Veranstaltungsberichte

DDR - Mythos und Wirklichkeit

von Robert Kühltau
Zur Eröffnung der Wanderausstellung „DDR – Mythos und Wirklichkeit“ der Konrad-Adenauer-Stiftung fand im Gymnasium Vegesack ein Podiumsgespräch mit dem Zeitzeugen Peter Drauschke statt, der über seine Erfahrungen mit der DDR-Diktatur und seinen Wandel vom Kommunisten zum Antikommunisten berichtete.

Schon früh interessierte sich Drauschke für Politik und arbeitete in Jugendorganisationen mit. Mit 15 Jahren wurde er Mitglied der in der Bundesrepublik verbotenen Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD). Als er 1963 zusammen mit einem Freund freiwillig die Bundesrepublik verließ, um in die DDR überzusiedeln, war er „ideologisch vergiftet“ und ein unbelehrbarer Dogmatiker, wie er eindrucksvoll gegenüber den Schülern in der Aula schilderte. Rasch legte er im Arbeiter- und Bauernstaat, dessen sozialistisches Gesellschafts- und Wirtschaftssystem er für das beste hielt, eine steile Funktionärskarriere hin. Innerhalb kürzester Zeit arbeitete er sich bis zum FDJ-Bezirksleiter hoch. Das System, in dem Staat, Wirtschaft und alle Teile der Zivilgesellschaft zentral gelenkt waren, erlebte er als eine „Organisierung allumfassender Verantwortungslosigkeit“. Die unüberschaubare Fülle an Weisungs- und Kontrollbefugnissen lähmte die wirtschaftliche Entwicklung und schuf ein tief verankertes Misstrauen in der Gesellschaft.

Doch ernsthafte Zweifel kamen ihm erst, als er Politische Ökonomie studierte und sich intensiv mit Marxismus-Leninismus auseinandersetzte. Er erkannte, dass die Ansprüche, die der Sozialismus in der Theorie an sich selbst stellte, mit der Wirklichkeit nicht übereinstimmten. „Der Marxismus war reine Makulatur“, fasste Drauschke das Ergebnis seines Erkenntnisprozesses vor den Schülern zusammen. Auf die Entscheidung zur Flucht folgten zwei angstbesetzte Jahre, in denen er mit seinem Jugendfreund und seiner Freundin akribisch den Fluchtplan ausarbeitete. Doch die Flucht im Juni 1972 scheiterte, weil sie beim Ausreiseversuch über Bulgarien in Sofia verhaftet wurden. Was darauf folgte, war für den damals noch jungen Drauschke die schlimmste Zeit seines Lebens: Unter unzumutbaren hygienischen Umständen verbrachte er vier Monate in Einzel- und Dunkelhaft, wurde bis zu 16 Stunden am Tag verhört und psychisch gedemütigt. Die DDR-Justiz verurteilte ihn zu vier Jahren Haft, doch er kam schon nach sechs Monaten frei, weil die DDR 1975 eine Amnestie für politische Häftlinge erließ.

Um den Zwiespalt zwischen Theorie und Praxis zu verdeutlichen, in dem die sozialistische Ideologie steckt, zitierte Drauschke den von Konrad Adenauer geprägten Satz „Wir müssen den Menschen so nehmen wie er ist.“ Der Sozialismus will hingegen einen neuen Menschen schaffen, so Drauschke.

In der Diskussion mit den Schülern äußerte er sich zu der Frage, inwiefern man die DDR als Unrechtsstaat bezeichnet kann. Drauschke gab eine Antwort, ohne sie auszusprechen. Er verglich die Realität der Jugendlichen mit der DDR-Realität, die den eigenen Bürgern nicht nur die grundlegenden Freiheiten verwehrte, sondern sie auch einsperrte und bei Flucht erschoss. „Ist so ein Staat menschlich?“, fragte er die nach anderthalb Stunden immer noch aufmerksam zuhörenden Schüler.

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