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„Bei den globalen Transformationsprozessen steht uns das meiste noch bevor“

Ein Gespräch mit Dr. Georg Milde, Herausgeber des Magazins politik&kommunikation

Ai: Herr Milde, für Ihr Buch In Transformationsgewittern sind Sie in 90 Tagen um die Welt gereist und haben dabei 16 Städte besucht, von São Paulo über Kairo und Nairobi bis nach Shanghai – mit welchem Ziel?

Georg Milde: Der Begriff Transformation ist seit einigen Jahren in aller Munde, und doch lässt sich dieser vielschichtige Prozess nicht exakt definieren. Digitalisierung von Arbeitswelt und Privatem, wachsende Macht der Algorithmen, neue politische Anführer-Typen, veränderte Gewohnheiten des Einzelnen und vieles mehr. Nicht jede Tendenz hängt mit einer der anderen zusammen, und so lässt sich weder die Transformation noch gar die Weltformel entdecken. Was allerdings möglich ist: an sehr unterschiedlichen Orten der Welt die Spuren des aktuellen Wandels zu betrachten. So reiste ich los, um jede Woche in einem neuen Land möglichst viel Energie aufzuspüren, die Veränderung bewirkt.

Ai: Wo haben Sie denn besonders viel dieser Transformationsenergie vorgefunden und wo ist sie eher Mangelware?

Georg Milde: Der Wille zu Veränderung hängt nicht unmittelbar mit der wirtschaftlichen Stärke eines Landes zusammen. So begegnete mir etwa in Tokio und auch später in meiner Heimat viel geistige Sattheit. Natürlich bewegen sich Japan und Deutschland weiterhin auf hohem Niveau, aber in Südkorea und China habe ich zum Beispiel viel mehr Drängen gespürt. Transformationsenergie beschränkt sich jedoch nicht nur auf wirtschaftliche Dynamik: Außerhalb von Europa sind mir immer wieder Beispiele begegnet, bei denen wachsender Glaube eine zentrale Antriebsquelle darstellt – sowohl bei Muslimen als auch etwa bei der wachsenden Zahl von evangelikalen Christen, auf die ich von Rio de Janeiro bis Seoul immer wieder stieß. Meine generelle Beobachtung war: Wo Menschen Sinn und eine Chance zur Teilhabe am Wandel sehen, ist der Eigenantrieb am größten. Wo dies aber nicht der Fall ist, wird bloße Konsumteilhabe, selbst wenn sie zunimmt und das Leben verbessert, sogar eher zum Narkotikum – etwa in den brasilianischen Favelas, wo sich Bewohner lieber von den Telenovelas auf dem neuen Flachbildschirm berieseln lassen, statt sich um eine bessere Bildung für ihre Kinder zu kümmern.

Ai: In Ihren Buch vertreten Sie deshalb die These: Wir müssen mehr Sinn vermitteln. Wen meinen Sie in diesem Zusammenhang mit wir und welche Art von Sinnsuche schwebt Ihnen vor?

Georg Milde: Von den Volkskirchen bis zu den großen Parteien ist seit Jahren ein massiver Mitgliederschwund zu verzeichnen, und rund jede zweite Ehe wird wieder geschieden. Der Mensch lebt immer individueller und strebt von festen Strukturen weg, was ihn freier macht, ihn jedoch zugleich früherer Planbarkeiten und Gewissheiten beraubt. In Zeiten des Wandels suchen viele Menschen daher nach anderen Formen von Koordinaten und Sinn – von Yoga über Ratgeberliteratur für ein glückliches Leben bis zu strikten Ernährungsregeln. „Anything goes“ mag am Anfang reizvoll erscheinen, wird jedoch irgendwann beliebig. Das konnte ich bei meinen Gesprächspartnern von den USA bis Indien unisono beobachten. Die neue Lücke zu schließen ist eine der großen Herausforderungen der Menschheit, vor allem die Frage, wie das Grundbedürfnis nach Spiritualität bei der steigenden Zahl von Atheisten gefüllt werden soll. Ich sehe hier etwa die Bildungspolitiker in der Pflicht, Schülern von Lebenskunde und Einblicken in unterschiedliche Denkschulen bis zur Medienkompetenz eine breitere und tiefere Bildung zu ermöglichen als dies in vielen anderen Erdregionen der Fall ist. Allen voran im fernen Osten, wo in den Schulen das Auswendiglernen im Mittelpunkt steht statt der Förderung von individuellem Reflektieren. Wenn hier bei uns zukünftige Generationen mehr Sinn sehen, werden sie nicht nur die besseren Entwickler und Tüftler sein, sondern auch stärkere Säulen für unser demokratisches System mit Werten und Zusammenhalt.

Ai: Und das gilt wirklich für alle Länder, in denen Sie unterwegs waren? Oder anders und allgemeiner gefragt: Besteht bei 16 Städten in 90 Tagen nicht generell die Gefahr, die eigene, in dem Fall westliche Perspektive auch auf den Rest der Welt zu projizieren?

Georg Milde: Sinnvermittlung ist ebenso wenig ein westliches Phänomen wie Sinnsuche. Zu Ihrer zweiten Frage: Wir sollten den Anspruch haben, unser Wertegerüst auch in anderen Teilen der Welt selbstbewusst zu vertreten. Nicht im Sinne einer kolonialen Moralpolizei oder als Kreuzritter im Digitalzeitalter – aber auch nicht gegenteilig als Laissez-faire-Haltung, die alles den eigenen Wirtschaftsinteressen unterordnet. So muss Entwicklungspolitik an bestimmte Standards gekoppelt sein: Menschenrechte, Gleichberechtigung, Verbot von Kinderarbeit. Immer wieder habe ich im Ausland Europäer getroffen, die die jeweilige Bevölkerung vor Ort für kaum demokratiefähig hielten. Das finde ich vermessen, denn es lässt jene zurück, die somit ihr Land nicht zum Besseren verändern können. Die resignative Einstellung „Andere Länder koppeln ihre Überweisungen nach Afrika ja auch nicht an Bedingungen“ ist schlichtweg zynisch. Ebenso wie die These, chinesische Bürger könnten mit flächendeckenden Gesichtserkennungskameras besser zurechtkommen, da in ihrer Kultur das Individuum weniger zähle.

Ai: Es ging mir bei meiner Frage gar nicht so sehr um Werterelativismus, sondern eher um die Frage, inwieweit es bei einer solchen Kurzweltreise überhaupt möglich ist, tiefere Einsichten jenseits von Oberflächenanmutungen und bereits vorhandenen Überzeugungen zu gewinnen. Dass Japan und Deutschland alternde, nicht sonderlich dynamische Gesellschaften sind und Sinnsuche ein weit verbreitetes Phänomen, sind ja keine sonderlich überraschenden Erkenntnisse. Vor diesem Hintergrund vielleicht die Frage: Was hat Sie auf Ihrer Reise am meisten überrascht oder wo mussten Sie Ihr Bild von einem Land am stärksten revidieren?

Georg Milde: Zeitlich verdichtete Eindrücke bieten die Chance einer besseren Vergleichbarkeit. Wer etwa im Wochenabstand Tokio, Seoul, Peking und Shanghai bereist, nimmt umso intensiver wahr: Diese Nachbarn wurden jeweils durch den Konfuzianismus geprägt, doch ergeben sich daraus ganz unterschiedliche Folgen: Die blanke Angst vor dem Gesichtsverlust wirkt im einen Land stark bremsend, während sie im anderen Ehrgeiz und Tempo fördert. Zu den generellen Überraschungen zählte für mich der Blick auf die neue Mittelschicht weltweit: In vielen Ländern entwickeln sich Chancen-Aufsteiger zügig zu Besitzstandswahrern, die die alten Machtgefüge eher zementieren statt neue Formen der Mitsprache einzufordern. Wer sich selbst mühsam hochgearbeitet hat, lenkt seine Energie rasch auf das Ausbremsen möglicher Konkurrenten von unten. Vor meiner Reise hatte ich noch gehofft, dass diese Menschen stattdessen auch den Reformdruck nach oben erhöhen – spätestens in Ostafrika wurde ich aber vom Gegenteil überzeugt. Überrascht war ich auch von der Intensität des Streits und der Gewalt, ja des Hasses, im Alltag vieler Menschen auf der ganzen Welt. Natürlich hatte ich nicht das rosarote Gegenteil erwartet, doch trägt insbesondere die Verbreitung von Fake News und Hate Speech durch die sozialen Medien zu einer massiven Verschärfung von Konflikten bei – besonders stark in Ländern wie Indien. Und nicht zuletzt musste ich mein Bild von der sogenannten Generation Z verändern: Die um die Jahrtausendwende Geborenen sind viel aktiver und ausdauernder als die meisten Älteren ihnen dies gemeinhin attestieren. Zu Ihrer Frage, welches Länderbild ich am meisten revidieren musste: Wir im Westen mögen vieles derzeit in China Entstehende aus politischen und ideologischen Gründen ablehnen – aber faktisch entsteht es eben doch, und das mit einer enormen Dynamik, die vieles in den Schatten stellen oder gar verdrängen wird.

Ai: Nun ist Wandel, oder meinetwegen auch Transformation, ja wahrlich nichts Neues. Ein in diesem Zusammenhang gern zitierter Aphorismus lautet: Die einzige Konstante ist die Veränderung. Mich würde deshalb interessieren, was die aktuellen Veränderungsprozesse von anderen Phasen des Wandels unterscheidet. Oder anders gefragt: Hätte man ein Buch mit dem Titel In Transformationsgewittern nicht genauso gut auch 1990 schreiben können oder 2001 oder 2008?

Georg Milde: Phasen des Wandels gab es auch früher schon, das absolut Neuartige ist aber nun, dass wir in den kommenden Jahren viel von unserer persönlichen Entscheidungshoheit abgeben werden. Künstliche Intelligenz übernimmt zentrale Prozesse – und das war vor zehn oder 25 Jahren noch anders. Wir denken dabei zumeist an Alexa und Amazon-Kaufempfehlungen, doch rate ich auch zu einem genaueren Blick auf den Wähler der Zukunft. Durch Algorithmen auf das Profil des jeweiligen Social-Media-Nutzers zugeschnittene Wahlwerbung gibt es bereits heute en masse – genutzt wird diese überdurchschnittlich von den Populisten der politischen Ränder. Diese Zuspitzungen verstärken die erwähnten Spaltungstendenzen in vielen Gesellschaften noch weiter. Die Macht der Künstlichen Intelligenz nimmt täglich zu, und wir Menschen verlieren immer mehr Kontrolle, die wir nicht mehr zurückgewinnen werden. Banken und Fintechs wissen schon heute häufig nicht mehr, auf welcher Datengrundlage Computer einen Kunden als kreditwürdig einstufen. Wir sind noch weit weg vom sogenannten Social Scoring in Fernost, aber auch wir haben – frei nach Goethe – die Geister bereits gerufen. Damit kommen auch neue ethische Fragen auf uns zu: Wie stehen wir etwa zu autonomen Waffensystemen? Oder auch im Alltag: Werden wir die zunehmende Videoüberwachung des öffentlichen Raums vielleicht eines Tages als zu weitgehend beurteilen?

Ai: Am Ende Ihres Buches beschreiben Sie die Rückkehr nach Berlin und Ihren durch die Eindrücke der Reise veränderten Blick auf Deutschland. Wie viel vom Wandel ist denn bei uns schon angekommen und was steht uns noch bevor?

Georg Milde: Bei den globalen Transformationsprozessen steht uns das meiste noch bevor – in zwanzig Jahren werden wir deutlich anders leben. Ich denke dabei weniger an spektakuläre Innovationen wie Flugtaxis, sondern an viele Aspekte unseres täglichen Miteinanders, die auf den ersten Blick klein wirken: Heutige Bezugspersonen älterer Menschen werden durch Pflegeroboter und automatische Kassensysteme im Supermarkt ersetzt. Was bedeutet solcher Wandel für unsere Gesellschaft? Deshalb muss unser Bildungssystem verschiedene Kompetenzen stärken. Es geht nicht nur um die Nutzer und Verbraucher, sondern auch um die Mitmenschen. Wie kommunizieren wir miteinander, wie gehen wir persönlich mit den neuen Kommunikationsmitteln um? Ein Gedanke, der mir wichtig ist: Die geistige Sattheit, die ich meiner Heimat eingangs attestiert habe, und die mir nach meiner Rückkehr auch in Berlin-Mitte begegnete, betrachte ich keineswegs als unabänderlich. Es gibt ja auch Gegenbeispiele, die zeigen, wie der Wandel bereits heute erfolgreich genutzt wird: Zwei deutsche Unternehmen forschen in der KI-Weltspitzengruppe. Wir dürfen uns aber nicht auf solchen Erfolgen ausruhen, denn die kommenden Jahre werden entscheidend sein. Ganze Berufsbilder fallen weg, neue entstehen. Die Veränderungen samt der damit einhergehenden Verunsicherung haben Folgen für die einzelnen sozialen Gruppen, vor allem aber auch für die Wähler: Entwickelt sich der im Onlinehandel prekär beschäftigte Paketbote zum Angst- und Wutbürger, oder können die etablierten Parteien mit ihren derzeit sinkenden Mitgliederzahlen hier auf neue Weise ankoppeln? Dieser Frage müssen sich die politischen Akteure dringend stellen.

Das Gespräch führte Sebastian Enskat.


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