Veranstaltungsberichte

Das Erbe der Gewalt: Europa und der Erste Weltkrieg

von Christine Leuchtenmüller

Eine Bilanz des Gießener Gesprächs 21. November 2014

"Es hat sich gelohnt, das Unmögliche zu versuchen". Im Gießener Gespräch der Konrad-Adenauer-Stiftung zeigte Ingo Espenschied, wie aus der Katastrophe zweier Weltkriege das Versöhnungswerk eines geeinten Europas erwuchs.

1981 wurde auf dem Dachboden eines französischen Bauerhofes in Fiquelmont ein altes Schnapsfläschchen mit einem rätselhaften Schriftstück gefunden. „Utopie und mögliches Eden ist ein geeintes Europa“ lautete die Botschaft, die die deutschen Soldaten hinterlassen hatten. Sie waren während des Ersten Weltkrieges im lothringischen Fiquelmont einquartiert: "Ein Appell, der die kommenden Generationen zum Frieden durch ein geeintes Europa aufruft. Dass diese Vision eines Tage Wirklichkeit werden könnte, daran haben wohl selbst ihre Verfasser nicht geglaubt." In einer Multimediapräsentation ließ Ingo Espenschied im Kasseler Gespräch eines der berührendsten Friedenszeugnisse des Ersten Weltkrieges lebendig werden.

Ingo Espenschied, freier Journalist und Multimediaproduzent, zeigte eindrücklich, wie Militarismus, Nationalismus und verhängnisvolle Allianzen Europa in die Katastrophe des Ersten Weltkrieges stürzten, dem Anfang vom Ende des großen europäischen Zeitalters.

Espenschied verwies auch den Einsatz engagierter Bürger und Politiker für Verständigung und Versöhnung. So wurden Anfang der Zwanziger Jahre erste europäische Bewegungen gegründet. 1926 erhielten die Außenminister Gustav Stresemann und Aristide Briand den Friedensnobelpreis für ihr Engagement für ein besseres deutsch-französisches Verhältnis. Doch erst nach dem Zweiten Weltkrieg sollte die Schaffung eines gemeinschaftlichen Europas gelingen. "Nur ein geeintes Europa ist in der Lage, das Erbe der Gewalt zweier Weltkriege umzumünzen in eine friedliche Zukunft". 100 Jahre nach der blutigen Katastrophe, die Millionen von Opfern forderte, seien die Ereignisse des Ersten Weltkrieges von beklemmender Aktualität. Dies zeigten nicht zuletzt die jüngsten Ereignisse auf dem Balkan. Ein friedliches Zusammenleben in Europa sei keine Selbstverständlichkeit und brauche unser Engagement für die Vision einer gemeinsamen friedlichen Zukunft.