Présentations & compte-rendus

Deutsch-französische Aussöhnung: Spurensuche mit Hindernissen

KAS Stuttgart: Mit dem Motorrad unterwegs nach Brüssel, Verdun und Straßburg

Entweder Regen auf der Brille oder ein beschlagenes Visier – auf dem Weg nach Douaumont fällt die Wahl schwer. Ausgerechnet jetzt! Der Asphalt ist rau, hat Längsriefen, und während die Regentropfen auf dem Sichtschutz funkeln, lässt sich kaum erkennen, ob der Asphalt der Straßenmitte nur sehr grob ist oder ob darauf Rollsplitt liegt. Nieselregen, manchmal auch kräftigere Güsse begleiten uns zu einem der tristesten Symbole der wechselvollen deutsch-französischen Geschichte: den Schlachtfeldern von Verdun.

Zum dritten Mal unter dem Motto „Politik auf zwei Rädern“ sind wir per Motorrad auf Spurensuche zu nunmehr 50 Jahren deutsch-französischer Aussöhnung. Mit seinen Reden in Godesberg und Ludwigsburg markierte der damalige französische Präsident Charles de Gaulle im Bund mit Konrad Adenauer den Neubeginn der deutsch-französischen Beziehungen, die bis dato von Kriegen, Hass und Misstrauen geprägt waren. 50 Jahre deutsch-französische Aussöhnung: Sie steht auch im Kontext vom deutsch-französischen Krieg 1870/71, von zwei Weltkriegen, von unzähligen Toten und von unermesslichem Leid. Die Aussöhnung schuf dagegen nicht zuletzt den Raum für die Europäische Einigung, deren Tragweite viel größer ist, als der Schatten der Schulden- und Finanzkrise heute leicht vermuten lässt.

Landschaften wie raue See

Ein Bunker ist in Sicht. Ein Parkplatz davor. Absteigen, Gelände erkunden. Unsere Motorradstiefel finden nicht immer Halt auf den kleinen, manchmal steilen Trampelpfaden, die über die Bunkeranlagen des Fort de Vaux führen. Einst versenkbare, nun festgerostete Gefechtstürme starren über bizarr aufgeworfene, waldgesäumte Wiesen. Wir staunen über eine Landschaft, die an eine grün erstarrte, aufgewühlte See erinnert. Nur der Grassoden trennt uns von den Granateinschlägen, die vor fast 100 Jahren in der Schlacht von Verdun das Gelände zerwühlten, Leiber zerfetzten und ganze Dörfer von der Landkarte tilgten. Das Museum der Schlacht von Verdun steht in der einstigen Gemarkung von Fleury. Den Ort, an dem einst die Industrialisierung des Krieges begann, hat heute die Natur erobert – Menschen, so scheint es, wagen sich bis heute nur zum Erinnern hierher. Zwar haben wir die Motorräder fotogen vor dem Bunker, über dem einsam die französische Fahne weht, aufgereiht. Doch angesichts der bis heute präsenten, trutzigen Gewalt unterhalten wir uns mit gedämpften Stimmen, fühlen uns ein in die Menschen, die vor oder hinter den Wällen aus Stahl und Beton ihre Leben einem Nationalismus opferten, der letztlich nur eines war: ein kollektiver Wahn.

Ausgangspunkt Rhöndorf

In einer Sternfahrt aus Niedersachsen, Thüringen, Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen sind – nach zwei kurzfristigen Absagen - elf Teilnehmer zunächst im Adam-Stegerwald-Haus in Königswinter zusammengekommen. Vorstellungsrunde. Wir sind eine bunte Truppe. Der berufliche Hintergrund reicht von Schule bis Wissenschaft, von Finanzen und Wirtschaft über die Journaille bis zum Militär. Ein interessantes Detail: Alle Teilnehmer haben bei der Bundeswehr gedient, einige waren Berufssoldaten. Bis zum Kapitän zur See und Oberstleutnant ist alles dabei. Briefing zum Programm und zum Motorradfahren in Gruppen. Dann führt uns Dr. Hans Peter Mensing, Herausgeber der Rhöndorfer Ausgabe der Adenauer-Korrespondenz, in das Verhältnis zwischen Adenauer und de Gaulle sowie den historischen Kontext ein. Mit dabei ist Martin Schumacher, Kulturdezernent der Stadt Bonn, den seit Jahrzehnten auch die Laufkultur eines Boxermotors fasziniert. Am Ende stand der Terminkalender im Weg. Es reicht nur für eine Stippvisite am Wochenende. Während Dr. Mensing und die Teilnehmer diskutieren: erstes Troubleshooting. Ausgerechnet meine Maschine hat plötzlich auf dem Weg von Stuttgart massive Aussetzer. Mein Kollege Jürgen Tharann, der uns mit dem Begleitfahrzeug folgen soll, hilft mir mit seiner (viel schöneren) metallicblauen „Zwillingskuh“ aus. Solidarität unter Motorradfahrern. Als Belohnung gibt es abends EM und – immerhin spielt Portugal – Iberisches von Frau García.

So starten wir am Sonntag planmäßig gen Westen. Nach wenigen Kilometern erfolgt der erste, planmäßige Halt. Am Anfang stehen, das sind wir uns als Adenauer-Stiftung schuldig, die Wurzeln! Wir besuchen, erneut in sachkundiger und charmanter Begleitung von Dr. Mensing, das Adenauersche Anwesen in Rhöndorf. Im Garten steht aus Bronze das Motto der Tour: Adenauer und De Gaulle, Schulter an Schulter.

Kein Schutzwall

Helm auf, Kutte zu, Motoren an. Es geht weiter. Noch bis Freitag war das Wetter meist trübe, ein eher flauer Juni-Auftakt. Heute lacht die Sonne. Es ist nicht zu warm, so dass die protektorengespickte Kluft nicht zur Last wird. Wir passieren auf dem Weg die Brückenköpfe von Remagen. Deren triste Patina weist auf unsere nächste Etappe: Das Westwall-Museum von Dahlem. Der Weg dorthin führt zunächst durch das Ahrtal. Sonntagskolonnen zwängen sich durch Landstraßen und Dörfer. Darunter auch zwei Sportwagenfahrer, deren Fahrweise auf ein krasses Missverhältnis zwischen Hubraum und IQ hindeutet. Auf den Nebenstraßen angelangt, wird das Fahren endlich zur Freude. Wir schwingen uns ein in die sanfte Hügellandschaft, genießen am Wegesrand pappelgesäumte Bäche. Die Navigation spielt die ersten Streiche, versucht, uns auf Abwege zu leiten, doch wir erreichen überpünktlich das Flugfeld in Dahlem, wo uns Volker Drespa, Leiter des Westwall-Zentrums, abholt. Ein Kabelschacht, eine Geschützstation mit Zisterne, drei Bunker. In Begleitung Drespas erfahren wir neben vielen Details über Funktionsweise und Organisation des Westwalls vor allem eines von Volker Drespa: „Die Anlage diente nicht dem Schutz, sondern der Vorbereitung eines Überfalls!“

Am Abend kommen wir erschöpft in Brüssel an. Beim Tankstopp unterwegs entdeckten wir Ölspuren am Hinterrad eines Motorrades. Hat die Werkstatt die Ölablassschraube am Kardan nur nicht richtig festgezogen? Simmerring im Eimer? Wir befreien erst einmal Bremsscheibe, Felge und Reifen vom Öl. Vorsichtig weiterfahren, die Hinterachse behalten wir im Auge…

Zu Besuch bei der NATO

Im Motorrad-Pulk durch Brüssel? Dann doch lieber Bus und Straßenbahn. Frau Heithoelter aus dem KAS-Büro in Brüssel begleitet uns. Zunächst besuchen wir die NATO. Wir sprechen mit Dr. Olaf Theiler und Dr. Philipp Wendel über die strategischen Perspektiven des Bündnisses und die Einbindung Frankreichs in die Strukturen der Organisation. Themen sind überdies die aktuellen Brennpunkte, in denen die NATO aktiv ist: darunter Afghanistan, der Kosovo und Atalanta, die Anti-Piraten-Mission vor Somalia. Die NATO, das wird auch in unseren Gesprächen in Brüssel klar, wäre ohne die wechselvolle europäische Geschichte nicht denkbar. Zwar ist das deutsch-französische Verhältnis nur ein Mosaikstein – aber eben ein unverzichtbarer…

Wir stärken uns an der Place de Luxembourg, bevor es ins Europäische Parlament weitergeht. „Unser“ Stuttgarter Europaabgeordneter Rainer Wieland unterstützt wie immer zuverlässig „seine“ KAS in Stuttgart. Nur tagt er gerade in Straßburg, so dass uns sein Mitarbeiter Robert Wegmann empfängt. Was leistet ein Abgeordnetenbüro in Brüssel, wie sind die Aufgaben der Mitarbeiter. Europäische Integration als Bollwerk gegen einen Rückfall in die konfliktträchtige Nationalstaaterei. Am Abend führt uns der Leiter des Brüsseler Europa-Büros der KAS, Dr. Stephan Gehrold, in den aktuellen Stand der Diskussion rund um die Finanzkrise ein. Wir fragen auch nach dem Image der deutschen Kanzlerin bei den Nachbarstaaten: „Wenn sie für eine Position kämpft bekommt sie Kritik. Wenn sie nichts täte, bekäme sie auch Kritik“, bleibt Gehrold gelassen. Beim gemeinsamen Abendessen diskutieren wir weiter über Europa. Kulinarisch sprengen wir aber die Grenzen des Kontinents: Auf der Speisekarte locken kambodschanische Gerichte. Europa ist keine Insel.

Eine Fahrt mit Hindernissen

Es ist eine Fahrt mit Hindernissen: erst Zündungsprobleme bei der Anreise. Gerade hat uns Ingo Splettstößer, Teilnehmer, „Routenprogrammierer“ und Tourguide einer der beiden Gruppen, vor der Kulisse des Löwenhügels in die Schlacht von Waterloo eingeführt (Erneut Deutschland gegen Frankreich: Auch preußische Truppen trugen zur Niederlage des französischen Generals bei). Jetzt zeigt eine schlammige Pfütze auf einer „Abkürzung“ ihre Tücken. Ein matschiger Umfaller bleibt zum Glück folgenlos für Fahrer und Maschine. Der Begleitwagen kommt auch nicht mehr mit. Unter dem Helm erreicht mich die Info: Der Motor ist ausgefallen. Offenbar ein Problem der Bordelektronik.

Abends in Verdun: Ein frisches Helles. Abendessen, Fußball. Troubleshooting, Teil 2: Mein Motorrad (es fuhr im Begleitwagen mit, dessen Bordcomputer zurückgesetzt wurde) steht inzwischen in Metz in der Werkstatt. Finden die Experten den Fehler?

Mittwoch: Die Fahrt zum Fort de Vaux bei Verdun beginnt ebenfalls mit einem technischen Hindernis. Die Ölkontrollleuchte bei einer Maschine leuchtet auf. Öl haben wir (natürlich) dabei. Doch der Öldeckel sitzt zu fest. Zum Glück stehen gerade ein paar Straßenarbeiter gegenüber am Straßenrand. Was heißt „Rohrzange“ auf Französisch? „Pince?“ fragt der Franzose lächelnd auf mein Handzeichen. Längst habe ich mir vorgenommen, mein verstaubtes Schulfranzösisch (Wahlfach) wieder aufzufrischen. „Pince“, das liegt nah an „pinza“ (spanisch für Wäscheklammer). Das könnte passen. Es passt! Zange dran, Deckel ab, Öl rein, ein Händedruck für die freundlichen Helfer. Weiter geht’s.

Gekappte Lebensfäden

Die Fluchten der weißen Kreuze scheinen endlos. Wir stehen an der Gedenktafel des Ortes, an dem sich 1984 François Mitterrand und Helmut Kohl über den Gefallenen von Verdun die Hände reichten. „Historische“ Geste oder übertriebener Pathos. Hierzulande schieden sich manchmal die Geister. Doch nach dem Besuch des Museums in Fleury und nachdem uns die filmische Dokumentation im Beinhaus von Douaumont unter die Haut gegangen ist, denken wir an die Angst der Soldaten in den Schützengräben, an Schmutz, Leid und die Sinnlosigkeit, mit der Lebensfäden gekappt wurden. Durch Fenster sehen wir in die Keller des Beinhauses, in denen sich die Knochen jener befinden, die nicht in den Gräbern beigesetzt wurden. Dies ist kein didaktisches Spektakel. Wer das Unbegreifliche von Verdun zu erfassen versucht, erfährt die tiefe Bedeutung Europas, jenseits aller Finanzkrisen.

Geschichtslektion 30 Meter unter der Erde

Donnerstag, 15 Uhr, bei 12 Grad schwitzen wir in der feuchten Luft unter unseren Motorradjacken. Wir befinden uns 30 Meter unter der Erde. „Der Tunnel macht hier einen Knick, mit dem Maschinengewehr kann man sich von hier verteidigen, wenn die Deutschen es schaffen, in die Festung einzudringen!“, erklärt uns Herr Muller. Wie desaströs für Frankreich die Erfahrungen des ersten Weltkrieges waren, erfahren wir am Donnerstag auf dem Weg nach Straßburg. Wie schon bei der ersten Motorradtour der KAS vor zwei Jahren haben wir an der Maginot-Linie einen Halt gemacht. Statt der Kasematte Esch ist es diesmal das Fort Schoenenbourg. „Hier sind die Sprengkammern, um zur Not den Tunnel zu sperren“, erklärt Herr Muller weiter. Seine Führung durch kilometerlange Tunnel, Generatorenräume, Anti-Giftgas-Filter, Not-OP-Räume und Munitionskammern gipfelt in der Besichtigung eines versenkbaren Geschützturms. Mit einer Handkurbel setzt er Gewicht und Gegengewicht der über 90 Tonnen schweren Konstruktion in Bewegung. Bereits nach fünf Minuten denke ich nur daran, wann ich wieder an die frische Luft darf. Französische Soldaten haben hier Monate ausgeharrt, um uns Deutschen zu trotzen. Hitler nahm dann den „leichteren“ Weg und umging über Belgien die Linie, der im Gegensatz zum Westwall eindeutig auf Verteidigung ausgelegt war.

Kommunale Gemeinschaft im Eurodistrict

Mit zivilem, deutsch-französischem Charme erläutert uns am Abend Frau Martine Schneider den Eurodistrict, einen kommunalen Verbund zwischen der südbadischen Ortenau-Region und dem Gebiet um Straßburg. Zuvor war auf dem Weg nach Ottrott, unserer letzten Etappe, mein rechter Koffer abgebrochen – mit nunmehr gewohnt routinierter Hilfe durch das Team (Die Werkstatt in Metz hatte übrigens keine gute Arbeit geleistet, die Zündaussetzer gingen weiter). Grenzüberschreitende, duale Ausbildung, Rechtsfragen und Verwaltungskulturen stehen im Mittelpunkt des Vortrags über den Eurodistrict. Martine Schneider hat sich durch den Straßburger Feierabendverkehr gequält, um uns die kommunale Wirklichkeit beiderseits des Rheins näher zu bringen. Aus unserem Tischgespräch entlassen wir sie spät und nur ungern. Sie entringt uns ein Versprechen: „Sie müssen unbedingt wiederkommen!“

Weltpolitik statt Kommunalem erwartet uns am Freitag: Der Wächter am Schlagbaum zum Eurocorps trägt spanisches Rot-Gold-Rot an der Schulter (endlich ein sprachliches Heimspiel!). Wir erfahren von Oberst Joachim Schreckinger, Kommandeur der Multinational Command Support Brigade, Hintergründe über die Struktur und Aufgaben des Eurocorps, das 1992 auf Initiative von François Mitterrand und Helmut Kohl entstanden war. Mindestens ebenso spannend ist der Lagebericht aus Afghanistan von Major Swen Heinrichs, wo das Eurocorps ebenfalls eingesetzt ist. Wir genießen den Ausklang des Treffens bei Gesprächen und einem Imbiss, zu dem uns die Einheit eingeladen hat. In meine Erinnerung drängt der militärische Pickelhauben-Pomp aus Bildern der deutschen Kaiserzeit. Militär ist es immer noch – doch welch ein Wandel hat sich seit dem Ende der deutschen Diktaturen vollzogen…

Im Mittelpunkt: Die Menschenrechte

Programmatischer Abschluss unseres Seminars ist ein Besuch beim Europarat, der wesentlich mehr Länder umfasst, als die EU. „Die Durchsetzung und Wahrung der Menschenrechte ist das oberste Ziel“, erklärt uns unsere Führerin. Auch der Europäische Menschenrechtsgerichtshof zähle zur Organisation des Europarates. Nicht alle Errungenschaften Europas sind direktes Ergebnis der deutsch-französischen Aussöhnung. Aber es ist kein Zufall, dass in Straßburg inmitten der einstigen „Kampfzone“ liegt.

Der Abend vor der Heimfahrt; bis ich zuhause bin, werde ich 1748 Kilometer gefahren sein, manche Teilnehmer aus dem Norden deutlich mehr. Wer kommt noch mit zum Sommerfest unseres Sponsors Touratech (bei dem uns Frau Birkel am Samstag überaus freundlich empfangen wird)? Wer fährt wie und mit welchen Etappen nach Hause? Und: Gibt es nächstes Jahr wieder eine Tour? Nun, wenn möglich schon. Arbeitstitel: Die christlich-jüdischen Wurzeln des modernen Europa (voraussichtlich vom 7.-13. Juni 2013)…

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