Veranstaltungsberichte

19. KKV Herbstforum

Energiewende - Technische Herausforderungen - soziale und wirtschafliche Fragen

KKV-Herbstforum beschäftige sich mit dem Thema „Energiewende“

Kam der Atomausstieg zu früh?

19. KKV-Herbstforum beschäftige sich mit dem Thema „Energiewende“

Es war der 11. März 2011. Das sogenannte Tōhoku-Erdbeben vor der Ostküste Japans beschädigte vier von sechs Reaktorblöcken im Kernkraftwerk Fukushima Daichii. Dabei wurden große Mengen radioaktiver Stoffe freigesetzt. Was die Nutzung von Kernenergie betrifft, führte die Berichterstattung weltweit zu großer Skepsis, auch – oder gerade – in Deutschland. Die Bundesregierung beschloss den kurzfristigen Atomausstieg. Spätestens 2022 soll das letzte Kernkraftwerk vom Netz gehen.

Das wirft Fragen auf: Wie kann der Atomausstieg gelingen? Was können erneuerbare Energien dazu beitragen? Und vor allem: Ist das alles überhaupt bezahlbar? Der KKV und die Konrad-Adenauer-Stiftung luden zum 19. Herbstforum in das Essener „Haus der Technik“ ein, um diesen Fragen nachzugehen. Das Thema lautete „Energiewende: Technische Herausforderung – soziale und wirtschaftliche Folgen“.

Martin Giehl von den Düsseldorfer Stadtwerken erörterte die Energiewende aus Sicht der Versorger. „Wichtig ist es zu wissen, dass die Energiewende keinen einheitlichen Verlauf nehmen wird“, sagte er. Während die städtische Energieversorgung weiterhin zentralisiert und verbrauchernah bleibe, müsse man auf dem Land mit dezentralisierten Kleinanlagen rechnen. „Dann muss der Verbraucher auch zum Erzeuger werden“, erklärt Giehl. Ein weiteres Problemfeld sieht der studierte Maschinenbauer in den Netzanforderungen. So müsse „der Strom bidirektional (in beide Richtungen) fließen können“. Und obwohl der Trend zu erneuerbaren Energien sichtbar sei, ist Giehl sich sicher: „Um den Bau konventioneller Kraftwerke kommen wir auch in Zukunft nicht herum.“

„Die Energiewende bedeutet die Realisierung nachhaltiger Energieversorgung“, steigt Prof. Dr.-Ing. Marco K. Koch von der Ruhr-Universität Bochum ein. Dazu gehöre jedoch auch, Energie zu sparen und eine höhere Effizienz zu erreichen. Den schnellen Atomausstieg hält der Wissenschaftler für gewagt. „Die letzten Jahre haben wir Strom exportiert“, erklärt der Experte für Energiesysteme und -wirtschaft. Jetzt aber steige der Import, vor allem aus Frankreich und Tschechien. „Und wir wissen ja, wo dieser Strom herkommt.“

Zudem falle auf, dass seit dem Abschalten vieler Kraftwerke nicht automatisch auf „grüne“ Energie, sondern vermehrt auf Braunkohle gesetzt werde. Handlungsbedarf sieht Koch auch beim Endverbraucher. Im Verkehr führen Geländewagen mit unglaublich hohen Benzinverbrauch. „Der Anteil von Elektroautos liegt dagegen im Promillebereich“, erklärt er die Problematik. Ähnlich sehe es auf dem Gebäudesektor aus. „Von rund 18 Millionen Wohngebäuden werden knapp 97 Prozent fossil geheizt.“

„Man muss darüber nachdenken, ob eine Abschaltung der Atomkraftwerke nicht sogar verhindert, CO2-frei in die Zukunft zu gehen“, spitzt Volker Eickholt die Debatte noch etwas zu. Er beleuchtete die Energiewende aus ökonomischer Sicht. Wasserkraft, erklärte der Diplomkaufmann von der Universität Duisburg-Essen, sei die einzige Möglichkeit, wirtschaftlich, umweltverträglich und steuerbar Strom zu produzieren. Der Photovoltaik (Sonnenenergie) räumte er gerade aus wirtschaftlicher Sicht wenig Potenzial ein: „Deutschland ist kein Sonnenland.“ Die Subventionen dieser Branche seien die falsche Investition.

Auch das Argument „Ausbau der Arbeitsplätze“ führe in die Irre. Man müsse 220.000 neue Arbeitsplätze auch ins Verhältnis zu einer Förderung von Sieben Milliarden Euro setzen. „Da ist der Effekt sehr gering.“ Statt Solarenergie zu fördern, müsse die Marktintegration alternativer Energien verstärkt, Klarheit über die Kapazitätenmechanismen geschaffen, ein Verzicht auf eine absolute Abnahme- und Vergütungsverpflichtung seitens der Stromerwerber möglich gemacht und der Netzausbau beschleunigt werden.

Dass der Atomausstieg richtig sei, unterstrich der Abschlussredner Dr. Arnd Küppers. Dabei zitierte der katholische Sozialethiker den verstorbenen Kardinal Joseph Höffner, der bereits 1980 auf die Gefahren hinwies. „Dass die Sicherheit eines Atomkraftwerkes wahrscheinlich ist, reicht nicht“, sagte Küppers. Nach Fukushima sei die Energiewende aus ethischer Sicht also unausweichlich.

Gedanken mache er sich jedoch über die Art und Weise. „Das darf nicht auf Kosten der sozialen Marktwirtschaft geschehen.“ Ein Preissystem sei wichtig, weil es Informationen beinhalte. „Subventionen führen jedoch zu einer Fehlentwicklung“, sagte der Theologe. Die Umlagen belasteten beispielsweise kinderreiche Familien und förderten soziale Ungerechtigkeit. „Das Ziel muss sein, die soziale Marktwirtschaft mit der Ökologie zu verbinden“, brachte er es auf den Punkt. Sie müsse wirtschaftsfördernd und wohlstandserhaltend bleiben.

Björn Odendahl

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