Online-Seminar

Politische Schlussfolgerungen

Politische Schlussfolgerungen der AECAIR-Online-Seminarreihe

Die in den Online-Seminaren diskutierten Erfahrungen unterstreichen die Vielfalt und die strategischen Potentiale im Einsatz von KI zur Bekämpfung der Pandemie in den verschiedenen Ländern.

Details

Die AECAIR Seminarreihe zum COVID-19-bedingten Einsatz von KI-Anwendungen regt einige erste politische Schlussfolgerungen an:

1. Die in den Seminaren diskutierten Erfahrungen (sehen Sie hier den detaillierten Veranstaltungsbericht zur Online-Seminarserie) unterstreichen die (schon vor COVID-19 bestehende) umfassende strategische Herangehensweise Chinas, die eigene Position bei hardware- wie softwarebezogenen Formen Künstlicher Intelligenz zum entscheidenden „Gamechanger“ für das Erreichen und den Ausbau seiner künftigen wirtschaftlichen (Vor-)Machtstellung zu machen.

Der Entwicklungsplan der chinesischen Regierung zur digitalen Erschließung des Landes hat im Bereich der Infrastruktur und der digitalen Durchdringung (800 Mio. Internetnutzer) bereits eine starke Ausgangsposition, aber KI soll diesen Trend noch deutlich beschleunigen. Inzwischen hat fast jeder zweite ländliche Haushalt einen Internetanschluss. Der Ausbau des 4G-Mobilnetzes ist in 95% des Landes abgeschlossen und die Grundlage für eine schnelle Überführung in das 5G-Netz.

Und dies betrifft sämtliche Formen der wirtschaftlichen Wertschöpfung: Landwirtschaft, Versicherungswirtschaft, Cybercurrency, Maschinen- und Automobilbau, Industrieanlagen und Robotik, chemische Industrie, Tourismus, E-Commerce oder Unterhaltungsindustrie.

2. China nützt dabei gezielt auch die Tatsache, dass die internationale Wirtschaft trotz Globalisierung, internationaler Arbeitsteilung und dem Agieren multilateraler (Welthandels-)Organisationen stets auch geprägt war von erheblichen globalen Wirtschaftskonflikten um die jeweilige Vormachtstellung.

Fand dieser Aspekt im vergangenen Jahrhundert noch mittels physischer Präsenz statt (Militär, physische Infrastruktur, Währung, Wettbewerb auf Gütermärkten), so verlagert sich das Geschehen zunehmend in den virtuellen Raum (soziale Medien, Cyber-Sicherheit, Cyber-Währung, Algorithmen-getriebene Entscheidungsfindung). Wer den Standard dieser digital umfassend vermessenen globalen Welt und Wirtschaft definieren kann, muss zunächst ausgeprägte Kapazitäten haben. In diese hat China mehr als alle anderen Länder investiert und auch während der Pandemie rasch und umfassend nutzbar gemacht. Und es fordert damit die USA als die führende Technologie-Nation zu Beginn des 21. Jahrhunderts heraus.

Die zunehmend skeptische Art und Weise der Behandlung von Huawei in vielen offenen Ländern und Gesellschaften ist damit weniger ein klassischer Konflikt um Wirtschaftsmodelle (Staatskapitalismus versus Marktkapitalismus), um Marktanteile für Smartphones oder 5G-Infrastruktur oder um Backdoor-Sicherheitsbedenken, sie symbolisiert die technologische Rivalität und eine ihrer Schlüsselfaktoren ist das Verständnis von Künstlicher Intelligenz und der Definition seiner Standards.

3. Welche Rolle kann Deutschland (in einem europäischen Kontext) auf KI-technologischem Feld nun gegenüber China als strategischem Rivalen einnehmen?

Allein die Tatsache, dass es hierzulande an 5G-Kapazitäten fehlt und eine strikte EU-Datenregulierung den weiteren Ausbau von KI nicht erleichtert, bedeutet nicht, dass Deutschland hilflos wäre. Denn bei der von China angestrebten Industriestandardsetzung (im Bereich KI) hat Deutschland historische Erfahrung. Was heute 5G-Technik ist, war früher die drahtlose Telegrafie. Wer die Standards für die Technologie setzt, hat einen Wettbewerbsvorteil und Einfluss.

Die Soziale Marktwirtschaft definiert auch die Setzung eines Industriestandards (man denke an das Deutsche Institut für Normierung, DIN) aus einer engen Verknüpfung mit den Unternehmen und einem staatlichen Regulierungsrahmen. Anders der angelsächsische Kapitalismus, der das Recht zur Standardsetzung weniger aus dem staatlichen Ordnungsrahmen, sondern dadurch begründet, dass das sich am Markt durchsetzende private Unternehmen auch das Monopol zur Standardsetzung hat. Erst wenn es das Unternehmen „zu bunt“ treibt (egal ob die historischen Vorbilder der Öl- oder der Tabakindustrie bis zu den heutigen Anhörungen der Internetgiganten), droht das harte Schwert der Zerschlagung.

Deutschlands Erfahrungen der Standardsetzung dabei klug mit der (puren) amerikanischen Wirtschaftskraft zu verbinden, ist eine strategische Option im Umgang mit China, wenn man das Verhältnis auf dem Feld der Technologie als rivalisierend betrachtet.

Während der Pandemie hat sich gerade auch die Fragilität der globalen Konnektivität gezeigt. Im Gegensatz zu den geopolitischen Spannungen wären in Bezug auf die Auswirkungen von COVID-19 für den Personenverkehr kreative digitale Komponenten des Pandemie-Managements hilfreich gewesen. Der Einsatz transnationaler Apps für die Mobilitätsermöglichung und vor allem zur Wiederherstellung der normalen Flugverbindungen in die Länder Ostasiens ist ein dringender und konkreter Schritt der Normalisierung.

4. Und selbst ein möglicher Rückstand bei KI (oder auch 5G) wird nicht das Ende der Entwicklung sein. Schon heute kann man an die „Gamechanger“ von morgen denken. Die Zukunft der „6G“- Technologie steht an/aus, in vielen der unter Ziffer 1. erwähnten Wirtschaftsfelder, Business to Business, KI und Mittelstand, Open Data, Versicherungs- und Bankwesen, können Marktwirtschaften ihre Stärke auch im Zeitalter Künstlicher Intelligenz ausspielen.

Wenn es dann doch zu spät sein sollte, um den Wettbewerb mit China zu bestehen, gilt es, sich wiederum neue Systeme zu suchen, die die Standards zu Mitte dieses Jahrhunderts zu setzen erlauben. Und dazu sind die wettbewerbsfähige mittelständische Struktur sowie die exzellenten internationalen Erfahrungen der deutschen Wirtschaft, das hohe Bildungsniveau und die Grundlagenforschung sowie das hohe internationale Renommee der politischen Führung Deutschlands als verlässlicher Gesprächspartner weiterhin eine gute Basis.

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Matthias Schäfer

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