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Deutschland und Usbekistan: Neue Impulse für eine strategische Partnerschaft

André Algermißen, Abdulla Mamadjonov

Zum Staatsbesuch von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier am 17. und 18. Juni 2026 in Usbekistan

Der Staatsbesuch von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier am 17. und 18. Juni 2026 in Usbekistan markiert einen weiteren Schritt zur Vertiefung der deutsch-usbekischen Beziehungen. Er unterstreicht die zunehmende Bedeutung der Wirtschafts- und Innovationspartnerschaft zwischen beiden Ländern. Mit über 38 Millionen Einwohnern stellt Usbekistan den demografischen Riesen Zentralasiens dar und bietet erhebliche, bislang nur teilweise erschlossene Potenziale in den Bereichen Fachkräftegewinnung, IT-Outsourcing sowie beim Aufbau resilienter Lieferketten für kritische Rohstoffe. Angesichts des starken Engagements internationaler Wettbewerber eröffnet sich ein geopolitisches Zeitfenster, das von der deutschen Politik und Wirtschaft schnelles und entschlossenes Handeln erfordert.

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Als Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier am 17. Juni 2026 in Taschkent landete, war dies mehr als nur der routinemäßige Abschluss einer längeren Asienreise. Dass Berlin nach Stationen in Indonesien und auf den Philippinen die Reise bewusst in der usbekischen Hauptstadt ausklingen ließ, unterstrich die rasant wachsende Bedeutung eines Staates, der lange Zeit eher am Rande deutscher außen- und wirtschaftspolitischer Aufmerksamkeit stand.

Dabei konnten die beiden Staatschefs auf einem bereits geknüpften Fundament aufbauen: Der Berlin-Besuch von Präsident Shavkat Mirziyoyev im Mai 2023[i] sowie das erste Gipfeltreffen „Zentralasien – Deutschland“ im September desselben Jahres[ii]  hatten bereits den Rahmen für eine vertiefte deutsch-usbekische Zusammenarbeit in den Bereichen Wirtschaft, Innovation, Bildung und Konnektivität geschaffen. Der erneute Besuch des Bundespräsidenten in Taschkent – sieben Jahre nach seiner ersten Usbekistan-Reise im Jahr 2019 – markiert nun den Übergang von politischen Willensbekundungen hin zu einer zunehmend konkreten wirtschaftlichen, technologischen und strategischen Zusammenarbeit.

Im Dialog zwischen Bundespräsident Steinmeier und dem usbekischen Präsidenten Shavkat Mirziyoyev stand die Frage im Zentrum, wie beide Volkswirtschaften in Zeiten globaler Unsicherheit eine zukunftsfähige Partnerschaft aufbauen können. Diese neue Qualität der Partnerschaft spiegelte sich während des Besuchs in konkreten Wirtschaftsprojekten wider. Ein zentrales Vorhaben ist der Aufbau einer Automobilproduktion in Taschkent, wo Fahrzeuge der Marke Volkswagen gefertigt werden sollen. Diese Vereinbarung sieht zunächst eine großteilige Montage (SKD) vor, die in einer zweiten Phase zu einem Vollzyklus-Werk (CKD) in der Sonderwirtschaftszone Angren ausgebaut werden soll. Zudem erstreckt sich die Kooperation auf weitere Sektoren: In der Region Taschkent nahm eine gemeinsam mit dem Konsumgüterkonzern Henkel errichtete Fabrik für Haushaltschemie den Betrieb auf, während in der Region Andijon der Grundstein für ein Logistikzentrum der Rhenus Group gelegt wurde. Zum Programm des Bundespräsidenten gehörte außerdem der Besuch des Unternehmens Papenburg Usbekistan in Taschkent. Das Unternehmen steht beispielhaft für den Einsatz deutscher Technologie beim Ausbau der usbekischen Verkehrsinfrastruktur sowie für die Qualifizierung lokaler Fachkräfte. Erweitert werden diese Industrieinvestitionen durch Initiativen im Infrastruktur- und Bildungsbereich, darunter Qualifizierungsprogramme der Deutschen Bahn für das usbekische Eisenbahnwesen sowie die Eröffnung neuer Telc-Prüfungszentren für die deutsche Sprache.[iii]

Ein Blick auf die Handelsbilanz untermauert diesen Aufbruch: Deutschland hat sich in den vergangenen Jahren auf den siebten Platz unter den wichtigsten Wirtschaftspartnern Usbekistans vorgearbeitet. Nachdem das bilaterale Handelsvolumen im Jahr 2025 mit rund 1,4 Milliarden US-Dollar einen Meilenstein markierte, setzte sich dieser Aufwärtstrend auch in der ersten Jahreshälfte 2026 fort und steuert nun auf die Marke von zwei Milliarden US-Dollar zu. Die usbekischen Exporte nach Deutschland haben sich innerhalb eines einzigen Jahres nahezu vervierfacht. Dies zeigt die Entwicklung hin zu einem ausgewogeneren Verhältnis. Usbekistan liefert heute verstärkt verarbeitete Industrieprodukte statt bloßer Rohstoffe. Getragen wird diese Entwicklung durch das wachsende Vertrauen der deutschen Wirtschaft vor Ort. Rund 244 Unternehmen mit deutscher Beteiligung sind inzwischen im Land aktiv. Im Jahr 2025 flossen Investitionen und Kredite in Höhe von 983,5 Millionen US-Dollar in usbekische Fabriken, Minen und IT-Zentren. Berlin ist damit zu einem der wichtigsten europäischen Partner des usbekischen Modernisierungskurses geworden.[iv]

Wie konsequent das Land inzwischen auf Internationalisierung setzt und die globale Bühne nutzt, um sich als internationaler Finanz- und Investitionshub zu positionieren, verdeutlicht das jährlich stattfindende Internationale Investitionsforum in Taschkent. Die fünfte Auflage dieses Forums wurde parallel zum Staatsbesuch des Bundespräsidenten abgehalten. Vor mehr als 10.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmern aus über 100 Ländern bekräftigte Präsident Mirziyoyev in seiner Eröffnungsrede die strategische Öffnung des Landes für globale Geldgeber. Um diesen Kurs institutionell abzusichern, befindet sich derzeit das „Taschkent International Financial Centre“ im Aufbau. Dieses Zentrum solle über einen rechtlichen Sonderstatus verfügen, der internationalen Geldgebern erweiterte Rechtsgarantien bieten werde. Vorgesehen seien unter anderem steuer- und zollrechtliche Präferenzen, die Garantie des freien Kapitalverkehrs sowie die Abwicklung von Transaktionen in frei wählbaren Währungen.[v]

Während die Weltwirtschaft unter geopolitischen Spannungen und brüchigen Lieferketten leidet, entwickelt sich Zentralasien und insbesondere Usbekistan zu einem wirtschaftlichen Stabilitätsanker mit beachtlichen Wachstumsraten. Die Prognosen sprechen eine deutliche Sprache: Schon 2026 dürfte die Wirtschaftsleistung der Region die Marke von 600 Milliarden US-Dollar überschreiten. Usbekistan marschiert dabei mit einem erwarteten Wachstum von rund 7,9 Prozent voran[vi], angetrieben von einer boomenden Bauwirtschaft, massiven Investitionen und einer konsumfreudigen, jungen Bevölkerung. Zwar verzeichnen auch Nachbarn wie Kasachstan, Kirgisistan und Tadschikistan robuste Zuwächse, doch Usbekistan rückt aufgrund seiner schieren Größe, seiner zentralen geografischen Lage und seines konsequenten Reformkurses unaufhaltsam in den Fokus der internationalen Gemeinschaft. Mit mehr als 38 Millionen Einwohnern ist Usbekistan das bevölkerungsreichste Land Zentralasiens und stellt rund 45 Prozent der Gesamtbevölkerung der Region. Für Deutschland ist das Land damit längst nicht mehr nur ein Absatzmarkt, sondern ein logistischer Knotenpunkt und ein hochattraktiver Produktionsstandort an der Schnittstelle zwischen Europa und Asien.

Die demografische Entwicklung und der damit verbundene Fachkräftemangel gehören zu den größten Herausforderungen Deutschlands. Während in Deutschland die Betriebe händeringend nach Personal suchen, drängt in Usbekistan eine gut ausgebildete, junge Generation auf den Arbeitsmarkt. Mehr als 56 Prozent der usbekischen Bevölkerung befinden sich im erwerbsfähigen Alter, und über die Hälfte der Usbeken (53 Prozent) sind jünger als 30 Jahre. Bislang orientierten sich die Arbeitsmigranten vor allem nach Russland oder in die Türkei. Das im Herbst 2024 unterzeichnete deutsch-usbekische Migrations- und Mobilitätsabkommen hat hier jedoch eine strategische Kehrtwende eingeleitet. Es öffnet neue legale Wege für Ausbildung und Arbeitsmigration und stärkt Deutschlands Position als attraktiver Partner für qualifizierte Fachkräfte aus Usbekistan. Dass dieses Thema auch im Mittelpunkt des Staatsbesuchs von Bundespräsident Steinmeier stand, unterstrich sein Besuch bei der usbekischen Migrationsagentur. Dort informierte er sich über Pilotprojekte zur sprachlichen und fachlichen Qualifizierung usbekischer Nachwuchskräfte. Ziel dieser Programme ist es, Fachkräfte gezielt auf Tätigkeiten in deutschen Berufen anzupassen, in denen großer Bedarf gemeldet wird, beispielsweise in der Industrie, im Bau- und Transportwesen sowie im Gesundheitssektor. Die Dynamik dieser Zusammenarbeit lässt sich bereits an konkreten Ergebnissen ablesen: Mittlerweile kooperiert die usbekische Migrationsagentur mit 38 großen deutschen Unternehmen, die zusammen mehr als 73.000 offene Stellen gemeldet haben. Auf dieser Grundlage konnten bereits rund 5.500 usbekische Fachkräfte eine Beschäftigung in Deutschland aufnehmen.[vii]  Gefördert wird diese Entwicklung durch günstige strukturelle Voraussetzungen in Usbekistan: Rund 400.000 Menschen lernen in Usbekistan derzeit die deutsche Sprache, zwei Dutzend Schulen bieten Deutsch als Schwerpunktfach an, und über 2.000 usbekische Studentinnen und Studenten sind bereits an deutschen Universitäten eingeschrieben.[viii]  Die Einbindung standardisierter Sprachprüfungen durch die Eröffnung der neuen Telc-Zentren unterstreicht das Bestreben, bürokratische Hürden im Migrationsprozess pragmatisch zu reduzieren. Trotz dieser Ansätze bleibt die deutsche Visavergabe in der Praxis das größte Nadelöhr. Langwierige Bearbeitungszeiten drohen die Dynamik, die das deutsch-usbekische Migrationsabkommen bietet, spürbar zu bremsen. Eine weitere Digitalisierung und Vereinfachung der Visaverfahren ist daher eine zentrale Voraussetzung zur Sicherung des Fachkräftebedarfs in Deutschland.

Der Staatsbesuch steht sinnbildlich für den Wandel der bilateralen Beziehungen. Das traditionelle Fundament der Entwicklungszusammenarbeit geht zunehmend in eine dynamische Partnerschaft über. Im Zentrum stehen heute Technologietransfer, gemeinsame Innovationsprojekte und wirtschaftliche Kooperation. Um den globalen Herausforderungen zu begegnen, sollten Berlin und Taschkent ihr gemeinsames Instrumentarium weiterentwickeln. Ein vielversprechender Ansatz wäre die Schaffung eines deutsch-usbekischen Wirtschafts- und Innovationsraums mit eigenen investitionsfördernden Regelungen. Durch vereinfachte Genehmigungsverfahren, steuerliche Anreize und sektorspezifische Sonderregelungen innerhalb dieses Raums könnten die deutsche Technologie- und Innovationskompetenz und die günstigen Standortbedingungen Usbekistans optimal miteinander verzahnt werden.

Ein solcher Innovationsraum bietet auch enorme Chancen für ein zweites, geopolitisch hochsensibles Feld: die kritischen Rohstoffe. Usbekistan sitzt auf gewaltigen Vorkommen jener Mineralien - darunter Kupfer, Lithium, Wolfram, Molybdän und Seltene Erden -, die für die globale Energiewende und die Digitalisierung unverzichtbar sind. Im globalen Wettlauf um diese Ressourcen, der längst von den USA und China dominiert wird, bietet eine engere Partnerschaft mit Taschkent der deutschen Industrie die Chance, ihre Lieferketten breiter aufzustellen. Allerdings greift der Blick auf den Wettbewerb mit China und den USA allein zu kurz, da Russland weiterhin in Zentralasien weiterhin ein dominierender Akteur bleiben wird. Für deutsche Unternehmen bedeutet dies ein hochsensibles Umfeld, in dem Investitionen und Lieferketten unter strikter Einhaltung internationaler Sanktionsregelungen geplant werden müssen. Für Usbekistan bietet sich hierbei die Gelegenheit, sich von der Rolle eines reinen Rohstoffexporteurs zu lösen. Deutsche Technologien könnten dazu beitragen, größere Teile der industriellen Wertschöpfung künftig im Land aufzubauen und damit sowohl die lokale Beschäftigung als auch die technologische Kompetenz nachhaltig zu stärken.

Über die traditionelle Rohstoffwirtschaft hinaus bietet die digitale Transformation Usbekistans erhebliches Potenzial, sich zu einem künftigen Feld der bilateralen Zusammenarbeit zu entwickeln. Im Rahmen der staatlichen Strategie „Digital Uzbekistan – 2030“[ix]  investiert das Land intensiv in den Ausbau seines digitalen Ökosystems, fördert Start-ups und unterstützt den Export von IT-Dienstleistungen. Für die deutsche Wirtschaft ergibt sich daraus die Option, die eigenen Industrie-4.0-Kompetenzen gezielt mit usbekischen Initiativen in den Bereichen Künstliche Intelligenz und Cybersicherheit zu verknüpfen und langfristige technologische Partnerschaften aufzubauen.

Den wirtschaftlichen Chancen stehen jedoch auch Herausforderungen gegenüber, die deutsche Investoren bei ihrem Engagement in Usbekistan berücksichtigen müssen. Das dynamische Wirtschaftswachstum stößt vielerorts an infrastrukturelle Grenzen: Wiederkehrende Engpässe bei der Strom- und Gasversorgung können industrielle Produktionsprozesse unmittelbar beeinträchtigen. Hinzu kommen strukturelle logistische Hürden: Als eines von weltweit lediglich zwei Doppelbinnenländern ist Usbekistan dauerhaft auf leistungsfähige Transitkorridore durch seine Nachbarstaaten angewiesen. Dadurch bleiben Transportkosten höher und internationale Lieferketten störungsanfälliger als an vielen anderen Investitionsstandorten.

Der Staatsbesuch von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat gezeigt, dass Deutschland und Usbekistan weit mehr verbindet als ein vertrauensvoller politischer Dialog. Die Voraussetzungen für eine strategische Partnerschaft neuen Typs sind heute so günstig wie selten zuvor. Deutschland genießt in Usbekistan aufgrund seiner Wirtschaftskraft, seines Bildungssystems und seiner technologischen Kompetenz einen erheblichen Vertrauensvorschuss. Dieses Potenzial wird sich jedoch nur dann entfalten, wenn es gelingt, politische Absichtserklärungen zügig in konkrete Projekte zu überführen. Während andere internationale Akteure ihre wirtschaftliche und politische Präsenz in Zentralasien kontinuierlich ausbauen, eröffnet der usbekische Reformkurs Deutschland ein strategisches Zeitfenster, das nicht unbegrenzt offenbleiben wird. Ob Deutschland diese Chance nutzt, wird maßgeblich darüber entscheiden, welche Rolle Berlin künftig in Zentralasien einnimmt. Der Staatsbesuch des Bundespräsidenten sollte deshalb nicht als Abschluss einer erfolgreichen Reise verstanden werden, sondern als Auftakt zu einer neuen Phase deutsch-usbekischer Zusammenarbeit, die weit über klassische Wirtschaftsbeziehungen hinausreicht.

 


[i] https://president.uz/ru/lists/view/6256 (zuletzt abgerufen am 22.06.2026

[ii] https://www.g7germany.de/resource/blob/998352/2226656/45f64011ff425e6db0dab0c60ff50310/2023-09-29-z5-erklaerung-en-data.pdf?download (zuletzt abgerufen am 22.06.2026)

[iii] https://www.spot.uz/ru/2026/06/17/vw-start/?ysclid=mqj0wtos1l180007763 (zuletzt abgerufen am 18.06.2026)

[iv] https://review.uz/post/infografika-uzbekistan-i-germaniya-ukreplyayut-torgovo-investicionnoe-partnyorstvo?ysclid=mqj117o9dz708196942 (zuletzt abgerufen am 17.06.2026)

[v] https://president.uz/ru/lists/view/9317 (Rede des Präsidenten der Republik Usbekistan, Shavkat Mirziyoyev, auf dem 5. Internationalen Investitionsforum in Taschkent, 17. Juni 2026; zuletzt abgerufen am 18.06.2026)

[vi] https://eabr.org/upload/iblock/5fc/EDB_Macroeconomic_Outlook_2026_2028_Report_RU_june.pdf (zuletzt abgerufen am 17.06.2026)

[vii] https://uza.uz/ru/posts/uzbekistan-i-germaniya-ukreplyayut-mnogostoronnee-sotrudnichestvo_872820 (zuletzt abgerufen am 22.06.2026)

[viii] https://dunyo.info/ru/prezident/lidery-uzbekistana-i-germanii-podtverdili-kurs-na-uglublenie (zuletzt abgerufen am 18.06.2026)

[ix] https://www.oecd.org/en/publications/roadmap-for-sustainable-investment-policy-reforms-in-uzbekistan_20865f29-en/full-report/promoting-investment-in-support-of-uzbekistan-s-digital-transformation_d5635702.html (zuletzt abgerufen am 22.06.2026)

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Контакт André Algermißen
Algermissen, Andre
Leiter des Regionalprogramms Zentralasien
andre.algermissen@kas.de +998 71 215 52 01

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