Veranstaltungsberichte

Begeistert für Europa

Eine Lettin besucht Brüssel

Im Rahmen eines ERASMUS-Austauschs habe ich als Studentin aus Lettland im Bildungswerk Dortmund der Konrad-Adenauer-Stiftung ein Praktikum von September bis Dezember gemacht. Während dieser Zeit habe ich viel, viel Neues erlebt. Das eindrucksvollste Event war eine Fahrt nach Brüssel.Zusammen mit jungen Leuten der Sportjugend Dortmund habe ich die Arbeits- und Funktionsweise der europäischen Institutionen kennen gelernt.

Für mich war das nicht nur eine EU-Bildungsfahrt, sondern auch eine Möglichkeit, die organisatorischen Aufgaben und die Rolle der KAS kennen zu lernen, sowie etwas mehr über die Kenntnisse der deutschen Jugendlichen zum Thema Europäische Union zu erfahren. Interessant ist es für mich dies auch mit der Situation in Lettland zu vergleichen.

Vor dem Einchecken im Hostel in der Hauptstadt Belgiens und Europas blieb noch etwas Zeit, erste Eindrücke über Brüssel zu sammeln. Das haben wir im so genannten Atomium gemacht. Das Gebäude, das wie Atom aussieht, war für die Weltausstellung 1958 gebaut worden und seitdem ist es ein Symbol Brüssels. Wir haben sowohl die Geschichte des Gebäudes kennen gelernt, als auch die Stadt, die „Klein Paris“ genannt wird, von ganz oben entdeckt. Aber Brüssel ist kein Paris!

Zurzeit ist Belgien eine föderale, parlamentarische Monarchie. Das Land – und besonders die Hauptstadt Brüssel - ist ein Musterbeispiel der Multikulturalität Europas. Es gibt drei offizielle Sprachen: Französisch, Niederländisch und Deutsch, und entsprechend drei Bevölkerungsgruppen: Wallonen, Flamen und eine Minderheit von Deutschen. Brüssel ist außerdem der Standort europäischer und internationaler Institutionen, die Abgeordnete, Staatsbeamte und Touristen zusammen bringt.

Während einer Stadtführung am Nachmittag hat unser Leiter nicht nur über die Rolle Brüssels als das politische Zentrum Europas, sondern auch über die Geschichte der Stadt und Belgiens referiert. Vielfältige Architektur, breite Straßen und große Parks stehen als Zeugnisse von den Zeiten, als Belgien eine Metropole mit vielen Kolonien war. Man könnte sagen, dass wegen ihrer internationalen Funktionen, Brüssel auch heute wie eine Metropole ist, wo europäische Länder zusammenkommen.

Die Stadt hat mich wirklich begeistert. Ich war erstaunt, wie gut die Identität Belgiens zur Multikulturalität Europas passt. Das Europaviertel und die 12 EU-Sterne auf dem Kopfsteinpflaster zeigen, dass Brüssel als europäisches politisches Zentrum mehr Funktionen als andere Hauptstädte hat. Auch die verschieden bekleidete Bevölkerung und Mischung von Sprachen inkl. Lettisch (!), die man auf den Straßen hören kann, betonen die nationale und kulturelle Vielfalt, die die europäische Union charakterisiert. Darüber hinaus ist das Motto der EU „in Vielfalt geeint“.

Der nächste Tag begann mit einem Besuch bei der Europäischen Kommission (EK). In einem Vortrag haben wir die Aufgaben, Struktur, Rolle und Entwicklung dieser Institution kennen gelernt. Europa verändert sich ständig. Wir als EU-Bürger sollten wissen, was, warum und wie passiert.

Zurzeit sind 28 Mitgliedsstaaten in der EU und die europäische Mitarbeiter, die sowohl in Brüssel als auch in Straßburg und Luxemburg arbeiten, vertreten alle 24 offiziellen Sprachen der Union. Die Kommission hat eine multinationale Rolle und denkt europaweit. Die nationalen Aspekte spielen eine große Rolle, aber da gibt’s das Verständnis, dass die Zusammenarbeit aller Mitgliedsstaaten erfolgreicher ist. Wir sind alle Europäer, die die gleichen Möglichkeiten genießen. Gleichfalls zeigen auch die Ergebnisse von Meinungsumfragen, dass EU-Bürger sich immer mehr als Europäer sehen: Die Erhebungen des Eurobarometer (Statistik von 23.07.2013.) zeigen, dass 73% Deutschen sich als EU-Bürger fühlen. In Lettland liegt die Anzahl bei 56%. Aber wir gehören erst knapp 10 Jahre zur EU.

Mit einem „Gefühl“, dass wir als Gruppe sowohl Deutsche als auch Europäer sind (in meinem Fall- Lettin und Europäerin), sind wir danach zur Landesvertretung Nordrhein-Westfalen gegangen. Der Schwerpunkt hier war regional ausgerichtet. Die Mitarbeiterin der Landesvertretung NRW hat uns eine andere Perspektive als bei der EK aufgezeigt. Sie betonte, dass in Europa viele politische und unpolitische Akteure sind, die Entscheidungen und politischen Richtungen in den EU-Institutionen beeinflussen können. Sowohl im Sport als auch in anderen Bereichen brauchen neue Projekte nicht nur Finanzierung, sondern auch Unterstützung und Kontakte. Gleichfalls sind die Netzwerke in der Lobbyarbeit (regionale Unternehmer, Bündnisse und Arbeitskreise zwischen anderen) in Europa sehr wichtig. Sie war auch sehr daran interessiert, die Meinung und Erfahrungen von unserer Gruppe zu hören.

Die jungen Vereinssportler trugen ihre Sorgen vor: die Trennung zwischen Schule und Sportvereine beeinflussen das Leben von Jugendlichen in Deutschland. Auch die noch sichtbaren Unterschiede zwischen der Organisation der Sportbünde in Ost- und Westdeutschland wurden zur Diskussion gestellt. Dieser Meinungsaustausch war sehr produktiv und hat uns gezeigt, wie wichtig es ist, eine eigene Meinung zu äußern. Die Behörden in der EU wissen nicht immer, wie es eigentlich in den Mitgliedsländern aussieht. Ich bin sicher, dass sich die Jugendlichen ernsthaft einbringen konnten. Vertretungsinstitutionen, die mit der Hilfe von Lobbyisten diese Ideen weiterbringen, sind deshalb gute Vermittler zwischen EU-Bürgern und Abgeordneten, die das Leben in der Union mit ihren Entscheidungen direkt beeinflussen.

Nach einer Pause mit einer berühmten belgische Waffel und Pommes stand ein Besuch und Rollenspiel im Parlamentarium (Besucherzentrum des EP) auf dem Programm. Da konnten wir die am Morgen erlernten theoretischen Kenntnisse über die EU praktisch umsetzen. Für zwei Stunden schlüpften wir in die Rolle von EU-Abgeordneten. Unsere Aufgabe war in einem interaktiven Rollenspiel eine Entscheidung über Maßnahmen zu Ökologie und Bürgeridentifikation in der EU zu treffen.

Das Spiel ist sehr realistisch. Die strikten Richtlinien der Fraktionsgruppen im europäischen Parlament und der Länder sind mit gemeinsamem, europaweitem Blick zu betrachten. Die Diskussionsmethoden und Informationsquellen waren alle wie in der Wirklichkeit. Nur WIR und nicht die Politiker haben die Entscheidung getroffen.

Ich finde, dass dieser Besuch im Parlamentarium sehr wichtig und empfehlenswert ist. Dieses Simulationsspiel bringt die EU wirklich näher zu den Bürgern.

Bevor wir „auf Wiedersehen, Brüssel“ gesagten, war ein Besuch inkl. eines Vortrags im Europäischen Parlament für uns vorgesehen. Ebenso wie in der Kommission, haben wir etwas über die Aufgaben und Arbeitsweise der Europäischen Institutionen erfahren. Der sehr große Themenbereich, 24 Amtssprachen, Vorteile für EU-Länder und ihre Bürgern und der Arbeitskalender der EU-Abgeordneten sind nur wenige Aspekten, die unser Referent erläutert hat.

Er sagte, dass die Geschichte Europas (die Teilung, Begriffe wie Tschechoslowakei u. a.) noch immer in unserem Sprachgebrauch vorhanden ist. Es ist unsere Aufgabe, die Geschichte miteinander zu kommunizieren. Die Idee von Frieden, Demokratie und gemeinsame Freude bleibt bestehen. Die EU ist ein politisches Geschäft, in dem die Multikulturalität auf die Herausforderung der Zusammenarbeit trifft. Auch er als Tscheche, der auf Deutsch referierte, war ein Beispiel für die nationale und sprachliche Vielfalt, die in der EU, beziehungsweise Brüssel, gelebt wird.

Ich fand diese Fahrt sehr vielfältig, interessant und wertvoll. Während der Reise habe ich viel Neues erfahren. Ich habe erlebt, wie Politische Bildung mit Besuchen vor Ort, Planspielen und interaktiven Methoden junge Leute für Europa begeistern können. Gern würde ich versuchen, etwas Ähnliches nach meiner Rückkehr für lettische Jugendliche anzubieten.

Signe Seskena

Ansprechpartner

Beate Kaiser

Beate Kaiser bild

Referentin Regionalbüro Westfalen und Leiterin Frauenkolleg PB, Politisches Bildungsforum NRW

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