Veranstaltungsberichte

Das DDR-Bild zwischen Mythos und Wirklichkeit

von Thomas Ehlen

Eine Bilanz der Gießener Tagung 18. November 2009

„Freiheitsentzug ist die höchste Strafe.“ Mit 110 Schülern des Giessener Landgraf-Ludwigs-Gymnasiums teilte Arnold Vaatz, heute stellvertretender Vorsitzender der CDU / CSU – Fraktion im Deutschen Bundestag, seine Erinnerungen an die SED-Diktatur – einschließlich einer kurzen, aber bewegenden Schilderung seiner sechsmonatigen Haftzeit. In seiner Heimatstadt Dresden hatte sich der Mathematiker während der Achtziger Jahre der Bürgerrechtsbewegung angeschlossen.

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Arnold Vaatz MdB (Foto: Christine Leuchtenmüller)

Vaatz’ Bilanz der Nachkriegsjahre im geteilten Deutschland: Während die westlichen Alliierten in ihren Zonen auf politische wie wirtschaftliche Freiheit gesetzt hatten, errichteten sowjetische wie deutsche Kommunisten im Osten eine Diktatur, die den Menschen jede Chance auf ein selbstbestimmtes Leben entriss. Insbesondere nachdem die Rote Armee den Volksaufstand vom 17. Juni 1953 niedergeschlagen hatte, flohen bis zum Bau der Mauer im August 1961 über drei Millionen Menschen in den Westen.

Nach Jahrzehnten der Resignation habe erst 1985 Michail Gorbatschows Entscheidung, der sowjetischen Bevölkerung politische Mitwirkungsrechte zu gewähren, die Hoffnung vieler Ostdeutscher auf ein besseres Leben geweckt. Im Mai 1989 zählte Arnold Vaatz zu einem Kreis von Dresdner Bürgerrechtlern, die sich der Aufgabe verschrieben hatten, der SED-Führung die Fälschung der Kommunalwahl-Ergebnisse nachzuweisen. Stichproben in Wahllokalen ergaben zweifelsfrei, dass das Regime die Bürger betrogen hatte.

Nachdem sich Vaatz Anfang Oktober - wenige Tage vor dem von der SED mit Blick auf die internationale Öffentlichkeit inszenierten 40. Jahrestag der DDR-Gründung - an Demonstrationen beteiligt hatte, zählte er zu den Bürgerrechtlern, die die Dresdner Stasi-Zentrale besetzten und als „Gruppe der 20“ mit der Staatsmacht verhandelten.

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Arnold Vaatz MdB (Foto: Christine Leuchtenmüller)

Ebenfalls in seiner Heimatstadt Dresden zählte Arnold Vaatz zu den 150 000 Teilnehmern einer Kundgebung am 19. Dezember 1989. In „einer der größten Reden der jüngeren deutschen Geschichte“ – so der sächsische Christdemokrat - erklärte Bundeskanzler Helmut Kohl: „Mein Ziel bleibt - wenn die geschichtliche Stunde es zuläßt - die Einheit unserer Nation.“

Vaatz ließ keine Zweifel daran, dass er nicht nur die Friedliche Revolution in der DDR, sondern auch die 19 Jahre Deutscher Einheit als Erfolgsgeschichte empfindet: „In den neuen Ländern will sich niemand mehr mit den ehemaligen sowjetischen Brüdern messen. Man vergleicht sich mit den westlichen Bundesländern. Und keiner denkt mehr an die Ausgangslage 1989.“