Présentations & compte-rendus

Verfolgt - Verschleppt - Vergessen

de Jonathan Kamzelak

Exkursion ins KZ Buchenwald

Alle Teilnehmer trifft die Erkenntnis hart, dass die Anlage so akribisch geplant ist, damit jede Möglichkeit bestmöglich genutzt werden kann, die Häftlinge zu erniedrigen, zu foltern und oft auch zu töten. Der große Appellplatz so ausgerichtet, dass die Häftlinge bei den täglichen Appellen den an Zynismus kaum zu überbietenden Schriftzug „Jedem das Seine“ lesen können, der so in das eiserne Tor angebracht ist, dass er von innen lesbar ist.

Donnerstag, 23. Oktober 2014

Abfahrt nach Buchenwald

Pünktlich um 7:00 verlässt der Reisebus die Mannheimer Wilhelm-Wundt Schule und nimmt Kurs auf die Gedenkstätte Buchenwald bei Weimar. Nachdem bereits im Bus die Aufgaben der Konrad-Adenauer-Stiftung vorgestellt wurden, verbringen die Schülerinnen und Schüler einen Großteil der Reise schlafend oder singend. Als aber die Gedenkstätte näher rückt, verstummt auch das laute Geschrei und eine andächtig, bedrückt wirkende Stimmung macht sich im Bus breit. Die sogenannte Blutstraße ist den Schülerinnen und Schülern bereits aus dem Unterricht bekannt und so wissen Sie, dass bereits hier die Schrecken stattgefunden haben, für die das Konzentrationslager Buchenwald bekannt geworden ist. Nachdem der Bus entladen und die Zimmerschlüssel verteilt sind, findet sich die Gruppe in der zur Jugendbegegnungsstätte umfunktionierten ehemaligen SS-Kaserne ein, bezieht die Zimmer und trifft sich kurze Zeit später im Gruppenraum, um den pädagogischen Betreuer kennenzulernen, der uns die kommenden Tage inhaltlich und organisatorisch begleiten wird.

Erste Schritte in der Gedenkstätte

Nach einer kurzen Einführung in die Gedenkstätte beginnt der Rundgang durch die ehemaligen Lageranlagen. Es fällt auf, dass die Schülerinnen und Schüler sehr interessiert an den Diskussionen teilnehmen und auch komplexe Fragestellungen kontrovers diskutieren und sich sehr schnell in die Thematik einfinden. Die Zahl der Fragen, die der studierte Archäologe Ronald Hirte, eigentlich ein Berliner Urgestein, als Experte und Tourguide der Gedenkstätte Buchenwald den Schülern beantworten muss, ist so hoch, dass der geplante Rundgang verkürzt werden muss, da die einzelnen Stationen so viel mehr Zeit benötigen, was von allen aber als sehr positiv aufgefasst wird.

Der Abend klingt in lockerem Gespräch aus und man merkt auch den Schülern an, dass sie das Thema mitreißt und vor allem auch emotional fordert. Für alle ist es das erste Mal, dass sie eine Gedenkstätte wie das KZ Buchenwald besuchen.

Freitag, 24. Oktober 2014

"Jedem das Seine"

Der Tag beginnt nach einem reichhaltigen Frühstück mit der Fortsetzung des Rundgangs über die Gedenkstätte. Die heutigen Stationen in der Gedenkstätte selbst heißen Zoo, Krematorium und Museum.

Im ehemaligen Bärenzwinger versammelt sich die Gruppe, um von Ronald Hirte mehr über das Verhältnis von Insassen und Aufpassern, sowie den Bürgern Weimars zu erfahren. Schockiert realisieren die Schülerinnen und Schüler, dass der Zoo keine zehn Meter entfernt neben dem Stacheldrahtzaun gebaut ist, der das Lager begrenzt. „Sogar die Tiere werden besser behandelt und mehr wertgeschätzt als ihr!“, das ist die Aussage der skurrilen Installation. Genauso hart trifft alle die Erkenntnis, dass die Anlage so akribisch geplant ist, damit jede Möglichkeit bestmöglich genutzt werden kann, die Häftlinge zu erniedrigen, zu foltern und oft auch zu töten. Denn das KZ ist im Gegensatz zu den ehemaligen Kasernen der SS-Aufseher auf der Nordseite des Hanges, wo es spürbar kälter und windiger ist. Außerdem ist der große Appellplatz so ausgerichtet, dass die Häftlinge bei den täglichen Appellen den an Zynismus kaum zu überbietenden Schriftzug „Jedem das Seine“ lesen können, der so in das eiserne Tor angebracht ist, dass er von innen lesbar ist. Und in der Mitte platziert als ständig sichtbare: das Krematorium. Doch was alle verwundert ist, dass es oft nicht als Drohung oder Schrecken wahrgenommen wurde, sondern als Erlösung, denn der einzige Weg aus der Qual des Lagers war das Krematorium. Der Rundgang durch die Verbrennungsanlage mit angrenzender „Pathologie“ ist schwer verdauliche Kost und so kann man gut nachvollziehen, das einige den Ort nach kurzer Zeit wieder verlassen. Es ist für alle schwer vorzustellen, dass an genau dem Ort, wo jetzt täglich hunderte Touristen laufen, ihre Bilder machen, noch vor wenigen Jahren tausende Leichen im Hof gestapelt, ausgebeutet und verbrannt wurden. Leugnen lässt sich aber nichts: Bilder aus den Tagen der Befreiung durch die Amerikaner belegen die schreckliche Vergangenheit des Ortes.

"Warum macht man sowas?"

Nach dem Rundgang durch das Krematorium gehen alle zum Museum, das auf dem Gelände des Lagers in einem alten Gebäude untergebracht ist. Die Ausstellung, die von den Schülerinnen und Schülern auf eigene Faust besichtigt wird, zeigt eindrucksvoll, unter welchen Bedingungen die Häftlinge gelebt haben, bietet aber auch Einblicke in das tägliche Leben der Aufpasser, der SS. So ist es nicht verwunderlich, dass auch hier nach kurzer Zeit einige Schüler auf der Treppe sitzen, die Hände gegen die Stirn gelehnt und sagen: „Schaut euch mal an, wie abgemagert die sind. So kann man doch nicht leben, wieso macht man sowas?“ Fassungslos folgen die Schülerinnen und Schüler den Erklärungen ihres Klassenlehrers, Daniel Gérard, dass in den Gebäuden von etwa 40x10m zu „Hoch-Zeiten“ bis zu 2000 Menschen zusammengepfercht wurden. In vierstöckigen, regalartigen Konstruktionen teilten sich manchmal bis zu zwölf Leute einen Wohnraum, der heute schon für zwei Personen unzumutbar wäre.

Jeder, der diese Bedingungen sieht und begreifen lernt, versteht auch sofort, wieso so viele Menschen gestorben sind, obwohl das KZ Buchenwald offiziell kein „Vernichtungslager“ war. Seuchen, Hunger, Kälte und Ersticken durch bloßes Erdrücktwerden der anderen Häftlinge. Wer „Glück“ hatte, wurde schnell von seinem Leiden erlöst und konnte, wenn er arbeitsunfähig wurde, durch Giftspritze getötet werden. Andere jedoch wurden Opfer von grausamen Versuchen medizinischer Art wie „Studien“ zu Fleckfieber oder Ähnlichem.

Perverse Machtexzesse im KZ - Auswuchs einer sadistischen Denkweise

Ronald Hirte erzählt auch von sadistischen Machtexzessen, die soweit gingen, dass ein SS-Kommandant einen Lampenschirm aus Menschenhaut als Geburtstagsgeschenk bekam, mit einem Schienbeinknochen als Ständer. Diese und perverse andere Ausuferungen waren zwar nicht Gang und Gäbe, zeigen jedoch die völlige Entmenschlichung von SS-Mitgliedern und den Betreibern der Vernichtungsmaschine.

Die Fragen, die Gérard und Hirte beim Rückweg in die Begegnungsstätte beantworten müssen, zeugen davon, dass die Schüler nicht nur voll dabei sind, sondern auch betroffen, überwältigt sind von solchen Erzählungen.

Das Verhältnis von Weimar und Buchenwald: Alles andere als unschuldig

Nach einer kurzen Mittagspause geht es mit dem Bus nach Weimar, um genauer zu beleuchten, wie das Verhältnis von Weimar und Buchenwald war und wie die Bürger und die SS verzahnt waren. Hirte erklärt vor dem ehemaligen Gestapo-Büro, dass es bereits 1935 eine so hohe Zahl an Denunziationen gab, dass die Mitarbeiter der Gestapo nicht mehr mithalten konnten und mehr Personal anfordern mussten. „Die Weimarer haben immer behauptet, dass sie nicht wussten, was in Buchenwald passiert ist, aber das kann nicht sein“, sagt Hirte und erklärt, dass die Amerikaner bereits wenige Tage nach der Befreiung des Lagers aus jeder Familie Weimars eine Person mitnahmen, um der Gruppe das Lager zu zeigen und damit zu beweisen, dass die Weimarer Bevölkerung gelogen hatte – ein erster Akt der Aufklärung über das wahre Wirken des NS-Regimes.

Das radikale Böse - Erklärungsversuche

Zum Abschluss des Tages gibt es für alle die Möglichkeit, den Film „Das radikale Böse“ anzuschauen, die allerdings nur von wenigen genutzt wird. Nicht, weil sich die Schülerinnen und Schüler nicht für das Thema interessieren, sondern weil Gérard, der den Film kennt, die Schüler davor warnt, dass der Film keine leichte Kost sei. Viele sind bereits emotional vom Tag angespannt und trauen sich eine solche weitere Belastung nicht zu.

Der Film versucht näher zu beleuchten und zu erklären, was Menschen zu Massenmördern werden lässt und basiert auf Originalaussagen von Soldaten, die an Massenerschießungen von Juden teilgenommen haben. Um das Phänomen zu erklären, warum nur sehr wenige sich dagegen gewehrt haben, an den Erschießungen teilzunehmen, erklären die Psychologen über viele verschieden Experimente, die nicht im Zusammenhang mit den NS-Verbrechen stehen. Fazit ist, dass geistig gesunde Menschen dennoch zu Massenmördern werden, weil sie selbst davon überzeugt sind und überzeugt wurden, dass das, was sie tun, richtig und notwendig ist. Dadurch, dass keine Autorität gesagt hat, dass die Männer ein Verbrechen begehen und sogar dazu aufgefordert haben weiterzumachen und die Einsatzkommandos gelobt haben, wird Massenmord möglich. „Du darfst“, diese zwei Worte reichen offenbar aus, gepaart mit Gruppendynamik und einem System, das andere Meinungen nur schwer zulässt, um Menschen zum Massenmord an tausenden Männern, Frauen, Kindern und sogar Säuglingen zu bewegen.

Nach dieser Erfahrung braucht jeder erst einmal ein paar Minuten für sich, um die aufreibenden Erlebnisse des Tages zu verarbeiten und um zu begreifen, dass das Problem nicht die sogenannten Psychopathen sind, die so gefürchtet werden. Die Monster von einst waren ganz gewöhnliche Menschen. Und wie wäre es heute?

Samstag, 25. Oktober 2014

Gegensätze ziehen sich an? Einblicke in das Leben und der Denken der SS

Am Samstag beginnt der Tag mit einem Rundgang zum Mahnmal, der über die Gedenkstätte für den damals inhaftierten Dietrich Bonhoeffer, den Steinbruch, die Massengräber und die Villenstraße führt. Die Gedenkstätte für Bonhoeffer ist der ausgegrabene Keller eines Lagergebäudes, in dem Bonhoeffer zu seiner Zeit als Gefangener in Buchenwald gelebt hatte. „Wir haben das hier alles mit einer Schulklasse ausgegraben und so hergerichtet, dass man heute wieder in Teilen des damaligen Kellers herumlaufen kann“, erklärt Hirte. Nur wenige Meter weiter gelangt man an eine Stelle von der man eine wunderbare Aussicht hat, eine große Wiese erstreckt sich vor einem, mit grünem Gras, einigen Bäumen, eigentlich wunderschön, wenn da nicht das Hinweisschild wäre: Steinbruch. Hier starben viele tausende Gefangene des Lagers Buchenwald bei der Arbeit oder aufgrund der Schikanen von Wachsoldaten. „Es war nicht unüblich, dass Wachleute einem Gefangenen die Mütze vom Kopf rissen und sie in Richtung der Wachleute warfen, die hier oben mit Gewehren postiert waren, um Flüchtlinge zu erschießen. Der Gefangen war nun in einem Dilemma, für das es keine gute Lösung gibt. Holt er seine Mütze nicht, verstößt er gegen die Regeln und wird bestraft und das nicht nur einmal, denn an seine Mütze kommt er ja nicht mehr. Holt er sie aber, kommt er zu nahe an die Wachleute heran und die machen sich einen Spaß daraus und erschießen den armen Kerl. Das verbirgt sich dann meistens dahinter, wenn man in den Akten liest: Auf der Flucht erschossen.“, ergänzt Gérard die Ausführungen von Ronald Hirte. Der Steinbruch wird für viele Schüler der Ort sein, von dem sie am Schluss sagen, dass er sie am Meisten getroffen hat. Die nächste Station ist das Aschegrab. Schockiert bemerken einige Schülerinnen und Schüler, dass man ohne das Hinweisschild gar nicht erkennt, dass es ein Grab ist, denn es sieht vielmehr aus wie ein Loch im Boden, das zufällig im Wald entstanden ist. „Leider kommt es immer wieder dazu, dass Schüler, die hierher kommen Unfug machen und zum Beispiel in der Graberde graben“, erklärt Hirte.

Die Villenstraße erinnert an einen schönen Waldweg, an dessen Rand Ruinen alter Gebäude zu finden sind. In der Villa des Lagerkommandanten Koch gibt es sogar noch die Überreste eines Springbrunnens. „Wer hier arbeiten durfte, hatte es noch richtig gut,“ sagt Hirte, schließt aber gleich danach an: „Wer hier arbeitete, wurde wenigstens nicht im Steinbruch totgeprügelt“. Für Gérard sind die Villen und vor allem auch die kleinen metallenen Fußabtreter vor den Eingangstüren Sinnbild für eine grausame Mentalität. Im Lager verübten die Offiziere die größten Gräueltaten und zuhause streiften sie sich den Dreck aus dem Lager ab und wurden zu Familienvätern mit Kindern und Frau.

"Solange Faschismus und Militarismus in Deutschland nicht restlos vernichtet sind, wird es keine Ruhe und keinen Frieden bei uns und in der Welt geben."

Die letzte Station ist das Mahnmal, das wie ein großes U angelegt ist. Auf Stelen wird die Geschichte Buchenwalds von der Entstehung bis zum Ende des Lagers dargestellt. Auf dem Weg passiert man 3 weiter Massengräber, die wie das Kolosseum kreisrund ummauert sind. Am Ende des Weges steht der große Glockenturm, auf dessen Eingangstür ein Teil des Schwures steht, den die Gefangenen kurz nach der Befreiung Buchenwalds bei der ersten großen Gedenkfeier auf dem Appellplatz des Lagers geleistet haben. Es ist eine Erinnerung an das, was nie wieder geschehen darf, aber der Turm ist auch eine Erinnerung an das, was so viele geschafft haben. Die schlimme Lagerzeit zu überleben. Mit dieser letzten Station endet der inhaltliche Teil der Exkursion, aber das anschließende Mittagessen und die Heimfahrt sind trotzdem noch dominiert von Themen der letzten Tage. Alle brauchen erstmal ein paar Tage, bis sie das Erlebte verarbeitet haben.

Text und Bilder: Jonathan Kamzelak

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