Présentations & compte-rendus

Keine Kaffeefahrt

Politik auf zwei Rädern: Mit dem Motorrad nach Prag und Polen. Ein Reisebericht

Klack... klack... klack… klack... klack... klack! Wir legen den ersten Gang ein. Prag, kurz vor sechs im nachmittäglichen Stoßverkehr. Die sechs Motorräder unserer Gruppe stehen bei gefühlten 35 Grad vor einer Ampel. Sie springt auf grün. Sonores Motorengebrummel erfüllt die Luft. Nur noch wenige Meter trennen uns von dem ehemaligen Kloster, das uns in Prag für die nächsten zwei Nächte als Unterkunft dienen wird. Endlich! Die letzten der 367 Kilometer dieses Tages waren anstrengend. Spontane Stopps und Kehrtwenden, stop and go - trotz Navi war es nicht einfach, nach und durch Prag zu finden.

Baustellen, Umleitungen, die Unkenntnis der angezeigten Ortsschilder sowie mangelnde Tschechisch-Kenntnisse brachten Streckenführung und Zeitplan durcheinander. Doch gerade das ist der Reiz einer Tour, die sich bewusst auf Neues und Unbekanntes einlässt. Improvisation als Programm.

Unter dem Motto „Europa erfahren – Politik auf zwei Rädern“ ist Prag die erste Etappe auf unserer Rundfahrt durch unsere europäischen Nachbarn im Osten. Im Jahr zuvor hatte die KAS Oldenburg mit einem Seminar für Motorradfahrer nach Cadenabbia didaktisches Neuland betreten. Diesmal: Elf Motorräder, 12 Biker, ein – wie sich herausstellen sollte sehr hilfreiches - Begleitfahrzeug. Sammel- und Startpunkt ist das KAS-Bildungszentrum Schloss Wendgräben, vor dessen imposanten Eingang sich am Samstag unsere Maschinen aufreihen. Die Sonne brennt auf der Lederkluft. Eine kühle Dusche, leichtes Zivil – und schon geht es mit Ludger Gruber in die Thematik des Seminars: Aufbau der KAS, Ziele und Inhalte der Politischen Bildung, die Stellung der Auslandsbüros. Anschließend erste Details zur Streckenführung sowie Hinweise zum Fahren in der Gruppe. Dass dieses Seminar keines ist, das man einfach „mitmacht“, wird schnell klar. Einer der Teilnehmer hat die gesamte Streckenführung als GPS-Routen angelegt, die als geographische Richtschnur für die Tour dienen.

„Drück das Ding rein!“

Motorradfahren ist nicht irgendeine Fortbewegungsart. Am Abend gibt uns „Doc Scholl“ (der Rennarzt und Motorrad-Instruktor Dr. Christoph Scholl) auf seine charakteristisch-unterhaltsame Art wertvolle Tipps zu mentalen und physiologischen Aspekten des Fahrens auf zwei Rädern. Bei diesem Wetter vital: ausreichende Flüssigkeitszufuhr. Dazu der Rat, Stress durch Termindruck zu vermeiden. „Sie brauchen ein positives Bild vom Fahren und Ankommen!“. Kurvenangst sei fehl am Platze. Wenn es eng werden sollte, gebe es nur eines: „Drück’ das Ding rein!“ Sein Rat als Reifentester: Lieber ein wenig schwächerer Reifendruck. Dann sinke zwar die Laufleistung, aber der Reifen werde wärmer und hafte besser.

Das alles hat uns auf dem Weg nach Prag geholfen. Jeder hat eine Flasche Wasser im Tankrucksack oder anderswo griffbereit. Angemessene Pausen, darunter ein sonniges Mittagessen nicht weit von Meißen direkt an der Elbe. Zum Abendessen führt uns Hubert Gehring, Leiter des KAS-Auslandsbüros in Tschechien und der Slowakei, in die Politik unsres Nachbarn ein: Parteiensystem, politische Kultur, Projektpartner, Deutschlandbild. Dass wir dieses Seminar durchführen können, ist nicht zuletzt sein Verdienst. Ohne die Unterstützung der KAS-Büros in Prag und Warschau wäre diese Fahrt nicht zu organisieren gewesen.

Blick von der Burg auf deutsch-deutsche Geschichte

Am nächsten Morgen können wir europäische und deutsche Kultur und Geschichte hautnah erfahren. Milan Šimůnek, Projekt-Manager der KAS Prag, hat uns an die Hand genommen und mit der Tram in die Prager Burg gebracht. Im Hintergrund spielt eine Kombo mit Ziehharmonika Smetanas „Moldau“, als uns ThDr. Petr Křížek in die Verstrickungen der deutsch-tschechischen Geschichte einführt. Er führt unsere Blicke über die Burgmauer hinweg auf das kleine und das große Prag, bis unsere Augen am Giebel der deutschen Botschaft in Prag innehalten. Hier verkündeten 1989 der deutsche Außenminister Genscher und Innenminister Rudolf Seiters die Ausreiseerlaubnis für rund 4000 Menschen, die als Flüchtlinge auf engstem Raum der Entscheidung über Wohl und Wehe geharrt hatten. Křížek, der wie alle unsere Gesprächspartner in geschliffenem Deutsch parliert, erinnert sich. „Die Menschen, die kamen, ließen alles stehen und liegen. Selbst dahinten, mitten im Park standen überall die Trabbis, mit denen die Menschen gekommen waren.“

Schon längst sind etliche Klischees gefallen: kein schwerer slawischer Akzent; wo wir mit Deutsch nicht weiterkommen, sprechen alle Englisch. Der Empfang in der quirligen Metropole Prag, deren Schönheit Hunderttausende Besucher aus aller Welt lockt, ist überaus freundlich. Die Straßen – besonders wichtig für haftungssensible, einspurige Fahrzeuge – sind eben und griffig. Auch am nächsten Morgen stehen alle Motorräder noch dort, wo wir sie am Abend hingestellt hatten. Der sorgenvolle Blick am Vorabend auf ein winziges Mofa nebenan, das mit einer riesigen Kette durch einen im Boden eingelassenen Eisenring befestigt war, erweist sich als unbegründet.

Schon Petr Křížek glänzte mit profunden Geschichtskenntnissen, als er uns durch die Prager Burg führte. Nun, gestärkt durch einen mittäglichen Besuch in einem Prager Lokal mit typisch bodenständiger Kost, erläutert uns Dr. Jiří Georgiev Aufgaben und Rolle des tschechischen Senats. Uns wird klar: Unsere Gesprächspartner zählen zu einer europäischen Bildungselite, für die alte Grenzen ihre Bedeutung verloren haben – nicht aber ihre Verwurzelung in der eigenen Heimat und Geschichte.

Wie zwiespältig europäische Geschichte, und insbesondere das historische Verhältnis Deutschlands mit seinen östlichen Nachbarn ist, erleben wir in der Diskussion mit Pfarrer Anton Otte von der Prager Ackermann-Gemeinde.

Soziale Marktwirtschaft auf dem Motorrad?

Dienstag. Wir brechen auf in Richtung Krakau. Erneut in zwei Gruppen, damit alle ins Ziel finden – eine kleine Lektion in den Prinzipien der Sozialen Marktwirtschaft: Personalität, Subsidiarität, Solidarität? Der erste Fahrer gibt die Richtung vor (Ordnungspolitik), je größer die Fahrpraxis und je stärker die Maschine, desto weiter rückt der Platz in der Gruppe nach hinten (Solidarität). Jeder fährt dann selbstverantwortlich, nach bestem Können und Gewissen (ein Teil der Subsidiarität). Sind hübsche Kurven in Sicht, muss zwar der eine oder andere zurückstecken – aber dafür kommen alle mit.

Die Sonne ist uns wieder hold. Etwas zu hold, da uns stadtauswärts zunächst ein wahrscheinlich EU-geförderter Baustellenstau bremst. Erst eine gute Stunde nach dem Start gibt es wieder anständig Fahrtwind. Auf dem Weg durch sanfte Hügellandschaften duftet dieser nach Kornfeldern und Wiesenblumen. Schengen lässt grüßen. Die Grenze nach Polen ist administrativ nicht zu spüren. In der Federung aber schon. Beim Zwischenstopp im schönen Städtchen Nysa treffen beide Gruppen wieder zusammen. Zwei Koffer haben den polnischen Landstraßentest nicht bestanden. Ein tiefes Schlagloch bei voller Fahrt hob sie aus der Halterung. Im Lack zeigen die Gepäckstücke die Spuren ihrer ganz speziellen „Europa-Erfahrung“.

Getriebeschaden auf dem Weg nach Auschwitz

Diesen kleinen Schrecken lässt am Abend das wunderschöne Krakau schnell vergessen. Hotel, Dusche, und schon geht es los zu unserem nächsten Treffen. Durch das offene Restaurantfenster kämpft das laute Treiben der Krakauer Innenstadt mit delikaten Küchendüften aus einem weiß getünchten Holzofen. Rafał Kocot, als Internationaler Sekretär der Woiwodschaft Klein-Polen zuständig für die Beziehungen dieses Polnischen „Bundeslandes“, weiht uns in die Tiefen der regionalen Organisation Polens ein. Wir diskutieren über Fördermaßnahmen der EU, das deutsch-polnische Verhältnis, Alltagsfragen, Krakau … und sind wieder beeindruckt von der Kompetenz unseres Gesprächspartners. 100.000 Studierende von insgesamt 800.000 Einwohnern in Krakau. Auch hier bildet sich eine europäische Generation, für die europäische Grenzen eine Herausforderung, keine Hürde sind. Mediterran mild und umtriebig ist das Ambiente, als wir am späten Abend ins Hotel zurückschlendern. Krakau ist allemal eine Reise wert … mindestens eine.

Nieselregen begleitet uns am nächsten Morgen zu unserem nächsten Ziel, zu dem wir schon um acht Uhr in den Sätteln sitzen. Grau ist der Himmel und nicht hell die Erwartungen: Auschwitz und das Außenlager Birkenau gehören zur deutsch-polnischen Geschichte und daher zu unserem Programm. Auf dem Weg durch Baustellen, oft triste Weiler und Wälder verabschiedet sich das Getriebe eines der Motorräder. Zum Glück ist das Begleitfahrzeug zur Stelle, samt Rampe. Kurze Absprache per Telefon, das dank moderner Technik bis in den Helm reicht. Während das Gros der Gruppe weitergefahren ist und sich bereits durch die Warteschlangen am Museumseingang quält, verladen wir eine K75 in den KAS-Bulli. Brav haben wir unsere Warnwesten angezogen, damit uns keiner der vorbeirauschenden Laster erwischt. Wir sind vom Regen durchgeweicht und durchgeschwitzt, als das Motorrad endlich an Bord und sicher verzurrt ist. Gerade rechtzeitig zum Beginn der Führung.

Europa mit allen Sinnen „erfahren“

Stehbunker, Haarberge, Latrinenbaracke, die Selektionsrampe. Für das Grauen, das wir nur noch erahnen können, gibt es keine Worte. Gedämpft sind die Gespräche bei Tisch, als wir uns anschließend in der internationalen Jugendbegegnungsstätte stärken. Diese Reise ist eine Tour der Kontraste. Noch am Abend das fröhliche Krakau, am morgen die verregnete Tristesse der KZ-Gedenkstätte. Die Kontraste zwischen meinem noch aus den Zeiten des Kalten Krieges geprägten Bild Osteuropas und der Modernität zweier Staaten, die vollkommen selbstverständlich in die europäische Familie integriert sind. Hitze und nasskalte Gischt auf dem Helmvisier. Beißender Dieseldunst aus alten Lastern und der sanfte Duft weiter Wiesenlandschaften. Wir erfassen mit allen Sinnen unsere Nachbarländer. Auch das Organisationstalent der Polen (und eines Teilnehmers), als es darum geht, am Freitagmorgen, kurz vor dem Aufbruch nach Kreisau und Breslau, eine 12-Volt-Batterie zu besorgen, deren Versagen am Vortag uns in der Kunst des Motorrad-Anschiebens unterwiesen hat. Eine Motorradtour ist eben keine Kaffeefahrt.

Die Batterie ist drin, wir kommen ohne Anschieben los. Im Stau aus Krakau heraus ist es wieder heiß. Dann wird es plötzlich nass und kalt. Heute, Donnerstag, haben wir uns an sich polnische Landstraßen verschrieben. Doch dann sind die Navis wieder geteilter Meinung, eine Gruppe prescht über die Autobahn gen Westen. Neuer gemeinsamer Treffpunkt: Kreisau. Alle kommen gut voran. Bis auf den Fahrer unseres Begleitfahrzeuges, genervt von den Fährnissen der Strecke. Beim Zwischenstopp in Oppeln kam er nicht rechtzeitig vom Parkplatz. Dann stoppte ihn ein kilometerlanger Stau, den wir auf zwei Rädern elegant umfahren konnten. Kreisau, unsere nächste Station, ist nicht auf seiner Karte eingezeichnet. Und sein Navi kennt zwei Kreisaus, keines davon unseres. Per Telefon navigieren wir ihn schließlich auf den richtigen Weg, bis er die zweite Gruppe unterwegs einholt. Im Garten des Kreisauer Schlosses, Schauplatz der deutsch-polnischen Versöhnung, findet die Gruppe endlich wieder zusammen, um sich erneut der deutsch-polnischen Geschichte anzunähern.

Auf Moltkes Spuren

Wir folgen den Spuren der Familie Moltke, die den Kreisauer Kreis des deutschen Widerstandes gegen Hitler organisierte, wandeln durch renovierte Schlosshallen, beobachten die Vorbereitungen eines Festes am Wochenende. Wir folgen unserer polnischen Führerin auch ins etwas abgelegene Berghaus. Kreisau scheint ein wenig in Vergessenheit geraten zu sein. Mit dem Blick aus den Fenstern des Berghauses kehren wir zurück in die Schrecken des Zweiten Weltkrieges, des Genozids und zum Mut einer Runde von Menschen, die über Konfessionsgrenzen hinweg ihre Pflicht erkannten, diesen Schrecken ein Ende zu bereiten.

In Breslau übernachten wir anschließend. Nach dem langen Ritt will keiner mehr aus dem Hotel. Auf der Terrasse des Hotels lauschen wir aber nach dem Abendessen den ausgelassenen Chören junger Leute auf den Oderufern gegenüber. Am kommenden Morgen ein kurzer Spaziergang in die Innenstadt. Treppengiebel, renovierte Prachtbauten. Vor einer Kirche ein Motorrad fahrender Weihnachtsmann als Bronze-Miniatur. Wir brechen bereits am späten Morgen auf. Uns erwartet Berlin und eine Führung durch den Reichstag als letzte Etappe.

Eigentlich hatten wir die Erlaubnis, mit den Motorrädern bis vor den Bundestag zu fahren. Ein schönes Foto… Doch dann kamen wir schneller durch als erwartet, diesmal nur gebremst vom Berliner Freitagnachmittagsverkehr. Verschwitzt und mit der schweren Motorradmontur ins Parlament? Das muss dann doch nicht sein. Also Check-in, kurze Dusche und – ausnahmsweise – per Bus in den Reichstag.

’’Und wo geht es nächstes Mal hin’’

Auf Einladung des CDU-Bundestagsabgeordneten Georg Schirmbeck, Vorsitzender der Deutsch-Polnischen Parlamentariergruppe, werden wir durch den Reichstag geführt. Friedlich ist Europa heute, aber nicht überall gleichermaßen sicher, so dass wir uns freuen, durch alle Absperrungen rund um unser Parlament geführt zu werden. Drinnen: Wieder einmal Geschichte. Die konservierten Graffiti russischer Soldaten an einer der Innenwände zeigen einmal mehr, wie tief der Graben zwischen Europas Nationen einst war – und welchen Segen die europäische Einigung bedeutet.

An einem lauen Sommerabend beschließen wir unser „Seminar auf zwei Rädern“. Die Moppeds sind noch im Hotel, so dass wir unbeschwert ein Glas Bier genießen dürfen. Kleine Anekdoten der Fahrt werden wiederbelebt, das Gesehene reflektiert. Und dann kommt die Frage: „Und wo geht es nächstes Jahr hin?“ Angedacht: Luxemburg, Belgien, Frankreich mit Verdun und der Maginot-Linie, Schwarzwald. In weitem Bogen von Schloss Eichholz bis Stuttgart. Voraussichtlich vom 2.-9. Juni. Wer ist dann dabei?

Stefan Hofmann

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