Veranstaltungsberichte

Osnabrücker-Land Gespräche: Wie sicher ist der ländliche Raum?

Veranstaltungsbericht 20.07.2021

Präsenzveranstaltung in Ankum

Bei den Osnabrücker-Land Gesprächen ging es am 20. Juli 2021 um die Frage, wie sich die Kriminalität im ländlichen Raum in den letzten Jahren entwickelt hat und welche Maßnahmen für eine zukunftsfähige Kriminalitätsbekämpfung von Nöten sind. Eröffnet wurde die Präsenzveranstaltung mit anschließender Diskussionsrunde von Manuel Ley, dem Leiter des Hermann-Ehlers-Bildungsforums Weser-Ems in Oldenburg. Den Auftakt der Veranstaltung bildete ein wissenschaftlicher Input-Vortrag von Matthias Lapp, welcher als Dozent an der Deutschen Hochschule der Polizei mit dem Schwerpunkt Kriminalistik tätig ist. Es wurde erklärt, was eigentlich unter objektiver und subjektiver Sicherheit zu verstehen ist, inwiefern diese messbar sei und welche Besonderheiten mit der Kriminalitätsbekämpfung im ländlichen Raum einhergehen. Dabei wurde hervorgehoben, dass Sicherheit per se ein höchst individuelles Konstrukt ist, welches Vergleiche schwierig erscheinen lässt, da unterschiedliche Dimensionen, wie etwa Kriminalität oder auch Naturkatastrophen unter diesem Begriff subsumiert werden. Objektive Daten zur Messung von Sicherheit im Hinblick auf Kriminalität lassen sich einer Vielzahl von Kriminalitätsstatistiken wie z. B. der Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS) entnehmen, wobei diese neuere Formen, wie Cyber-Kriminalität, nicht erfasst. Ein vollständigeres Bild ergibt sich, wenn weitere Statistiken nicht-staatlicher Akteure und Ergebnisse der Dunkelfeldforschung hinzuaddiert werden. Insbesondere bei der PKS wird ähnlich wie bei den aktuell prominenten Inzidenzwerten die Verteilung absoluter Fälle pro 100.000 Einwohner dargestellt, sodass hier vom Häufigkeitsmaß gesprochen wird. Im Verlauf des Vortrags zeigten sich zwei wesentliche wenn auch teilweise pauschalisierende Erkenntnisse: zum einen nimmt die Kriminalitätshäufigkeit mit zunehmender Gemeindegröße zu; zum anderen besteht eine Diskrepanz zwischen objektiv messbarer Sicherheit und subjektiven Sicherheitsgefühlen. Obwohl in kleineren Gemeinden tendenziell eine geringere Kriminalitätshäufigkeit besteht, sind Unsicherheitsgefühle der Bevölkerung größer als in größeren Gemeinden mit höherer Kriminalitätshäufigkeit. Diverse Einflussfaktoren wie Alter, Geschlecht und Bildung wirken sich dabei nachweislich auf das subjektive Sicherheitsgefühl aus. Darüber hinaus wurden wissenschaftliche Ansätze wie der Routine Activity Approach von Robert Clarke zur Erklärung des Zustandekommens von Kriminalität erläutert. Dieser Ansatz ist durch ein hohes Maß an Situativität gekennzeichnet und besagt, dass eine Person dann kriminell bzw. straffällig wird, wenn es zu einer Triangulation aus geeignetem Tatobjekt, Tatgelegenheit und motiviertem Täter kommt, d. h., dass die genannten Faktoren gleichzeitig in einer Situation übereinstimmen – ganz nach dem Motto „Gelegenheit macht Diebe“. Von besonderer Bedeutung ist hierbei jedoch, dass das Vorhandensein oder auch die Abwesenheit von sozialer Kontrolle einen entscheidenden Einfluss auf den Schutz des potenziellen Opfers haben kann. Personelle oder technische Kontrollmöglichkeiten wie bspw. Videoüberwachung oder die Präsenz von Polizeibeamten haben einen antagonistischen Effekt auf Kriminalität und können Unsicherheitsgefühle vermindern.

 

Der Stadt-Land-Vergleich zeigt, dass sich die Kriminalität nach Art des Deliktes deutlich unterscheidet. Sexualdelikte, Sachbeschädigung und Raubüberfälle kommen tendenziell häufiger in den Städten vor, während Brandstiftung, Verletzungen der Unterhaltspflicht und Umweltdelikte eher im ländlichen Raum begangen werden. Mit den räumlichen Gegebenheiten gehen sowohl Chancen als auch Risiken einher: die geringere Anonymität im ländlichen Raum führt zu einer höheren informellen sozialen Kontrolle, schlechte Tatgelegenheitsstrukturen und ein hoher gesellschaftlicher Zusammenhalt können Kriminalität entgegenwirken. Dem gegenüber steht das Problem, dass Straftaten oftmals gar nicht angezeigt und somit nicht erfasst werden, sowie neue Trends wie Cyber- und Clan-Kriminalität, welche bei der Wahl ihrer Opfer nicht zwischen Stadt oder Land unterscheiden. Als Fazit wurde festgehalten, dass Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern insgesamt recht sicher ist und das Kriminalitätshäufigkeiten insbesondere im ländlichen Raum abnehmen. Dieser bietet aufgrund der genannten Chancen eine Vielzahl an Präventionsmaßnahmen, wobei die bestehende Diskrepanz zwischen subjektiver und objektiver Sicherheit für Politik und Gesellschaft eine Herausforderung darstellt. Als größtes Problem wurde die Sicherheitskommunikation deklariert und die Brisanz eines angemessenen Diskurses für mehr Gelassenheit auf gesamtgesellschaftlicher Ebene gefordert.

 

In der anschließenden Diskussion benannte Matthias Lapp insbesondere den schwelenden Rechtextremismus sowie terroristische Bedrohungen als große Herausforderung der aktuellen Zeit und sprach sich für Instrumente wie die Vorratsdatenspeicherung zur besseren Strafverfolgung aus. Auch Christian Calderone konkretisierte das Problem der Nachverfolgung und betonte die Notwendigkeit einer tieferen Form der Beweislastumkehr, insbesondere auch bei der Bekämpfung von Clan-Kriminalität sowie die Einbindung deutscher „honeypots“ zur Ablenkung von TäterInnen und zu Stärkung der IT-Sicherheit in Deutschland. Aus Teilnehmerkreisen wurde darüber hinaus die geringe Personaldichte von Polizeibeamten im ländlichen Raum kritisiert und gefordert, aus Effizienzgründen mehr Streifenwagen zur Verfügung zu stellen und das Personal aufzustocken – nicht aufgrund häufigerer Straftaten aber um die Eigensicherung der Polizeibeamten sicherzustellen.  

Ansprechpartner

Manuel Ley

Manuel Ley

Leiter des Hermann-Ehlers-Bildungsforums Weser-Ems

Manuel.Ley@kas.de +49 (0) 441 2051799-5 +49 (0) 441 2051799-9
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