Veranstaltungsberichte

Kernenergie: Eine Analyse jenseits von Hysterie und Ideologie

von Sarah Bunk
In seinem Vortrag „Kernenergie: Eine Analyse jenseits von Hysterie und Ideologie“ betonte Prof. Dr. Gerd Ganteför vom Fachbereich Physik der Universität Konstanz vor 100 Gästen in der Konrad-Adenauer-Stiftung Bremen, dass er „keine positive Stimmung für Kernenergie machen“, sondern stattdessen „Denken beibringen“ wolle.

Nach einer historischen Einführung in die fundamentale Rolle der Energiegewinnung für eine Gesellschaft leitete er zur heutigen Lage Deutschlands über – historisch gesehen eine „absolute Luxussituation“ mit einem Primärenergieverbrauch von ca. 3700 Terawattstunden, der vom Arbeitsaufwand am ehesten durch Kohle und Uran zu decken sei. Es sei besonders wichtig, die von den jeweiligen ökonomischen und natürlichen Gegebenheiten bestimmten Zahlen im Kopf zu haben. Diese sprächen eindeutig dagegen, den Schwerpunkt auf regenerative Energien zu legen. Zurzeit sei die Deckung durch Erdöl noch bezahlbar, da aber das Ölvorkommen bald zu Ende gehe, könne Deutschland sich eine zeitgleiche Abkehr von der Kernenergie nicht leisten. Ganteför räumte mit dem weit verbreiteten Irrglauben auf, Deutschland sei der Vorreiter im Bereich regenerativer Energien: so wurde der deutsche Bedarf 2009 an Primärenenergie laut Statistiken des Bundesministeriums für Wirtschaft und Technologie von nicht einmal zwei Prozent Wind-, Wasser- und Solarkraft gedeckt. In den von den Medien viel zitierten zehn Prozent sind Brennholz, -torf, Klärgas sowie Müll eingeschlossen.

Es gebe zukünftig drei Möglichkeiten für Staaten, mit der Energieproblematik umzugehen, die sich durch den nach wie vor enormen Anstieg des globalen Energieverbrauchs aufgrund von Bevölkerungs- und Wirtschaftswachstum intensivieren werde: entweder zukunftsorientiert mit auf Produktivitätssteigerung bedachter Forschung, mit einem Umstieg auf Erdgas, Kohle und Uran, oder mit einem Umstieg auf Sonne, Wind und Biomasse – die von Deutschland angestrebte letzte Option sei dabei ein Rückschritt. Besonders weniger entwickelte Länder könnten teure Energie nicht bezahlen, und zusammen mit Kohle sei Uran eine der kostengünstigsten Lösungen, da es außerdem „fantastische Zahlen“ für die Reichweite der Vorräte habe. Ganteför prophezeite daher, dass der deutsche Ausstieg aus der Kernenergie das Risiko eines weiteren GAUs in weniger entwickelten Ländern erhöhen werde. Da diese nun Kernkrafttechnologie in Ländern wie Russland oder China kauften, in denen die Sicherheitsstandards weit unter den deutschen lägen, habe Deutschland sich als Hochleistungsindustrienation mit der Abkehr von Nuklearenergie und -forschung seiner „globalen Verantwortung entzogen“.

Ganteför zeigte sich „enttäuscht über mangelndes Fachwissen“, besonders unter deutschen Entscheidungsträgern. Er plädierte für bessere Bildung sowie einen fundierten öffentlichen Diskurs anstatt der pauschalisierten Ablehnung der Kernenergie. Die Kontrolle der Kettenreaktion sei zwar immer schwierig, aber durch Forschung machbar. Es gebe es natürlich keine vollkommen sichere, allerdings eine durchaus „vertretbare Endlagerung“ des radioaktiven Mülls. Hier verwies er auf ein vielversprechendes Schweizer Konzept, das die natürliche Endlagerung nachahme: die radioaktiven Elemente würden hier in Glas eingeschlossen und nach 30 Jahren in Stahlkokillen in Opalinuston eingeschlossen werden. Anders als herkömmliche Gesteinsschichten sei Opalinuston selbstabdichtend und bekomme keine Risse, was normalerweise die Gefahr bei der Endlagerung darstelle. Ganteför warf außerdem die Frage auf, ob es wirklich notwendig sei, eine Lagerung für eine Million Jahre zu finden, denn sobald eine Möglichkeit für die Entsorgung in der Zukunft gefunden werde, sei dieses Problem gelöst.