Veranstaltungsberichte

Ohne Musik keine Bildung

Justus Frantz – ein Name, den man mit großartigen Orchestern und absoluter Hingabe zur Musik assoziiert. Seit mehr als dreißig Jahren ist Justus Frantz ein international erfolgreicher Pianist und Dirigent. Um die klassische Musik hat er sich unzählige Male verdient gemacht: Immer wieder entdeckt und fördert er junge Musiktalente.

Deutschland im Dezember 2010. Der Schüler Johannes ist neun Jahre alt. Er besucht eine Grundschule, und da er in einem Stadtstaat mit pädagogischen Ambitionen wohnt, genießt er die Ganztagsbetreuung in der Grundschule. Johannes lernt Schreiben, Lesen, Rechnen. Im Sachunterricht lernt er den Alltag, seine Stadt und viele andere interessante Dinge kennen. Außerdem hat er Sportunterricht, Kunstunterricht, und im zweiten Schuljahr hatte er sogar Musikunterricht.

Nachmittags legt Johannes in Projekten einen Schulgarten an, füttert Fische im Schulteich. Er malt, er hat mal die Theatergruppe probiert, Basketball gespielt, geschwommen, und er nahm an der Musik-Projektgruppe teil. Der Schüler Johannes lernt viel. Aber er kann sich nicht so richtig konzentrieren, und niemand fragt ihn, was ihm denn besonders viel Freude macht. Auch als er einmal eine Stunde lang ganz versunken am Klavier sitzt und die Töne probiert, fällt das niemandem auf. Drei Uhr, jetzt ist Basketball, und nachher noch

Schachklub oder Reitunterricht.

Und so hat sich die besondere Begabung des Schülers Johannes nie entfalten können. Des Schülers Joannes Chrysostomus Wolfgangus Theophilus Mozart. So hätte es in Deutschland im Jahr 2009 Wolfgang Amadeus Mozart ergehen können. Wenn ich in andere Länder reise, um dort Konzerte zu geben, nehme ich mir immer die Zeit, für unser Orchester, die Philharmonie der Nationen, junge Musiker anzuhören. Mir ist aufgefallen: In Ländern wie Russland, Korea oder China ist es ganz selbstverständlich, dass Kinder schon im Vorschulalter ausgewählt und in ihren besonderen Talenten gefördert werden.

In Deutschland tun wir uns schwer, Talente, Eliten zu fördern. Das mag historische Gründe haben. Elite und Auslese - das klingt für manche fatal nach Herrenmensch und Selektion. Dennoch müssen wir uns bewusst machen: Das gemütliche Mittelmaß, das wir damit fördern - es reicht nicht für die Gegenwart und erst recht nicht für die Zukunft. Kinder haben ein Recht darauf, angesprochen und gefördert zu werden. Kinder können sich begeistern, können ganz eins werden mit dem, was sie anspricht und interessiert. Heute hat alles die Tendenz zur oberflächlichen Zerstreuung: der Alltag mit seinen unzähligen optischen Reizen und akustischen Berieselungsangeboten, die Medien, die Fülle an Reizen und Informationen, die niemand mehr bewältigen kann.

Müssen wir da nicht in den Kindergärten und Schulen eine Gegenwelt schaffen? Räume, in denen nicht das Beliebige, Ungefähre, Unverbindliche bestärkt wird, sondern im Gegenteil Vertiefung, Konzentration, Entfaltung der individuellen Anlagen und Vorlieben gefördert werden?

Ich komme gerade von einem mehrtägigen Kurs für Kinder und Jugendliche. Wir haben mit den Kindern gemeinsam im Orchester verschiedene Werke geprobt und nachher sogar aufgeführt.

Nicht jeder Schüler heißt Joannes Chrysostomus Wolfgangus Theophilus Mozart und wird später zu Wolfgang Amadeus Mozart. Aber eine Kindheit, eine Schule, eine Musikförderung, die es einem kleinen Mozart möglich macht, ein großer Mozart zu werden, ist ein Segen - für den Schüler Joannes Chrysostomus Wolfgangus Theophilus Mozart und für alle Menschen.

Als Interpret der klassischen Musik beobachte ich seit langem: Das Interesse für diese Art der Musik lässt nach. Ist Klassik weniger interessant, als sie es noch vor 30 oder 50 Jahren war? Ich glaube nicht - im Gegenteil: Es gibt heute Interpretationen und Konzertformen, die den Zugang zur klassischen Musik einfacher machen. Es gibt Radio, Fernsehen, CDs, MP3-Player und das Internet. Was nachlässt, ist die Bereitschaft, sich auf klassische Musik einzulassen. Diese Art von Musik braucht die Bereitschaft, sich auf sie einzulassen, in ihr zu versinken. Und ich glaube nicht, dass diese Bereitschaft heute noch gefördert wird. Damit verlieren wir einen Teil unserer Geschichte, unserer Identität. Wir verlieren auch die Bereitschaft der Menschen, sich mit Interesse, Begeisterung, Leidenschaft etwas zu widmen.

Entmaterialisierung und Entschleunigung führen zu größerer Phantasie, Konzentrationsfähigkeit und Sensibilität. Humanistische Erziehung ist weiterhin ein Ideal für mich. Humanismus ohne Sensibilität ist unmöglich.

Klassische Musik ist kein Allheilmittel. Aber sie ist ein Beispiel dafür, wie eine menschliche Schule, eine menschliche Gesellschaft, ein menschliches Miteinander aussehen könnte. Ein Orchester, meinetwegen auch eine Band, ist gelebte Begegnung, gelebte Begeisterung, gelebte Kommunikation. Wenn wir Desinteresse, Verrohung, Egoismus beklagen - im kleinen wie im großen Maßstab, denken wir nur an die Triebkräfte für die derzeitige Finanzkrise -, ändern wir nichts. Wenn wir aber Kindern und Jugendlichen die Möglichkeit geben, Musik zu leben und zu erleben, dann geben wir ihnen die Möglichkeit, gleich mehreres zu lernen: Es gibt etwas, das einen Wert in sich darstellt. Musik ist ideell, nicht materiell. Sie erfüllt keinen Zweck, sondern ist sich selbst Erfüllung. Es gibt etwas, das uns neue Erfahrungen, Glücksmomente eröffnet, wenn wir uns ganz und gar darauf einlassen. Es gibt etwas, was wir nur erreichen können, wenn wir es gemeinsam versuchen, wenn wir nicht nur die eigenen Interessen, sondern auch die Interessen, Beiträge und Fähigkeiten der anderen beachten.

Viel wird gesprochen über Kinderfeindlichkeit unserer Gesellschaft. Ich mache das nicht daran fest, dass humorlose ältere Leute sich über Kinderjauchzen und Kinderglück beschweren - für mich allein schon unverständlich. Aber es gibt viel weitergehende Dinge, die Kindern ihr Leben gesundheitlich und geistig erschweren. Ich denke an den grauenvollen Kinder-Food. Heute gibt es in allen Restaurants die sogenannten 'Kinder-Menues'. Den Kindern wird dort unter den verlockenden Namen wie Micky Mouse, Donald Duck, Goofy, Kleine Hexe oder Starwars nur Fastfood angeboten - ich fürchte sogar, zum Teil aus Resten, die andere zurück gegeben haben. Die Kinder werden so automatisch zu einem ungesunden Leben erzogen und die Erwachsenen erlauben ihrem Kindern ungehemmtes Essen von vitaminarmer, aber dick machender Ernährung.

Ich denke aber auch an Kinderbücher. Schauen Sie sich heute einmal Kinderbücher an: Hässlicher und verniedlichender in einer falschen Weise, wie sie heute in den Kinderbüchern dominiert, kann es eigentlich nicht mehr kommen. Das Kinderbuch soll doch Liebe zur Natur, den Menschen, den Tieren und eine vernünftige Einstellung gegenüber dem Lernen transportieren. Dies alles wird zugunsten von hässlichen Bildern und einer Mickey Mouse /

Starwars-Welt (von Erwachsenen konzipiert!), die das Kind nachhaltig beeinflussen können, zurückgedrängt.

Aber ich denke auch an die Musik, die Kinder hören. Wir wissen, dass die ersten Eindrücke für Kinder prägend sind. Ich habe versucht, meinem kleinen Sohn die akustische Umweltverschmutzung, der wir alle permanent ausgesetzt sind, zu ersparen. Es ist fast nicht möglich. In jedem Restaurant - auch in besseren - in jedem Fahrstuhl, in jedem Taxi, nun auch schon in mancher Bäckerei - überall werden wir heute zugedröhnt. Wir werden manipuliert, und bei Kindern fängt das schon ganz früh an. Wie sollen sie kulturelle Werte für sich erkennen, wenn sie schon quasi in einem kulturell asozialen Milieu aufwachsen. Von Computerspielen gar nicht zu sprechen, die Kindern Zeit kosten, sie ihren Freunden entfremden, ihnen die frische Luft vorenthalten und sie vor allem auf Dauer jeder sozialen Kompetenz absprechen. Wir haben gehört, dass die schrecklichen Morde, verursacht durch Jugendliche, gerade durch solche verrohenden Computerspiele inspiriert wurden, Shows im Nachmittags TV, die Kindern und Jugendlichen ein dramatisch asoziales Menschen- und Gesellschaftsbild vermitteln. Aber - wo ist der Gesetzgeber - wo sind die Institutionen, die hier eingreifen?

Ich stelle fest, dass heute oft nicht mehr das Lesen von Büchern, das Hören von architektonischer und künstlerischer Musik, das Anschauen von großen Bildern ermöglicht wird, sondern dass bei Jugendlichen eine künstliche Bedarfshaltung geweckt wird, weil sie eben nichts anderes mehr kennen. Erschreckend, wenn wir bedenken, dass möglicherweise die nächsten Generationen vor einer viel größeren Verantwortung für die Zukunft der Welt stehen, als es jemals zuvor der Fall war. Doch wir tun nicht genug, damit wir und die nächsten Generationen die Prüfungen, die auf uns zukommen, bestehen werden.

Prof. Justus Frantz

Ansprechpartner

Karl-Heinz B. van Lier