Europas Strategie in der neuen Weltordnung
Beim Erfurter Europagespräch am 7. Mai 2026 im Haus Dacheröden diskutierten Expertinnen und Experten aus Politik, Wissenschaft und Zivilgesellschaft über die Frage, wie Europa in einer zunehmend von Machtpolitik und geopolitischer Rivalität geprägten Weltordnung handlungsfähig bleiben kann. Im Mittelpunkt standen dabei die sicherheitspolitischen Herausforderungen durch den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine, die Rolle der USA und Chinas sowie die strategische Ausrichtung der Europäischen Union.
Geopolitische Umbrüche und die Rolle Europas
In ihrem einführenden Impuls skizzierte die Thüringer Europaabgeordnete Marion Walsmann (EVP) die aktuelle Lage der internationalen Ordnung. Lange sei man in Europa davon ausgegangen, dass Handel und wirtschaftliche Verflechtung Stabilität schaffen würden; heute zeige sich jedoch, dass Großmächte zunehmend unilateral agierten, wie das Beispiel USA und Russland, und technologische Dominanz klassische Machtinstrumente ergänze. Vor diesem Hintergrund stellte sie die Frage, ob Europa Gestalter oder Zuschauer dieser neuen Weltordnung sein werde.
Walsmann benannte vier zentrale Themenfelder: den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine, die veränderte Sicherheitslage in Europa, die Rolle der USA sowie den Umgang mit China. Russland greife mit seinem Krieg nicht nur territoriale Integrität an, sondern auch die Werteordnung Europas und verursache enormes menschliches Leid. Zugleich sei die anfänglich entschlossene Sanktionspolitik der EU inzwischen behäbiger geworden, während insbesondere die baltischen Staaten und Polen die Bedrohung durch Russland sehr viel schärfer wahrnähmen.
Sicherheitspolitik, USA und China
Mit Blick auf die Sicherheitslage betonte Walsmann, dass Europas Sicherheit nicht mehr selbstverständlich sei und die Verlässlichkeit der USA als Nato-Partner nicht länger als gegeben gelten könne. Polen komme in diesem Kontext eine Schlüsselrolle zu, da es als einziges Land an beide Kriegsparteien grenze und deutlich höhere Verteidigungsausgaben tätige als Deutschland. Europa müsse seine Souveränität stärken, Abhängigkeiten von Rohstoffen abbauen und Lieferketten diversifizieren, unter anderem durch engere wirtschaftliche Beziehungen zu Partnern wie Indien, Japan, Australien oder den Mercosur-Staaten.
Im Umgang mit China verwies Walsmann auf die lange fehlende europäische China-Strategie und die gewachsene Abhängigkeit von kritischen Rohstoffen. Die nun verfolgte „De-Risking“-Strategie solle Risiken reduzieren, ohne wirtschaftliche Beziehungen vollständig zu kappen, setze aber „Mut zu Klarheit und Dauerhaftigkeit“ voraus. Europa müsse seine technologische und wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit sichern, insbesondere im Bereich Digitalisierung und Künstliche Intelligenz, um nicht gegenüber autoritären Akteuren ins Hintertreffen zu geraten.
Podiumsdiskussion: Ukraine, EU‑Erweiterung und transatlantische Sicherheit
Im Anschluss vertieften Marion Walsmann, Krista Marija Läbe (DeutschUkrainische Gesellschaft – Für unsere und eure Freiheit e.V.), Dr. Ryszarda Formuszewicz (Instytut Zachodni, Poznań) und der Moderator Eric Marr zentrale Fragen europäischer Außen- und Sicherheitspolitik. Läbe betonte, dass die Aufmerksamkeit für innenpolitische Dynamiken in den USA nicht davon ablenken dürfe, dass Russland weiterhin die unmittelbarste Bedrohung für die europäische Sicherheitsordnung darstelle. Deutschland stehe im Fokus eines hybriden Krieges, der weit über die militärische Dimension hinausreiche.
Auf die Frage, ob die Europäische Union genug für die Ukraine tue, lautete das Urteil differenziert: Die EU habe enorme finanzielle und militärische Unterstützung geleistet, gleichzeitig seien vorhandene Instrumente nicht konsequent genug genutzt worden. So sei es bislang nicht gelungen, russische Vermögenswerte in ausreichendem Maß für die Unterstützung der Ukraine heranzuziehen; stattdessen seien rund 90 Milliarden Euro aus dem EU-Haushalt und nationalen Mitteln aufgebracht worden. Auch die unzureichende Sanktionierung der sogenannten „Schattenflotte“ Russlands wurde kritisch angesprochen.
EU‑Beitrittsperspektive und Lehren aus der Ukraine
Ein weiterer Schwerpunkt der Diskussion lag auf der europäischen Beitrittsperspektive der Ukraine. Läbe sprach sich für eine Beschleunigung des Erweiterungsprozesses aus und verwies darauf, dass die Ukraine nicht nur um ihre eigene, sondern auch um die europäische Sicherheit kämpfe. Walsmann hob dagegen hervor, dass der EU‑Beitritt ein anspruchsvoller, langfristiger Prozess sei, zumal es Mitgliedstaaten gebe, die schon seit vielen Jahren auf ihre Aufnahme warteten. Gleichwohl seien Assoziierungsabkommen und Hilfspakete wichtige Signale, die Ukraine dauerhaft an die europäische Gemeinschaft zu binden.
Formuszewicz unterstrich die strategische Bedeutung der Ukraine für das europäische Sicherheitssystem, gerade aus polnischer Perspektive. Polen habe sich durch sicherheitspolitische Stabilität wirtschaftlich etabliert; entscheidend sei, dass der Erweiterungsprozess glaubwürdig gestaltet und gut vorbereitet werde, um spätere Blockaden zu verhindern. Auf die Frage, was Europa von der Ukraine lernen könne, verwies Läbe auf drei Punkte: den innovativen Einsatz von Drohnentechnik, die Bedeutung des „Cognitive Warfare“ und die enge Zusammenarbeit von Militär, Gesellschaft und Industrie.
Gesellschaftliche Resilienz und strategische Handlungsfähigkeit Europas
In der Diskussion wurde deutlich, dass sicherheitspolitische Handlungsfähigkeit ohne gesellschaftliche Resilienz nicht zu haben ist. Formuszewicz beschrieb, dass die polnische Gesellschaft sicherheitspolitische Fragen sehr bewusst wahrnehme und den Wert der EU-Mitgliedschaft klar benenne. Die Ukraine sei aus polnischer Sicht ein integraler Bestandteil der europäischen Sicherheitsarchitektur.
Mit Blick auf die institutionellen Voraussetzungen in der EU machte Walsmann deutlich, dass Außen- und Sicherheitspolitik nach wie vor stark in der Verantwortung der Mitgliedstaaten und des Europäischen Rates liege. Entscheidungsprozesse seien häufig von nationalen Einwänden und unterschiedlichen Prioritäten geprägt, was die Handlungsfähigkeit in Krisensituationen einschränke. Vor diesem Hintergrund wurde auch über Modelle eines „Europas der unterschiedlichen Geschwindigkeiten“ diskutiert, bei denen besonders integrationsbereite Staaten in sicherheitsrelevanten Fragen vorangehen, während andere Staate sich zurückhalten und eine defensivere Strategie wählen.
Technologie, Nachkriegsordnung und strategische Partnerschaften
In der Fragerunde aus dem Publikum rückten neben sicherheitspolitischen Themen auch technologische und langfristige strategische Fragen in den Fokus. Auf die Rolle Europas im Bereich Digitalisierung und Künstliche Intelligenz verwies Läbe unter anderem auf Anwendungen im militärischen Kontext und die Notwendigkeit, verschiedene Politikfelder stärker zusammenzudenken. Walsmann betonte, dass die EU zwar bereits erhebliche Investitionen in digitale Infrastruktur und Projekte wie Gaia‑X auf den Weg gebracht habe, diese Initiativen aber Zeit bräuchten, um sichtbare Wirkung zu entfalten.
Auch die Planung für die Zeit nach dem Krieg in der Ukraine wurde thematisiert. Walsmann verwies auf laufende Überlegungen und Konzepte zum Wiederaufbau, während Läbe betonte, dass in Teilen der Ukraine dieser Prozess bereits begonnen habe. Zudem wurde die Kooperation mit China angesprochen: Walsmann machte deutlich, dass China weiterhin massiv subventioniere und Europa deshalb seine „Derisking“-Strategie konsequent verfolgen müsse. Die Stärkung des Weimarer Dreiecks zwischen Deutschland, Frankreich und Polen sowie die langfristige Vision einer europäischen Verteidigungsunion wurden als strategische Bausteine für eine eigenständigere europäische Rolle in der Welt genannt.
Fazit: Europa zwischen Anspruch und Verantwortung
Das Erfurter Europagespräch zeigte, dass Europa in einer „tripolaren“ Weltordnung zwischen USA, China und Russland vor grundlegenden strategischen Weichenstellungen steht. Einigkeit bestand darüber, dass die Ukraine-Frage, die transatlantische Zusammenarbeit und der Umgang mit autoritären Akteuren untrennbar miteinander verbunden sind. Europa muss seine sicherheitspolitische Handlungsfähigkeit stärken, wirtschaftliche und technologische Wettbewerbsfähigkeit ausbauen und gleichzeitig gesellschaftliche Unterstützung für diese Kursbestimmung sichern.
Gleichzeitig wurde deutlich, dass viele Weichen bereits gestellt sind: von der militärischen und finanziellen Unterstützung der Ukraine über Investitionen in Digitalisierung bis hin zu neuen Partnerschaften in Asien und dem indopazifischen Raum. Die Diskussion machte Mut, dass Europa bei aller Komplexität und mancher institutionellen Trägheit, die Rolle eines gestaltenden Akteurs in der neuen Weltordnung einnehmen kann, wenn politischer Wille, strategische Klarheit und gesellschaftliche Resilienz zusammenkommen.