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Event Reports

Die Rolle der Stadt bei der Integration von Migranten: Chancen und Perspektiven

Tageskonferenz

Der Flüchtlingszustrom des vergangenen Jahres stellt die deutschen Städte und Gemeinden vor große Herausforderungen. Insbesondere die Fragen nach der Gestaltung von Integration und dem gesellschaftlichen Miteinander treten dabei in den Vordergrund. Anlässlich der aktuellen Entwicklungen führte das Politische Bildungsforum Hamburg der Konrad-Adenauer-Stiftung in Zusammenarbeit mit dem U.S. Generalkonsulat Hamburg und der Handelskammer Hamburg am 16. Februar 2016 eine Tagung zum Thema „Die Rolle der Stadt bei der Integration von Migranten: Chancen und Herausforderungen“ durch.

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Der freie Journalist David Patrician übernahm die Moderation der Tagung und begrüßte die Referenten und Gäste. Darauf folgten die Ansprachen der drei gastgebenden Institutionen.

Andreas Klein, Leiter des Politischen Bildungsforums Hamburg der Konrad-Adenauer-Stiftung betonte, dass es der Konrad-Adenauer-Stiftung ein besonderes Anliegen sei, neben den Herausforderungen insbesondere auch die ökonomischen Potentiale hervorzuheben, die sich unserer Gesellschaft durch die Integration von Flüchtlingen in den deutschen Arbeitsmarkt ergeben können. Die heutige Tagung solle ein Dialogforum bieten, um gemeinsam mit Experten die Potentiale und Herausforderungen zu diskutieren.

Die Leiterin der Handelskammer Hamburg, Corinna Nienstedt, verdeutlichte in ihrer Ansprache, dass die Handelskammer schon seit längerer Zeit einige Initiativen ergreift, um Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Am selben Tag fand im Foyer bereits die zweite Jobmesse für Flüchtlinge statt, auf der sich die Geflüchteten bei den ausstellenden Unternehmen über beruflichen Perspektiven und Einstiegsmöglichkeiten informieren konnten. Die Jobmesse sei bei den Flüchtlingen auf großes Interesse gestoßen, viele seien sehr um langfristige berufliche Perspektiven in Deutschland bemüht. Auch viele Unternehmen zeigten sich den Flüchtlingen gegenüber grundsätzlich sehr offen, Bedenken gebe es aber häufig aufgrund der oft unzureichenden sprachlichen Quallifikationen. Fundierte Deutschkenntnisse, seien auf dem deutschen Arbeitsmarkt nach wie vor ein entscheidendes Einstellungskriterium.

Im Anschluss folgte die Begrüßung der U.S. Generalkonsulin Nancy Corbett. Als das größte Einwanderungsland der Welt verfügen die USA über einen reichen Erfahrungsschatz in der Migrations- und Integrationspolitik. „Integration heißt nicht, sie zu uns zu machen, sondern ein neues Wir-Gefühl zu entwickeln.“, sagte Nancy Corbett.

Darauf folgte das erste Impulsreferat von Kathleen Newland, der Leiterin des Migration Policy Institute in Wahington D.C. über die Flüchtlings- und Integrationspolitik in den Vereinigten Staaten. (Die Präsentation finden Sie in der Seitenspalte.)

Nachfolgend präsentierte Prof. em. Dr. Werner Hansmann eine ökonomische Analyse über die Vorteile der Flüchtlingszuwanderung für Deutschland.

Anschließend diskutierten Kathleen Newland, Prof. em. Dr. Werner Hansmann gemeinsam mit Clément Klutse, der selbst vor zwanzig Jahren als Flüchtling nach Deutschland gekommen war, und Gesine Keßler-Mohr (Handelskammer Hamburg) über die Herausforderungen und Potentiale der Integration von Flüchtlingen in den Arbeitsmarkt.

Clement Klutse berichtete zunächst über seine persönliche Geschichte. Er war vor zwanzig Jahren als politischer Flüchtling aus Togo nach Deutschland gekommen und absolvierte sein BWL-Studium dann an der Universität Hamburg. Heute ist Herr Klutse bei der Arbeitsgemeinschaft Selbständiger Migranten tätig und unterstützt viele Einwanderer bei der Berusforientierung. Der Weg von seinem ersten Tag in Deutschland bis hin zu seiner heutigen Position sei kein leichter gewesen, der essentielle Schlüssel zur Integration war die Sprache. Herr Klutse äußerte Kritik daran, dass in der Öffentlichkeit zu wenig über die erfolgreichen Geschichten der Integration berichtet würde. Viele Flüchtlinge seien nach einigen Jahren fest in die deutsche Gesellschaft und in den deutschen Arbeitsmarkt integriert. „Unsere Kinder brauchen Vorbilder!“ sagte Herr Klutse. Es werde immer nur von den Herausforderungen und den Problemen gesprochen, aber vor allem die Erfolgsgeschichten seien wichtig, damit die Menschen ein Ziel vor den Augen hätten und Perspektiven entwickeln könnten.

Gesine Keßler-Mohr ist seit 2009 Leiterin des Arbeitsbereichs Fachkräftesicherung für besondere Zielgruppen sowie des IQ Netzwerks Hamburg – NOBI bei der Handwerkskammer Hamburg, dessen Hauptaufgabe es ist Erwachsene mit Migrationshintergrund, Zuwanderer und Flüchtlinge in den Hamburger Arbeitsmarkt zu integrieren. Das IQ Netzwerk - NOBI bietet Beratung und Unterstützung bei der Anerkennung ausländischer Bildungsabschlüsse. Häufig fehlen bis zur gleichwertigen Anerkennung ausländischer Qualifikationen noch spezifische Weiterbildungen oder Zertifikate. Das Netzwerk unterstützt die Menschen dabei, diese fehlenden Nachweise nachzuholen. Ist schließlich eine gleichwertige Anerkennung des Bildungsabschlusses möglich, folgt in der Regel der Direkteinstieg in den deutschen Arbeitsmarkt. In vielen Fällen entsprächen die im Ausland erworbenen Bildungsabschlüsse allerdings nicht den deutschen Anforderungen, so dass die entsprechenden Qualifikationen nachgeholt werden müssten.

Sie betonte, dass die Fragestellung nach der beruflichen Integration kein neues Thema sei: „Mit Fragen der Integration von Migranten in den Arbeitsmarkt beschäftigen wir uns schon lange. Aufgrund der aktuellen Entwicklung durch den Flüchtlingsstrom des vergangen Jahren, wird die Auseinandersetzung mit dem Thema nur beschleunigt.“

Im letzten Jahr haben über eintausend Flüchtlinge das Beratungsangebot des IQ Netzwerks – NOBI in Anspruch genommen, viele davon konnten nach dem Anerkennungsverfahren direkt in den Arbeitsmarkt einsteigen.

In der anschließenden Diskussion brachte sich das Publikum mit zahlreichen Beiträgen ein. Viele der Gäste berichteten von den Erfahrungen, die sie bereits im Umgang mit Menschen unterschiedlicher Herkunftsländer gemacht hatten; einige der Gäste brachten selbst einen Migrationshintergrund mit und berichteten von ihrem Engagement in Organisationen, Institutionen und Vereinen im Bereich Integration und interkulturellem Austausch.

In der Diskussion wurde ein Thema angesprochen, das bisher im öffentlichen Diskurs wenig thematisiert wurde. Eine Stimme aus dem Publikum merkte an, dass an den Bildungs- und beruflichen Eingliederungsangeboten deutlich weniger Frauen als Männer teilnähmen. Frau Keßler-Mohr bestätigte dieses Argument. Aufgrund unterschiedlicher struktureller Barrieren haben die weiblichen Flüchtlinge erschwerte Zugansbedingungen zu den Weiterbildungs- und Integratiionsmaßnahmen. Aufgrund des traditionellen Familienbilds, insbesondere in den arabischen Ländern ein immer noch vorherrschendes Gesellschaftsbild, sind die Frauen fest in familiäre Aufgaben und in die Kinderbetreuung eingebunden. Für die Zukunft müssten noch geeignete Maßnahmen entwickelt werden, um diese Frauen gezielt zu fördern und sie in die Integrationsmaßnahmen einzubinden.

Ein anderer Gast stellte fest, dass es Kinder mit Migrationshintergrund in den meisten Fällen sehr einfach hätten, sich in die Gesellschaft zu integrieren. Durch den Besuch von Kindertagesstätten und Schulen seien Kinder in den gesellschaftlichen Alltag eingebunden. Für sie sei es dadurch einfach Kontakte zu knüpfen, Freundschaften zu schließen und gute Deutschkenntnisse zu erwerben.

Bei erwachsenen Einwanderern wurden insbesondere die kulturellen Unterschiede als Integrationsbarriere angesprochen. Problematisch sei dabei insbesondere die patriarchale Gesellschaftsordnung in den Herkunftsländern. Das Selbstverständnis der Männer, sich von den Frauen bedienen zu lassen werde hierzulande als sehr befremdlich aufgenommen.

Kathleen Newland wies darauf hin, dass es auf beiden Seiten von besonderer Bedeutung sei, sich offen gegenüber der anderen Kultur zu zeigen um diese kulturellen Barrieren zu überschreiten. Auch wenn das Verhalten der Männer gegenüber den Frauen hierzulande befremdlich aufgefasst wird, sei es falsch sich zurück zu ziehen. Besser sei es, die hierzulande geltenden Umgangsformen auf freundliche Art und Weise zu vermitteln; so etwa könnten Männer an der gedeckten Kaffeetafel freundlich dazu aufgefordert werden, sich selbst zu bedienen.

„Es gibt ein Wort, das im Englischen und im Deutschen gleich ist, und das ist Respekt!“ sagte Prof. em. Dr. Werner Hansmann. Gegenseitiger Respekt auf beiden Seiten sei die Voraussetzung für eine erfolgreiche Integration auf allen Ebenen.

Die anschließende Mittagspause bot ausreichend Raum, um gemeinsam einen kleinen Imbiss einzunehmen und sich gegenseitig zum Thema auszutauschen.

Die Paneldiskussion am Nachmittag adressierte die Rolle der Städte und Gemeinden bei der Integration von Migranten. Auf dem Podium saßen Franz-Reinhard Habbel, Pressesprecher beim Deutschen Städte und Gemeindebund (DStGB), Prof. Dr. Bukow, Professor an der Universität Siegen, Petra Lotzkat, Leiterin des Amtes für Arbeit und Integration bei der Behörde für der Behörde für Arbeit, Soziales, Familie und Integration, Susan Fratzke, Programmkoordinatorin am Migration Policy Institute in Washington D.C., und Karin Prien, Mitglied der Hamburger Bürgerschaft und flüchtlingspolitische Sprecherin der CDU- Bürgerschaftsfraktion.

Die deutschen Städte und Gemeinden sind bei der Bewältigung des Flüchtlingszustroms vor große Herausforderungen gestellt. Bisher standen die Erstunterbringung und die Bereitstellung von kurzfristigem Wohnraum für die neu angekommenen Flüchtlinge an erster Stelle. Bereits bei der Erstversorgung erreichten viele Städte und Gemeinden das Limit ihrer Kapazitäten. Die langfristige Integration sei für die Städte und Gemeinden eine herausfordernde Aufgabe, die bisher noch nicht in Angriff genommen wurde. "Die Hauptlast der Integration tragen die Städte.", kommentierte Franz-Reinhard Habbel.

Da die Flüchtlinge bisher in Notunterkünften untergebracht sind, müsse längerfristig zunächst einmal ausreichend Wohnraum bereitgestellt werden. Insbesondere in den Metropolregionen, wie auch in Hamburg, ist Wohnraum eine knappe Ressource. Der überlastete Wohnungsmarkt in Hamburg sei ein großes Problem. Es bedarf einer angemessenen Wohnungsmarktpolitik: Sozialwohnungen müssten in allen Stadtgebieten neugeschaffen werden, um der Gefahr der Ghettobildung entgegenzuwirken.

Der DStGB will die deutschen Metropolen entlasten und Flüchtlinge insbesondere in den ländlichen Regionen halten. Franz-Reinhard Habbel merkte an: "Wir fordern eine Residenzpflicht für einen Zeitraum von 3 Jahren, aber das bedarf natürlich auch Anreize."

Eine Residenzpflicht sei in der Praxis schwierig umzusetzen, entgegnete Frau Lotzkat. In den ländlichen Regionen stünde zwar deutlich mehr Wohnraum zur Verfügung, den Flüchtlingen sei aber der Zugang zu Bildungsangeboten und Arbeitsplätzen erschwert. Insbesondere ländliche Regionen in den neuen Bundesländern würden wenig berufliche Perspektiven bieten. Hier müssten zunächst völlig neue Strukturen ausgebaut werden.

Bereits vor dem großen Flüchtlingszustrom sei es für viele Menschen mit Migrationshintergrund nahezu unmöglich gewesen eine angemessene Wohnung zu finden, bemerkte eine Frau aus dem Publikum. Die Zunahme an wohnungssuchenden Flüchtlingen würde das Problem nun wesentlich verschärfen.

Frau Lotzkat und Frau Prien stimmten diesem Argument zu. Der Einfluss der Stadtregierung auf den Wohnungsmarkt sei beschränkt. Nach Möglichkeit würden Sozialwohnungen gefördert, aber es gäbe an dieser Stelle ein großes Problem und bisher keinen konkreten Lösungsvorschlag.

Auch die Bereitstellung von Bildungsangeboten ist eine wesentliche Komponente für eine gelingende Integration. Dazu gehört die Neuschaffung von Kitaplätzen, auch die Schulen müssten ihre Kapazitäten wesentlich erhöhen.

In naher Zukunft gilt es also noch einige herausfordernde Aufgaben zu bewältigen. Die Unterbringung, Versorgung und Integration der Asylbewerber und Flüchtlinge braucht zusätzliches Personal. Auch bei der Koordination von Ehrenamtlichen besteht noch erheblicher Verbesserungsbedarf. Auf einige Probleme hat die Stadt bereits reagiert. Spezielle Schulungen sollen freiwilligen Helfern zukünftig die Möglichkeit bieten, erforderliche Fachkenntnisse (z.B. im Bereich berufliche Integration) zu erwerben, um professionelle Unterstützung anbieten zu können.

In einem Punkt waren sich alle einig: Integration funktioniert nur von beiden Seiten und auch wir müssen uns kulturell für die anderen Traditionen öffnen um das gemeinsame Zusammenleben zukünftig positiv zu gestalteten.

Karin Prien forderte dazu auf, Berührungsängste abzulegen und kulturelle Grenzen zu überwinden. Es gäbe einige Muslimische Gemeinden, die ihre Türen zum Freitagsgebet für die Öffentlichkeit öffneten. Dieses Angebot sollten die Menschen vermehrt wahrnehmen um die anderen Kulturen und Traditionen kennen zu lernen und Ängste abzubauen.

Die Tagung endete im Anschluss an die Diskussion mit einem Get-Together bei Kaffee und Kuchen. Viele Gäste nahmen die Gelegenheit wahr, sich nochmals mit den Experten auszutauschen.

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