Notas de acontecimientos

"Die zwei Leben des Jack Terry" 70 Jahre Frieden - Erinnerung heute

"Don't be silent"

Jack Terry überlebte den Holocaust als einziger seiner Familie. Er hat es sich zur Aufgabe gemacht, an das Leben im Ghetto Belzyce und an die Deportationen in die Lager Budzyn und Flossenbürg zu erinnern.

Am vergangenen Donnerstag, 22.10., fand im Landesbüro NRW ein Zeitzeugengespräch mit dem Holocaust-Überlebenden Jack Terry statt. Unter dem Titel „ ‚Die zwei Leben des Jack Terry‘ – 70 Jahre Frieden – Erinnerung heute“ war Jack Terry eingeladen, einer Gruppe von Stipendiatinnen und Stipendiaten der KAS aus seinem Leben und von seinen Erfahrungen zu berichten.

Als Jack Terry zu reden beginnt, ist es mucksmäuschenstill im kleinen Veranstaltungsraum. Jeder weiß, dass es sich um einen besonderen Vortrag handelt. Und alle sind gespannt, was der Mann, dem man seine 85 Jahre nicht ansieht, erzählen wird. Jack Terry schaut offen und fröhlich in die Runde – auch er ist gespannt, was der Abend bringen wird.

„Today, I want to start with a poem“, lauten die ersten Worte Jack Terrys. Er trägt das Gedicht „More Light, more Light“ von Anthony Hecht, einem amerikanischen Infanterie-Soldaten, vor. Dieses Gedicht „tells the different cruelties“, die im Zweiten Weltkrieg begangen wurden. Und über diese verschiedenen Grausamkeiten wird Jack Terry die nächsten anderthalb Stunden mit den Anwesenden reden.

Zunächst erzählt Terry, dass er aus einer kleinen Stadt in Polen kommt und mit Kriegsbeginn 1939 erst neun Jahre alt war. Als sechs Jahre später der Krieg endete, war er der einzige Überlebende aus seiner Familie. Sein Vater starb in dem Konzentrationslager Majdanek. Seinen Bruder fand er nach der Räumung seines Heimatortes erschossen auf offener Straße. Ohne seiner Mutter davon zu erzählen, hat er mit seinen beiden Schwestern den Bruder begraben. Später dann musste Jack Terry mit ansehen, wie seine Schwester und seine Mutter vor seinen Augen erschossen wurden. Auch seine zweite Schwester sah er nach einer Verschleppung nicht mehr lebend wieder.

Jack Terry verbrachte die Zeit bis zum Ende des Krieges inhaftiert im Konzentrationslager Flossenbürg. Und dann irgendwann kam der 23. April 1945, der Tag seiner Befreiung. Und zugleich „the sadest day in my life“, wie Jack Terry bewegt erzählt. „I was fifteen, I was alone, I had no one – think of it.“ Ab und an muss Terry innehalten, Luft holen, Tränen trocknen. Er ist wieder fünfzehn, wenn er von seinen Erfahrungen erzählt.

Nach dem Krieg landete Jack Terry in den USA und fühlt sich heute „100 percent american“. Im Alter von 29 Jahren begann er ein Medizinstudium, um später als Psychologe zu arbeiten. Denn: Er wollte verstehen, was den Mensch zum Menschen macht. Eine Antwort auf diese Frage habe er allerdings nicht so sehr in der Medizin gefunden, sondern vielmehr in der Literatur. Er sagt: „I left Flossenbürg as fast as I could – but Flossenbürg never left me.“ Die Erfahrungen hätten natürlich sein Leben beeinflusst. Dennoch habe er nie Alpträume gehabt. Außerdem sei er dankbar, dass er durch seine Erlebnisse heute in vielen Dingen auf der Welt eine Schönheit sehe, die er sonst nicht sehen würde. Zum Beispiel sei er dankbar, dass er so lange unter einer Dusche stehen könne, wie er wolle. „I enjoy every minute.“

Im Anschluss an seine Erzählung haben alle Anwesenden die Gelegenheit, Fragen zu stellen, die Jack Terry bereitwillig beantwortet. Ob er jemals die Hoffnung verloren habe? Das wisse er nicht. Er wisse nicht, ob er überhaupt je Hoffnung gehabt hätte. Was sein Ziel gewesen sei, als er mit 15 Jahren frei war? „I wanted to be wanted by someone.“ Ob er dem deutschen Volk vertrauen würde? Er vertraue Deutschen wie Amerikanern, aber die Kategosierungen und Pauschalisierungen möge er nicht. Ob er noch an Gott glaube? „No, I left God in Flossenbürg. I have never forgiven God.“

Mit Blick auf die Entwicklungen in dieser Welt heute, auf Syrien und all die anderen Kriege, ist er sich sicher, dass die Menschen nicht genug gelernt haben aus der Geschichte. Deswegen gibt er allen Zuhören etwas sehr Wichtiges mit auf den Weg. Er macht deutlich: „Ihr seid nicht verantwortlich für die Vergangenheit. Aber ihr seid verantwortlich für die Zukunft.“ Er wünscht sich, dass die junge Generation, seine Zuhörer, Botschafter sein werden. Für seine Geschichte und all die Geschichten, die der seinen ähnlich sind. „Make sure it won’t be only a footnote in history.“

Als Jack Terry am Ende seines Vortrags angelangt ist, ist es noch stiller, als zu Beginn. Tief bewegt und tief beeindruckt verarbeiten die Zuhörer die Worte des vitalen Mannes, der ihnen für anderthalb Stunden Einblick in sein Leben gewährt hat. Sein letzter Rat: „Don’t be silent“ – Diesen Rat zu befolgen, wird in den nächsten Wochen, Monaten und vielleicht auch Jahren die Aufgabe von uns allen sein.

Johanna Gremme

Stipendiatin der Journalistischen Nachwuchsförderung der Konrad-Adenauer-Stiftung e.V.

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