Veranstaltungsberichte

Die Deutschen und ihr Ökofimmel

von Tanja Simons
Der SPIEGEL-Redakteur Alexander Neubacher, Autor des im März 2012 erschienenen Buches „Ökofimmel: Wie wir versuchen, die Welt zu retten – und was wir damit anrichten“, wollte den 120 Zuschauern keine Lektion in ökologischer Lebensform geben. Dennoch ist er der Meinung, wir würden in Sachen Umweltschutz nicht zu wenig unternehmen, sondern vom Falschen zu viel. Es liefe etwas schief, wenn jemand wie er „vier Kinder und fünf Mülltonnen“ habe.

Das Bildungswerk Bremen hatte auf das Betriebsgelände der swb nach Woltmershausen geladen und bot somit einen thematisch passenden Rahmen zu Umweltschutz und Klimawandel. Der Einladung zur Podiumsdiskussion folgten Alexander Neubacher, Dr. Martha Pohl, Geschäftsführerin im Bereich Industrie, Innovation, Umwelt der Handelskammer Bremen, Jens-Uwe Freitag, Geschäftsführer in den Bereichen Erzeugung und Entsorgung der swb, Dr. Rita Mohr-Lüllmann, Landesvorsitzende der CDU, und Dr. Anne Schierenbeck, energiepolitische Sprecherin des Bündnis ’90/Die Grünen in der Bremischen Bürgerschaft.

In seinem Impulsreferat sprach Neubacher über Mülltrennung, Wasser sparen, Ökostrom, Energiesparlampen und Dosenpfand. So habe er zwar fünf Mülltonnen, obwohl nur 36% des recycelbaren Mülls tatsächlich wiederverwertet würden. Der Drang der Deutschen immer mehr Wasser zu sparen durch Stopptaste an der Toilette oder wasserarme Duschköpfe führe dazu, dass der Dreck in den Rohren nicht mehr richtig abfließe, was zu Gestank und Giftgasentwicklung führe und die Rohre angreife. Die Wasserwerke pumpen deshalb regelmäßig Trinkwasser nach, um die Fließgeschwindigkeit aufrecht zu erhalten. Aufgrund des Emissionszertifikatehandels würden wir zudem kein Gramm CO2 sparen, auch wenn wir Ökostrom beziehen würden, denn unser eingesparter Strom würde einfach in die Nachbarländer weiterverkauft und schade somit weiterhin der Umwelt.

Zum Thema Dosenpfand meinte Neubacher: „Trittin ist der Umweltminister, von dem sich die Welt bis heute nicht erholt hat“, denn schließlich wäre der Anteil der Einwegflaschen von 35% auf 55% gestiegen. Auch die erneuerbaren Energien kritisierte Neubacher. So würde in der Photovoltaikindustrie viel zu viel subventioniert bei zu wenig Ertrag, weil Deutschland zu wenig Sonnenstunden aufweise. „50% Subvention für 20% Ertrag“.

Warum haben viele Deutsche nun diesen Ökofimmel? Neubacher begründete dies mit der Gefühlsebene und der deutschen Gründlichkeit. Aus Angst, Betroffenheit und Romantik kaufen wir beispielsweise auch im Frühjahr lieber Bioäpfel aus der Region anstatt die aus Neuseeland, obwohl sie um diese Jahreszeit eine bessere CO2-Bilanz haben würden. Und nur in Deutschland würde so gründlich auf Mülltrennung und Umweltplakette geachtet.

Die anschließende Podiumsdiskussion gab weitere Denkanstöße. Anne Schierenbeck war von „Ökofimmel“ nicht begeistert, stimmte Neubacher jedoch in dem Sinne zu, als dass wir versuchen würden zu viel für die Umwelt zu tun, was dann auch dazu führen würde, dass einige Reformen nicht den Erfolg brächten, der versprochen wurde. Sie findet, wir müssten unsere Gewohnheiten ändern und somit könne jeder Einzelne etwas für die Umwelt tun. Sie selber würde nur Fahrrad fahren. Zudem sagt sie, wir brauchen einfachere und verständlichere Gesetze nicht nur im Bezug auf die Umwelt. Außerdem sei der Emissionsrechtehandel nicht sonderlich gut, weil die Lobby ihn weichgespült habe. Schierenbeck lobte auch Angela Merkel („in diesem Kreis kann ich das ja sagen“), denn „jedem Menschen auf der Welt steht der gleiche Anteil an CO2 zu“.

Rita Mohr-Lüllmann zeigte sich sehr angetan von Neubachers Buch. Darüber hinaus stimmte sie Schierenbeck zu, dass der Lobbyismus oft eine zu starke Rolle spielen würde. Zudem müsse sie im Bezug auf Klimawandel und Umweltschutz eine Lanze für die Grünen brechen. Denn „ohne die Grünen wären wir nicht auf die Schiene des Umweltschutzes gesetzt worden“. Sie findet, man müsse das Umweltministerium national und international stärken, Netzausbau betreiben und Altgeräte peu-à-peu aus den Haushalten verschwinden lassen, um sie durch effizientere Geräte zu ersetzen.

Jens-Uwe Freitag erläuterte, dass die swb bereits einiges im Bezug auf Klimaschutz und erneuerbare Energien tun würde. So sind sie beispielsweise Betreiber und Anteilhaber von Onshore und Offshore Windanlagen. Der swb gehe es vor allem um Effizienz, denn sie haben das Ziel, bis 2020 20% CO2 einzusparen bei 20% mehr Effizienz. So sei ihre Müllverwertungsanlage eben nicht nur zum Verbrennen da und 50% biogen. Jedoch sieht er auch Probleme im Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG). Denn das führe zu einem Überangebot von erneuerbaren Energien auf dem Strommarkt und schränke somit die Wirtschaftlichkeit der konventionellen Kraftwerke ein, die trotzdem „warm gehalten“ werden müssten, um im Zweifelsfall einsatzbereit zu sein. Deshalb müssten klare Rahmenbedingungen für die Wirtschaft geschaffen werden. Dies wäre jedoch sehr schwierig, wenn Wirtschafts- und Umweltministerium nicht richtig zusammenarbeiten würden. Laut Freitag ist Wirtschaftswachstum unerlässlich, denn sonst könne dauerhafter Umweltschutz und Weiterentwicklung nicht funktionieren.

Martha Pohl sieht auch Probleme beim EEG. Es habe dazu geführt, dass die Photovoltaikhersteller sich zu lange in Sicherheit gewähnt und somit die weltweite Entwicklung „verschlafen“ hätten. So wären die Preise nicht rechtzeitig gesenkt worden als China als Konkurrent eingestiegen sei. Das EEG sei gut für den Anfang, um Herstellern von erneuerbaren Energien einen „Startschubs“ zu geben. Jedoch würde gerade im Bereich der Photovoltaik mittlerweile viel zu viel subventioniert. Die deutsche Wirtschaft sei zudem gut aufgestellt und energieeffizient. Um Energie- und Materialeffizienz weiter zu verbessern bräuchte es jedoch Zeit.

Ansprechpartner

Dr. Ralf Altenhof

Dr

Landesbeauftragter für Bremen und Leiter des Politischen Bildungsforums Bremen

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