Présentations & compte-rendus

Oettinger: „Alles was digitalisiert werden kann, wird digitalisiert!“

Jahresauftakt der KAS Baden-Württemberg zu Wirtschaft 4.0

Eine bessere Start-up-Kultur, bessere Chancen für Eigeninitiative, weniger Bequemlichkeit im Bildungssektor, Ausbau der digitalen Infrastruktur. Ein politischer Weckruf war der Jahresauftakt des Landesbüros Baden-Württemberg der Konrad-Adenauer-Stiftung, der am 30. Januar über 500 Gäste in den Stuttgarter Hospitalhof zum Thema „Wirtschaft 4.0“ gelockt hatte.

Auf dem Podium: Ministerpräsident a.D. Günther Oettinger, EU-Kommissar für Digitale Wirtschaft und Gesellschaft, der Bundestagsabgeordnete und CDU-Landesvorsitzende Thomas Strobl, Dr. Roman Glaser, Präsident des baden-württembergischen Genossenschaftsverbandes sowie Dr. Stefan Kaufmann MdB, Wissenschaftspolitischer Sprecher der CDU/CSU-Fraktion. Moderiert wurde die Diskussion von Daniel Wensauer-Sieber, u.a. Unternehmensberater und Altstipendiat der Konrad-Adenauer-Stiftung. Den musikalischen Rahmen gaben die beiden Jazz-Studenten an der Musikhochschule Stuttgart Christoph Obleser (Bass) und Daniel Roncari (Saxophon). Unter den Teilnehmerinnen und Teilnehmern befanden sich ausgesprochen viele Gäste aus Ministerien, Wirtschaft, Wissenschaft, Ehrenamt, dazu Vertreter der Kirchen und der Gewerkschaften. Mit dabei: Stuttgarts ehemaliger OB Dr. Wolfgang Schuster sowie Regionalpräsident Thomas Bopp.

Kaufmann: „Diese Revolution ist unvergleichlich schnell!“

Dr. Stefan Kaufmann legte gleich in seinem Grußwort den Finger in offene Wunden, denn das Thema „Wirtschaft 4.0“, das die immer intensivere Verschränkung von Mensch und Elektronik, die Kommunikation zwischen Maschinen, die Entwicklung selbstlernender Systeme und hochindividualisierten Produkten umschreibe, sei lange Zeit unterschätzt worden. In der Start-up-Kultur und der Bereitschaft zu individuellem Wagnis und dessen Finanzierung seien uns Israel und die USA überlegen. Immerhin habe die unionsgeführte Bundesregierung den Etat für Bildung und Forschung verdoppelt. Im Vergleich zu den vorangegangenen Umwälzungen in der Geschichte der Produktion sei die digitale Revolution unvergleichlich schnell. „Es entscheidet sich innerhalb eines Jahrzehnts, wer dieses Rennen gewinnt!“, prognostizierte Kaufmann, der für ein „Neckar-Valley als ein besseres Silicon-Valley“ warb. In der anschließenden Diskussion hinterfragte der Bildungspolitiker die Funktionalität der heutigen Kompetenzaufteilung zwischen Bund und Ländern. „Das Kooperationsverbot zwischen Bund und Ländern in der Bildungspolitik kann auch eine Hürde für den Fortschritt sein.

Oettinger: „Wir reden von Datenschutz – die von Datennutzung!“

EU-Kommissar Günther Oettinger zog die Gäste pointierend in seinen Bann: „Smartphone: erfunden in California, produziert in Billiglohnländern. Wertschöpfung in Baden-Württemberg: null!“ Die Bildungslandschaft in Baden-Württemberg gebe in ihrer Qualität keinen Anlass, sich zurückzulehnen. Die Uni Stuttgart oder das KIT seien gut, aber eben nicht sehr gut. Im Ranking der besten Unis, befinde sich kein einziger Europäer unter den ersten 30. Es sei illusorisch, zu hoffen, man könne dem Trend der Digitalisierung entkommen. Oettinger: „Alles was digitalisiert werden kann, wird digitalisiert!“ Während sich Europa mit der Sorge um Datenschutz selbst blockiere, gehe es in den USA längst um Datennutzung. Mehr Kreativität sei vonnöten, sowie bessere Vernetzung. In der Kommunikation Maschine-Maschine müsse Europa in vorderster Linie dabei sein, eine weltweit geltende digitale „Sprache“ für diese Kommunikation zu entwickeln. Nu so bestehe die Chance, auch Standards in Technik und Ethik zu halten. Das Themenspektrum Oettingers war weit, die auch für Baden-Württemberg diagnostizierte Mängelliste lang: lückenhafte Mobilfunkabdeckung als Hemmschuh für „connected cars“ und pilotiertes Fahren; die Diskussion um die Aussetzung von „Schengen“ als Risikofaktor für die Produktion in Baden-Württemberg; die Vergabe von Funkfrequenzen auf nationaler Ebene, die mehr als Chance für den Staatshaushalt als für die technologische Entwicklung gesehen werde; die Vorbehalte gegenüber der „shared economy“ mit dem Beispiel Uber.

Die Fragmentierung Europas bedeute ein Hemmnis für Start-ups, gerade gegenüber den US-Software-Giganten. „Die digitale Ökonomie neigt eben zur Monopolisierung!“ Verbraucher erwarteten für die (pilotierten) Autos der Zukunft die vertraute Anmutung der Smartphones, der Bau der konkreten Autos sei – wie jetzt bei den Mobiltelefonen – für die Wertschöpfung nachrangig. Oettinger: „Das bedeutet: Lebensgefahr für die deutsche Autoindustrie!“ Das Fazit des EU-Kommissars: „Wer die Daten hat, hat die Macht“

Glaser: „Unternehmergeist schon in den Schulen stärken!“

Roman Glaser, Präsident des baden-württembergischen Genossenschaftsverbandes, warb dafür, das Thema „Wirtschaft 4.0“ als DIE Herausforderung der Zukunft in Baden-Württemberg beherzt anzugehen. „Angst oder Bedenken helfen uns nicht weiter.“ Glaser sah Baden-Württemberg bereits auf dem richtigen Weg: Das Land sei hochinnovativ, die Zahl der Patente pro 100.000 Einwohner liege um das fünffache über dem Europäischen Durchschnitt. Glaser zuversichtlich: „In der Heimat der Weltmarktführer sind bei uns die wesentlichen Akteure der Industrie 4.0 angesiedelt.“ Dennoch sah Glaser Handlungsbedarf. Die Arbeitsplätze der Zukunft unterschieden sich von den heutigen. Das Bildungssystem müsse neben beruflicher Qualifikation verstärkt interkulturelle Kompetenz und praktische Lebenstüchtigkeit vermitteln. Defizite verzeichnete er in der materiellen Ausstattung und der Förderung des Unternehmergeistes an Schulen. Das Land brauche eine ent-ideologisierte Bildungspolitik. Im Mittelpunkt auch der Bildung müsse die Eigeninitiative als einer der Pfeiler der Idee der Sozialen Marktwirtschaft stehen.

Die derzeitige Schwäche der digitalen Infrastruktur Baden-Württembergs gefährde zwar kaum den Bestand der Unternehmensansiedlungen, für die Wahl zukünftiger Standorte, seien nach einer Umfrage von Südwestmetall aber ein Drittel der Unternehmen mit den digitalen Standortfaktoren unzufrieden. Glaser“ Hier besteht Aufholbedarf!“

Um auf den Weltmärkten der Zukunft präsent zu sein, mahnte Glaser eine verstärkte Kooperation zwischen den Unternehmen Baden-Württembergs an. „In einer zunehmend komplexen Welt werden bahnbrechende Innovationen oftmals erst durch die Einbindung einer Vielzahl von Unternehmen ermöglicht.“

Strobl: „Gerade kleinere Betriebe dürfen Digitalisierung nicht unterschätzen!“

Thomas Strobl, Landesvorsitzender der Südwest-CDU und Vorsitzender der parteiinternen Kommission „Zukunft der Arbeit – Arbeit der Zukunft“ illustrierte die Zukunft der „Wirtschaft 4.0“ am Beispiel des pilotierten Fahrens im Auto. „Ich kann Ihnen sagen: Es funktioniert!“, berichtete er von einem Besuch auf einem Testgelände in Baden-Württemberg. Schon die kommende Auto-Generation erhalte als Option einen „Stau-Assistenten“, der bei Stop-and-go die Aufmerksamkeit der Fahrer befreie. Die Frage aber sei: „Wo werden die Autos der Zukunft produziert?“ Die Automobilindustrie sei längst sensibilisiert, doch je kleiner die Betriebe, desto weniger Relevant erscheine die Herausforderung durch die Digitalisierung. So warnte Strobl drastisch davor, Entwicklungen zu verpassen: „Software frisst alles!“

Das Land brauche schnellstens die flächendeckende Verfügbarkeit schnellen Internets sowie den Abschied von starren Arbeitsmarktregeln. 40 bis 50 Prozent der Arbeitsplätze, so die Erwartung Strobls, werde sich im Zuge der digitalen Umwälzung verändern. Die Chance bestehe, dass viele Arbeitsplätze mehr Flexibilität und weniger körperliche Last brächten. Zugleich warnte Strobl: „Wir dürfen keine Vergötterung der Technologie betreiben.“ Wirtschaft habe eine dienende Funktion, verwies Strobl in Ergänzung zu Glaser auf die Soziale Marktwirtschaft.

Fehler wie die „Verabsolutierung“ der Kernkraft dürfe man nicht wiederholen. Auch in der Bildung mahnte Strobl im Einklang mit Glaser Investitionen in die Infrastruktur an. „Wir müssen das Kreidezeitalter überwinden“, warb Strobl mit Blick auf antiquierte Unterrichtsmethoden. Strobl schloss optimistisch: „Digitalisierung ist cool und macht Freude!“ Und am Ende der Diskussion setzte auch Dr. Glaser nach, er mache sich keine Sorgen um die Zukunftstüchtigkeit der jungen Generation: „Die machen’s einfach!“

Bilderstrecke folgt in Kürze.

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