Veranstaltungsberichte

Für den Schutz des menschlichen Lebens vom Anfang bis zum Ende!

von Marita Ellenbürger

Veranstaltungsreihe "Handlungsauftrag Demographie"

In der Reihe „Handlungsauftrag Demographie“ hatte das Bildungswerk der Konrad-Adenauer-Stiftung Karl Kardinal Lehmann und Susanne Conrad eingeladen, um über die Haltung der katholischen Kirche und ihre Möglichkeiten der Einflussnahme beim Schutz menschlichen Lebens ins Gespräch zu kommen.

Der Landesbeauftragte der Konrad-Adenauer-Stiftung für Rheinland-Pfalz, Karl-Heinz B. van Lier, erinnerte im Rahmen seiner Begrüßung daran, dass der Schutz des menschlichen Lebens ein gesamtgesellschaftlicher und im Grundgesetz verankerter Auftrag sei. Dieser Schutz sei seiner Auffassung zufolge sehr erforderlich, da die ersten neun vorgeburtlichen Lebensmonate des Menschen heutzutage die gefährlichsten seien: „Angesichts der 106.000 Abtreibungen pro Jahr – jedes siebte Kind wird demnach im Mutterleib getötet – muss man davon ausgehen, dass Abtreibung längst zum probaten Mittel der Familienplanung geworden ist“. Betrachte man nun die demographische Situation in Deutschland, so dränge sich die Frage auf, warum sich eine Gesellschaft wie die unsere mit solch einem negativen demographischen Trend eine so hohe Zahl von Abtreibungen – größtenteils staatlich finanziert – überhaupt leiste.

Die zunehmende Entwicklung hin zum Betreuungsstaat, am Anfang wie am Ende des Lebens, lasse zudem die Frage aufkommen, so van Lier, ob diese mit der Vorstellung vom guten Leben vereinbar sei. Und weiter: „Ist eine erwerbs- und konsumorientierte Gesellschaft eine humane Gesellschaft? Was sagt die katholische Kirche dazu? Welchen Beitrag kann sie dazu leisten die Würde des Menschen zu stärken?“.

Karl Kardinal Lehmann bezog zu diesen Fragen in seinem Vortrag klar Stellung. So werde die vorchristliche Erkenntnis „Alles strebt nach Leben“ heute negiert und umgekehrt.

Vor allem bei der Betrachtung des Lebensbeginns haben, so der Kardinal, die Möglichkeiten hochentwickelter Technik dazu geführt, dass wir das „Staunen vor dem Wunder des Lebens“ verloren hätten. Er erinnerte weiter daran, dass es eine stete und denkwürdige Doppelung und Zwiespältigkeit bei der Behandlung des Lebens gebe: „Wir stärken Leben wenn es schwach ist, wir sind aber nicht zurückhaltender geworden im Töten“. Aus diesem Spannungsbogen von Schaffen und Schaden komme der Mensch nicht heraus.

Wie aber sollte der Mensch seine Stellung in der Welt verstehen? Nach christlicher Auffassung habe er einen Ordnungsauftrag, dürfe aber nicht vergessen, dass er selbst ein Geschöpf Gottes sei und das Maß im Umgang vor allem mit Seinesgleichen nicht aus den Augen verlieren dürfe, so Lehmann. In den sensibelsten Zeiten des Lebens - also am Anfang und am Ende - werde die Schwäche des Menschen daher besonders deutlich. Die Ehrfurcht vor dem Leben lebe in vielen Religionen und Weltanschauung hielt Kardinal Lehmann fest: „Wir sind selbst nicht Schöpfer von Leben, sondern darauf angewiesen, dass uns Leben geschenkt wird. Hieraus ergibt sich die Unverfügbarkeit des Lebens schlechthin“.

Nach Ansicht des Kardinals seien dies ethische Vorraussetzungen, ohne die nicht zu verstehen sei, warum es an einem gebotenen, generellen Tötungsverbot ungeborenen Lebens mangele. Im Weiteren diskutierte er die Frage nach dem Lebensrecht des frühen Embryos und den forschungsmedizinischen Umgang mit Embryonen. Für den Lebensschutz für frühe Embryonen führte er zusammenfassend vier Grundargumente an.

Zunächst spreche hierfür die (human-)spezifische Entwicklung des Menschen „als Mensch von Anfang an“. Hinzu trete auch die Tatsache der Potentialität zur vollständigen menschlichen Entwicklung, welche daher eng mit der Kontinuität der embryonalen Entwicklung zu verknüpfen sei. Abschließend sei festzuhalten, dass durch das Verschmelzen von Samen- und Eizelle eine für das Individuum einheitliche und vollständige genetische Information entstehe. Mit Recht müsse aus diesen Gründen dem Embryo daher Personalität zuerkannt werden, so Lehmann. Der Embryo genieße „ein Recht auf Existenz und Achtung“.

Er beschloss seinen Ausführungen mit den Worten aus Psalm 139 („Der Mensch vor dem allwissenden Gott“):

Herr, Du hast mich erforscht und Du kennst mich. Wo ich sitze oder stehe, Du weißt von mir. Von Fern erkennst Du meine Gedanken. Wo ich gehe oder ruhe, es ist Dir bekannt. Du bist vertraut mit all meinen Wegen. Du umschließt mich von allen Seiten und legst Deine Hand auf mich. So wunderbar ist für mich dieses Wissen, so hoch, ich kann es nicht begreifen. Denn Du hast mein Inneres geschaffen, mich gewoben im Schoß meiner Mutter. Ich danke Dir, dass Du mich so wunderbar gestaltet hast. Ich weiß, staunenswert sind Deine Werke. Als ich geformt wurde im Dunkeln, kunstvoll gewirkt in den Tiefen der Erde, waren meine Glieder Dir nicht verborgen. Deine Augen sahen wie ich entstand. In Deinem Buch war schon alles verzeichnet. Meine Tage waren schon gebildet, als noch keiner von ihnen da war. Wie schwierig sind für mich, oh Gott, Deine Gedanken. Wie gewaltig ist ihre Zahl. Wollte ich sie zählen, es wären mehr als der Sand. Käme ich bis zum Ende wäre ich noch immer bei Dir. Erforsche mich Gott und erkenne mein Herz. Prüfe mich und erkenne mein Denken. Sieh her, ob ich auf dem Weg bin, der Dich kränkt und leite mich auf dem altbewährten Weg.

Die im Anschluss an den Vortrag des Kardinals von Susanne Conrad moderierte Diskussions- und Fragerunde vertiefte einige der bereits angesprochenen Aspekte und erweiterte zudem den Kreis der Themen.

Besonderes Augenmerk warf Kardinal Lehman dabei auf die Frage, welche Stellung der Familie in der Gesellschaft dabei zukomme. Ausgehend von der Frage, warum immer weniger junge Menschen eine Entscheidung zugunsten einer Familie und Kindern träfen, wies er darauf hin, dass dieses Problem ausschließlich durch eine Rückbesinnung auf familiäre Werte zu beheben sei. Die mangelnde Bereitschaft „Ja!“ zu Kindern und Familie zu sagen, sei auch von der Angst geprägt, mit Problemen allein gelassen zu werden. Die Familie sei zunehmend gesellschaftlich isoliert, vom Verfall der die umgebenden Solidargemeinschaft betroffen und von ihrer eigenen Atomisierung gefährdet. Dies sei insbesondere dann zu beobachten, wenn Kinder und Familie mit Behinderung und Krankheit zu kämpfen hätten.

Allgemein sei eine Tendenz zu beobachten, hilfs- und aufmerksamkeitsbedürftige Menschen, wie Kinder und Ältere, wegzuorganisieren, fremd zu betreuen und (fast) ausschließlich materiell zu versorgen. Besonders in den Lebensphasen am Anfang und Ende sei die Familie wichtigster Rückhalt und unverzichtbarer Bestandteil der Gesellschaft, die über die materielle Versorgung hinaus auch menschliche Nähe vermittle. In diesem Zusammenhang sieht Kardinal Lehman die zunehmende Wahrnehmung von Kindern als „Projekt“ der Eltern und den damit einhergehenden „Bildungswahnsinn“ besonders kritisch.

Am anderen Ende der Lebensspanne rücke die Frage nach einem menschenwürdigen Tod immer stärker in den Fokus. Die Möglichkeiten der modernen Medizin führten zu einer Verlängerung der Lebensspanne. Der Wunsch nach selbstbestimmten, würdigen Sterben sei daher durchaus nachvollziehbar. Allerdings sei aktive Sterbehilfe kein Weg zur Lösung dieses Dilemmas. Umso mehr sei darauf zu dringen, die Arbeit von Hospizen zu intensivieren und auch die Chancen der Palliativmedizin zu nutzen. Aus seelsorgerischer Erfahrung heraus, sei es jedoch das Wichtigste, einen Menschen im Gespräch zu begleiten und ihn nicht am Ende seines Lebens allein zu lassen. Auch hier sei die Familie in entscheidender Weise gefragt. Der Glaube sei, auch für die Familie, in schweren Zeiten eine Stütze, um einen Menschen auf seinem letzen Weg zu begleiten.

Zuletzt ging der Kardinal auf die, aus dem Publikum gestellte Frage ein, welche Stellung die Kirche zu Fragen der Familienplanung habe und ob in diesem Kontext eine Wiederbelebung der Schwangerenkonfliktberatung nicht sinnvoll erscheine. Dazu führte Kardinal Lehmann aus, dass die sehr spezielle deutsche Rechtslage im Rahmen der (Welt-)Kirche nur schwer vermittelbar gewesen sei. Ein Ende der Konfliktberatung habe es nie gegeben, vielmehr sei lediglich die Möglichkeit zur Ausstellung eines Beratungsscheins entfallen. Es sei festzustellen, dass trotz dieser Probleme, ein Erfolg der Beratungstätigkeit zu verzeichnen sei. Zur Frage der Anti-Baby-Pille sei festzuhalten, dass ein überwältigender Teil der Frauen und Eheleute sich anders verhielten, als die Lehre der Kirche dies vorsehe. Auf diese gesellschaftliche Tatsache habe die Kirche momentan, aus seiner Sicht keine befriedigende Antwort. Er sehe es jedoch als wichtig an, dass die Kirche auch zu den Fragen menschlicher Sexualität eine solche entwickle und anbiete.

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Marita Ellenbürger