Veranstaltungsberichte

Soziale Transformation und Zukunftsforschung

von Benedikt Kämmerling

Seminar der KAS und des ITES

Das Seminar „Soziale Transformation und Zukunftsforschung“ wurde vom Institut des Etudes Stratégiques (ITES) in Zusammenarbeit mit der UNESCO, dem Centre des Recherches et des Etudes Sociales (CRES) und der Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS) am 3. und 4. März 2016 in Tunis durchgeführt. Zu dieser Gelegenheit versammelten sich Experten, Professoren sowie Vertreter der Zivilgesellschaft und politischer Einrichtungen, um über den sozialen Wandel in Tunesien zu diskutieren und zu reflektieren, inwiefern die Zukunftsforschung bei diesem eine gestaltende Rolle spielen kann.

Der erste Tag des Seminares widmete sich der Sammlung von Ideen zu den allgemeinen Funktionen und Vorteilen, die die Zukunftsforschung bietet. Dazu erläuterten mehrere Experten, wie diese zu der Entwicklung eines Landes und einer Gesellschaft beitragen kann. Am zweiten Tag bildeten die Teilnehmer vier verschiedene Arbeitsgruppen, die sich jeweils auf einen Aspekt des sozialen Wandels konzentrierten.

Zukunftsforschung zur Bewältigung sozialer Herausforderungen

In seiner Begrüßungsrede stellte Hatem Ben Salem, der Direktor des ITES, heraus, wie wichtig es für ein Land – und für die Weltgemeinschaft im Allgemeinen – ist, künftige nationale und internationale Herausforderungen und Entwicklungen vorherzusehen. Tunesien befinde sich zurzeit in einer für seine weitere Konstituierung entscheidenden Phase. Vor diesem Hintergrund bereite das ITES die Grundzüge einer Strategie vor, auf deren Grundlage sich das Land für die Entwicklungen der kommenden Jahre rüsten könne. Für Ben Salem trägt das Seminar dazu bei, sich auf künftige soziale Veränderungen vorzubereiten und dieselben vorauszusehen. Die Zukunftsforschung trage wesentlich dazu bei, solche sozialen Transformationen erfolgreich meistern zu können.

An der Eröffnung des Seminars nahm auch Mahmoud Ben Romdhane, der tunesische Minister für Soziales, teil. Wie Ben Salem unterstrich er die Wichtigkeit prospektiver Praktiken und Reflexionen, die in einer sich durch Freiheit und demokratische Teilhabe charakterisierenden Ordnung sogar noch zunehme. Ben Romdhane ging auf eine Reihe von Trends und Entwicklungen ein, denen die Politik und die Gesellschaft in jedem Fall Rechnung tragen müssen, wenn sie nicht an Fortschrittlichkeit einbüßen wollen. In einer seiner in diesem Zusammenhang vorgebrachten Forderungen rief der Minister für Soziales dazu auf, die tunesischen Frauen, die heute etwa 60 % der Hochschulabsolventen repräsentieren, aktiver in den Wirtschaftssektor einzubinden und ihnen den Zugang zum Arbeitsmarkt zu erleichtern.

"Selbst das unmöglich Erscheinende muss Berücksichtigung erfahren."

Die sich an die Rede Ben Romdhanes anschließenden Wortbeiträge wandten sich der Rolle zu, die die Zukunftsforschung in unterschiedlichen Bereichen spielt und spielen kann. Die Planung der Zukunft darf sich nicht nur auf das beschränken, was von einem selbst als realistisch eingeschätzt wird; vielmehr müssen die Überlegungen auch das Unmögliche berücksichtigen. Die Zukunftsforschung ist ein wertvolles Instrument für die Entfaltung der Vorstellungskraft und somit grundlegend für die Entwicklung von Visionen. Politiker versuchen allerdings, die Zukunft einzugrenzen, da sie sie als Bedrohung empfinden. Wichtig wäre es jedoch, jene Mächte zu kennen, die in Zukunft möglicherweise über die bestehenden Verhältnisse bestimmen werden, da diese dann auch die juristischen Normen und andere Rahmenbedingungen festsetzen werden. Die Bedeutung eines strategischen und zukunftsorientierten Vorgehens zeigt sich insbesondere auch auf der wirtschaftlichen Ebene. Für einen Unternehmer ist es unerlässlich, die möglichen künftigen Entwicklungen zu kalkulieren und die Führung seines Unternehmens an die Ergebnisse seiner Berechnungen anzupassen. Beim Aufbau einer wettbewerbsfähigen nationalen Wirtschaft ist es vor allem der Staat, dem die Aufgabe zukommt, die notwendigen Rahmenbedingungen zu schaffen. Durch die Einrichtung eines nationalen Forschungssystems, das nicht nur regionales und lokales Innovationspotential fördert, sondern das es zudem erlaubt, individualisierte Ausbildungswege zu beschreiten, kann der Staat die Grundlagen für eine Wirtschaft legen, die sowohl den aktuellen als auch den künftigen Herausforderungen der Globalisierung Rechnung trägt, indem sie dafür sorgt, dass in Human- und Sachkapital investiert wird.

Die vier Arbeitsgruppen, die am nächsten Seminartag zusammenkamen, beschäftigten sich jeweils mit einem Thema, indem sie sich dieses vor dem Hintergrund des sozialen Wandels im Jahr 2040 vorstellten. Dabei formulierten die Teilnehmer sowohl ihre Wünsche als auch jene Hoffnungen, deren tatsächliche Umsetzung sie als realistisch ansehen.

1. Arbeitsgruppe: „Frauen und sozialer Wandel“

Die Mitglieder dieser Arbeitsgruppe stellten sich vor, in welchen Verhältnissen wohl tunesische Unternehmerinnen im Jahr 2040 arbeiten werden. Tatsächlich glauben sie, dass sich Frauen bis dahin in ganz Afrika und in der gesamten arabischen Welt in Führungspositionen finden lassen – sowohl in der Wirtschaft als auch in der Gesellschaft. Der Erfolg, den Frauen vermutlich in Bereichen wie den neuen Technologien haben werden, könnte allerdings zur Folge haben, dass es in anderen Berufen an Arbeitskräften fehlen wird, so vor allem im Handwerk und in der biologischen Landwirtschaft. Durch eine solche Entwicklung würde dann möglicherweise die Lebensmittelsicherheit gefährdet sein.

2. Arbeitsgruppe: „Gesundheit und sozialer Wandel“

Die Teilnehmer dieser zweiten Arbeitsgruppe hoffen, dass innerhalb der nächsten 25 Jahre in Tunesien eine universelle Gesundheitsversorgung eingerichtet werden kann. Ferner wünschen Sie sich, dass sich bis dahin eine stabile Partnerschaft zwischen dem öffentlichen und dem privaten Gesundheitssektor entwickelt haben wird. Dass sich im gleichen Zeitraum aber auch die Quote der an schweren Krankheiten Erkrankten senken lassen kann, halten sie für unrealistisch. Um jedoch wenigstens die als realisierbar eingeschätzten Ziele zu erreichen, schlägt die Arbeitsgruppe größere Investitionen in den Sport vor. Denn die landesweite Förderung des Sportangebotes, sportlicher Anlagen etc. käme der Gesundheit der Bevölkerung zugute, was wiederum die staatlichen Ausgaben für die Verpflegung von Kranken senken würde.

3. Arbeitsgruppe: „Raumplanung und sozialer Wandel“

Diese Arbeitsgruppe wandte sich der Frage zu, welchen Strukturen und Entwicklungen die Region in Tunesien in 25 Jahren wohl unterliegen wird. Die Teilnehmer sind davon überzeugt, dass insbesondere die Digitalisierung und Dezentralisierung prägend sein werden, so dass vor allem Kommunen eine größere Bandbreite von Kompetenzen übertragen werden würde. Für eine erfolgreiche Regionalentwicklung halten die Teilnehmer der Arbeitsgruppe die Erstellung von lokalen Entwicklungsplänen und -strategien sowie die Überprüfung von deren Umsetzbarkeit für notwendig. Ferner wünschen sie sich mehr Mitbestimmungsrechte für die Bürger, damit diese sich in die Konzeptualisierung der Regionalentwicklung einbringen können.

4. Arbeitsgruppe: „Jugend und sozialer Wandel“

Die Aufgabe der Mitglieder dieser letzten Arbeitsgruppe war es, sich die Situation vorzustellen, in der sich junge Unternehmer im Tunesien des Jahres 2040 befinden werden. Für die Teilnehmer der Arbeitsgruppe wird die Welt in 25 Jahren im hohen Maße von weltweit einheitlichen Abläufen und Strukturen sowie von neuen Technologien geprägt sein. Ein solches Szenario würde die Arbeit junger Unternehmer in vielerlei Hinsicht vereinfachen. Dies gilt nicht nur für leichter vorzunehmende internationale Transaktionen, sondern kann auch bessere Berufsperspektiven und die Etablierung einer unbürokratischen „E-Governance“ bedeuten. Zu befürchten ist jedoch, dass sich im Zuge der Globalisierung ein Wirtschaftssystem entwickeln wird, das noch weitaus stärker als heute von multinationalen Unternehmen dominiert sein wird.

Sich der eigenen Wünsche bewusst werden

Das Seminar vom 3. und 4. März 2016 hat es den Teilnehmern ermöglicht, mögliche soziale Veränderungen der nächsten 25 Jahre zu identifizieren und zu bewerten. Durch die Verbalisierung bestehender Hoffnungen und Vorstellungen konnten sich die Teilnehmer der eigenen Wünsche bzw. Befürchtungen bewusst werden. Dies kann ihnen nun dabei helfen, mit ihren Handlungen und Entscheidungen weitaus zielgerichteter zu versuchen, die gewünschten Ergebnisse zu erreichen bzw. den nicht-gewollten Entwicklungen entgegenzuwirken. Deshalb ist es auch für den tunesischen Staat wichtig, auf Grundlage der Methoden der Zukunftsforschung eine Strategie zu entwickeln, die ihm langfristig eine stabile Position in der sich ständig wandelnden Welt sichert.

Ansprechpartner

Dr. Holger Dix

Dr

Leiter des Regionalprogramms Politischer Dialog Subsahara-Afrika

holger.dix@kas.de +27 214 2900 401