier geschrieben – das war ja nun schwierig“, kommentiert Seufert trocken, und der Saal lacht.

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Lars Haider und Michael Seufert im Gespräch

Michael Seufert wurde von der Verlagsleitung beauftragt, den größten Presseskandal in der Geschichte der Bundesrepublik ohne Ansehen der Person aufzuklären. Heidemann und Kujau wurden infolge des Prozesses zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt. Auf die Frage, ob so etwas wieder geschehen könne, antwortet Seufert ohne zu zögern: „Ja, das kann natürlich wieder passieren, wenn (in einer Zeitung) aus guten Gründen alle Kompetenzen und Regeln außer Kraft gesetzt werden.“