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Présentations & compte-rendus

Der demografische Wandel in Sachsen-Anhalt

Forum in Magdeburg (01. Juni 2016)

mit Klemens Gutmann (Arbeitgeberpräsident und Landesvertreter der BDA und des BDI), Dr. Andreas Siegert (Zentrum für Sozialforschung Halle), Jens Hennicke (Leiter der Techniker-Krankenkasse Sachsen-Anhalt) und Dr. Günter W. Dill (Consultant der Konrad-Adenauer-Stiftung); Begrüßung: Alexandra Mehnert (Leiterin des Politischen Bildungsforums Sachsen-Anhalt der Konrad-Adenauer-Stiftung), Moderation: Tobias Krull MdL

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Wie meistert Sachsen-Anhalt die Herausforderungen des demografischen Wandels? Diese Frage war Kern eines Gesprächsforums der Konrad-Adenauer-Stiftung e.V. in Magdeburg. Das Politische Bildungsforum Sachsen-Anhalt hatte in den eigenen Tagungsraum zu Statements und Diskussion geladen; Tobias Krull MdL moderierte die Veranstaltung.

Klemens Gutmann (Arbeitgeberpräsident und Landesvertreter der BDA und des BDI) sprach aus Sicht der Wirtschaft und betonte, dass Landesgrenzen von geringer Relevanz seien. Zum einen sind die mit dem demografischen Wandel verbundenen Herausforderungen nicht auf ein bestimmtes Gebiet beschränkt; zum anderen ist sein Unternehmen (wie insgesamt ein großer Teil der Firmen) räumlich diversifiziert und weist mehrere Standorte auf. Hinzu kommt, dass Studierende und somit künftige Arbeitskräfte oftmals ihre Studien- und Wohnorte wechseln und sich so ebenfalls an den Wandel anpassen wie die Unternehmen. Der Referent sprach das Problem der Nachfolge in vielen (Familien-)Betrieben an, denn oftmals erlischt die jeweilige Firma beim Fehlen eines Nachfolgers und die Mitarbeiter erhalten neue Arbeitsplätze in jener Nachbarschaft, die künftig die Aufträge erhält.

Ein weiterer von Klemens Gutmann angesprochener Aspekt war die Frage der Familienfreundlichkeit, doch ist dies auch mit höheren Kosten verbunden (etwa bei der Errichtung von Betriebskindergärten). Zudem hob er die Qualität des dualen Studiums bzw. der dualen Ausbildung hervor, verbunden mit Investitionen in Attraktivität und Wettbewerbsfähigkeit. Insgesamt sieht der Unternehmer die Entwicklung optimistisch, auch weil viele kluge Köpfe unsere Region bereichern.

Dr. Andreas Siegert vom Zentrum für Sozialforschung Halle nannte die drei wichtigsten Ursachen für den demografischen Wandel: Sterbeüberschuss, Geburtenrückgang sowie Abwanderung. Letzteres traf vor allem auf Frauen zu, die nach dem Zusammenbruch der Schwerindustrie oftmals als erste ihre Arbeitsplätze verloren und in anderen Regionen nach neuen Anstellungen suchten. Sachsen-Anhalt ist die am drittheftigsten betroffene europäische Region. Wie sich dies konkret zeigt, stellte Siegert am Beispiel Hettstedts dar, wo der Altersdurchschnitt derzeit bei 56 Jahren liegt und wo sich bereits heutige Negativ-Entwicklungen in den nächsten Jahren noch verschlimmern werden: Anstieg von Preisen (bspw. Trinkwasser), Lehrermangel, Schwächung von Feuerwehr, Vereinssport, Kultur- und Freizeitangeboten, Rückgang der Nachfrage nach Häusern bzw. Grundstücken, Verfall stillgelegter Unternehmen, Abbau der Daseinsvorsorge (z.B. im öffentlichen Nahverkehr). Den regionalen Unternehmen fehlen Arbeitskräfte (beim größten der Region, MKM, sind es in den nächsten Jahren 150) – der Fachkräftemangel ist allein nicht zu beheben, eine Standortverlagerung nicht immer möglich.

Bzgl. eines Lösungsansatzes betonte Siegert die Heimatliebe und Wertegebundenheit der Menschen, besonders in Kleinstädten. Am Beispiel Hettstedt hob der Referent zudem die soziale Verbundenheit als Stärke hervor und damit die Möglichkeit, neu hinzugezogenen Menschen (z.B. Flüchtlingen) ein Zuhause zu geben. Arbeitsplätze und Grundstücke/Wohnungen sind vorhanden; die Stadt, Vereine sowie Unternehmen bemühen sich, die Zuwanderer zu empfangen. Und auch das Gros der Bevölkerung ist bereit, Flüchtlinge aufzunehmen. Erste Erfolge sind zu verzeichnen, denn während die meisten Flüchtlinge eine Kleinstadt wie Hettstedt oftmals schnell verlassen, sind immerhin 30 Personen geblieben. Anfeindungen oder gar Übergriffe gab es weder gegen die Migranten noch gegen Unterstützer wie die demokratischen Parteien.

Mit Jens Hennicke hielt der Leiter der Techniker-Krankenkasse Sachsen-Anhalt als drittes sein Statement. Er stellte den demografischen Wandel vor allem aus der Perspektive Medizin/Pflege dar und zeigte auf, dass die Einwohnerzahl des Bundeslandes jedes Jahr um ca. 26.000 schrumpft, was etwa einer Stadt wie Schönebeck oder Zerbst entspricht. Nur noch 53,8 Prozent der Bevölkerung sind in Lohn und Brot; daneben gibt es in Sachsen-Anhalt derzeit 218.000 Pflegebedürftige. Für alle medizinischen Berufe wächst die Herausforderung bei der Versorgung; in vielen Regionen herrscht zudem bereits jetzt Ärztemangel, zahlreiche Mediziner sind zudem älter als 60 Jahre. In den nächsten Jahren sind beispielsweise 824 Hausärzte nachzubesetzen. Hennicke plädierte für mehrere Reformen im medizinischen Sektor, etwa für Kooperationen zwischen Kliniken bzw. zwischen niedergelassenen Ärzten, für die Schaffung von Zentren im ländlichen Raum nach dem Modell der Polikliniken sowie für ärztliche Schwestern, die im ländlichen Raum die Patienten mitbetreuen und in Abstimmung mit dem Arzt einen Teil von dessen Aufgaben wahrnehmen können. Auch über eine Aufhebung des Fernbehandlungsverbotes wird diskutiert.

Als letzter Referent ergriff Dr. Günter W. Dill (Freier Berater der Konrad-Adenauer-Stiftung) das Wort. Er betonte zunächst die positive Entwicklung des Anstiegs der Lebenserwartung. Zugleich schrumpft aber die Bevölkerung, da die Geburtenrate absinkt: 2,1 Kinder pro Frau wären nötig; gegenwärtig sind es 1,4. Zwar wird die Gesellschaft „bunter“ (durch Zuwanderung), aber es besteht auch die Gefahr, dass sie ärmer wird (v.a. Altersarmut). Dill sprach mehrere Phänomene des demografischen Wandels an; neben der medizinischen Versorgung etwa den Umgang mit Folgen der Suburbanisierung: In den letzten Jahrzehnten sind viele Familien aus den Städten ins Umland gezogen, wo neue Siedlungen ohne Versorgungszentren etc. entstanden. In den Städten herrscht dagegen Leerstand und auch die Häuser in den suburbanen Bereichen drohen leer zu stehen. Die Kommunen stehen hier vor großen Herausforderungen, dies vor allem bzgl. der Infrastruktur (z.B. Wasserversorgung).

In der abschließenden Diskussion wurden die angesprochenen Probleme und Lösungsansätze sowohl innerhalb des Podiums als auch mit dem Publikum intensiv debattiert. Im Blickpunkt standen Fragen der Kita-Kosten, der Schulschließungen oder der Integration, ebenso der Abwanderung von Studenten. Zugleich wurden die Chancen betont, die weite Teile Sachsen-Anhalts haben, vor allem im ländlichen Raum: Denn Heimat, Bio, Natur, Ruhe sind wichtige Trends, gerade für Mitarbeiter in großen Unternehmen. Diese Chancen gilt es zu nutzen.


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Interlocuteur

Alexandra Mehnert

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