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Konrad-Adenauer-Stiftung (Logo)Die Politische Meinung

2018 ist ein wahnsinniges Sportjahr. Im Februar fanden im südkoreanischen Pyeongchang die Olympischen Winterspiele statt. Im Juni wird die Welt auf die Fußballweltmeisterschaften in Russland blicken. Die letzte Verknüpfung dieser Sportgroßereignisse liegt vier Jahre zurück. Vier Jahre, in denen journalistische Enthüllungen jahrzehntelangen Dopingbetrug in Russland und Untersuchungen von Ermittlungsbehörden die korrumpierenden Tatbestände im Fußball um die Vergaben von Weltmeisterschaften und TV-Übertragungsrechten aufdeckten. Skandale, die den Sport in seinem Werteverständnis angegriffen und zumindest teilweise demontiert haben.

Vor diesem Hintergrund ist es nicht einfach, herauszufinden, was der kommerzialisierte professionelle Fußball und die olympische Bewegung voneinander lernen können. Vielmehr muss die Frage gestellt werden, welchen Sport wünscht oder, noch besser, braucht die Gesellschaft, und was muss getan werden, um diesen zu erreichen?

Zwischen dem Fußball und der olympischen Bewegung gibt es Gemeinsamkeiten, aber auch Unterschiede. Originär ist dem Sport – und damit auch dem Fußball – die Freude an der Sache, der Bewegung, der Herausforderung, der Leistung und dem Miteinander – Eigenschaften, die jeder Sportart innewohnen und ohne die die Sinnhaftigkeit und Begeisterung – die wahre Kraft des Sports – verloren gingen. Gemeinsam ist sicherlich auch der Ursprung beider in der Gesellschaft, in Vereinen, getragen von freiwilligem Engagement.

Unterschiede bestehen vor allem in der sozioökonomischen Betrachtung. Die Wirtschaftsspirale im Fußball hat sich über viele Jahre in schwindelerregende Höhen gedreht. Die Sportbranche gehört heute zu den am stärksten wachsenden Wirtschaftszweigen der Welt. Mit Blick auf den europäischen Fußball haben die großen, professionellen Ligen und ihre Vereine die Internationalisierung verstanden und etablieren ihre Marken in jeder Form und auf allen Märkten.

Die Summen, die mittlerweile im Fußball bewegt werden, sind exorbitant. Im November 2017 legte der FC Barcelona Lionel Messi einen neuen Vierjahresvertrag vor – mit einem Gehalt von 208 Millionen Euro – das sind 52 Millionen Euro im Jahr oder eine Million Euro in der Woche; damit stößt dieser Vertrag in neue finanzielle Dimensionen vor. Der Alltag deutscher Athleten im olympischen Spitzensport ist bei den meisten hingegen gekennzeichnet durch soziale und finanzielle Sorgen sowie Existenznöte, rechtliche Probleme bei BAföG, Kindergeld, Kranken- und Rentenversicherung. Im Zuge der Koalitionsgespräche schrieben Athletenvertreter ein Konzept für eine Athletenförderung. Das Ergebnis: Ein für Deutschland startender Athlet benötigt circa 1.500 Euro monatlich, um in Städten wie Hamburg, Köln oder Berlin leben, studieren und sich parallel in seiner Sportart professionell vorbereiten zu können.

Was ist eine Goldmedaille wert?

Die Athleten stellen sich die Frage, ob sie mit dieser Forderung auf die Koalitionspartner zugehen können, denn sie verhandeln um öffentliche Mittel. Was hält denn der Steuerzahler eigentlich davon? Gibt es einen Aufschrei in der Bevölkerung, wenn die Athleten eine Etaterhöhung für die Deutsche Sporthilfe in Höhe von fünfzehn Millionen Euro durch den Bund fordern? Ist dem Zuschauer bewusst, dass der Sportler eigentlich kein Geld verdient und künftiger sportlicher Erfolg mit einem vernünftigen Angebot an junge Sportler verbunden ist? Möchte die Gesellschaft überhaupt, dass junge Menschen in vielen verschiedenen Sportarten international erfolgreich sind und Medaillen gewinnen? All das weiß man nicht genau, weil versäumt wird, diese Fragen öffentlich zu diskutieren.

Die Entwicklung eines jungen Fußballers und eines Sportlers einer „Randsportart“ sind grundlegend verschieden. Während das junge Fußballtalent früh in eine professionelle Vereins-, Trainings- und Schul-Umgebung eingebettet wird, kann der Schwimmer, Ruderer oder Hockeyspieler ohne die Unterstützung seines privaten Umfeldes, seiner Familie, nicht überleben. Die Sportkarriere wird zum Abwägen von Opportunitätskosten gegen eine mögliche Olympiateilnahme. Der Athlet wird mehr investieren, als er je zurückbekommt. Während die Athleten rechnen, streiten sich die Politik und der Sport in Deutschland in einer Leistungssportreform um die künftige Etaterhöhung. Das Ziel: mehr Effizienz und wieder mehr Medaillen. Bisher belief sich die Förderung des Spitzensports durch den Bund auf rund 160 Millionen Euro pro Jahr. Der „Marktwert“ des brasilianischen Fußballspielers Neymar liegt derzeit bei über 200 Millionen Euro. Man fragt sich, wie viel welche Sportart eigentlich wert ist und was den Sport zu einem Wert macht.

Ehrlich, asketisch und leidenschaftlich der Beste zu sein, der man sein kann, das Teilen dieser Haltung mit anderen Menschen durch den Wettkampf, um daraus den Respekt vor der Leistung des anderen zu erlernen – so könnte die Erklärung Pierre de Coubertins lauten, und so müssen sich junge Sportler für die Olympischen Spiele motivieren. Ein universeller Wert, der für jede Sportart gilt, der jedoch stets Gefahr läuft, von externen Einflüssen an den Rand gedrängt zu werden. Im Fußball ist dies das Geld, im olympischen Sport ist es der eindimensionale Blick auf die Medaillenausbeute.

Vom Fußball lernen

Der Fußball hat es geschafft, mehr als nur Sport und Erfolg zu sein; er bietet seinen Fans Zugehörigkeit, Identifikation und Emotionen; er schreibt Geschichten. Fußballfans stehen zu ihrer Mannschaft, sogar bei Niederlagen – der olympische Sport hat dies nicht vermocht. Die Währung „Medaille“ ist bei einer Betrachtung des internationalen Sports eigentlich zum Scheitern verurteilt. Das eigentliche Rückgrat unserer Sportlandschaft, nämlich Geschichten von Athleten, die leidenschaftlich und ehrlich ihren Sport betreiben, beruflich, finanziell und privat große Opfer bringen und über sich hinauswachsen, werden zu selten erzählt. Hier könnte der organisierte Sport viel vom Fußball lernen.

Die Verbindung des Fußballs zu seinen Fans – ganz gleich, ob Verein oder Nationalmannschaft – ist durch einen hohen Identifikationsgrad des Einzelnen mit einer großen Gruppe geprägt. Eine vergleichbare emotionale Verbindung der Fans zur Olympiamannschaft oder auch nur zu einzelnen Teilen des Teams gibt es nicht. Das gilt auch für eine besondere Fan-Kultur.

Dagegen vermitteln Fangruppen im Fußball ein Zusammengehörigkeitsgefühl in unserer individuell geprägten Gesellschaft und haben eine verbindende Kraft, der sie zum Beispiel in Form friedlicher Demonstrationen in Stadien Ausdruck verleihen. Fußballfans stellen sich etwa gegen rassistische Anfeindungen im Sport. Eine solche Möglichkeit friedlicher Demonstration existiert an jedem Wochenende in jedem Stadion. Breite Fangruppen solidarisieren sich und setzen sich für Integration ein. Der Fußball kennt keine Hautfarbe, sondern nur die Vereinsfarben. Genau diese starke Identifikation kann dem Fußball aber auch zum Verhängnis werden, wenn etwa verfeindete Fangruppen unterschiedlicher Vereine gewaltbereit aufeinander losgehen.

Politische Statements kennen die Olympischen Spiele nicht. In der Vergangenheit (zum Beispiel bei den Sommerspielen in Peking 2008 mit Blick auf den Tibetkonflikt) und auch in der Gegenwart (Koreakonflikt, Dopingskandal) gab es durchaus Anlass zur Demonstration für Frieden und Menschlichkeit oder auch für Veränderungen in den Sportstrukturen. Für die Athleten ist eine Demonstration während des Wettkampfs durch die Olympische Charta verboten und führt unter Umständen sogar zum Ausschluss bei Olympischen Spielen.

Sport muss Vorbild sein

Erkennbar ist auch, dass vor allem in den westlichen Industriestaaten die Akzeptanz der Bevölkerung für die Austragung der Olympischen Spiele im eigenen Land nicht mehr gegeben ist. Zuletzt sind alle potenziellen europäischen Kandidaten als Ausrichter von Olympischen Winterspielen an dem Votum der eigenen Bevölkerung gescheitert. Die FIFA und das Internationale Olympische Komitee werden zunehmend von Korruptionsskandalen erschüttert und verlieren ihre Glaubwürdigkeit. Der Fußball wird das durch seine tief verankerte Vereinslandschaft verkraften, während der olympischen Bewegung viel eher droht, ihr einstiges Gut, nämlich den Anspruch, die originäre Form des sportlichen Wettkampfes zu sein, zu verlieren.

Man sagt, Sport sei ein Spiegel der Gesellschaft – Betrug, Korruption, Millionengehälter, Doping? Gewisse Parallelen sind zu erkennen, und nun? Wenn Fußball und olympischer Sport aus dieser Betrachtung etwas voneinander lernen können, dann muss die Antwort mehr denn je lauten: Der Sport, auch der Fußball, muss ein Vorbild für unsere Gesellschaft sein. Werte und Leistung sind kein Widerspruch, sie sind Teil seiner Faszination. Sport bleibt ein tragender Motor für Freundschaft, Integration und menschliches Miteinander in unserer Gesellschaft und über ihre Grenzen hinaus. Der olympische Sport und der Fußball tragen und leben von der Verantwortung für die eigenen Ideale.


Silke Kassner, geboren 1976 in Bonn, Mitglied der Nationalmannschaft Wildwasserrennsport im Deutschen Kanu-Verband, Vizeweltmeisterin, Mitglied der Athletenkommission und im Aufsichtsrat der Nationalen Anti Doping Agentur Deutschland, Mitgründerin von Athleten Deutschland e.V.

Jonathan Koch, geboren 1985 in Gießen an der Lahn, Mitglied der Ruder-Nationalmannschaft, Teilnahme an den Olympischen Spielen in Peking, London und Rio de Janeiro, Weltmeister, zwölfmaliger Deutscher Meister, Mitgründer von Athleten Deutschland e.V. und Mitarbeiter der Athletenkommission.

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