Veranstaltungsberichte

Welche Werte wollen wir?

von Janine Dufner
Das Bildungswerk Bremen platzte aus allen Nähten: 160 Gäste waren gekommen, um Prof. Dr. Hermann Lübbe über den Wert der Wirtschaft in Europa, die Individualrechte und das Comeback der Religion sprechen zu hören.

Der Begriff „Werte“ sei weder in der Bibel noch in Texten der Antike oder der Aufklärung erwähnt worden. Ursprünglich seien „Werte“ bloß in der Wirtschaft zu finden gewesen, nämlich in der Hauswirtschaftslehre. Dieser Zusammenhang mag auf den ersten Blick paradox wirken. Allerdings vergesse man zu oft, dass bei allen Folgeproblemen eine gut funktionierende Wirtschaft für unsere hohe Lebenserwartung und die Gesundheit bis ins hohe Alter verantwortlich sei. „Die Menschen nehmen den Wert der Wirtschaft nicht ernst“, sagte Lübbe. Folglich kritisierte er auch die „Werteeuphorie“ in Europa. Die EU erfülle in den Augen der Europaenthusiasten nicht primär eine wirtschaftliche, sondern eine friedensstiftende und sinnstiftende Funktion. Dabei teilen wir die Werte nicht nur mit anderen europäischen Staaten, sondern allen Nationen, die sich zu den Menschen- und Völkerrechten der UNO bekennen. „Es ist eine unerträgliche Arroganz zu sagen, dass diese Werte ausschließlich europäisch sind“, tadelte Lübbe. Auch der Argumentation, dass die EU den Frieden in Europa gefördert habe, stimme er nicht zu. Die EU sei nicht der Grund für den Frieden in Europa, sondern eine Folge dieses Friedens. Ohne den Frieden nach dem Zweiten Weltkrieg hätte die EU nicht gegründet werden können. Nicht die EU, sondern die NATO habe im Kosovo-Konflikt Frieden gestiftet.

Auch in anderen Punkten stellte Lübbe sich gegen gängige Meinungen bezüglich der Europapolitik: So sei die europäische Integration zwar wichtig, aber nicht um den Preis einer Aufgabe unserer nationalen Selbstbestimmung. Eine Umverteilung der Macht auf die europäische Ebene sei nicht die Lösung unserer finanziellen Probleme, sondern schwäche bloß die Mitbestimmungsmöglichkeiten der Bürger. Diese würden in finanziellen Belangen sogar die besseren Entscheidungen treffen, da sie im Gegensatz zu den Parteien nicht um Wählerstimmen kämpfen müssten. Demzufolge würde die Einführung mehr direkt demokratischer Elemente gar für ausgeglichenere Finanzen sorgen. „Trotzdem werden in Deutschland die Bürger wie unmündige Kinder behandelt“, sagte Lübbe. Ein System ähnlich dem in der Schweiz wäre erstrebenswert.

Das Selbstbestimmungsrecht ist für Lübbe nicht nur in politischer, sondern auch in persönlicher Hinsicht von großer Bedeutung. Er betonte, dass die Kulturkritik unbegründet sei. Die moderne egalitäre Gesellschaft, führe nicht zu einem Verlust der Individualität und einer Verarmung der Kunst. Ganz im Gegenteil: Das Niveau und die Vielfalt würde eher noch gesteigert. Denn das Selbstbestimmungsrecht aller führe zwangsläufig zu der Ungleichheit, die für die Kultur von großem Wert ist. Aus diesem Grund sei eine freie Gesellschaft ohne Umverteilung nicht möglich. Eine weitere Folge unserer heutigen Freiheit ist die Rückkehr zur Religion. „Die Menschen suchen förmlich den existentiellen Umgang mit dem, was trotz aller Freiheiten nicht zur Disposition steht“, schloss Lübbe.

Ansprechpartner

Dr. Ralf Altenhof

Dr

Landesbeauftragter und Leiter Politisches Bildungsforum Bremen

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