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Der ersehnte Anruf, der nur selten kommt

de Hardy Ostry

Nordafrika: Warten auf die Revolutionsdividende

Warten. Warten auf den Anruf vom neuenArbeitgeber. Warten auf die Worte: „Wirwollen Sie!“ Warten darauf, dass Geld fürden Lebensunterhalt da ist und das Lebenwieder einen Sinn bekommt. Und darauf,dass sich die Revolution endlich für dieJugend auszahlt.

Faycal ist überglücklich. Es war nur ein

Anruf, der sein ganzes Leben gerettet hat.

So jedenfalls fühlt es sich für ihn an. Vor

gut einem Monat hatte er sich bei einer in

Tunis ansässigen deutschen Firma beworben.

In den vergangenen vier Jahren, nach

seinem Diplomabschluss als Buchhalter, hat

er Hunderte von Bewerbungen geschrieben.

Auch dieses Verfahren zog sich lange hin,

mehrere Interviews, Dutzende weitere, hochqualifizierte

Kandidaten. Dann, vorgestern,

ein erneutes Interview. Gestern um 10 Uhr

klingelte schließlich das Telefon: „Sie haben

uns überzeugt, wir möchten Sie gerne einstellen.

Können Sie Montag vorbeikommen, um

die vertraglichen Dinge zu regeln?“ Beinahe

hättes es ihm die Sprache verschlagen. „Ich

werde da sein, vielen herzlichen Dank!“

Enttäuschte Erwartungen

Nicht viele junge Menschen in Nordafrika

haben in diesen Zeiten das Glück, einen solchen

Anruf zu erhalten. Dabei ist Faycals

Biografie symptomatisch und exemplarisch

zugleich für die Altersgruppe derjenigen

zwischen 17 und 24 Jahren in der Region

von Marokko bis Ägypten. Viele von ihnen

standen am Anfang mit auf der Avenue

Bourguiba und dem Tahrir Platz, riefen

nach „Freiheit“, „Würde“ und – ja, vor allem

auch – „Brot“, sprich Arbeit.

Die Jugendarbeitslosigkeit in den Ländern

Nordafrikas ist seit Jahrzehnten eine

der höchsten der Welt. Ägypten führte den

traurigen Rekord mit 49% an, gefolgt von

Tunesien mit 31%, knapp dahinter Libyen

mit 27%. Analysten wiesen bereits seit Jahren

darauf hin, dass die Gemengelage einer großen

Jugendbevölkerung zusammen mit den

von der Politik und Gesellschaft in Aussicht

gestellten Wohlstandsversprechen und einem

relativ hohen Bildungsniveau, wie es zum

Beispiel in Tunesien der Fall ist, zu erheblichen

gesellschaftlichen Konflikten führen

würden.

Dann kam die Revolution, die Erwartungen

waren hoch, naturgemäß zu hoch,

und der politische Transformationsprozess

scheint in nahezu allen Ländern derart die

Kräfte zu absorbieren, dass die ursächlichen

wirtschaftlichen und sozialen Fragen kaum

angegangen werden. Dabei war es gerade das

Potential der Jugendbevölkerung, das den

Umbrüchen diesen Mobilisierungsschub

verlieh.

Zu viele Studenten, zu wenig Handwerker

Die Arbeitsmarktsituation vieler Länder in

der Region ist weitgehend hausgemacht. Obwohl

Länder wie Ägypten, Libyen, Tunesien

und Algerien zeitweise über ein Wirtschaftswachstum

von über fünf bis sieben Prozent

verfügten, mit dem sie in der Lage gewesen

wären, entsprechende Reformen im beruflichen

wie universitären Ausbildungsbereich

zu meistern, pf legten sie lieber weiterhin

das Bild eines nahezu staatsmonopolistisch

regulierten Arbeitsmarktes: Mit dem kostenfreien

Zugang zu den Universitäten gab es in

Ägypten quasi die Aussicht auf eine staatliche

Anstellung gleich mitgeliefert. Kein Wunder,

dass eine Beschäftigung im öffentlichen

Dienst daher den meisten wie ein goldener

Handschlag vorkam, Pension inklusive, wenngleich

auf niedrigem Niveau. Der staatliche

Sektor, der bereits vor der Revolution seine

eigentlichen Absorbationskapazitäten weit

überschritten hatte, wurde weiter überdehnt.

Der Vernachlässigung des Privatsektors und

dessen mangelnder Ausdifferenzierung ist es

zudem zuzuschreiben, dass dort nicht ausreichend

Arbeitsplätze geschaffen wurden.

Die eigentliche Misere vermittelt jedoch

der Blick auf die dadurch bedingte, völlig

asymmetrische Struktur des Arbeitsmarktes,

der wie im Falle Tunesiens von einer „quantitativen

wie qualitativen Unausgeglichenheit“

geprägt ist, wie der Wirtschaftswissenschaftler

Mohammed Kriaa erklärt. Knapp 35% der

Hochschulabgänger sind derzeit arbeitslos,

wobei sich die generelle Arbeitslosenquote

bei rund 18% bewegt. Tunesien hat damit,

wie auch andere Länder der Region, ein im

Grunde selbstgeschaffenes Luxusproblem

zu lösen: Hunderttausende besuchten die

Universitäten, was zwar zu einem gewissen

gesellschaftlichen Ansehen geführt hat, jedoch

letztlich zu keiner beruflichen Perspektive.

Jamel Boumedienne vom tunesischen

Zentrum für Analyse und wirtschaftliche

Intelligenz stellt die aktuelle Situation nicht

besser dar: Mit Blick auf die vorhandenen

Bildungsmöglichkeiten entfielen immer

noch 10% auf den Bereich der beruflichen

Bildung, 90% auf den universitären Bereich.

Und dies, obwohl die Nachfrage genau umgekehrt

ist. Gut 120.000 Arbeitsplätze im

handwerklichen Bereich können derzeit in

Tunesien nicht besetzt werden, weil die Betriebe

Schwierigkeiten haben, entsprechend

qualifiziertes Personal zu finden. Schon wird

von der Anwerbung von Arbeitsmigranten

gesprochen, was nur zynisch stimmen kann.

Die regionalen Prognosen deuten zudem

keine Verbesserung der Gesamtsituation an;

nach Schätzungen der Vereinten Nationen

wird der Anteil Jugendlicher in der MENARegion,

die auf den Arbeitsmarkt drängen,

von derzeit 41 Millionen auf 47 Millionen

im Jahre 2035 steigen.

Den Druck aus dem Kessel nehmen

Zusammen mit der Privatwirtschaft haben

die Regierungen der Länder versucht, auf

diese Entwicklungen zu reagieren, jedoch

überlagern die nahezu täglichen politischen

Spannungen in Ägypten, Tunesien und Libyen

eine Konzentration auf die Bekämpfung

der Jugendarbeitslosigkeit.

Deutschland und Europa haben Ausbildungspartnerschaften

ins Leben gerufen, die zum Ziel haben, durch die weitere Professionalisierung

von Arbeitslosen den Druck aus dem Kessel zu nehmen. Die Länder selbst

versuchen das Problem anzugehen, indem

sie einerseits weitere Arbeitsplätze im öffentlichen

Dienst schaffen sowie andererseits den

privatwirtschaftlichen Unternehmen durch

die Übernahme eines Teils der Gehälter

Anreize geben, mehr junge Menschen einzustellen.

Doch zahlreiche dieser Maßnahmen bleiben

an der Oberf läche, da sie nicht auf

eine grundsätzliche Umstrukturierung der

Wirtschaft abzielen, sondern versuchen,

kurzfristig die Symptome zu beheben. Auf

Dauer werden sie die Staatsbudgets, deren

Abhängigkeit von ausländischer Unterstützung

ohnehin weiter wächst, noch zusätzlich

belasten. Demgegenüber sind Maßnahmen

wie die Mikrokreditvergabe an Jungunternehmer,

die derzeit beispielsweise in Tunesien

verstärkt praktiziert wird, nachhaltiger.

Selbst wenn nur ein Teil derjenigen, die sich

anschicken, ihr Schicksal selbst in die Hand

zu nehmen, erfolgreich ist, dürfte dies wirtschaftspolitisch

sinnvoller sein, als weiterhin

auf staatliche Intervention zu hoffen.

Kosten statt Geschenke

Zugegebenermaßen ist die Politik in einem

Dilemma. Die neu gewählten Machthaber in

Ägypten, Libyen und Tunesien sowie die unter

Druck geratenen Eliten in Algier und Rabat

müssen das bewältigen, was sie als Erbe

angetreten haben beziehungsweise was über

Jahrzehnte hinweg ignoriert wurde. Dabei

wollen gerade die neuen Herrscher am Nil

wie im alten Karthago der Bevölkerung nicht

unbedingt vorübergehende Härten zumuten,

sondern würden lieber Geschenke verteilen,

gerade auch mit Blick auf Neuwahlen.

Kurzfristig mag die Gesamtzahl der aufgelegten

Programme Entspannung am Arbeitsmarkt

schaffen, mittel- bis langfristig jedoch

kommen die Länder der Region an einem

grundlegenden Umbau ihrer Wirtschaft und

des Arbeitsmarktes nicht vorbei, einschließlich

der damit vorübergehend verbundenen Transformationskosten.

Neben einer wettbewerbsfähigen

Industrie, einem flexiblen Arbeitsmarkt,

offenem Gütertransport und der Reform des

Ausbildungsbereichs zählt dazu vor allem,

die Attraktivität der Region für ausländische

Investitionen zu stärken, um Wachstum und

somit Arbeitsplätze im produktiven Bereich

zu schaffen. In einem Kontext zunehmender

politischer Spannungen wie in Ägypten und

Tunesien wird dies schwieriger, bleibt aber

eine conditio sine qua non, denn Sicherheit,

körperliche wie rechtliche, ist und bleibt eine

unverzichtbare Bedingung für Investitionen.

In der Gesellschaft angekommen

Faycal kann vorerst seinen Träumen freien

Lauf lassen. Mit der neuen Stelle verbinden

sich für ihn nicht nur Arbeit und Lohn, sondern

er kann endlich heiraten, was ohne eine

feste Stelle familiär und gesellschaftlich kaum

akzeptiert würde. Für ihn, der glaubte, bereits

resignieren zu müssen, hat sich dadurch

eine neue Chance ergeben voranzukommen

und endlich gesellschaftlich partizipieren zu

können. Es wird dauern, bis sich diese Partizipation

als Revolutionsdividende für einen

Großteil der Jugendlichen einstellt.

Erschienen in der Afrikapost 4/12.

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