Veranstaltungsberichte

Von Afghanistan nach Deutschland

von Sarah Bunk
Bei der Abendveranstaltung der Konrad-Adenauer-Stiftung in Kooperation mit dem Bremer und Bremerhavener IntegrationsNetz (BIN) berichteten die vier afghanischen Flüchtlinge Khalida N., Ramin Popal, Mojtaba Hasanzadeh und Hamid Samardian in einem Podiumsgespräch von ihren Erfahrungen in Afghanistan und Deutschland. Außerdem stellte Udo Casper als Koordinator die Arbeit des BIN und eines von ihm initiierten Patenschaftsprogramms mit Bremern vor, an dem die vier Afghanen teilnehmen.

Die vier Flüchtlinge, die zurzeit auf eine Entscheidung der Ausländerbehörde bezüglich ihres Aufenthaltes in Deutschland warten müssen und bis dahin keiner Erwerbstätigkeit nachgehen dürfen, erzählten zunächst von den Umständen ihrer schwierigen Flucht aus Afghanistan. So musste Hasanzadeh mehrmals mit seiner Familie aufgrund des Bürgerkrieges aus Afghanistan fliehen, da das Leben unter den Taliban sehr schwer gewesen sei. „Die Schwierigkeiten vor Ort kann man nicht in Worte fassen“ und das Leben dort sei sehr unsicher, bestätigte Samardian, der zurzeit in Bremen auf die Berufsschule geht und sein Abitur machen möchte.

Ramin Popal floh aus Afghanistan, weil seine Tätigkeit für eine US-amerikanische Firma zu gefährlich geworden sei, denn dies sei vor Ort automatisch so interpretiert worden, dass er gegen die Taliban sei. Er habe aufgrund der afghanischen Geschichte speziell nach Deutschland fliehen wollen, um hier zusätzlich zu seinem vorhandenen Bachelor-Abschluss weiterlernen zu können.

Khalida N., die aufgrund ihres Engagements als Anwältin für Frauen- und Kinderrechte in Kabul fliehen musste, hob hervor, dass sie sich in Deutschland besonders als Frau frei und wohl fühlen könne und keinen Kulturschock bei ihrer Ankunft gehabt habe.

„Das erste Jahr ohne die Taliban war besser“, die Straßen sicherer, aber seitdem sei es „Jahr für Jahr schlimmer und mittlerweile noch schlimmer als vorher“ geworden, so Hasanzadeh, und kein Fortschritt sei in Afghanistan zu sehen. Nach seiner illegalen und beschwerlichen Flucht, auf der viele unterwegs gestorben seien, habe er sich gleich in Deutschland wohlgefühlt. „Die Menschen hier sind sehr nett, aber die Gesetze für afghanische Immigranten sehr streng“, bedauerte er jedoch. Casper erläuterte die Gesetzeslage, laut der Flüchtlinge erst nach einem Jahr unter weiteren Auflagen einer Erwerbstätigkeit nachgehen dürfen, und betonte, dass dies problematisch sei. Schließlich sind die Flüchtlinge Casper zufolge oft gut ausgebildet und „der Wunsch in Deutschland zu arbeiten ist ganz groß“. Daher liege hier viel Potenzial ungenutzt, obwohl dies für den Wiederaufbau Afghanistans in der Zukunft wichtig sei. „Deutschland wiederholt die Probleme, die mit Migranten seit 20 Jahren bestehen“, meinte Casper, da keine Sprachkurse für Flüchtlinge übernommen werden und ein Asylverfahren in Bremen in der Regel drei Jahre oder länger dauere. Obwohl laut Casper 90 Prozent abgelehnt werden, gibt es momentan aus humanitären Gründen einen Abschiebungsstopp nach Afghanistan, und viele der Geduldeten blieben daher auf unbestimmte Dauer in Deutschland. Als eine Unterstützung für Flüchtlinge stellte er das Patenschaftsprogramm des BIN vor, das als Zielsetzung nachbarschaftliche Hilfe habe, um Flüchtlinge besser in Bremen zu integrieren und den interkulturellen Austausch zu fördern.

Zum Abschluss des Podiumsgespräches bekräftigten die vier Afghanen, dass sie gerne in ihre Heimat zurückkehren möchten, um beim Wiederaufbau zu helfen. Sie hofften, dass sie bis dahin in Deutschland arbeiten und sich weiterbilden können, sobald die Ausländerbehörde über ihren Status entschieden habe.

In der anschließenden Diskussion zeigten die Zuschauer viel Interesse am Schicksal der Flüchtlinge und stellten Fragen zu den Kontakten nach Afghanistan oder den Einschätzungen der Vier zur aktuellen Lage vor Ort. Ein baldiger Abzug der Soldaten wurde als verfrüht angesehen, laut Popal könnte Afghanistan auseinanderbrechen und die Instabilität sich in der ganzen Region „wie eine Krankheit ausbreiten“.