Veranstaltungsberichte

Goethes ungeliebter Engel ...eine Staatsfeindin?

Poesie und Politik der Bettina von Arnim

Für die Konrad-Adenauer-Stiftung haben Johanna Wech und Michael Kinkel im Kaminsaal des Berliner Albrechtshof gespielt.

Engel oder Hexe? Bald lachend, bald weinend wirbelt Bettina von Arnim zwischen Romantik und Revolution; wirft sich Goethe zu Füßen und greift, berauscht von Beethovens Musik in die Dornen Ihrer Zeit; lindert die Leiden der Cholerakranken, gründet die erste Gewerkschaft der Welt und kämpft unerschrocken für mehr Menschlichkeit und Gerechtigkeit. Gespannt lauscht man Bettine, die den Romantiker auf dem Thron (Friedrich Wilhelm IV) in einen liberalen Volkskönig zu verwandeln sucht und diesen mit beseelten Briefen umgarnt:

„...Ach Majestät, wie lieblich war mir Berlin damals! ...wie heiter wenn die Sonne hoch stand und ich ging durch den Schlosshof und dachte: dort wohnt der Kronprinz, der frei und groß sich über alle erhebt, keinen Unterschied macht zwischen Arm und Reich; der nicht fragt: soll ich oder soll ich nicht? Sondern mit leisem Lächeln gewährt. Als ich eurer Majestät zum ersten mal begegnete in den Gärten Sans Soucis, wie er da dem Orgel Spiel lauschte sah ich gleich die anmutige, heitere Lebhaftigkeit und ohne darüber nachzudenken, wer er sei war ich eben so plötzlich ihm hingegeben wie einst dem Goethe...“

...dem war Bettine schon als Kind ergeben, doch der Dichterfürst hält sie für ein wunderliches Wesen und schimpft sie öffentlich: „Eine brummende, stechende Viehfliege!“ Bettine ist nicht Goethes Engel, sondern eine Rachefurie, die den toten Goethe vom Sockel stößt, stellt Heinrich Heine fest. Nach leidenschaftlicher Begegnung mit Beethoven, findet sie sich im jungen Deutschland des Vormärz wieder und beeinflusst als erste Frau ihrer Zeit die Politik. Bald gelten ihre Gesellschaften als Brutstätte aufrührerischen Gedankenguts: "Standesgenossen, seid ihr denn so verhärtet, dass der Fluch der Armut an eurer glatt polierten Bildung, kaltblütig abgleitet!" ruft sie. Unversehens findet sie sich im Lager der Staatsfeinde wieder und wird als das scheußlichste heilige Weib Preußens observiert. Doch Bettine lässt sich nicht einschüchtern; interveniert und schreibt ein Buch über die Not der Armen. "Dies Buch gehört dem König" - Ein Titel der Friedrich Wilhelm IV. schmeicheln soll. Das romantische Wesen scheint Bettine und dem König zu verbinden, doch: Regieren hat nichts mit Romantik zu tun. Opposition hingegen wächst aus romantischem Geist. Bettine verkörpert diese Opposition aber erkennt zu spät: "Majestäts, ach so feine Seele ist nicht gut, sondern gleichgültig."

Fazit: Bettina tat stets nur was sie erfühlte. So ist ihre politische Literatur eher poetische Politik. Trotzdem gelang es ihr, die große Zeitenwende, die die französische Revolution ankündigte und die bis heute nicht ganz eingependelt ist, zu erfühlen und zu reflektieren.