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Cover: Geschichte und Heimat = Heimatgeschichte?

Ausgabe 551 | 2018

Geschichte und Heimat = Heimatgeschichte?

Pläne für ein „Haus der Geschichte Nordrhein-Westfalen“

Von Guido Hitze9. Aug. 2018


Hrsg.: Wolfgang Bergsdorf, Hans-Gert Pöttering, Bernhard Vogel


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Am Beginn jedes öffentlich inszenierten Geschichtsbewusstseins steht die Erinnerung. Eine solche kollektive Erinnerung ist ihrerseits eine Collage unzähliger individueller Erinnerungen, die systematisiert und dokumentarisch abgesichert sein muss. Der dahinterstehende Prozess ist jedoch ein dynamischer, vielfältiger, und so haben wir es schließlich auch nicht mit einem feststehenden Endprodukt zu tun, sondern mit einer Summe ganz unterschiedlicher Erinnerungskulturen, negativer ebenso wie solcher, die positiv konnotiert sind. Allen gemeinsam ist, dass Erinnerungen untrennbar mit der Identität einer Person wie auch eines Gemeinwesens verbunden sind. Denn sie stellen eine elementare Voraussetzung für eine gelungene Identitätsbildung dar.

Das Beispiel des Landes Nordrhein-Westfalen zeigt, welche Bedeutung einer landesbezogenen Erinnerungskultur für die Ausbildung von gemeinsamer Identität und Landesbewusstsein in einem „Bindestrich-Land“ zukommt. Heimat wird gerade zwischen Rhein und Weser regional, manchmal auch nur lokal definiert, nicht jedoch als Synonym für das eigene Bundesland. Das lag und liegt vor allem daran, dass sich Nordrhein-Westfalen als politisches und ökonomisches Kernland der alten Bundesrepublik lange Zeit selbst genügte und sich mit seiner „Künstlichkeit“ abfand. Folgerichtig tat sich Nordrhein-Westfalen schwer mit identitätsstiftenden Symbolen. Doch das Landeswappen, heraldisch korrekt als „gespaltener Schild“ bezeichnet, darf nicht länger sinnbildlich für das bloße Nebeneinander von Rhein, Westfalenross und lippischer Rose stehen, sondern muss das schicksalhafte Miteinanderverwoben-Sein von Rheinländern, Westfalen und Lippern verkörpern – bei gleichzeitiger Betonung ihrer jeweiligen Eigenart.

„Wir in Nordrhein-Westfalen“

Nach den gescheiterten Versuchen von Ministerpräsident Franz Meyers in den 1960er-Jahren – also mit Beginn einer Ära der Krisen und Umbrüche, in der alte Selbstverständlichkeiten und Gewissheiten brüchig wurden –, das Desiderat einer verbindenden Landesidentität „von oben“ durch eine verordnete landesbezogene Symbolpolitik zu beseitigen, erzielte erst die Regierung von Johannes Rau in den 1980er-Jahren einen gewissen ersten Durchbruch auf dem Weg hin zu einem gefestigten „Landesbewusstsein“. Der Slogan „Wir in Nordrhein-Westfalen“, zunächst als PR-Mittel eingesetzt, um die SPD zur nordrhein-westfälischen „Staatspartei“ zu stilisieren, wurde schließlich zum vorläufigen und inoffiziellen Markenzeichen des Landes. Als Imagekampagne der Landesregierung und der nordrhein-westfälischen Wirtschaft von 1987 an unbestritten erfolgreich, vermochte das Motto jedoch bestenfalls vorübergehend so etwas wie eine eigene „NRW-Identität“ zu erzeugen, weil es schließlich doch seine parteipolitische Herkunft und Intention nicht verbergen konnte und daher am Ende auch exklusiv und eben nicht integrativ wirkte.

Ist die Kampagne „Wir in Nordrhein-Westfalen“ trotz aller unumstrittenen kurz- und mittelfristigen Durchschlagskraft auch insofern gescheitert, als sich mit ihr keineswegs die Etablierung eines tief verwurzelten und dauerhaft tragenden Landesbewusstseins im Sinne einer nordrhein-westfälischen Kernidentität verbunden hat, so bleibt es ihr Verdienst, indirekt das nordrheinwestfälische Staatsbewusstsein befördert zu haben. Niemand stellt mehr – wie noch in den 1980er-Jahren zeitweise in Westfalen – ernsthaft die Existenz des „Bindestrich-Landes“ zur Disposition oder propagiert die offene Separation, und das Wort vom „Provisorium“ ist ebenfalls längst aus dem politischen Sprachgebrauch verschwunden. Es bleibt allenfalls der selbstironische Spott – vom Spruch „Was Gott getrennt hat, darf der Mensch nicht verbinden“ bis hin zum Fazit, das der Kölner Kabarettist Jürgen Becker und sein westfälisches Pendant Rüdiger Hoffmann aus Anlass des 60-jährigen Landesbestehens gezogen haben: „Es ist furchtbar, aber es geht.“

Bei allen beschriebenen parteipolitischen Implikationen und Verengungen der „Wir-in-NRW“-Kampagne verfolgte diese einen richtigen Ansatz: Sie akademisierte nicht Begriffe wie „Landesbewusstsein“ oder oktroyierte eine „Landesidentität“ von Staats wegen. Sie zielte vielmehr direkt auf die Bevölkerung. Politik muss, will sie erfolgreich sein, die sie betreffenden Menschen nicht nur kognitiv erreichen, sondern auch emotional ansprechen. Und eines der wichtigsten Gefühle, die zur Identitätsfindung eines Menschen gehören, ist das Heimatgefühl.

Heimat – nicht angestaubt

Der Begriff „Heimat“ besitzt bei vielen Intellektuellen und Kulturschaffenden bis heute einen schalen Beigeschmack; für sie klingt er muffig, provinziell und anbiedernd. Aber in Wirklichkeit ist er hochaktuell, wie die Einrichtung von „Heimatministerien“ auf Bundeswie auf Länderebene unterstreicht. Denn die Wahrheit ist: Wenn man seine Heimat nicht liebt, ist man nicht wirklich offen für Fremdes, Neues, Andersartiges. Wer heimatlos ist, verliert Geborgenheit, Vertrautheit, emotionale Verbundenheit.

„Heimat“ ist das elementare Bedürfnis des Menschen nach Orientierung und dem Wissen um historisch gewachsene Besonderheiten des eigenen Ursprungs. „Heimat“ ist ein Grundbaustein individueller, aber auch kollektiver Identitätsfindung. „Heimat“ ist der Ort, den man vermisst, wenn man ihn verlässt.

Um die neuen Herausforderungen in einer globalisierten Welt meistern zu können, brauchen die Menschen Halt. In der Sicherheit, ihre Heimat zu kennen und zu lieben, können sie sich öffnen für Neues und für Ungewohntes, weil das Vertraute sie trägt durch die Konfrontation mit erlebter Verunsicherung. Wenn wir unsere Traditionen, unsere Sitten und unsere Geschichte vergäßen, wären wir nicht wirklich offen für das Fremde. Nur wer über einen eigenen Standpunkt verfügt, ist auch fähig zu wahrer Toleranz. Anderenfalls wird aus Toleranz bloße Beliebigkeit.

Manche Kommentatoren gehen bis heute so weit, Nordrhein-Westfalen pauschal die Fähigkeit abzusprechen, für die hier lebenden Menschen überhaupt zur „Heimat“ werden zu können. Das von den Siegern des Zweiten Weltkriegs zusammengefügte politisch-administrative Konstrukt sei „seelenlos“ und bestenfalls ein Konglomerat unterschiedlicher Teilidentitäten. Es gibt in diesem Land tatsächlich die Identitäten als Niederrheiner, Kölner, Münsterländer, Ostwestfalen, Lipper, Sauer- und Siegerländer und natürlich als Bewohner des Ruhrgebiets. Alle gemeinsam fühlen sich darüber hinaus aber auch als Deutsche und Europäer.

Was Nordrhein-Westfalen heute mehr denn je braucht, ist eine seine vielen Teil- und Supraidentitäten zusammenführende und zusammenhaltende Idee: eine „nordrhein-westfälische Idee“. Dabei hat es das Land zwischen Rhein und Weser zweifellos schwerer als andere, staatlich verfasste Kulturlandschaften. Es verfügt nicht über historisch ererbte Staatstraditionen, die sich am Ende selbst genügen. In seinen Städten und Landgemeinden am Rhein und in Westfalen entfaltete sich jedoch im 18. und 19. Jahrhundert vielerorts der Geist des freien Bürgertums, der Geist von technischer Innovation, von industriellem Fortschritt und nicht zuletzt auch der durch Christentum und Frühsozialismus inspirierte Geist von Solidarität und sozialer Verantwortung. Und nirgendwo sonst ist die Integration verschiedener Kulturen und Mentalitäten derart augenfällig und kennzeichnend geworden wie hier. Ministerpräsident Heinz Kühn sprach bereits 1971 zu Recht vom nordrheinwestfälischen „Integrationsmagnetismus“.

Im Ruhrgebiet prägten traditionell landfremde Zuwanderer Arbeitswelt und kulturellen Charakter der Region, und nicht zuletzt ermöglichten sie ihren wirtschaftlichen Aufstieg. Wie sähe das „typische Gesicht“ des Reviers aus, was wären seine Fußballclubs in der Vergangenheit gewesen ohne die vielen Polen, Masuren und Oberschlesier, die hier vor hundert Jahren eine neue Heimat gefunden haben? Nach dem Zweiten Weltkrieg nahm Nordrhein-Westfalen zusammen mit Niedersachsen und Bayern die meisten vertriebenen Landsleute und Flüchtlinge aus dem historischen deutschen Osten auf; Millionen von Schlesiern, Ostpreußen, Pommern und Ostbrandenburgern, aber auch Siebenbürger Sachsen und Russlanddeutsche fanden zwischen Rhein und Weser eine neue Heimat. Und Nordrhein-Westfalen verkörperte für etwa ein Drittel all derjenigen, die in den 1960er- und 1970er-Jahren als „Gastarbeiter“ den Weg nach Deutschland fanden, das Ziel ihres Neustarts in der Fremde.

Landesbewusstsein und Landesidentität

Dies alles macht bis heute ein verbindendes Lebensgefühl in den unterschiedlichen Landschaften aus. Ein echtes „Landesgefühl“ oder gar ein ausgeprägtes „Landesbewusstsein“ ist mit diesem „Lebensgefühl“ jedoch nicht entstanden. Umgekehrt garantieren vor allem seine unterschiedlichen Mentalitäten, Erfahrungen, Prägungen und Stärken – sinnvoll miteinander verbunden – den Erfolg des Landes. Es kommt nun darauf an, diese Zusammenhänge den Menschen bewusst zu machen: im Wortsinn ein „Landesbewusstsein“ zu erzeugen.

Landesbewusstsein und Landesidentität kommen jenseits des politisch-praktischen Moments in heterogenen, demokratisch-pluralen Gemeinwesen prinzipiell sinnstiftende und damit gesellschaftsstabilisierende Funktionen zu. Zu der hierfür notwendigen „Verortung“ der Adressaten, nicht Objekte, politischen Handelns wie auch der politischen Bildung im weitesten Sinne gehört ihre geografische und soziokulturelle Definierung. Aber auch sie kann nur mit den Betroffenen und nicht über sie hinweg erfolgen. Ein Sozialverband lebt keineswegs allein von einem abstrakten allgemeinen Konsens über gemeinsame Interessen, Ziele und Bedürfnisse, sondern auch von verbindenden, sinnstiftenden Gefühlen wie Liebe zur Heimat, Stolz auf das gemeinsam Erreichte, Sorge um den Erhalt gewachsener wie geschaffener materieller und ideeller Traditionen und Werte.

Ohne Zweifel gehört das Landesbewusstsein damit zur politischen Kultur eines Landes, zu seinem Selbst-Verständnis. Entscheidend für seine Zukunft wird am Ende aber sein wirtschaftlicher Erfolg sein. Der ökonomische (Wieder-)Aufstieg Nordrhein-Westfalens ist und bleibt zusammen mit der damit verbundenen sozialen Stabilität der größte und wichtigste Integrationsfaktor dieses Landes überhaupt.

Gemeinsame historische Erinnerung

Ein solcher Erfolg ist sowohl Bedingung als auch Katalysator einer wie auch immer gearteten Landesidentität. So wenig eine produktive gemeinsame Identität jedoch ohne dauerhaften gemeinsamen Erfolg denkbar ist, so wenig ist sie es ebenfalls ohne gemeinsame historische Erinnerung. Wer also den kritischen, aber konstruktiven Blick in die eigene Geschichte wagt, investiert zugleich in eine bessere Zukunft. Die sinnvolle, wenn nicht notwendige Anstrengung, Nordrhein-Westfalen zu einem gestärkten Landesbewusstsein und damit zu einer wirklichen „Landesidentität“ zu verhelfen, mündet deshalb zwangsläufig in die Initiative zur Errichtung eines „Hauses der Geschichte Nordrhein-Westfalen“.

Über ein solches Haus der nordrhein-westfälischen Geschichte wurde in der Vergangenheit bezeichnenderweise lange Zeit nicht ernsthaft diskutiert. Eine erste Initiative sozialdemokratischer Landtagsabgeordneter Anfang der 1980er-Jahre zu einer großen nordrhein-westfälischen Landesausstellung, die zum Kern eines Museums hätte werden können, versandete in der Planungsphase, und ein entsprechender Vorschlag des CDU-Spitzenkandidaten Bernhard Worms im Landtagswahlkampf 1985 verhallte völlig wirkungslos. Ein „Land ohne Geschichte“ brauche kein Landesmuseum, für das überdies kein Geld vorhanden sei, hieß es parteiübergreifend und in den Kommentaren der Medien. Solche Argumente verrieten nicht nur eine bemerkenswerte Kurzsichtigkeit, sondern auch den geringen Stellenwert von „Identitätspolitik“ im damaligen Nordrhein-Westfalen. Ein weiterer Vorstoß in diese Richtung in Zusammenhang mit der Neugestaltung des alten Ständehauses am Düsseldorfer Schwanenspiegel zu Beginn der 1990er-Jahre im Sinne einer möglichen Kombination aus Staatskanzlei und Landesmuseum scheiterte am Veto der Haushaltspolitiker sowie am Begehren der Kulturpolitiker, einen repräsentativen Standort für die Erweiterung der Kunstsammlung des Landes (K21) zu sichern. Schließlich griff der damalige Landtagspräsident Eckhard Uhlenberg die Idee im Jahre 2011 auf und machte sie sich fortan zu eigen, doch die vorgezogene Neuwahl des Landtags im Frühjahr 2012 unterbrach die bereits angelaufenen Vorbereitungen, die von der rotgrünen Landesregierung nicht mehr fortgesetzt wurden.

Mehr als siebzig Jahre nach der Gründung des Landes ist es nunmehr an der Zeit, die eigene landesgeschichtliche Tradition in Nordrhein-Westfalen nicht nur zu begründen, sondern auch allgemein verständlich und allgemein zugänglich zu präsentieren. So sah es der Koalitionsvertrag vom Juni 2017 vor, und so steht es auch im historischen Landtagsbeschluss von CDU, SPD, FDP und Grünen vom 18. Januar 2018. Das „Haus der Landesgeschichte Nordrhein-Westfalens“ ist ohne Zweifel ein ehrgeiziges und nicht billiges Langzeitprojekt. Es bietet jedoch der Bevölkerung die Möglichkeit, eine eigene „Landesidentität“ auszubilden.

Letztlich aber steht bei der Vermittlung von landesgeschichtlichem Wissen immer der eigentliche Adressat im Mittelpunkt: die Menschen, die in diesem Land leben und zu Hause, eben „heimisch“ sind. Sie anzusprechen, erfordert ein vielfältiges und offenes museales Konzept. Es geht nicht darum, eine geschichtspolitisch motivierte teleologische Meistererzählung Nordrhein-Westfalens zu präsentieren, sondern Landesgeschichte als spannende, bunte, überraschende Mischung aus Alltagsgeschichte, Politik, Gesellschaft, Wirtschaft, Sport und Kultur, die mit dem Leben eines jeden Einzelnen mehr zu tun hat als vielfach angenommen und in der auch die Schilderung von Irrwegen, Rückschlägen, Katastrophen und Skandalen ihren Platz haben muss. Entstehen soll kein großes nordrhein-westfälisches „Heimatmuseum“ im Sinne eines „Heimatstübchens“ – wohlig und gefühlig. Erst recht soll es niemanden ausschließen, keine Identität als „closed shop“ befördern, denn genau das ist Nordrhein-Westfalen nie gewesen. Wir brauchen auch kein „Heimatschutzmuseum“, sondern ein offenes, einladendes Haus der Selbstvergewisserung: Wer wir sind, woher wir kommen und wohin wir gehen wollen. Wer dabei mitmachen will, ist herzlich willkommen. Wenn am Ende so etwas entstehen sollte wie ein die einzelnen Regionen verbindendes „Heimatgefühl“, ein zeitgemäßes „Landesgefühl“ – warum nicht? Vorrangig ist allerdings etwas anderes: Geschichte in Nordrhein-Westfalen, diesem bisher so seltsam geschichtslosen Land mit reichlich Traditionen und Geschichten und einer mittlerweile 72-jährigen Landesgeschichte, endlich eine Heimat zu geben!


Guido Hitze, geboren 1967 in Düsseldorf, Leiter der Planungsgruppe des Landtages Nordrhein-Westfalen für das Haus der Geschichte Nordrhein-Westfalen.

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